Wenn du von der Warschauer Brücke kommst und dich die Treppen hinunter zur Revaler Straße schiebst, schlägt dir Berlin ungefiltert ins Gesicht. Es ist laut, es ist dreckig und es pulsiert. Rechter Hand erstreckt sich eine scheinbar endlose Mauer, übersät mit Graffiti, Postern und Tags, die wie eine zweite Haut auf dem alten Gemäuer liegen. Dahinter verbirgt sich das RAW-Gelände. RAW steht für Reichsbahnausbesserungswerk. Klingt bürokratisch und trocken, war es früher auch. Heute ist es das genaue Gegenteil. Es ist ein Areal, bei dem man sich nie ganz sicher ist, ob es gerade aufgebaut oder abgerissen wird.
Der Boden ist eine Mischung aus Kopfsteinpflaster, festgetretener Erde und Asphaltresten. Bei jedem Schritt knirscht es ein wenig. Glasscherben gehören hier zum guten Ton, genau wie die Pfützen, die nach einem Regenguss die bunten Neonlichter der Clubs spiegeln. Du betrittst das Gelände meist durch das große Tor an der Revaler Straße 99. Der erste Geruch, der dir in die Nase steigt, ist oft eine eigenwillige Mischung aus Marihuana, dem Fett naher Imbissbuden und altem Mauerwerk. Es riecht nach Großstadt. Tagsüber wirkt das Gelände fast friedlich, fast wie ein verschlafenes Dorf aus der Postapokalypse. Nachts verwandelt es sich in einen Kessel Buntes, in den Menschen aus aller Welt strömen, um den berühmten Berliner Techno-Mythos zu suchen. Manchmal finden sie ihn, manchmal finden sie nur teures Bier.
Kurz & Kompakt - Beste Zeit: Sonntags ab 10 Uhr für den Flohmarkt und entspanntes Streetfood oder Freitag/Samstag ab 23 Uhr für das volle Party-Programm.
- Must-Do: Ein Foto in der "Teledisko" machen (die kleinste Disko der Welt) und ein Bier im Biergarten des Cassiopeia trinken.
- Achtung: Der Eingangsbereich an der Revaler Straße ist ein Hotspot für Dealer. Einfach ignorieren und weitergehen, es ist in der Regel sicher.
Ein historisches Schwergewicht
Bevor hier der Bass regierte, regierte der Dampf. Das Gelände wurde 1867 eröffnet und ist damit eines der ältesten Eisenbahnwerke Deutschlands. Über ein Jahrhundert lang wurden hier Züge gewartet und repariert. Tausende Arbeiter strömten täglich durch die Tore. Zu DDR-Zeiten hieß der Laden "Reichsbahnausbesserungswerk Franz Stenzer". Es war ein industrielles Herzstück Ost-Berlins. 1994, kurz nach der Wende, war Schicht im Schacht. Die Deutsche Bahn brauchte das Werk nicht mehr und die Hallen fielen in einen Dornröschenschlaf. Aber in Berlin schlafen Ruinen bekanntlich nicht lange.
Ab 1999 eroberten Künstler und Kulturvereine das Gelände. Zuerst illegal oder halb legal, später mit Mietverträgen. Es entwickelte sich jener Charme, der Berlin in den Neunzigern und Nullerjahren weltberühmt machte: Improvisation als Lebensstil. Nichts war fertig, alles war möglich. Heute ist das RAW natürlich durchorganisierter. Es gibt Sicherheitsdienste und feste Eintrittspreise. Kritiker nennen es deshalb gerne das "Ballermann für Hipster" oder "Techno-Disneyland". Da ist was Wahres dran, aber ganz fair ist es nicht. Denn zwischen den Kommerz-Partys blitzt immer noch die alte, raue Seele auf.
Cassiopeia: Der Fels in der Brandung
Einer der ersten Anlaufpunkte und eine absolute Institution ist das Cassiopeia. Es ist schwer zu kategorisieren, weil es irgendwie alles macht. Es ist ein Club, sicher. Hier laufen Hip-Hop, Reggae, Punk und Hardcore, seltener der typische Techno. Die Konzerte hier sind legendär schwitzig. Die Decken sind niedrig, die Säulen aus Gusseisen massiv. Aber das Cassiopeia ist mehr. Im Sommer öffnet der Biergarten im Innenhof. Man sitzt auf einfachen Holzbänken unter Lichterketten, trinkt ein Berliner Kindl und guckt Leute. Gleich daneben ragt ein alter Bunker turmhoch auf, der "Kegel".
Kletterer nutzen ihn heute als Alpinisten-Spielplatz. Es ist schon ein skurriles Bild, wenn man mit dem Bier in der Hand nach oben schaut und Menschen in Funktionskleidung an einer Betonwand hängen sieht, während unten der Soundcheck für eine Punkband wummert. Auch ein Freiluftkino gehört dazu. Filme schauen vor der Kulisse bröckelnder Industriefassaden hat seinen ganz eigenen Reiz, selbst wenn ab und zu die S-Bahn lautstark vorbeirattert. Das gehört einfach dazu, das stört hier keinen mehr.
Haubentaucher: Sehen und gesehen werden
Ein paar Meter weiter wechselt die Szenerie gewaltig. Der Haubentaucher ist das genaue Gegenteil vom ranzigen Charme der übrigen Gebäude. Hier wurde eine alte Ziegelhalle entkernt und ein Swimmingpool hineingebaut. Ja, ein Pool. Mitten im staubigen Friedrichshain. Das Wasser ist fast unnatürlich blau und bildet einen harten Kontrast zu den graffitibesprühten Mauern drumherum. Hier geht es weniger um Subkultur und mehr um Lifestyle. Die Türsteher sind strenger, das Publikum ist schicker.
