Stuttgart

Schlossplatz-Vibes: Das "Wohnzimmer der Stadt" verstehen

Beton trifft auf Barock. Wer hier landet, spürt sofort den Puls der Kesselstadt zwischen Eisdiele und Kunstmuseum. Es ist der Ort, an dem Stuttgart am wenigsten nach Arbeit aussieht.

Stuttgart  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Man kommt in Stuttgart eigentlich an keinem Ort so zwangsläufig vorbei wie am Schlossplatz. Er ist das Gravitationszentrum einer Stadt, die sich sonst eher in ihre grünen Halbhöhenlagen zurückzieht. Wer aus der Klett-Passage am Hauptbahnhof nach oben stolpert, wird fast magnetisch die Königsstraße entlanggezogen, bis sich die Sicht auf die weite Fläche öffnet. Es riecht hier nach einer Mischung aus gebrannten Mandeln vom nahen Stand und dem leicht metallischen Duft der Stadtbahn, die unterirdisch ihre Runden dreht. Der Platz ist groß, beinahe protzig, aber er fühlt sich nicht abweisend an. Das liegt vor allem an den riesigen Rasenflächen. In anderen Städten stehen dort Verbotsschilder, in Stuttgart fläzen sich Studenten neben Geschäftsleute im Anzug, während die Kinder zwischen den zwei monumentalen Springbrunnen hin und her flitzen.

Interessant ist das visuelle Gefälle. Auf der einen Seite ragt das Neue Schloss auf, ein massiver Bau, der so auch in Versailles stehen könnte. Dreht man sich um 180 Grad, blickt man auf die Glasfassaden der Königsbau-Passagen und das moderne Kunstmuseum, das wie ein gläserner Würfel über dem Kleinen Schlossplatz thront. Dieser Kontrast prägt das Lebensgefühl. Man lebt hier mit der Geschichte, nutzt sie aber schamlos als Kulisse für den schnöden Alltag. Der Schlossplatz ist kein Museum, er ist eine Gebrauchsanweisung für das Stuttgarter Selbstverständnis. Man ist stolz auf das Alte, mag es aber gerne praktisch und geschäftig. Wenn die Sonne rauskommt, verwandelt sich die Wiese in ein buntes Mosaik aus Picknickdecken. Da wird geschwäbelt, gelacht und manchmal auch einfach nur schweigend in den Himmel gestarrt, während die Kastanienbäume leise rascheln.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt & Orientierung: Am besten mit der U-Bahn bis zur Haltestelle "Schlossplatz" oder "Charlottenplatz" fahren; der Bahnhof ist zudem nur zehn Minuten Fußweg entfernt.
  • Beste Zeit: Der späte Nachmittag bietet das schönste Licht für Fotos vom Neuen Schloss, während man am frühen Abend das beste People-Watching betreiben kann.
  • Kulinarik-Tipp: Wer keine Lust auf Fast Food hat, findet im obersten Stock des Kunstmuseums ein Restaurant mit Panoramablick über den gesamten Platz und die angrenzenden Hänge.
  • Veranstaltungen: Im Sommer finden oft kostenlose Open-Air-Konzerte oder Filmvorführungen statt, es lohnt sich also, vorab einen Blick in den lokalen Veranstaltungskalender zu werfen.

Barocke Pracht und bürokratischer Alltag

Das Neue Schloss bildet den östlichen Abschluss des Platzes und ist ein ziemlicher Brocken. Herzog Carl Eugen wollte im 18. Jahrhundert zeigen, was er hat, und ließ sich diese Dreiflügelanlage hinstellen. Heute sitzen dort Ministerien der Landesregierung. Es hat eine gewisse Ironie, dass in den prunkvollen Sälen, wo früher Feste gefeiert wurden, jetzt Akten gewälzt und Verordnungen unterschrieben werden. Man kann das Schloss meistens nur von außen anschauen, außer an seltenen Tagen der offenen Tür. Aber das macht nichts. Die Fassade mit ihren vielen Skulpturen und dem goldenen Hirsch auf dem Dach reicht völlig aus, um den nötigen Respekt einzuflößen. Wenn das Abendlicht auf den hellen Sandstein fällt, glüht das Gebäude fast ein bisschen kitschig auf. Das ist der Moment, in dem selbst die größten Kritiker der Stadt kurz innehalten.

