Es ist dieser Moment, wenn der Verkehrslärm der Dachauer Straße abrupt abreißt. Du steigst an der Haltestelle Westfriedhof aus der Linie 20 oder 21, die sich meist quietschend ihren Weg vom Hauptbahnhof hierher bahnt, und stehst zunächst vor einer breiten, wenig einladenden Einfallstraße. Doch sobald du durch einen der massiven Torbögen trittst, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Es ist ein bisserl so, als würde man einen Schalter umlegen. Der Straßenlärm weicht einem gedämpften Summen, und der graue Asphalt wird durch rötliches Pflaster und Kieswege ersetzt. Vor dir liegt die Borstei.
Man könnte meinen, man sei in eine Filmkulisse geraten. Alles wirkt kuratiert, sauber, fast ein wenig zu perfekt für eine Millionenstadt wie München, in der Wohnraum oft zweckmäßig und eng ist. Die Häuser sind niedrig, meist nur drei oder vier Stockwerke hoch, und leuchten in warmen Pastelltönen, vorwiegend Ocker und ein sanftes Rot, das bei tiefstehender Nachmittagssonne fast zu glühen scheint. Das hier ist kein gewöhnlicher Blockrandbau. Es ist der realisierte Traum von Bernhard Borst.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Die Borstei liegt im Münchner Stadtteil Moosach. Am besten nimmst du die Trambahnlinie 20 oder 21 vom Hauptbahnhof bis zur Haltestelle "Westfriedhof" oder "Borstei". Von dort sind es nur wenige Schritte.
- Museum: Das kleine Borstei-Museum in der Löfftzstraße 10 ist einen kurzen Abstecher wert, hat aber eingeschränkte Öffnungszeiten (meistens Samstagvormittag, bitte vorab online prüfen). Der Eintritt ist in der Regel frei.
- Verhalten: Bitte denke daran, dass die Borstei kein öffentlicher Park, sondern eine private Wohnanlage ist. Die Wege sind für Spaziergänger offen, aber Privatsphäre und Ruhe der Bewohner sollten unbedingt respektiert werden. Fotografieren für private Zwecke ist okay, aber bitte nicht in die Wohnzimmerfenster zoomen.
Bernhard Borst und sein Ideal vom schönen Wohnen
Man muss verstehen, wer dieser Mann war, um die Siedlung zu begreifen. Bernhard Borst war nicht einfach nur ein Bauunternehmer, der Quadratmeter verkaufen wollte. Er war ein Idealist, vielleicht sogar ein kleiner Fantast. Zwischen 1924 und 1929 ließ er diese Siedlung errichten, getrieben von dem Wunsch, die drückende Enge der damaligen Mietskasernen zu überwinden. Sein Ziel war ambitioniert. Er wollte "Wohnen für den gehobenen Mittelstand" schaffen, aber ohne die damals übliche Hinterhof-Tristesse. Statt dunkler Schächte gibt es hier ineinander verschachtelte Höfe, die Luft und Licht hereinlassen.
Bummelt man heute durch die Gassen, fällt auf, wie detailverliebt Borst arbeitete. Er verzichtete auf die damals aufkommende Strenge der "Neuen Sachlichkeit", wie man sie etwa im Bauhaus findet. Borst wollte es gemütlich, fast ein wenig verspielt. Deshalb wirkt die Architektur auch heute noch seltsam zeitlos. Es ist weder ganz modern noch ganz altmodisch, sondern eine eigenwillige Mischung aus beidem.
Ein Labyrinth aus Gärten und Kunst
Der eigentliche Star der Borstei sind die Außenanlagen. Du wirst hier selten schnurgerade Wege finden. Alles schlängelt sich ein wenig, führt um Ecken, öffnet den Blick auf Brunnen oder kleine Pavillons. Es heißt, Borst habe die Gärten so angelegt, dass die Bewohner sich zwangsläufig begegnen und einen Ratsch halten müssen. Anonymität ist hier architektonisch eigentlich gar nicht vorgesehen.
Besonders auffällig ist die Kunst. Man stolpert förmlich darüber. Über 700 Kunstwerke, von Fresken an den Hauswänden bis hin zu steinernen Statuen in den Grünanlagen, verteilen sich auf dem Areal. Da steht ein steinerner Flötenspieler im Rosenbeet, dort blickt eine Muttergottes von einer Hauswand herab. Manche dieser Figuren wirken fast ein wenig kitschig, wie aus einer anderen Zeit gefallen, aber genau das macht den Charme aus. Es ist ein bisserl wie in einem Freilichtmuseum, nur dass hier echte Menschen ihre Wäsche auf den Balkonen trocknen.
