Wer durch das schwere Eisentor an der Mörikestraße tritt, lässt den Lärm der Großstadt augenblicklich hinter sich. Es riecht nach feuchter Erde, altem Gestein und im Sommer nach dem schweren Duft der Glyzinien. Das Städtische Lapidarium ist kein gewöhnlicher Park und erst recht kein steriles Museum. Es ist ein Garten der Bruchstücke. Über 200 steinerne Exponate, von römischen Überresten bis hin zu barocken Fassadenteilen, liegen oder stehen hier verstreut auf einem Areal, das früher einmal der Privatgarten des Verlegers Gustav Siegle war. Der Begriff Lapidarium leitet sich vom lateinischen lapis ab, was schlicht Stein bedeutet. Aber diese Steine sind keine toten Objekte, sondern erzählen von Gebäuden, die längst aus dem Stadtbild verschwunden sind. Viele dieser Relikte stammen von Häusern, die im Zweiten Weltkrieg dem Erdboden gleichgemacht wurden. Man spaziert hier also gewissermaßen durch die Skelettreste des alten Stuttgarts.
Die Anlage selbst orientiert sich an italienischen Renaissancegärten. Das wirkt in der schwäbischen Kessel-Landschaft erst einmal ungewöhnlich, passt aber wunderbar zum leicht morbiden Charme der zerbrochenen Säulen und Gesimse. Man stolpert fast über ein Kapitell, das früher einmal ein herrschaftliches Palais zierte, während oben auf den Mauern die Vögel zwitschern. Es ist ein Ort für Leute, die gerne genau hinschauen. Wer nur schnell durchläuft, sieht nur Trümmer. Wer stehen bleibt, entdeckt die feinen Meißelspuren im Sandstein oder die verwitterten Gesichter von Putten, die seit Jahrzehnten stumm in den Stuttgarter Himmel starren. Die Atmosphäre ist dicht, fast ein bisschen duster, aber auf eine sehr beruhigende Art und Weise. Es ist ein Refugium für Melancholiker und Architektur-Nerds gleichermaßen.
Kurz & Kompakt - Adresse & Zugang: Mörikestraße 24, 70178 Stuttgart. Der Eintritt ist frei, der Garten ist jedoch nur von Mai bis September (Mi-Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr) zugänglich.
- Geschichte: Gegründet 1950 auf dem ehemaligen Anwesen des Industriellen Gustav Siegle; heute Heimat für über 200 architektonische Überreste aus fünf Jahrhunderten.
- Highlights: Fragmente des alten Lusthauses, antike Grabmäler und die Terrassenanlage im Stil italienischer Renaissance-Gärten mit Blick auf die Karlshöhe.
Die Ästhetik des Zerfalls und das Erbe von Gustav Siegle
Spannend ist dabei die Entstehungsgeschichte dieses Gartens. Gustav Siegle, ein wohlhabender Industrieller, ließ das Gelände Ende des 19. Jahrhunderts herrichten. Er wollte einen Ort schaffen, der an seine Italienreisen erinnert. Heute gehört das Areal der Stadt, und seit den 1950er Jahren dient es als Sammelbecken für alles, was beim Wiederaufbau der Stadt keinen Platz mehr fand. Man kann sich das wie ein Fundbüro für Architektur vorstellen. Wenn ein altes Gebäude abgerissen wurde oder Ruinen endgültig weichen mussten, rettete man die wertvollsten Einzelteile hierher. Da liegt dann ein Fenstersturz neben einer Wappenplatte, und man fragt sich unweigerlich, welche Geschichten sich hinter den Fenstern abgespielt haben mögen, die einst zu diesen Rahmen gehörten. Das Licht fällt hier besonders weich durch das Blätterdach der alten Bäume, was dem Ganzen eine fast sakrale Note verleiht. Es ist kein Geheimtipp mehr im strengsten Sinne, aber man trifft hier selten auf große Touristengruppen. Meistens sind es Einheimische, die mit einem Buch auf einer der Bänke sitzen oder Studenten, die die Ruhe zum Nachdenken nutzen.
Die Kombination aus Natur und Kultur ist hier perfekt ausbalanciert. Das Efeu klettert die Sandsteinwände hoch, Moose überziehen die barocken Skulpturen, und manchmal verschwindet ein kleiner Kopf eines Engels fast ganz im hohen Gras. Diese Wildheit ist gewollt. Würde man hier alles akkurat stutzen und die Steine blank wienern, ginge der Zauber verloren. So aber fühlt es sich an, als hätte man eine verwunschene Ruine mitten im Wohngebiet Süd entdeckt. Besonders beeindruckend ist die Terrassenanlage. Von oben hat man einen anderen Blick auf die steinernen Zeugen. Es wirkt fast so, als hätten die Statuen eine eigene Hierarchie im Garten gefunden. Die Auswahl der Exponate ist dabei eher zufällig als streng kuratiert, was den Reiz erhöht. Man findet keinen roten Faden, außer dem des Überlebens. Diese Steine haben die Zeit überdauert, während die Stadt um sie herum immer schneller und moderner wurde.
