In den engen Gassen hinter dem Stuttgarter Rathaus fing alles an. Es war das Jahr 1961, als Gerhard Woyda beschloss, dass die Landeshauptstadt dringend eine ordentliche Portion Widerspruch vertragen könnte. Der Name war Programm. Renitenz, also der hartnäckige Widerstand gegen eine Obrigkeit, wurde zum künstlerischen Leitmotiv. Man stelle sich die verrauchten Räume der Anfangstage vor, in denen der Geruch von billigem Wein und schwerem Parfüm in der Luft hing, während auf der Bühne die gesellschaftlichen Konventionen der jungen Bundesrepublik zerpflückt wurden. Stuttgart galt damals als bieder und vielleicht ein bisschen zu sehr in den eigenen wirtschaftlichen Erfolg verliebt. Das Renitenztheater war das notwendige Gegengift.
Heute residiert das Haus im modernen Hospitalviertel, doch der Geist der Widerspenstigkeit ist mit umgezogen. Wenn man die Glasfront des Foyers passiert, spürt man sofort, dass dies kein Ort für seichte Abendunterhaltung ist. Hier wird gearbeitet, gelacht und vor allem nachgedacht. Die Atmosphäre ist weniger steif als im Staatstheater, aber deutlich intellektueller als in einer gewöhnlichen Comedy-Bar. Es ist diese Mischung aus Wohnzimmer-Feeling und politischer Arena, die den Laden so eigenwillig macht. Man sitzt nah beieinander, hört das Gläserklirren an der Bar und wartet darauf, dass der erste Satz des Abends wie eine gut gezielte Watschn im Publikum landet.
Kurz & Kompakt - Gründungsjahr: 1961 von Gerhard Woyda als erste Kabarettbühne Stuttgarts ins Leben gerufen.
- Programm-Mix: Eine Mischung aus politischem Kabarett, Musik-Comedy und dem Nachwuchswettbewerb Stuttgarter Besen.
- Lage: Zentral im Hospitalviertel in der Büchsenstraße 26, gut erreichbar über die Haltestelle Stadtmitte.
- Bedeutung: Gilt als Geburtsstätte des schwäbischen Kabaretts und wichtige Bühne für bundesweite Größen des Genres.
Vom Lokalmatador zur bundesweiten Instanz
Oft wird das Renitenztheater als Mutter des schwäbischen Kabaretts bezeichnet, was den Kern der Sache ziemlich gut trifft. Ohne diese Bühne sähe die Kleinkunstlandschaft im Süden Deutschlands vermutlich deutlich trister aus. Größen wie Dieter Hildebrandt oder Gerhard Polt standen hier im Rampenlicht, lange bevor sie in jedem Fernseher der Republik zu sehen waren. Besonders prägend war jedoch die Verankerung im Regionalen. Hier durfte und darf geschwäbelt werden, aber nicht auf die plumpe Art. Es geht nicht um Schenkelklopfer über Kehrwoche und Sparsamkeit, sondern um die tiefsitzende Skepsis des Schwaben gegenüber allem, was von oben herab verordnet wird. Das ist keine Mundart-Folklore für Touristen, das ist echte, gelebte Identität.
Interessant ist dabei die Entwicklung des Hauses unter verschiedenen Leitungen. Sebastian Weingarten führt das Erbe heute fort und schafft den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Es kommen junge Leute rein, die vielleicht mit den politischen Witzen der 60er Jahre nichts mehr anfangen können, aber die Schärfe der heutigen Satire schätzen. Man merkt dem Programm an, dass es nicht nur um die Bestätigung der eigenen Meinung geht. Wer hier im Publikum sitzt, muss damit rechnen, auch mal sein eigenes Weltbild hinterfragt zu bekommen. Das ist manchmal anstrengend, aber genau deshalb gehen die Stuttgarter so gern hin. Es gehört zum guten Ton, sich einmal im Monat ordentlich den Spiegel vorhalten zu lassen.
Ein Abend zwischen Samt und Scheinwerfern
Wer einen Abend im Renitenztheater plant, sollte nicht zu spät erscheinen. Das Foyer ist ein wunderbarer Ort für Beobachtungen. Da trifft der pensionierte Gymnasiallehrer im Tweed-Sakko auf die junge Studentin, die sich für politische Satire begeistert. Es wird viel diskutiert, oft schon vor der eigentlichen Vorstellung. Die Luft vibriert vor Erwartung. Wenn dann das Licht im Saal langsam dunkler wird und das charakteristische Summen der Scheinwerfer einsetzt, senkt sich eine ganz eigene Ruhe über den Raum. Der Saal ist intim genug, dass man das Mienenspiel der Künstler bis in die letzte Reihe verfolgen kann. Man sieht den Schweiß auf der Stirn des Kabarettisten und hört das Knarren der Bühnenbretter bei jedem Schritt.
Oft sind es die kleinen Momente, die hängen bleiben. Ein versprecher, der gekonnt in eine Pointe verwandelt wird, oder ein Blickkontakt zwischen Bühne und erster Reihe, der eine ganze Geschichte erzählt. Die Akustik im Haus ist exzellent, was besonders bei den musikalischen Kabarett-Programmen zum Tragen kommt. Wenn das Klavier einsetzt und die Texte mal bissig, mal melancholisch durch den Raum fliegen, entfaltet das Renitenztheater seine volle Magie. Man vergisst für zwei Stunden den Trubel der Stuttgarter Innenstadt und taucht ab in eine Welt, in der das Wort noch echtes Gewicht hat. Es ist ein analoges Vergnügen in einer digitalen Zeit, und genau das macht den Reiz aus.
