Berlin

East Side Gallery: Die längste Open-Air-Galerie der Welt mit Kunst, Kitsch und Geschichte

Wer glaubt, an der East Side Gallery nur alte Steine zu finden, der irrt gewaltig. Hier prallen Touristenmassen auf Weltgeschichte und rücksichtslose Gentrifizierung auf naive Straßenkunst. Ein ehrlicher Blick auf Berlins buntesten und vielleicht widersprüchlichsten Kilometer.

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Zwischenablage

Es ist laut an der Mühlenstraße. Autos rauschen vorbei, Busse spucken Menschenmassen aus und irgendwo hämmert ein Presslufthammer den Takt der Großstadt. Wer hierherkommt und stille Andacht erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Die East Side Gallery ist kein Museum mit geregelten Öffnungszeiten und Flüsterpflicht. Sie ist ein lebendiger, schmutziger und faszinierender Organismus mitten in Friedrichshain. Mit 1,3 Kilometern Länge markiert sie das längste noch erhaltene Teilstück der Berliner Mauer. Genau genommen handelt es sich um die sogenannte Hinterlandmauer, die damals das Gebiet der DDR nach Osten hin abschloss. Heute ist sie eine Pilgerstätte für Selfie-Jäger, Geschichtsinteressierte und jene, die einfach nur mal gucken wollen, was der ganze Wirbel soll.

Du startest am besten am Ostbahnhof. Von dort aus läufst du in Richtung Oberbaumbrücke. Das hat den Vorteil, dass du die spektakuläre Kulisse der Brücke am Ende der Tour als Belohnung vor der Nase hast. Wenn du losläufst, fällt dir vielleicht auf, dass der Beton hier anders wirkt als im Kino. Er ist grob, er ist vernarbt und er ist bunt. 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, kamen 118 Künstler aus 21 Ländern zusammen. Sie wollten ein Denkmal setzen für die Freude, die Freiheit und die Hoffnung. Damals ahnte wohl niemand, dass dieser Ort drei Jahrzehnte später einer der meistbesuchten Punkte Berlins sein würde. Die Euphorie von damals ist auf den Bildern konserviert, auch wenn der Lack buchstäblich ab war und erneuert werden musste.

Kurz & Kompakt
  • Hinkommen: Am besten mit der S-Bahn bis Ostbahnhof (Start) oder Warschauer Straße (Ende). Der Fußweg ist einfach, immer an der Straße lang.
  • Beste Zeit: Früh morgens vor 9 Uhr, wenn du die Bilder ohne Menschenmassen sehen willst. Oder zum Sonnenuntergang für die Stimmung an der Oberbaumbrücke.
  • Kosten: Der Besuch ist komplett kostenlos. Die East Side Gallery ist öffentlicher Raum und rund um die Uhr zugänglich.
  • Barrierefreiheit: Der Gehweg ist ebenerdig und asphaltiert, also gut mit Rollstuhl oder Kinderwagen machbar, aber an Wochenenden oft sehr voll und eng.

Der Bruderkuss und das Warten auf den perfekten Moment

Es dauert nicht lange, bis sich eine Traube von Menschen auf dem Gehweg bildet. Du musst nicht fragen, warum. Du siehst es. Dimitrji Vrubels "Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben" ist das wohl bekannteste Graffito der Welt. Es zeigt Leonid Breschnew und Erich Honecker beim sozialistischen Bruderkuss. Das Bild ist Ikone, Kitsch und Mahnmal in einem. Es ist fast unmöglich, das Werk ohne einen davor posierenden Touristen zu sehen. Geduld ist hier eine Tugend. Manchmal musst du Minuten warten, bis die Lücke im Menschenstrom groß genug ist für einen freien Blick. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus Abgasen der Hauptstraße und süßlichem Tabakqualm. Das gehört dazu. Es ist Berlin, nicht Disneyland.

Gleich um die Ecke, oder besser gesagt ein paar Meter weiter, bricht ein Trabant durch die Mauer. Birgit Kinders "Test the Rest" ist das zweite große Highlight. Dynamisch, witzig und voller Symbolkraft fängt es den Moment des Durchbruchs ein. Das Nummernschild lautet "NOV 9-89". Ein Detail, das im Vorbeigehen oft übersehen wird. Nimm dir die Zeit, auch auf die kleineren Bilder zu achten. Viele Werke sind abstrakt, manche wirken fast kindlich naiv, andere sind düster und mahnend. Es gibt Gesichter, die dich anstarren, geometrische Formen, die im Grau des Betons tanzen, und Slogans, die zum Nachdenken anregen sollen. Nicht jedes Bild ist ein Meisterwerk der Kunstgeschichte. Manche sind handwerklich eher simpel gestrickt. Aber genau das macht den Charme aus. Es war keine kuratierte Ausstellung einer Elite, sondern ein spontaner Ausdruck einer historischen Zäsur.

