Wer an einem ganz normalen Donnerstagabend durch den Wrangelkiez läuft, könnte meinen, es gäbe irgendwo Freibier. Aus der Eisenbahnstraße strömen Menschenmassen, Fahrräder blockieren jeden freien Laternenpfahl und ein diffuses Gemisch aus Sprachen wabert durch die Luft. Es riecht nach Holzrauch, nach Koriander, nach gebratenem Fleisch und süßem Hefeteig. Der Grund für diesen wöchentlichen Ausnahmezustand liegt hinter den schweren, grünen Toren der Markthalle Neun. Was tagsüber wie eine halbwegs gesittete, wenn auch sehr bewusste Einkaufsmöglichkeit für regionale Produkte wirkt, verwandelt sich ab 17 Uhr in einen Hexenkessel. Der Street Food Thursday ist eine Institution. Er war der erste seiner Art in Deutschland, und auch wenn inzwischen jede deutsche Kleinstadt ihr eigenes Food Truck Festival hat, bleibt das Original in Kreuzberg unerreicht in seiner Intensität.
Man muss sich das mal vorstellen. Noch vor gut fünfzehn Jahren stand dieses architektonische Kleinod kurz davor, in einen Discounter verwandelt zu werden. Investoren hatten die Hände schon fast an den Ziegelsteinen, planten Parkplätze und Neonröhren. Eine Anwohnerinitiative stemmte sich dagegen. Sie wollten ihre Halle behalten, aber anders. Besser. Heute ist der Donnerstagabend der lebende Beweis dafür, dass dieser Kampf nicht umsonst war. Wenn du die Halle betrittst, schlägt dir eine Wand aus Geräuschen und Wärme entgegen. Die hohe Decke mit den gusseisernen Trägern fängt den Schall und wirft ihn hundertfach verstärkt zurück. Es ist laut. Es ist eng. Und genau das macht den Reiz aus.
Kurz & Kompakt - Wann und Wo: Jeden Donnerstag von 17:00 bis 22:00 Uhr in der Eisenbahnstraße 42/43, 10997 Berlin (Kreuzberg). Der Eintritt ist frei.
- Zahlungsmittel: Viele Stände nehmen Karten, aber Bargeld beschleunigt den Prozess enorm und wird überall akzeptiert. Ein Geldautomat ist in der Nähe, aber oft leer.
- Beste Zeit: Wer sitzen will, kommt direkt um 17 Uhr. Wer die volle Party Atmosphäre sucht, kommt ab 19:30 Uhr. Um 22 Uhr wird pünktlich der Hahn zugedreht.
- Toiletten: Befinden sich im Untergeschoss und kosten meist eine kleine Gebühr (50 Cent bereithalten). Die Schlangen können hier fast so lang sein wie beim Essen.
Architektur trifft auf Küchendampf
Die Halle selbst ist eine Schönheit, auch wenn man im Gedränge oft vergisst, nach oben zu schauen. Eröffnet im Jahr 1891, ist sie eine von nur noch drei verbliebenen historischen Markthallen in Berlin. Früher gab es vierzehn davon. Das Licht fällt durch die gläsernen Dachpartien, doch am Donnerstagabend wird die Beleuchtung schnell schummrig und gemütlich. Unter den historischen Balken haben sich Dutzende von Ständen aufgebaut. Anders als bei den Wochenmärkten stehen hier keine Kisten mit Kartoffeln oder Äpfeln im Vordergrund. Hier wird gekocht, gebrutzelt, gedämpft und frittiert. Der Boden ist oft ein wenig rutschig, man stolpert über Taschen oder Hunde, die in dem Gewusel eigentlich nichts verloren haben, aber in Berlin eben überall dabei sein müssen.
Die Anordnung der Stände wirkt auf den ersten Blick chaotisch, folgt aber einer gewissen Logik. In den Ecken finden sich oft die Getränkestationen, während die Gänge dazwischen von den Köchen dominiert werden. Man schiebt sich durch die Gassen. "Excuse me" und "Darf ick mal kurz" wechseln sich im Sekundentakt ab. Es ist ein Körperkontakt, den man wollen muss. Wer Platzangst hat, ist hier definitiv falsch. Wer aber sehen will, was die Berliner Food Szene gerade ausheckt, der steht hier genau richtig.