Der Stuttgarter Besen und andere Spezialitäten
Ein absoluter Höhepunkt im Kalender des Theaters ist der Stuttgarter Besen. Dieser Kabarett-Wettbewerb ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und gilt als Talentschmiede der Branche. Wenn die Nominierten um die Trophäen in Gold, Silber und Bronze buhlen, herrscht im Haus Ausnahmezustand. Die Stimmung ist dann fast wie bei einem Derby, nur eben mit Pointen statt Toren. Es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Ansätze der Künstler sind. Von klassischer politischer Satire über schräge Musik-Comedy bis hin zu modernem Stand-up ist alles dabei. Das Publikum im Renitenztheater gilt als fachkundig und durchaus kritisch, was den Gewinn eines Besens zu einer echten Auszeichnung macht.
Aber auch abseits der großen Wettbewerbe bietet das Programm eine enorme Vielfalt. Es gibt Eigenproduktionen, die oft monatelang laufen und sich intensiv mit Stuttgarter Themen auseinandersetzen. Da wird dann über die ewigen Baustellen in der Stadt gelästert oder die Eigenheiten der Halbhöhenlage-Bewohner aufs Korn genommen. Man braucht als Besucher kein Diplom in schwäbischer Landeskunde, um den Humor zu verstehen, aber ein gewisses Interesse an lokalen Absurditäten hilft ungemein. Es ist dieser Lokalkolorit, der das Theater von den austauschbaren Bühnen in Berlin oder Hamburg unterscheidet. Hier weiß man, wo man ist, und das ist auch gut so.
Praktisches für den Theaterbesuch
Das Theater liegt in der Büchsenstraße, also mitten im Geschehen. Wer mit der S-Bahn kommt, steigt am besten an der Haltestelle Stadtmitte aus. Von dort sind es nur wenige Gehminuten. In der unmittelbaren Umgebung gibt es zahlreiche Möglichkeiten, vor oder nach der Vorstellung noch etwas zu essen oder zu trinken. Es empfiehlt sich, die Karten frühzeitig zu reservieren, da viele Vorstellungen, besonders am Wochenende, schnell ausverkauft sind. Die Preise sind moderat und für das gebotene Niveau absolut fair. Wer spontan ist, kann sein Glück an der Abendkasse versuchen, aber darauf verlassen sollte man sich lieber nicht, gerade wenn bekanntere Namen auf dem Plakat stehen.
Ein kleiner Tipp am Rande: Wer das echte Stuttgart kennenlernen will, sollte sich nicht nur auf die großen Museen und die Shoppingmeile Königstraße konzentrieren. Ein Abend im Renitenztheater bietet oft mehr Einblicke in die Seele der Stadt als jede Stadtführung. Man lernt hier, dass der Stuttgarter zwar gern schimpft, dabei aber meistens ein Augenzwinkern im Gesicht hat. Es ist eine Form der Selbstironie, die man erst einmal verstehen muss. Wenn man nach der Vorstellung wieder hinaus in die kühle Stuttgarter Nacht tritt und über das eben Gehörte nachdenkt, merkt man oft erst, wie viel Wahrheit in den Witzen steckte. Das Renitenztheater lässt einen nicht so einfach wieder los, es hallt nach, wie ein guter Wein oder eine besonders scharfe Soße.
Ein Ausblick in die Zukunft der Satire
In einer Zeit, in der sich Humor oft in kurzen Clips in sozialen Medien erschöpft, behauptet das Renitenztheater hartnäckig seinen Platz als Ort der Langform. Die Künstler haben hier Zeit, ihre Themen zu entwickeln und Gedanken zu Ende zu führen. Das ist ein Luxus, den man als Zuschauer schätzen lernt. Die Bühne bleibt relevant, weil sie sich nicht vor neuen Formaten verschließt, ohne dabei ihre Wurzeln zu verraten. Es gibt Poetry Slams, Formate für junge Talente und immer wieder Experimente, die zeigen, dass Kabarett nicht verstaubt sein muss. Es geht um die Haltung, nicht um das Alter der Akteure. So lange es Dinge gibt, über die man sich aufregen kann, wird dieses Theater seine Daseinsberechtigung haben.
Die Unterstützung durch die Stadt und das treue Stammpublikum sorgen dafür, dass das Renitenztheater auch schwierige Zeiten übersteht. Es ist ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft, so unverzichtbar wie der Fernsehturm oder das Schloss. Wer das Haus besucht, wird Teil einer langen Tradition des Hinterfragens. Es ist ein Ort der Freiheit, an dem fast alles gesagt werden darf, solange es mit Geist und Witz vorgetragen wird. Man geht nicht nur hin, um unterhalten zu werden, sondern um sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Und wenn man dabei noch herzhaft lachen kann, ist der Abend perfekt gelungen. Stuttgart ohne das Renitenztheater wäre wie der Kessel ohne Dampf – einfach unvorstellbar.