Direkt davor steht die Jubiläumssäule. Sie wirkt ein bisschen verloren auf der weiten Fläche, ist aber ein beliebter Treffpunkt. "Wir treffen uns an der Säule" ist ein Satz, den man hier ständig hört. Die Bronzefigur der Concordia oben auf der Spitze wacht über das bunte Treiben. Früher ritten hier Soldaten bei Paraden auf und ab, heute skaten Jugendliche über das Kopfsteinpflaster oder versuchen, ihre Boards über die Stufen zu jagen. Es ist dieser ständige Wechsel zwischen Hochkultur und Straßenkultur, der den Reiz ausmacht. Manchmal spielen Straßenmusikanten vor den Kolonnaden des Königsbaus. Die Akustik dort ist erstaunlich gut, und der Klang von Geigen oder Gitarren mischt sich mit dem Gemurmel der Menschenmassen, die aus der Shoppingmeile herüberströmen.

Einkaufsrausch und Beton-Ästhetik

Die Königsstraße ist die Schlagader des Platzes. Sie gilt als eine der meistfrequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands. Das merkt man besonders an Samstagen, wenn es sich anfühlt, als würde das gesamte Umland gleichzeitig nach neuen Turnschuhen suchen. Die Mischung der Läden ist eher erwartbar, die üblichen Ketten dominieren das Bild. Aber der architektonische Rahmen hebt das Erlebnis ein wenig. Der Königsbau mit seinen strengen Säulenreihen ist ein klassizistisches Juwel, das heute ein Einkaufszentrum beherbergt. Es ist ein bisschen so, als würde man in einem Tempel Socken kaufen. Innen ist es modern, klimatisiert und wuselig. Wer eine Pause vom Konsum braucht, setzt sich auf die Steinstufen davor und beobachtet das Vorbeiziehen der Massen. Das ist besser als jedes Fernsehprogramm.

Ganz anders wirkt der Kleine Schlossplatz, der eigentlich eine Terrasse über der Hauptstraße ist. Dort steht das Kunstmuseum Stuttgart. Der Glaskubus ist nachts beleuchtet und sieht dann aus wie eine riesige Laterne. Spannend ist dabei, dass man durch die Scheiben die alten Steinmauern des ehemaligen Tunnelsystems sieht, in dem heute die Ausstellungsräume liegen. Es ist eine Architektur der Schichten. Wer keine Lust auf Kunst hat, geht in eine der Bars oder Cafés, die sich rund um den Kleinen Schlossplatz angesiedelt haben. Hier ist das Publikum ein bisschen schicker, die Sonnenbrillen sind größer und der Espresso ist teurer. Es ist der Ort zum Sehen und Gesehenwerden, ein kleiner Hauch von Schickeria mitten im bodenständigen Schwabenland. Man nippt an seinem Kaltgetränk und schaut hinunter auf das Treiben am großen Platz.

Der Rhythmus der Jahreszeiten

Der Schlossplatz verändert sein Gesicht je nach Kalenderblatt. Im Winter dominieren die Glanzlichter und die Schlittschuhbahn. Dann riecht es überall nach Glühwein und Maultaschen to go. Die Kinder stolpern auf Kufen über das Eis, während die Erwachsenen versuchen, ihre Tassen balancierend durch die Menge zu navigieren. Es ist eng, laut und gemütlich auf eine sehr deutsche Art. Im Sommer hingegen wird der Platz zum Festivalgelände. Jazzopen oder das Sommerfest verwandeln die Fläche in eine riesige Partyzone. Dann werden weiße Zelte aufgebaut, und man bekommt vom Hummer bis zur Currywurst alles serviert. Die Brunnen werden dann oft zur inoffiziellen Abkühlstation umfunktioniert. Es ist herrlich unverkrampft, wie die Stuttgarter ihren wichtigsten Platz in Besitz nehmen.

