Es ist schon eine gewisse Ironie, die diesem Ort innewohnt. Da fließt die Spree träge durch die Hauptstadt, ein Fluss, der an vielen Stellen eher braun als blau wirkt und in den man besser nicht hineinspringen sollte, wenn man an seiner Gesundheit hängt. Und genau dort, in diesem Fluss, schwimmt ein anderer Fluss. Oder besser gesagt: ein Container voller sauberem, gechlortem Wasser. Das Badeschiff ist technisch gesehen ein Schubleichter. Das ist so ein langes Ding ohne eigenen Antrieb, das früher Sand oder Schutt transportierte. Heute transportiert es Menschen in Badehosen, die so tun, als wären sie im Urlaub, während ihnen der Lärm der Großstadt um die Ohren weht.
Die Anlage gehört zur Arena Berlin. Das ist jenes riesige Gelände in Alt-Treptow, das früher mal ein Omnibusdepot war. Die Architektur drumherum atmet Geschichte, roter Backstein trifft auf Stahlträger. Wenn man über den langen Holzsteg läuft, der das Festland mit dem schwimmenden Becken verbindet, lässt man den Straubenstaub der Eichenstraße hinter sich. Man muss allerdings sagen, dass dieser Steg an heißen Tagen zum Laufsteg mutiert. Hier wird nicht nur gegangen. Hier wird flaniert, posiert und der Körper zur Schau gestellt.
Kurz & Kompakt - Standort: Eichenstraße 4, 12435 Berlin (Alt Treptow), direkt auf dem Gelände der Arena Berlin.
- Saison & Tickets: Geöffnet meist von Mai bis September; Tickets müssen zwingend vorab online für feste Zeitfenster gebucht werden.
- Wichtiges Zubehör: Bringt ein eigenes Vorhängeschloss für den Spind mit, sonst wird es teuer oder umständlich.
- Kulinarik: Keine eigenen Getränke oder Speisen erlaubt, es gibt eine Strandbar mit Snacks und Drinks vor Ort.
Architektur als Kunstgriff
Eigentlich war das Ganze mal ein Kunstprojekt. Die Stadtkünstlerin Susanne Lorenz hatte die Idee gemeinsam mit spanischen Architekten entwickelt. Das war 2004. Damals dachte wohl niemand, dass das Provisorium zwanzig Jahre später immer noch da sein würde und in jedem internationalen Reiseführer als "Must See" auftaucht. Die Genialität liegt in der Schlichtheit. Drei Ladungen Rumpf wurden verschweißt. In der Mitte das Wasser, an den Seiten hölzerne Podeste zum Liegen. Alles ist in einem hellen Blau gehalten. Dieses Blau ist wichtig. Es suggeriert Frische, Kühle, Sauberkeit. Ein visueller Bruch zum dunklen Grünbraun des Spreegewässers drumherum.
Besonders ist die Perspektive, die sich dem Schwimmer bietet. Man ist auf Augenhöhe mit der Wasseroberfläche der Spree. Wenn ein Ausflugsdampfer vorbeifährt, und das passiert hier im Minutentakt, schwappt das Flusswasser manchmal bedrohlich nah an den Beckenrand. Man guckt den Touristen auf den Booten beim Winken zu, während man selbst seine Bahnen zieht. Oder zumindest versucht, Bahnen zu ziehen. Denn an schönen Tagen ist das mit dem sportlichen Schwimmen so eine Sache.
Das Gedränge und die Etikette
Seien wir ehrlich. Wer hier für den Triathlon trainieren will, ist fehl am Platz. Das Becken ist gut 30 Meter lang, aber ab Mittag gleicht es oft eher einer Suppenschüssel voller menschlicher Einlagen als einer Sportstätte. Man steht mehr im Wasser, als dass man schwimmt. Man kühlt sich ab. Man hält sein Getränk fest. Man unterhält sich. Es ist ein sozialer Raum, kein olympischer.
Das Publikum ist eine wilde Mischung. Da sind die typischen Berliner Hipster, die ihre Tattoos in der Sonne braten lassen. Da sind Familien mit Kindern, die vor 12 Uhr kommen, wenn es noch ruhiger ist. Und natürlich Touristen aus aller Herren Länder, die von dem "Crazy Floating Pool" auf TikTok gehört haben. Man hört Spanisch, Englisch, Französisch und natürlich tiefstes Berlinerisch, wenn der Bademeister jemanden vom Beckenrand pfeift. Die Regeln sind streng, müssen sie auch sein. Arschbomben sind verboten, auch wenn es juckt. Glasflaschen sowieso.
