Stuttgart

Seilbahn zum Waldfriedhof: Nostalgie pur in den Teakholz-Waggons der Linie 20

Die Seilbahn in Heslach ist ein technisches Fossil, das immer noch tadellos funktioniert. Wer hier einsteigt, lässt den hektischen Kessel im Nu hinter sich.

Stuttgart  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer an der Haltestelle Südheimer Platz aus der Stadtbahn steigt, findet sich erst einmal in der typischen Stuttgarter Vorstadtidylle wieder. Autos brausen über die B14, und das Treiben im Stadtteil Heslach wirkt geschäftig. Doch nur ein paar Schritte entfernt, fast ein bisschen versteckt hinter Bäumen, wartet der Eingang in eine völlig andere Epoche. Die Standseilbahn, offiziell als Linie 20 geführt, ist weit mehr als nur ein schnödes Verkehrsmittel für den Weg zum Friedhof. Sie ist ein mechanisches Gesamtkunstwerk aus dem Jahr 1929. Damals wurde sie errichtet, um den mühsamen Aufstieg zum hochgelegenen Waldfriedhof zu erleichtern. Dass dieses Relikt die Jahrzehnte fast unverändert überdauert hat, grenzt an ein kleines Wunder, besonders in einer Stadt, die sich sonst so gerne neu erfindet.

Die Station im Tal verströmt sofort diesen spröden Charme der späten Zwanziger Jahre. Hier gibt es keinen digitalen Schnickschnack oder gläserne Aufzüge. Stattdessen dominieren Stein und eine Architektur, die funktional und doch würdevoll wirkt. Es riecht hier unten oft nach einer Mischung aus kühler Kellerluft und einer feinen Note von Schmierfett, die aus dem Maschinenraum herüberweht. Man spürt förmlich, dass hier noch echte Mechanik am Werk ist. Die Linie 20 gehört zum Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart, man braucht also kein Spezialticket. Ein ganz normaler Fahrschein reicht aus, was die Fahrt zu einem der günstigsten Nostalgie-Trips der Region macht. Es ist diese wunderbare Unaufgeregtheit, die den Ort so sympathisch macht. Keine Touristenschlangen, kein Souvenirshop, nur der reguläre Linienbetrieb.

Sobald sich die schweren Türen der Waggons öffnen, beginnt die Zeitreise richtig. Die Wagen sind aus dunklem Teakholz gefertigt, das im Licht der gelblichen Innenbeleuchtung matt glänzt. Man setzt sich auf die hölzernen Bänke, die überraschend bequem sind, auch wenn sie bei jeder Bewegung leise knirschen. Das Material fühlt sich warm und ehrlich an, ganz anders als die Plastiksitze in den modernen U-Bahnen. Es ist fast so, als würde man in einem alten Möbelstück den Berg hochfahren. Die Fensterrahmen sind massiv, und die Beschläge aus Messing zeigen Patina, die von tausenden Händen über fast hundert Jahre hinweg poliert wurde. Man merkt den Wagen an, dass sie gepflegt werden, aber sie verstecken ihr Alter nicht. Das ist echte Stuttgarter Wertarbeit, kein künstlicher Retro-Look.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Mit der U1 oder U14 bis zur Haltestelle Südheimer Platz. Von dort sind es nur zwei Minuten zu Fuß bis zur Talstation in der Böblinger Straße.
  • Fahrzeiten: Die Bahn verkehrt täglich zwischen ca. 9:00 Uhr und 18:00 Uhr im 20-Minuten-Takt. Bei großem Andrang wird oft auch öfter gefahren.
  • Tarif: Es gelten die regulären VVS-Tickets (Zone 1). Ein Kurzstreckenticket reicht für eine einfache Fahrt völlig aus.
  • Kombinations-Tipp: Die Fahrt lässt sich ideal mit dem "Blaustrümpflerweg" verbinden. Nach dem Besuch des Waldfriedhofs kann man nach Degerloch spazieren und mit der Zahnradbahn (Zacke) wieder hinunter zum Marienplatz fahren.

Das Konzert der Drahtseile und Umlenkrollen

Wenn die Fahrt beginnt, ist das erste Geräusch ein Rucken, das durch das ganze Chassis geht. Dann folgt dieses charakteristische Singen des Drahtseils. Es ist ein metallisches, fast melodisches Summen, das anschwillt, während sich der Wagen langsam in Bewegung setzt. Die Standseilbahn überwindet auf einer Strecke von nur 536 Metern einen Höhenunterschied von stolzen 87 Metern. Die Steigung beträgt bis zu 28 Prozent. Das klingt auf dem Papier vielleicht nach wenig, aber wenn man im Wagen steht und durch die Frontscheibe nach oben schaut, wirkt der Hang verdammt steil. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man rückwärts in den Himmel gezogen werden. Draußen ziehen die Buchen und Eichen des Hanges vorbei, die je nach Jahreszeit das Licht in verschiedenen Grüntönen filtern.