Ein besonderes Highlight sind die Lichtstelen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Wenn es dunkel wird, leuchten sie in verschiedenen Farben und erzählen oft kleine Geschichten oder zeigen abstrakte Muster. Das gibt dem historischen Ensemble einen modernen Touch, ohne dass es deplatziert wirkt. Es zeigt, dass Stuttgart nicht in der Vergangenheit stehen bleiben will, auch wenn man die Traditionen pflegt. Manchmal wirkt die Stadt ein bisschen hölzern oder zu ordentlich, aber am Schlossplatz bricht dieses Image regelmäßig auf. Hier darf es auch mal unordentlich sein, wenn nach einer warmen Nacht ein paar leere Pizzakartons auf der Wiese liegen, bevor die Stadtreinigung am frühen Morgen wieder für schwäbische Kehrwochen-Sauberkeit sorgt.

Ein Ort für alle Fälle

Was den Platz so besonders macht, ist seine soziale Durchmischung. Hier sitzen Punks neben Rentnern, Touristen mit Stadtplänen neben Einheimischen, die einfach nur ihre Mittagspause genießen. Es gibt keinen Konsumzwang auf dem Rasen. Man kann sich einfach hinsetzen und die Zeit verstreichen lassen. Das ist in einer Stadt, die so sehr auf Leistung und Industrie getrimmt ist, ein wichtiges Ventil. Die Kinder springen um die Fontänen der Springbrunnen, die mit ihren mythologischen Figuren ein wenig aus der Zeit gefallen wirken. Diese Brunnen sind die heimlichen Helden des Platzes. Das gleichmäßige Plätschern übertönt den Verkehrslärm der angrenzenden Straßen und schafft eine eigene, fast beruhigende Atmosphäre.

Sollte es doch einmal regnen, was im Kessel durchaus vorkommt, bietet die Architektur genug Unterschlupf. Man flüchtet unter die Arkaden des Königsbaus oder verschwindet in den Tiefen der Passagen. Oder man geht ins Kunstmuseum und schaut sich die bedeutende Sammlung von Otto Dix an. Der Kontrast zwischen der harten Realität in Dix' Bildern und der meist friedlichen Stimmung draußen auf dem Platz ist enorm. Es lohnt sich, diesen Perspektivwechsel mal zu wagen. Wenn man dann wieder herauskommt und der Regen aufgehört hat, glänzt das Kopfsteinpflaster, und die Farben der Blumenrabatten wirken noch intensiver. Stuttgart ist vielleicht nicht auf den ersten Blick die schönste Stadt der Welt, aber an solchen Momenten am Schlossplatz hat sie einen ganz eigenen, spröden Charme, dem man sich schwer entziehen kann.

Wer den Platz wirklich verstehen will, muss zu verschiedenen Tageszeiten kommen. Morgens, wenn die Pendler aus der U-Bahn strömen und die Stadt langsam erwacht, herrscht eine geschäftige Ruhe. Mittags wird es laut und hektisch. Abends, wenn die Flutlichtstrahler das Neue Schloss anstrahlen und die Leute sich auf den Weg in die Oper oder das Staatstheater im nahen Schlossgarten machen, wird es fast schon elegant. Es ist ein Chamäleon von einem Ort. Man kann hier Stunden verbringen, ohne dass es langweilig wird, solange man die Augen offenhält für die kleinen Details: der Rentner, der Tauben füttert, obwohl er es nicht soll; die Skater, die zum zehnten Mal denselben Trick versuchen; oder das junge Paar, das sich vor der Brunnenkulisse für ein Selfie verrenkt. Das alles ist Stuttgart.

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