Praktisches Überleben am Wasser
Ein Besuch will gut geplant sein. Spontanität wird in Berlin oft bestraft, hier auch. Seit einigen Jahren gibt es Zeitfenster, sogenannte Slots, die man vorab online buchen muss. Wer einfach so mit dem Handtuch unterm Arm aufkreuzt, steht oft vor verschlossenen Toren oder muss warten, bis jemand geht. Das Ticket kostet Eintritt, logisch. Drinnen braucht man dann nochmal Kleingeld. Oder besser gesagt: ein Vorhängeschloss. Die Schließfächer sind zahlreich, aber man muss sein eigenes Schloss mitbringen. Wer keins hat, muss eines an der Bar kaufen. Das sind diese kleinen Ärgernisse, die man kennen sollte. Ein Schloss im Rucksack spart fünf Euro und Nerven.
Die Duschen sind draußen. Kaltes Wasser, kaum Sichtschutz. Das gehört zum rauen Charme dazu. Man steht auf den Holzplanken, duscht sich das Chlor ab und guckt dabei auf die Oberbaumbrücke. Das hat was. Es ist nicht Wellness im klassischen Sinne, es ist Urban Wellness. Rau, laut, aber irgendwie echt.
Der Ausblick als Hauptattraktion
Vielleicht ist das Wasser gar nicht der Hauptgrund, warum die Leute kommen. Es ist das Panorama. Wenn man im Wasser liegt und nach Westen schaut, sieht man die Türme der Oberbaumbrücke, darüber oft den Fernsehturm, der wie eine Nadel in den Himmel sticht. Dreht man den Kopf nach rechts, sieht man den Molecule Man. Diese riesigen Aluminiumfiguren, die mitten im Wasser stehen und sich löchern. Bei Sonnenuntergang, wenn die Sonne genau hinter diesen Figuren versinkt und das Wasser der Spree in ein kitschiges Gold taucht, dann weiß man wieder, warum man diese anstrengende Stadt eigentlich mag. Es ist dieser eine Moment, wo der Lärm der S Bahn, die über die Brücke rattert, plötzlich wie Musik klingt.
Abends verändert sich die Stimmung. Das Badeschiff ist nicht nur Schwimmbad, es ist auch Bar und Strand. Neben dem Becken ist Sand aufgeschüttet. Liegestühle stehen herum. Die Musik wird lauter, die Getränke alkoholischer. Es gibt diesen typischen Berliner Sound, minimaler Techno, der wummert, aber nicht stört. Man sitzt da, die Füße im Sand (der natürlich auch importiert ist), und guckt auf das Wasser. Die Barpreise sind, nun ja, angepasst. Ein Bier kostet hier mehr als im Späti an der Ecke, aber man bezahlt eben für die Lage. Wer sparen will, trinkt vorher ausgiebig Wasser.
Kleine Schattenseiten im Paradies
Wo Licht ist, ist auch Schatten, und beim Badeschiff gibt es davon im wörtlichen Sinne oft zu wenig. Die Liegeplätze sind begehrt, Schattenplätze rar. Wer empfindliche Haut hat, sollte sich eincremen, bis er glänzt wie eine Speckschwate. Die Sonne knallt hier unbarmherzig auf das Holzdeck und das Wasser reflektiert die Strahlung zusätzlich. Ein Sonnenbrand ist fast schon im Eintrittspreis inbegriffen, wenn man nicht aufpasst.
Auch die Sauberkeit ist manchmal ein Thema. Bei hunderten Besuchern am Tag leiden die Toiletten. Das Personal gibt sich Mühe, wischt und putzt, aber gegen die schiere Masse kommt man schwer an. Man sollte also nicht zimperlich sein. Wer klinische Reinheit sucht, geht besser ins Stadtbad Mitte. Wer aber das Gefühl sucht, mitten im pulsierenden Herz einer Metropole zu treiben, der nimmt ein bisschen Sand im Getriebe in Kauf.