Ein Spaziergang durch die Trümmer der Geschichte
Wer sich die Zeit nimmt, die Hinweistafeln zu lesen, erfährt viel über die ehemalige Pracht der Residenzstadt. Da sind Überreste des alten Lusthauses oder Fragmente von Bürgerhäusern, die einst das Gesicht der Innenstadt prägten. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie kleinteilig und verziert Stuttgart einmal war, bevor der Beton Einzug hielt. Aber man muss kein Historiker sein, um das Lapidarium zu mögen. Manchmal reicht es schon, einfach die kühle Oberfläche des Steins zu berühren und die Stille zu genießen. Das Knirschen des Kieses unter den Schuhen ist oft das einzige Geräusch, das man hört, wenn der Wind günstig steht und den Verkehrslärm der Karlshöhe wegschluckt. Es ist ein Ort zum Entschleunigen, wie man heute so schön sagt, auch wenn das Wort etwas abgedroschen klingt. Im Lapidarium funktioniert das ganz automatisch, ohne dass man es forcieren muss. Die Steine strahlen eine solche Ruhe aus, dass man selbst fast unwillkürlich langsamer geht.
Was den Garten so besonders macht, ist das Fehlen jeglicher Event-Kultur. Es gibt keinen Kiosk, keinen Souvenirshop und keine blinkenden Bildschirme. Es ist schlicht Sandstein auf Rasen. In einer Stadt, die sich oft über ihre Dynamik, ihre Autos und ihre Innovationen definiert, ist das Lapidarium das nötige Gegengewicht. Es ist der Ort, an dem Stuttgart zeigen darf, dass es auch eine Seele hat, die alt und ein bisschen zerbeult ist. Man kann hier wunderbar über die Vergänglichkeit nachdenken, ohne dass es deprimierend wirkt. Im Gegenteil, die Tatsache, dass diese Fragmente noch da sind, hat etwas Tröstliches. Sie sind die stummen Zeugen einer Stadt, die sich immer wieder neu erfunden hat. Ein bisschen schwäbische Hartnäckigkeit steckt in jedem dieser Trümmerstücke. Man lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn man nur noch aus einem halben Torbogen besteht.
Praktische Tipps für den Stein-Besuch
Der Besuch im Lapidarium ist kostenlos, was in der heutigen Zeit fast schon ein kleines Wunder ist. Die Öffnungszeiten sind allerdings etwas eigenwillig und beschränken sich meist auf die Sommermonate von Mai bis September. Wer also im Winter vor verschlossenen Toren steht, hat Pech gehabt. Es lohnt sich, vorher kurz auf der Website der Stadt Stuttgart nachzuschauen. Ein guter Plan ist es, den Besuch mit einem Spaziergang auf die Karlshöhe zu verbinden. Man steigt die Treppen hoch, genießt den Blick über den Kessel und schaut dann quasi zum "Runterkommen" im Lapidarium vorbei. Es gibt dort auch eine kleine Wandelhalle, die Schutz bietet, falls mal ein typisch Stuttgarter Regenschauer niedergeht. In der Halle sind besonders empfindliche Stücke untergebracht, die nicht das ganze Jahr dem Wetter ausgesetzt sein können. Dort ist die Akustik ganz wunderbar, fast wie in einer kleinen Kapelle.
- Der Eingang befindet sich in der Mörikestraße 24. Man läuft am besten vom Marienplatz aus hoch, das ist ein schöner, wenn auch steiler Spaziergang.
- Fotografieren ist erlaubt, und die Motive sind dank des Spiels von Licht und Schatten fantastisch. Man sollte aber respektvoll mit der Stille umgehen, lautes Telefonieren gilt hier als eher unhöflich und stört die anderen Besucher, die oft zum Lesen hierherkommen.
- Hunde müssen leider draußen bleiben, was angesichts der empfindlichen Exponate aber auch Sinn ergibt. Schließlich will man nicht, dass eine barocke Statue als Markierungspfosten herhalten muss.
- Im Sommer finden hier manchmal Lesungen oder kleine Konzerte statt. Das ist dann die einzige Zeit, in der es im Garten etwas lebhafter zugeht. Diese Veranstaltungen haben aber meist ein sehr gediegenes Niveau und passen gut zur Kulisse.