Stuttgart

Beton, Blut und weite Blicke: Der Birkenkopf als Mahnmal und Aussichtspunkt

Der Birkenkopf erzählt die harte Geschichte der Nachkriegszeit ohne erhobenen Zeigefinger. Wer hier hochläuft, bekommt Panorama und Gänsehaut gleichzeitig serviert.

Stuttgart  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer zum ersten Mal nach Stuttgart kommt, sieht meistens zuerst den Fernsehturm oder die prachtvolle Staatsgalerie. Doch im Westen der Stadt ragt ein Buckel aus dem Gelände, der bei den Einheimischen nur liebevoll oder auch ehrfürchtig Monte Scherbelino genannt wird. Der Birkenkopf ist nicht einfach nur eine Erhebung im Glemswald. Er ist ein künstliches Gebilde, das erst nach 1945 seine markante Form erhielt. Ursprünglich war der Berg rund vierzig Meter niedriger als heute. Das klingt erst einmal nach einer bloßen Zahl, aber wenn man davor steht, begreift man die Masse an Material, die hier bewegt wurde. Es ist kein gewöhnlicher Dreck, der den Gipfel bildet. Es ist der Schutt der zerbombten Häuser aus dem Zweiten Weltkrieg. Rund 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer wurden hier abgeladen, weil man schlichtweg nicht wusste, wohin mit dem Elend der zerstörten Innenstadt.

Der Aufstieg ist für die meisten Stuttgarter eine Art ritueller Spaziergang. Man parkt unten am Wanderparkplatz oder kommt mit dem Bus der Linie 92 angefahren. Der Weg schlängelt sich gemächlich nach oben. Es riecht nach feuchtem Waldboden und im Sommer mischt sich der Duft von Kiefernnadeln darunter. Auffällig ist, wie ruhig es wird, je höher man kommt. Der Verkehrslärm der Rotenwaldstraße tritt in den Hintergrund. Manchmal hört man nur das Knirschen des Kieselsteins unter den Sohlen. Es ist kein steiler Pfad, der einen außer Atem bringt, sondern eher ein stetiges Ansteigen, das Zeit zum Nachdenken lässt. Dass man auf den Überresten von Wohnzimmern, Küchen und Kellern läuft, wird einem erst oben so richtig bewusst.

Kurz & Kompakt
  • Anreise: Am besten mit dem Bus der Linie 92 bis zur Haltestelle Birkenkopf fahren oder zu Fuß vom Stuttgarter Westen über den Hasenbergsteig aufsteigen.
  • Geschichte: Der Berg wuchs zwischen 1953 und 1957 um ca. 40 Meter an, als 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer aus dem Zweiten Weltkrieg hier aufgeschüttet wurden.
  • Highlight: Die Aussichtsplattform auf dem Gipfel mit den exponierten Fassadenresten bietet einen 360 Grad Blick über Stuttgart bis hin zur Schwäbischen Alb und dem Schwarzwald.
  • Ausrüstung: Festes Schuhwerk ist für die geschotterten Wege ratsam, zudem sollte man wegen des oft starken Windes auf dem Gipfel immer eine Jacke dabei haben.

Fassaden, die in den Himmel ragen

Oben angekommen, verändert sich die Szenerie schlagartig. Der Wald gibt den Blick frei auf ein Plateau, das von Steinbrocken gesäumt ist. Diese Steine sind keine Findlinge aus der Eiszeit. Es sind Architekturfragmente. Man sieht verzierte Fensterstürze, Reste von Säulenkapitellen und zerbrochene Gesimse. Diese Trümmerstücke liegen dort nicht zufällig herum, sie wurden bewusst so arrangiert, dass sie wie ein Mahnmal wirken. Es hat etwas Gespenstisches, wenn man die Ruinen der Gründerzeithäuser sieht, die einst das Gesicht der Stadt prägten. Manche Steine sind von Moos überzogen, andere zeigen noch deutlich die Meißelspuren der Handwerker, die sie vor über hundert Jahren gefertigt haben. Es ist ein bizarrer Kontrast zwischen der wilden Natur und diesen Zeugen der Zerstörung.

Interessant ist vor allem die Westseite des Gipfels. Dort ragen ganze Fassadenteile schräg aus dem Boden, als hätten sie versucht, sich aus dem Schuttberg wieder nach oben zu graben. Wenn das Licht der späten Nachmittagssonne auf den hellen Sandstein fällt, leuchten die Ruinen fast golden. Es ist ein Anblick, der einen kurz innehalten lässt. Die Inschrift auf einer Gedenktafel bringt es auf den Punkt: Dieser Berg, nach dem Zweiten Weltkrieg aufgetürmt aus den Trümmern der Stadt, steht zum Gedächtnis der Opfer und den Überlebenden zur Mahnung. Das sitzt erst mal. Da braucht es keine langen Reden oder komplizierten Infotafeln. Die Steine sprechen eine eigene, recht deutliche Sprache. Man setzt sich auf einen der flachen Blöcke und lässt die Beine baumeln, während man realisiert, dass man gerade auf der Geschichte Stuttgarts thront.

Der Blick über den Kesselrand

Aber der Birkenkopf ist nicht nur ein Ort der Melancholie. Er bietet schlichtweg die beste Aussicht, die man in Stuttgart finden kann, ohne Eintritt für einen Turm zu bezahlen. Mit 511 Metern über Normalnull ist er der höchste Punkt im inneren Stadtgebiet. Von hier oben sieht man, warum Stuttgart oft als Stadt zwischen Wald und Reben bezeichnet wird. Der Blick schweift über den Talkessel, man erkennt das Neue Schloss, das Rathaus und natürlich den Fernsehturm auf der gegenüberliegenden Seite in Degerloch. Bei klarer Sicht reicht das Panorama weit über die Stadtgrenzen hinaus bis zur Schwäbischen Alb. Man kann den Hohenneuffen erahnen und die dunkle Silhouette der Albkante verfolgen. Es ist dieser weite Horizont, der den Monte Scherbelino so attraktiv für die Stuttgarter macht, die sich im Kessel manchmal etwas eingeengt fühlen.