Es ist der Ort für den Sonntagnachmittag-Spritz oder die Poolparty am Samstag. Man liegt auf weißen Liegen, hört House-Musik und fühlt sich ein bisschen wie in Miami, nur dass man beim Blick nach oben eben keine Palmen sieht, sondern alte Schornsteine und den Berliner Fernsehturm in der Ferne. Viele alteingesessene Friedrichshainer rümpfen über den Haubentaucher die Nase. Zu schick, zu teuer, zu wenig "Kiez". Aber man muss zugeben: Die architektonische Verbindung von alter Industrieruine und modernem Pool-Design ist optisch verdammt gelungen. Ob man das Publikum mag, ist eine andere Frage.
Kunst, Kommerz und die kleinste Disko der Welt
Wenn du weiter über das Gelände schlenderst, stolperst du zwangsläufig über die Urban Spree Galerie. Sie widmet sich urbaner Kunst und Graffiti. Die Ausstellungen wechseln häufig und oft wird die komplette Außenfassade der Galerie neu gestaltet. Es lohnt sich, hier einfach mal reinzuschauen. Der angeschlossene Biergarten ist oft entspannter als andere Ecken auf dem RAW. Hier sitzen oft Künstler und Musiker und diskutieren über Gott und die Welt oder zumindest über die nächste Vernissage.
Ein kurioses Highlight, das du nicht verpassen solltest, ist die Teledisko. Sie sieht aus wie eine alte, gelbe Telefonzelle. Tatsächlich ist es wohl die kleinste Disko der Welt. Du wirfst draußen Münzen ein, wählst ein Lied, quetschst dich mit maximal zwei, drei Freunden rein (es wird kuschelig), die Tür geht zu, die Nebelmaschine geht an und die Diskokugel dreht sich. Für drei Minuten rastest du auf zwei Quadratmetern komplett aus. Danach spuckt dich die Zelle wieder aus und du stehst etwas desorientiert, aber grinsend wieder im Tageslicht. Ein Foto gibt es als Beweis meist dazu. Es ist ein perfektes Beispiel für den Berliner Spieltrieb.
Sonntagsritual: Trödeln zwischen Gleisen
Am Sonntag ändert das RAW-Gelände sein Gesicht erneut. Dann findet hier der Flohmarkt statt. Er ist kleiner als der berühmte Flohmarkt im Mauerpark, aber viele finden ihn angenehmer. Hier gibt es weniger professionelle Händler, die Neuware verkaufen, und mehr privaten Trödel. Du findest alte Lederjacken, obskure Vinylplatten, handgemachten Schmuck und DDR-Relikte, die wahrscheinlich schon seit dreißig Jahren in irgendeinem Keller lagen. Dazwischen stehen Streetfood-Stände. Es gibt Arepas, Burger, veganes Gyros. Die Stimmung ist entspannt. Man schlendert, man wühlt, man handelt.
Gleich nebenan in der Skatehalle hört man das klackende Geräusch von Skateboard-Rollen auf Holz. Die Halle ist ein wichtiger Treffpunkt für die Szene, auch im Winter, wenn die Straßen zu nass sind. Es ist spannend, einfach mal durch das offene Tor zu schauen und den Kids bei ihren Tricks zuzusehen. Die Energie ist greifbar.
Die Schattenseiten und die Zukunft
Man muss aber auch Tacheles reden. Das RAW-Gelände ist kein reines Idyll. Der Bereich direkt am Eingang zur Revaler Straße ist berüchtigt für Drogenhandel. Du wirst oft angesprochen werden, meistens von jungen Männern, die dir alles Mögliche anbieten wollen. Ein einfaches "Nein" oder Kopfschütteln reicht in der Regel, und sie lassen dich in Ruhe. Es ist selten aggressiv, aber es kann nerven und für unerfahrene Besucher einschüchternd wirken. Pass einfach auf deine Wertsachen auf, wie überall an touristischen Hotspots.
Zudem schwebt ein Damoklesschwert über dem Areal. Das Gelände ist Filetstück der Stadtentwicklung. Investoren und Eigentümer haben Pläne. Seit Jahren wird diskutiert, gestritten und protestiert. Es sollen Bürotürme entstehen, Teile der alten Gebäude saniert, andere vielleicht abgerissen werden. Die Clubs haben zwar derzeit noch Bestandsschutz und langfristige Perspektiven ausgehandelt, aber das Gesicht des RAW wird sich verändern. Es wird wahrscheinlich sauberer, glatter und teurer werden. Der ruppige Charme der Zwischennutzung ist eine Ressource, die langsam schwindet. Deshalb gilt: Schau es dir jetzt an, solange es noch diesen wilden, unfertigen Charakter hat.
Hinkommen
Der Weg ist einfach: S-Bahn oder U-Bahn bis Warschauer Straße. Dann einfach den Massen folgen. Du kannst es nicht verfehlen. Tagsüber ist es ein spannender Ort für Fotos und Erkundungstouren. Abends wird es voll. Wenn du in einen der großen Clubs wie das Astra (bekannt für mittelgroße Konzerte) oder den Suicide Club willst, rechne mit Wartezeiten. Die Türpolitik ist hier im Vergleich zum Berghain meist entspannter, aber bei großen Events kann es trotzdem eng werden. Bargeld lacht hier immer noch, auch wenn Karte langsam akzeptiert wird. Aber verlass dich nicht drauf.