Was auf den Teller kommt
Das kulinarische Angebot ist keine bloße Ansammlung von Imbissbuden. Es ist ein kuratiertes Best of dessen, was man heute wohl "Casual Fine Dining auf die Hand" nennt. Die Auswahl wechselt, aber es gibt Platzhirsche, die fast immer da sind. Da wären zum Beispiel die gedämpften Bao Buns, weich wie Wolken, gefüllt mit krossem Schweinebauch und Erdnüssen. Oder die britischen Pies, die so gar nichts mit der schlechten Küche zu tun haben, die man der Insel gerne nachsagt. Sie sind schwer, fleischig und machen verdammt satt. Ein paar Meter weiter drehen sich Tacos auf kleinen Pressen, daneben werden Allgäuer Kässpätzle geschabt, die Fäden ziehen, so lang wie der Arm des Kochs.
Spannend ist dabei, dass viele der hier vertretenen Köche keine gelernten Gastronomen sind. Es sind Quereinsteiger, Enthusiasten, Menschen, die ihren Bürojob an den Nagel gehängt haben, um das perfekte Pastrami Sandwich zu kreieren. Diese Leidenschaft schmeckt man. Es geht nicht um schnelle Sättigung. Es geht um das Produkt. Du wirst hier niemanden finden, der dir eine Industriewurst auf den Pappteller klatscht. Stattdessen erklärt dir der Mann hinter dem Tresen minutenlang, woher das Rind für seinen Burger stammt, wie lange es gereift ist und warum die Gurke darauf genau so und nicht anders schmecken muss.
Auch Veganer müssen hier nicht darben. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen fleischlos essen bedeutete, nur Beilagen zu bestellen. Es gibt nigerianisches Fufu mit scharfen Saucen, israelische Sabich Sandwiches mit frittierter Aubergine und Mango Amba oder koreanische Pfannkuchen, die so viel Umami haben, dass man das Fleisch keine Sekunde vermisst. Die Preise sind dabei allerdings ein Thema für sich. Günstig ist der Spaß nicht. Für eine Portion, die einen gestandenen Mann satt macht, muss man oft zwei verschiedene Stände ansteuern und ist am Ende schnell zwanzig Euro los. Aber man zahlt eben nicht nur für die Kalorien, sondern für das Handwerk und das ganze Theater drumherum.
Sehen und gesehen werden
Das Publikum ist mindestens so bunt wie das Essen. Da sind die Touristen, die mit dem Reiseführer in der Hand staunend vor den Auslagen stehen. Da sind die Hipster aus Neukölln und Kreuzberg, die Mützen auch im Sommer tragen und genau wissen, welcher Naturwein gerade angesagt ist. Und da sind die älteren Herrschaften aus der Nachbarschaft, die sich vielleicht immer noch ein wenig wundern, was aus ihrer alten Markthalle geworden ist, sich aber trotzdem ein Glas Riesling gönnen. Man kommt ins Gespräch. Zwangsläufig. Die Tische sind rar gesät. Es gibt lange Bänke und Stehtische, aber die sind schon kurz nach 17 Uhr restlos belegt. Man teilt sich den Platz. Man rückt zusammen.
Oft steht man mit dem Teller in der einen und dem Glas in der anderen Hand einfach irgendwo im Gang. Das Essen wird zur akrobatischen Übung. Kleckern gehört zum guten Ton. Wer hier im weißen Hemd auftaucht, spielt Russisch Roulette mit der Sriracha Sauce. Es herrscht eine Atmosphäre von improvisierter Party. Niemand hat es eilig, obwohl alle schnell essen, weil der nächste Happen schon wartet.