Besonders am Wochenende ist hier oben einiges los. Es ist eine bunte Mischung aus Menschen. Da sind die ambitionierten Jogger, die den Berg als Trainingsstrecke nutzen und oben völlig verschwitzt Dehnübungen an den Ruinensteinen machen. Dann gibt es die Familien, deren Kinder zwischen den Trümmern Verstecken spielen, was vielleicht im ersten Moment pietätlos wirken mag, aber eigentlich zeigt, wie das Leben sich den Raum zurückholt. Und natürlich die Paare, die hier den Sonnenuntergang abwarten. Es hat fast etwas Südländisches, wenn die Leute mit ihren Picknickdecken und einer Flasche Wein hier oben sitzen und zusehen, wie in der Stadt unten langsam die Lichter angehen. Die Atmosphäre ist entspannt, fast schon heiter, trotz der schweren Historie des Ortes. Es ist ein echtes Stück Stuttgarter Lebensgefühl, bodenständig und unaufgeregt.

Natur holt sich den Schutt zurück

Spannend ist zu beobachten, wie die Natur den künstlichen Berg über die Jahrzehnte integriert hat. Als man den Schutt in den 1950er Jahren aufschüttete, war der Gipfel kahl und grau. Heute ist der Birkenkopf grün. Birken, die dem Berg seinen ursprünglichen Namen gaben, wachsen überall zwischen den Trümmern. Ihre hellen Stämme und das zarte Laub bilden einen sanften Rahmen für die harten Kanten der Ruinensteine. Es wuchern Brombeerranken über alte Türfassaden und kleine Farne siedeln sich in den Ritzen des Betons an. Es ist ein ständiges Werden und Vergehen, das man hier beobachten kann. Im Herbst verfärbt sich das Laub besonders intensiv, und wenn dann noch der Nebel aus den Tälern aufsteigt, wirkt der Monte Scherbelino wie eine Kulisse aus einem romantischen Gemälde von Caspar David Friedrich.

Wer genau hinschaut, entdeckt auch kleine ökologische Nischen. In den Hohlräumen der aufgeschütteten Steine finden Eidechsen und Insekten einen idealen Lebensraum. Der Berg ist zu einem eigenen kleinen Biotop geworden. Es ist faszinierend, dass aus dem Abfall der Zerstörung ein Ort der Ruhe und des Lebens gewachsen ist. Manchmal trifft man hier oben auf ältere Herrschaften, die einem erzählen, wie sie als Kinder noch gesehen haben, wie die Loren den Schutt den Hang hinaufkarrten. Diese persönlichen Anekdoten machen den Ort noch greifbarer. Es ist kein Museum, in dem man nichts anfassen darf. Es ist ein Berg zum Anfassen, zum Draufsitzen und zum Begreifen.

Praktische Tipps für den Aufstieg

Ein Besuch auf dem Birkenkopf lässt sich wunderbar mit einer längeren Wanderung verbinden. Der Berg liegt direkt am Wanderweg rund um Stuttgart. Wer gut zu Fuß ist, kann vom Schlossplatz aus durch den Westen der Stadt laufen, vorbei an den prächtigen Gründerzeithäusern, die den Krieg überlebt haben, und dann den Anstieg zum Gipfel wagen. Das dauert etwa eine gute Stunde und man bekommt ein Gefühl für die Topografie der Stadt. Wer es gemütlicher mag, nutzt den Parkplatz direkt am Fuße des Berges. Aber Vorsicht, an sonnigen Sonntagen ist der oft hoffnungslos überfüllt. Da lohnt es sich, auf die öffentlichen Verkehrsmittel auszuweichen oder das Fahrrad zu nehmen, wobei man für die letzte Etappe schon stramme Waden braucht.

Was man auf keinen Fall vergessen sollte, ist eine Windjacke. Da der Gipfel sehr exponiert ist, zieht es hier oben eigentlich immer. Selbst wenn es unten in der Stadt drückend heiß ist, weht auf dem Monte Scherbelino eine frische Brise. Das ist im Sommer ein Segen, kann im Herbst aber schnell ungemütlich werden. Gastronomie direkt auf dem Gipfel gibt es nicht, was auch gut so ist, denn ein Kiosk oder eine Würstelbude würde die besondere Stimmung zerstören. Also am besten selbst ein Vesper und etwas zu trinken einpacken. Es gibt genügend Sitzgelegenheiten auf den Steinen oder den wenigen Holzbänken. Den Müll nimmt man natürlich wieder mit runter, das versteht sich von selbst, denn der Berg hat schon genug Unrat in seiner Geschichte gesehen.

Ein kleiner Geheimtipp zum Schluss: Wer die Chance hat, sollte einmal bei Vollmond oder in einer klaren Sternennacht hochgehen. Wenn die Stadt unten glitzert und die Trümmersteine im fahlen Mondlicht fast wie weiße Skelette aussehen, entfaltet der Monte Scherbelino eine ganz eigene, fast schon magische Aura. Dann ist man oft ganz allein mit der Geschichte und dem Wind. Es ist ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergisst und das einem Stuttgart von einer ganz anderen, verletzlicheren Seite zeigt. Man merkt dann, dass diese Stadt mehr ist als nur Daimler, Porsche und Feinstaub. Sie ist ein Ort, der sich aus seinen eigenen Trümmern immer wieder neu erfunden hat, ohne dabei zu vergessen, wo er herkommt.

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