Ein Highlight ist der Rosengarten. Wenn die Rosen im Juni blühen, liegt ein schwerer, süßer Duft über dem ganzen Hof. Man sieht dann oft ältere Herrschaften auf den Bänken sitzen, die Zeitung lesen oder einfach nur in die Sonne blinzeln. Es ist einer dieser Orte, an denen man vergisst, dass man eigentlich noch Dinge zu erledigen hätte.
Technik, die ihrer Zeit voraus war
Doch die Borstei ist nicht nur Romantik. Unter der nostalgischen Hülle steckte damals hochmoderne Technik. Borst baute hier das erste zentrale Heizkraftwerk Deutschlands für eine Wohnsiedlung ein. Niemand musste Kohlen schleppen. Das war in den 1920ern purer Luxus. Auch die Logistik war durchdacht. Es gab eine zentralisierte Wäscherei, die den Bewohnern die mühsame Arbeit des Waschens abnahm. Die Wäsche wurde abgeholt, gewaschen, gebügelt und wieder geliefert.
Sogar beheizte Garagen waren vorgesehen. Wer genau hinsieht, entdeckt noch die alten Strukturen dieser Versorgungseinrichtungen. Das Heizkraftwerk mit seinem hohen Kamin ist heute zwar nicht mehr im ursprünglichen Betrieb, prägt aber nach wie vor die Silhouette der Siedlung. Es erinnert daran, dass Schönheit und Funktionalität für Borst kein Widerspruch waren. Er wollte das Leben nicht nur schöner, sondern auch leichter machen.
Leben im Denkmal
Wer wohnt heute hier? Die Mieten sind, wenig überraschend für München, nicht gerade niedrig. Die Borstei ist begehrt. Früher wohnten hier Künstler, Intellektuelle und höhere Beamte. Heute ist die Mischung bunter, aber man spürt immer noch einen gewissen Stolz der Bewohner. Man wohnt nicht einfach in Moosach, man wohnt "in der Borstei".
Es gibt allerdings auch Regeln. Die Denkmalpflege hat hier ein gewichtiges Wort mitzureden. Fenster dürfen nicht einfach ausgetauscht werden, die Farbe der Markisen ist oft festgelegt. Das sorgt für das einheitliche Bild, das man als Besucher so bewundert. Für die Bewohner bedeutet es aber auch Kompromisse. Aber wer hier lebt, nimmt das meist in Kauf. Die Ruhe und die grünen Höfe wiegen das auf.
Spaziert man am späten Nachmittag durch die Anlage, kann man beobachten, wie das dörfliche Konzept auch heute noch funktioniert. Kinder spielen auf den Wegen, was in Münchens Innenhöfen oft verboten oder unmöglich ist, weil alles zugeparkt ist. Hier gibt es keine Autos in den Innenbereichen. Die Wege gehören den Fußgängern. Das macht den Spaziergang so entspannt. Man muss nicht aufpassen, nicht zur Seite springen.
Das Borstei-Museum
Wer tiefer in die Geschichte eintauchen will, sollte nach dem kleinen Borstei-Museum Ausschau halten. Es liegt etwas versteckt in der Löfftzstraße. Es bezeichnet sich selbst gerne als "kleinstes Museum Münchens", was vielleicht nicht ganz statistisch belegt, aber gefühlt wahr ist. In einem ehemaligen Ladenlokal sind Pläne, Fotos und Modelle aus der Bauzeit ausgestellt. Es ist oft nur wenige Stunden in der Woche geöffnet, meistens samstags, aber der Blick hinein lohnt sich. Man sieht dort Schwarz-Weiß-Aufnahmen von den ersten Mietern, die in ihren Sonntagskleidern stolz vor den neuen Häusern posieren.
Interessant ist dort auch zu erfahren, dass die Borstei eigentlich viel größer geplant war. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre machte Borst einen Strich durch die Rechnung. Der Bau wurde gestoppt. Was wir heute sehen, ist also nur ein Torso dessen, was ursprünglich angedacht war. Ein gewaltiger Torso allerdings.