Unterwegs passiert man die Ausweichstelle in der Mitte der Strecke. Hier begegnet einem der entgegenkommende Wagen. Es ist der einzige Moment, in dem es kurz etwas hektischer zugeht, wenn die beiden Holzkonstruktionen fast lautlos aneinander vorbeigleiten. Die Technik dahinter ist so simpel wie genial: Die Wagen sind durch ein Seil fest miteinander verbunden, das oben in der Bergstation über eine große Antriebsscheibe läuft. Das Gewicht des talwärts fahrenden Wagens hilft dabei, den bergauf fahrenden Wagen nach oben zu ziehen. Das spart Energie und ist ein geschlossenes System, das seit der Einweihung am 30. Oktober 1929 tadellos seinen Dienst verrichtet. In einer Welt, in der Software-Updates ständig alles lahmlegen, wirkt diese analoge Zuverlässigkeit fast schon beruhigend.

Interessant ist auch ein Blick auf das Personal. Die Wagenbegleiter sind keine anonymen Knöpfchendrücker. Sie strahlen oft eine gelassene Routine aus, wie sie wohl nur Menschen haben, die jeden Tag hundertmal den gleichen Hang rauf und runter schaukeln. Manchmal halten sie einen kurzen Schwatz mit den Stammgästen, meistens ältere Damen mit Blumensträußen, die zum Friedhof wollen. Die Fahrt dauert nur drei Minuten, aber diese Zeitspanne reicht völlig aus, um den Puls herunterzufahren. Man schaut aus dem Fenster, beobachtet, wie die Häuser von Heslach kleiner werden, und konzentriert sich auf das regelmäßige Klackern der Räder auf den Schienenstößen. Das ist Entschleunigung in Reinform, ganz ohne Meditations-App.

Oben angekommen: Zwischen Stille und Waldluft

Die Bergstation empfängt einen mit einer fast schon sakralen Ruhe. Wenn die Motoren verstummen und man aus dem Holzwagen tritt, ist der Lärm der Stadt wie weggeblasen. Man steht am Rande des Waldfriedhofs, einem der architektonisch bedeutendsten Begräbnisplätze Deutschlands. Er wurde im frühen 20. Jahrhundert als Waldparkfriedhof angelegt, was bedeutet, dass die Gräber in den bestehenden Waldbestand integriert wurden. Man läuft hier nicht durch strenge Reihen, sondern über geschwungene Waldwege. Es riecht nach feuchter Erde, Moos und im Frühling nach frischem Bärlauch. Viele prominente Stuttgarter liegen hier begraben, darunter der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss oder der legendäre Oberbürgermeister Arnulf Klett. Aber eigentlich ist der Friedhof viel mehr ein Ort für lange Spaziergänge als nur eine Gedenkstätte.

Spannend zu beobachten ist die Mischung der Fahrgäste. Am Wochenende mischen sich unter die Trauernden und Friedhofsbesucher oft Familien mit Kindern, die die Seilbahn als Abenteuerspielplatz auf Schienen nutzen. Dann ist es mit der Friedhofsruhe im Waggon kurzzeitig vorbei, wenn die Kleinen mit großen Augen die Mechanik bestaunen. Das macht den Charme der Linie 20 aus: Sie ist kein museales Ausstellungsstück hinter Absperrband, sondern Teil des Alltags. Sie verbindet die Lebendigkeit des Tals mit der Stille des Berges. Wer oben ist, sollte unbedingt ein Stück weiter in den Wald hineinlaufen. Es gibt dort wunderbare Wanderwege, die einen tiefer in den Stuttgarter Degerloch-Wald führen oder hinüber zum Blaustrümpflerweg, einer bekannten Wanderroute, die die Seilbahn mit der Zahnradbahn verknüpft.

Ein kleiner Tipp für Fotofreunde: Das beste Licht hat man am späten Nachmittag, wenn die Sonne tief steht und durch die hohen Stämme der Bäume bricht. Dann leuchtet das Teakholz der Waggons besonders satt, und die Schattenwürfe im Wageninneren erzeugen eine Atmosphäre wie in einem Film-Noir. Man sollte sich ruhig Zeit lassen und nicht sofort mit der nächsten Bahn wieder nach unten fahren. Oben gibt es auch eine kleine Einkehrmöglichkeit, wo man bei einem Kaffee den Blick ins Grüne genießen kann. Es ist dieses typische Stuttgarter Gefühl: Man ist mitten in der Großstadt und doch sofort im tiefsten Wald. Die Seilbahn ist das Scharnier zwischen diesen zwei Welten.

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