Stuttgart

Königstraße vs. Milaneo: Mall-Paradies oder Flaniermeile? Der Shopping-Vergleich

Stuttgart kauft gern ein. Die Auswahl zwischen der klassischen Königstraße und dem modernen Milaneo teilt die Stadt in zwei Lager. Hier erfährst du, wo die Schnäppchenjagd wirklich Spaß macht und wo du eher deine Ruhe findest.

Stuttgart  |  Aktivitäten & Erlebnisse
Lesezeit: ca. 9 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer aus dem Stuttgarter Hauptbahnhof tritt, stolpert quasi direkt auf die Königstraße. Sie ist die Schlagader der Stadt. Hier riecht es morgens nach frisch gebackenen Brezeln von den zahlreichen Backständen und nach dem typischen, leicht metallischen Duft der S-Bahn-Schächte, die unter dem Asphalt verlaufen. Mit ihren 1,2 Kilometern Länge gehört sie zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands. Das ist Fluch und Segen zugleich. Samstags schieben sich die Massen an den großen Ketten wie Zara, H&M oder Karstadt vorbei, während Straßenmusikanten gegen den Lärm der Menge anspielen. Es ist laut, es ist wuselig, und man muss aufpassen, dass man nicht von einem der vielen Lieferwagen oder einem unachtsamen E-Scooter-Fahrer erwischt wird.

Interessant ist die Zweiteilung der Straße. Der obere Teil, nahe dem Bahnhof, wirkt oft etwas funktionaler, fast schon ein bisschen steril durch die massiven Betonbauten. Doch je weiter man Richtung Schlossplatz schlendert, desto mehr öffnet sich das Stadtbild. Hier zeigt sich Stuttgart von seiner Schokoladenseite. Man hat den Blick auf das Neue Schloss, die Museen und die grünen Anlagen. Das ist ein Luxus, den kein Einkaufszentrum der Welt kopieren kann. Man kauft sich bei einem der Kioske ein Eis oder eine Rote Wurst und setzt sich auf die Stufen am Königsbau. Da kann man wunderbar Leute beobachten. Manchmal sitzt da ein Geschäftsmann im teuren Anzug neben einem Skater, und beide starren einfach nur in die Sonne. Das ist das echte Stuttgarter Lebensgefühl, ein bisschen „schaffe, schaffe, Häusle baue“, aber eben auch mal fünfe gerade sein lassen.

Die Geschäfte an der Königstraße sind meist die üblichen Verdächtigen. Wer Individualität sucht, muss in die Seitenstraßen abbiegen, etwa in die Eberhardstraße oder das Hans-im-Glück-Viertel. Dort finden sich kleine Boutiquen und Läden, die nicht zum zehnten Mal dasselbe T-Shirt verkaufen. Auf der Hauptmeile dominieren die großen Flagship-Stores. Saturn ist riesig, die Buchhandlung Wittwer-Thalia am Schlossplatz ist ein Bollwerk für alle, die noch echtes Papier in der Hand halten wollen. Es ist dieses Hin und Her zwischen Kommerz und Kultur, das die Königstraße ausmacht. Manchmal wirkt die Straße etwas in die Jahre gekommen, besonders wenn man die Fassaden oberhalb der Schaufenster betrachtet. Da bröckelt hier und da der Charme der Nachkriegsarchitektur. Aber genau das macht es authentisch. Es ist kein künstliches Paradies, sondern gewachsener Stadtraum mit all seinen Ecken und Kanten.

Kurz & Kompakt
  • Anreise: Der Hauptbahnhof ist der ideale Startpunkt für beide Ziele. Zur Königstraße läuft man einfach geradeaus raus, zum Milaneo hält man sich nach Norden oder nimmt die U-Bahn bis zur Haltestelle Stadtbibliothek.
  • Beste Zeit: Unter der Woche vormittags ist es überall entspannt. Samstage sind auf der Königstraße oft ein Kampf, im Milaneo wird es ab dem Nachmittag richtig voll. Wer Ruhe will, kommt Dienstag oder Mittwoch.
  • Verpflegung: Für den schnellen Hunger bietet das Milaneo mehr Auswahl auf kleinem Raum. Für das echte Stuttgarter Erlebnis sollte man sich aber ein Plätzchen in der Nähe des Schlossplatzes suchen und die Leute beobachten.
  • Kombination: Man kann beides verbinden, indem man vom Milaneo durch den Schlossgarten zurück Richtung Innenstadt läuft. Das dauert etwa 15 Minuten und man bekommt eine ordentliche Portion frische Luft zwischen den Shopping-Etappen.