Durstlöscher aus dem Keller
Essen macht durstig, und auch hier lässt sich die Markthalle nicht lumpen. Ein absolutes Highlight ist die hauseigene Brauerei "Heidenpeters". Versteckt in der hintersten Ecke der Halle, braut Johannes Heidenpeter hier seit Jahren Biere, die weit entfernt sind vom deutschen Einheitspils. Pale Ales, IPAs, Stouts. Das Bier wird direkt vor Ort ausgeschenkt, frischer geht es nicht. Man steht zwischen den Braukesseln, das Glas in der Hand, und fachsimpelt über Hopfenstopfen. Wer kein Bier mag, geht zum Stand von "Suff". Der Weinladen hat in der Halle eine Dependance und schenkt Weine aus, die Spaß machen und kein Vermögen kosten. Es sind ehrliche Tropfen, oft Naturweine, die vielleicht im ersten Moment ungewohnt schmecken, aber perfekt zu dem kräftigen Essen passen.
Was auffällt, ist das Fehlen der großen Marken. Keine Coca Cola Leuchtreklame, keine standardisierten Zapfanlagen der Großbrauereien. Alles wirkt handgemacht, lokal verwurzelt. Das passt zum Konzept der Halle, die sich ja als Gegenentwurf zur globalisierten Lebensmittelindustrie versteht. Manchmal wirkt das ein wenig dogmatisch, fast schon belehrend, aber am Donnerstagabend tritt die Ideologie in den Hintergrund und der Genuss übernimmt das Steuer.
Ein Wort zur Kritik
Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Markthalle Neun und speziell der Street Food Thursday stehen oft im Zentrum der Gentrifizierungsdebatte. Kritiker werfen den Betreibern vor, die Halle zu einem elitären Spielplatz für Besserverdienende und Touristen gemacht zu haben, an dem die Bedürfnisse der alteingesessenen Kiezbewohner vorbeigehen. Und ja, wenn man sieht, dass ein kleines Schälchen Ceviche zehn Euro kostet, kann man dieses Argument nicht ganz von der Hand weisen. Es ist kein Ort für den täglichen, günstigen Einkauf. Es ist ein Event.
Aber man muss auch die andere Seite sehen. Ohne dieses Konzept gäbe es die Halle vielleicht gar nicht mehr. Oder sie wäre ein steriler Supermarkt. So ist sie ein lebendiger Ort, der Arbeitsplätze schafft und kleinen Produzenten eine Bühne bietet. Es ist ein Spagat, den die Betreiber da versuchen, und am Donnerstagabend scheint er zumindest für ein paar Stunden zu gelingen.
Praktische Überlebenstipps
Wer den Street Food Thursday besuchen will, sollte strategisch vorgehen. Die Türen öffnen um 17 Uhr. Wer um 17:30 Uhr da ist, hat noch gute Chancen auf einen Sitzplatz und muss an den Ständen nicht lange anstehen. Ab 19 Uhr wird es brutal voll. Dann schieben sich die Massen durch die Gänge und an den beliebtesten Ständen wartet man gut und gerne zwanzig Minuten. Gegen 21 Uhr ebbt der erste Ansturm ab, aber dann sind oft die besten Gerichte schon ausverkauft. "Sold out" Schilder sind hier keine Seltenheit, sondern ein Qualitätsmerkmal.
Bargeld ist immer noch König, auch wenn mittlerweile viele Stände Kartenzahlung akzeptieren. Aber wenn das WLAN mal wieder streikt oder das Lesegerät den Geist aufgibt, ist derjenige im Vorteil, der einen Schein in der Tasche hat. Und noch ein Tipp: Geh nicht alleine hin. Das Konzept heißt "Sharing is Caring". Die Portionen sind oft so bemessen, dass man sie gut teilen kann. Wer zu zweit oder dritt unterwegs ist, kann sich einmal quer durch die Halle futtern, ohne nach dem ersten Burger kapitulieren zu müssen. Am Ende rollt man dann satt und glücklich aus der Halle, die Kleidung riecht nach Essen, die Ohren dröhnen ein wenig, aber man hat das Gefühl, Berlin für einen Abend wirklich geschmeckt zu haben.