Verwitterung, Vandalismus und Sanierung

Was du heute siehst, ist allerdings nicht mehr das reine Original von 1990. Wind, Wetter und vor allem die Abgase der Mühlenstraße hatten der Substanz über die Jahre massiv zugesetzt. Der Beton bröckelte. Die Farben verblassten. Hinzu kamen die sogenannten "Mauerspechte" und später Vandalen, die ihre eigenen Namen über die Kunstwerke kritzelten. Ein echtes Ärgernis. Man kann sich fragen, was in den Köpfen von Leuten vorgeht, die ein historisches Dokument mit einem Edding verunstalten. Im Jahr 2009 wurde die Galerie daher aufwendig saniert. Die meisten Künstler kamen zurück nach Berlin, um ihre Werke noch einmal aufzutragen. Manche weigerten sich, weil sie den ursprünglichen Charakter zerstört sahen. Ein Dilemma, das bis heute diskutiert wird. Ist eine Kopie noch das Original? Wenn du genau hinsiehst, bemerkst du vielleicht, dass die Farben heute leuchtender sind als auf alten Fotos. Es wirkt fast zu sauber, zu poliert für diesen rauen Ort.

Gentrifizierung frisst Geschichte

Während du weiterläufst, richtet sich der Blick unweigerlich nach oben und zur anderen Straßenseite. Hier zeigt sich die brutale Realität der Stadtentwicklung. Hinter der Mauer ragen luxuriöse Wohntürme in den Himmel. Das Projekt "Living Levels" sorgte für massive Proteste. Ein Stück der Mauer wurde sogar entfernt, um den Zugang zu diesen Luxuswohnungen und zur dahinterliegenden Arena zu ermöglichen. Es ist ein bizarrer Kontrast. Vorne die Mauer, die für Unterdrückung und deren Überwindung steht, und direkt dahinter der gläserne Kapitalismus, der sich den besten Blick auf die Spree sichert.

Einheimische nennen diese Gegend oft "Mediaspree". Der Begriff steht für den Wandel des Spreeufers von einer Brache zu einem Hochglanz-Viertel für Medienunternehmen und Besserverdiener. Viele Berliner fühlen sich hier fremd. Es ist zu schick, zu teuer, zu austauschbar geworden. Die East Side Gallery wirkt an manchen Stellen wie ein bunter Zaun für die dahinterliegenden Immobilien. Dieser Konflikt ist greifbar. Wenn du Glück hast oder Pech, je nach Sichtweise, siehst du vielleicht noch Reste von Protestplakaten oder Stickern an Laternenpfählen, die gegen den Ausverkauf der Stadt wettern. Da wird nicht lang gefackelt mit der Meinung. Die Berliner Schnauze ist auch in schriftlicher Form direkt.

Die Spree im Rücken, den Kiez vor der Brust

Auf der Rückseite der Mauer, also auf der Seite, die zur Spree zeigt, sieht die Welt anders aus. Hier ist der Beton oft weiß oder grau, besprüht mit Graffiti, die nichts mit der offiziellen Galerie zu tun haben. Es ist der "wilde" Teil. Hier sitzen im Sommer junge Leute auf dem schmalen Grünstreifen, lassen die Beine über die Kaimauer baumeln und trinken ihr Wegbier. Der Blick geht rüber nach Kreuzberg. Die Spree fließt träge und dunkel dahin. Manchmal tuckert ein Ausflugsdampfer vorbei, und eine Stimme aus dem Lautsprecher erklärt den Passagieren in drei Sprachen, was sie gerade sehen. Von oben winken die Touristen, von unten winkt niemand zurück.

Am Ende der Galerie, kurz vor der Oberbaumbrücke, verdichtet sich die Atmosphäre. Die Brücke selbst mit ihren zwei markanten Türmen ist das Tor nach Kreuzberg. Hier spürst du den Puls der Stadt am stärksten. Straßenmusiker kämpfen gegen den Lärm der U-Bahn an, die im Minutentakt über das Viadukt rattert. Es riecht nach gebrannten Mandeln, Urin und Döner. Eine Mischung, die man nur hier findet. Wenn du jetzt noch Energie hast, lohnt sich der Weg über die Brücke. Der Blick zurück auf die East Side Gallery und die modernen Bauten dahinter fasst die ganze Zerrissenheit und Schönheit Berlins in einem einzigen Panorama zusammen.

Ein paar ehrliche Worte zum Schluss

Erwarte keine stille Einkehr. Die East Side Gallery ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten und gleichzeitig ein unverzichtbares Stück Geschichte. Sie ist der Beweis dafür, dass Mauern fallen können, aber auch dafür, dass Geld oft das letzte Wort hat. Nimm dir Kopfhörer mit, falls dir der Lärm zu viel wird, oder lass dich einfach treiben. Wichtig ist nur eines. Schau nicht nur durch die Linse deines Smartphones. Die Textur des Betons, die feinen Risse in der Farbe und der kalte Wind von der Spree lassen sich nicht auf Instagram posten. Die musst du fühlen.

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