Das Raumschiff im Europaviertel: Milaneo

Gehst du vom Bahnhof ein paar hundert Meter nach Norden, landest du in einer völlig anderen Welt. Das Milaneo im Europaviertel wirkt wie ein gelandetes Raumschiff. Alles ist blitzsauber, klimatisiert und perfekt ausgeleuchtet. Hier gibt es keinen Regen, keinen Wind und keinen Taubendreck. Für viele Stuttgarter ist das Milaneo der Inbegriff von modernem Konsum. Es ist in drei Gebäudekomplexe unterteilt, die architektonisch zwar modern, aber für manche auch etwas unterkühlt wirken. Wenn man durch die Gänge läuft, hört man diesen typischen Mall-Sound: ein permanentes, sanftes Rauschen, unterbrochen von den Schritten auf dem glatten Boden und gelegentlichen Durchsagen. Es riecht nach Parfüm aus den Drogerien und nach diesem speziellen Duftmix aus den Food-Courts.

Das Angebot im Milaneo ist gewaltig. Über 200 Shops verteilen sich auf drei Ebenen. Der große Vorteil ist die Kompaktheit. Während man auf der Königstraße bei Regen von Laden zu Laden flitzen muss und dabei unweigerlich nass wird, bleibt man im Milaneo trocken. Das zieht besonders Familien an. Die Wege sind barrierefrei, es gibt saubere Toiletten und Wickelräume, was in der Innenstadt oft eine echte Suchaktion ist. Spannend ist die Ansiedlung von Marken, die es sonst in Stuttgart kaum gibt. Primark ist hier ein riesiger Magnet, was man an den vielen braunen Papiertüten erkennt, die einem überall entgegenkommen. Aber auch Technikfans und Sportbegeisterte finden hier alles auf engstem Raum.

Kritiker werfen dem Milaneo oft vor, es sei seelenlos. Ein bisschen recht haben sie. Es könnte so auch in Hamburg, Berlin oder Dubai stehen. Der Bezug zu Stuttgart fehlt fast völlig, sieht man einmal von den Namen der Plätze ab, die das Center gliedern. Es ist eine künstliche Welt, die auf Effizienz getrimmt ist. Man geht rein, erledigt seinen Einkauf und geht wieder. Das Verweilen ist zwar durch Sitzgelegenheiten und Brunnen vorgesehen, fühlt sich aber nie so frei an wie auf einer Parkbank im Schlossgarten. Dennoch, das Milaneo hat Stuttgart verändert. Es hat das Zentrum nach Norden erweitert und einen neuen Pol geschaffen. Abends, wenn die Lichter der Mall brennen und sich in den Glasfassaden der umliegenden Bürogebäude spiegeln, hat das Ganze fast schon etwas Metropolenhaftes. Da fühlt sich Stuttgart plötzlich viel größer an, als es eigentlich ist.

Der Kampf der Konzepte: Atmosphäre gegen Komfort

Man muss sich entscheiden, was man will. Die Königstraße bietet das Erlebnis Stadt. Da sind die Bettler, die Straßenkünstler, die Demonstrationen auf dem Marktplatz und der Wind, der durch die Häuserschluchten fegt. Das ist manchmal anstrengend, aber es ist das wahre Leben. Im Milaneo hingegen kaufst du in einer kontrollierten Umgebung. Das ist bequem, sicher und berechenbar. Wenn du mit Kindern unterwegs bist, gewinnt das Milaneo meistens haushoch. Es gibt Spielecken, die Wege sind kürzer und die Reizüberflutung ist zumindest wetterunabhängig. Aber für einen romantischen Stadtbummel oder wenn du einfach nur mal den Kopf ausschalten willst, ist die Königstraße unschlagbar. Es ist die Weite des Schlossplatzes, die den Unterschied macht. Da merkst du, dass du in einer Stadt mit Geschichte bist.

Ein wichtiger Punkt ist die Gastronomie. Auf der Königstraße gibt es die klassischen Imbissbuden, aber auch traditionsreiche Cafés. Man setzt sich nach draußen, trinkt ein Viertele Württemberger Wein und schaut dem Treiben zu. Im Milaneo findet man die klassische Mall-Gastronomie im Obergeschoss. Da gibt es alles von Sushi bis Döner, meist in Form von Ketten. Das schmeckt okay, ist effizient, hat aber wenig Flair. Man sitzt an Plastiktischen unter künstlichem Licht. In der Innenstadt hast du die Wahl: Entweder schnell was auf die Hand oder du suchst dir ein nettes Restaurant in den verwinkelten Gassen der Altstadt. Diese Vielfalt kann ein Einkaufszentrum einfach nicht bieten. Dafür ist die Parkplatzsituation im Milaneo deutlich entspannter. Das Parkhaus ist riesig, hell und man kommt direkt mit dem Aufzug zu den Läden. In der Innenstadt ist Parken teuer, eng und oft nervenaufreibend.

Interessanterweise ergänzen sich beide Orte aber auch. Viele Leute fangen im Milaneo an, erledigen die harten Einkäufe und laufen dann rüber zur Königstraße, um den Tag bei einem Drink oder einem Spaziergang ausklingen zu lassen. Es ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Stuttgart ist groß genug für beides. Die „Könige“, wie die Einheimischen ihre Straße oft nennen, bleibt das Herz, während das Milaneo der moderne Motor ist. Man merkt das auch an der Klientel. Im Milaneo sind viele junge Leute und Touristen, auf der Königstraße mischt sich das gesamte soziale Spektrum der Stadt. Da trifft die Oma aus Degerloch auf den Hipster aus dem Westen.

Architektur und das Auge: Wo guckt man lieber hin?

Architektonisch bietet die Königstraße ein Sammelsurium aus Jahrzehnten. Es gibt die prachtvollen Bauten wie den Königsbau mit seinen Säulen, die an die Antike erinnern. Dann wieder die Zweckbauten der 70er Jahre, die nicht unbedingt Schönheitspreise gewinnen. Aber genau diese Mischung erzählt die Geschichte vom Wiederaufbau Stuttgarts. Wer nach oben schaut, entdeckt oft Details, die man im Vorbeigehen übersieht: kleine Balkone, verzierte Fensterrahmen oder alte Inschriften. Das Milaneo hingegen ist durchgestylt. Es gibt viel Glas, viel helles Holz und Metall. Es wirkt sehr aufgeräumt. Das Auge findet hier Ruhe, weil nichts aus der Reihe tanzt. Das kann man mögen, es kann aber auch langweilen. Es fehlt das Überraschende.

Ein Highlight im Europaviertel, direkt neben dem Milaneo, ist die Stadtbibliothek. Sie ist ein weißer Würfel, der nachts blau leuchtet. Wenn man aus der Mall kommt, sollte man da unbedingt mal reinschauen. Das Innere ist komplett weiß und wirkt fast sakral. Das ist ein krasser Kontrast zum bunten Treiben in der Mall. Solche Momente der Ruhe gibt es auf der Königstraße seltener, es sei denn, man flüchtet in eine der Kirchen wie die Stiftskirche. Dort ist es plötzlich totenstill, obwohl draußen Tausende Menschen vorbeieilen. Diese Brüche machen den Reiz der Innenstadt aus. Im Milaneo ist die Stimmung überall gleichbleibend geschäftig. Es gibt keine stillen Ecken, in denen man sich wirklich zurückziehen kann, ohne ständig von Werbung oder Musik beschallt zu werden.

Was man in Stuttgart nicht unterschätzen darf, ist die Topografie. Die Königstraße liegt im Kessel, und im Sommer kann es hier verdammt heiß werden. Die Luft steht manchmal zwischen den Häusern. Da ist die Klimaanlage im Milaneo ein Segen. Wenn der Schweiß auf der Stirn steht, flüchten viele in die kühlen Gänge der Mall. Dafür weht auf dem Schlossplatz oft ein leichtes Lüftchen, und die Brunnen sorgen für ein bisschen Abkühlung. Es ist eine Frage der persönlichen Vorliebe: Will man die Natur und das Wetter spüren oder will man totale Kontrolle über sein Wohlbefinden? Stuttgart bietet für beide Bedürfnisse eine Lösung, was eigentlich ziemlich luxuriös ist.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen