Im Norden der Stadt steht seit den frühen Siebzigerjahren ein Gebäude, das die Einheimischen liebevoll und ein wenig respektlos als "Weißwurstkessel" oder einfach "Schüssel" bezeichnen. Das BMW Museum ist architektonisch gesehen ein ziemlicher Brocken. Der Wiener Architekt Karl Schwanzer hat hier 1973 etwas hingestellt, das bis heute futuristisch wirkt. Es ist keine staubige Halle. Es ist ein Statement. Wenn du davor stehst, wirkt der fensterlose, silberne Bau fast abweisend, wie ein gelandetes Raumschiff aus einem alten Science Fiction Film. Doch der Schein trügt gewaltig.
Der Eingangsbereich führt dich nämlich nicht einfach durch eine Tür, sondern saugt dich förmlich in das Gebäude hinein. Nach der großen Erweiterung und Neugestaltung im Jahr 2008 ist das Museum nicht mehr nur in der Schüssel beheimatet, sondern erstreckt sich tief unter den Vorplatz in einen Flachbau. Das Geniale daran ist die Wegeführung. Du läufst auf einer Art Straße. Es gibt keine Treppenhäuser im klassischen Sinn, sondern Rampen, die sich spiralförmig durch die Ausstellung winden. Das fühlt sich organisch an. Man flaniert durch die Geschichte, ohne dass man merkt, wie viele Höhenmeter man eigentlich zurücklegt. Barrierefreiheit war hier kein nachträglicher Gedanke, sondern Teil des ursprünglichen Konzepts, auch wenn die Rampen manchmal steiler wirken, als sie sind.
Kurz & Kompakt - Adresse: Am Olympiapark 2, 80809 München. U Bahn Haltestelle "Olympiazentrum" (U3). Von dort sind es nur fünf Minuten zu Fuß.
- Tickets: Einzeltickets kosten regulär 10 Euro. Es lohnt sich oft, morgens gleich um 10 Uhr da zu sein, bevor die großen Busgruppen anrücken.
- App: Es gibt eine eigene Museums App. Die ist tatsächlich brauchbar und spart den Audioguide, wenn man eigene Kopfhörer dabei hat.
Erst die Luft und dann die Straße
Viele Besucher rennen sofort zu den glänzenden Sportwagen. Das ist verständlich, aber ein Fehler. Denn am Anfang steht hier nicht das Auto. Wer genau hinsieht, merkt schnell, dass der Name "Bayerische Motoren Werke" wörtlich zu nehmen ist. Die Ausstellung beginnt thematisch oft bei den Flugmotoren. Ein riesiger Sternmotor hängt da im Raum, fast wie eine Skulptur. Es ist lautlos, aber man kann sich den Lärm vorstellen, den dieses Ungetüm gemacht haben muss. Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Technik aus der Luftfahrt später in die Autos geflossen ist. Leichtbau war keine Modeerscheinung, sondern Überlebenspflicht in der Luft.
Interessant ist dabei die Sache mit dem Logo. Der Propeller im blauen und weißen Feld? Ein Mythos, der sich hartnäckig hält. Eigentlich sind es nur die bayerischen Landesfarben, die umgekehrt wurden, weil es damals verboten war, Staatssymbole für kommerzielle Logos zu nutzen. Die Propellergeschichte kam erst viel später durch eine Werbung auf. Trotzdem nickt jeder ehrfürchtig vor dem Propeller. So funktioniert Marketing eben.
Zweiräder für das schmale Budget
Oft gehen die Leute an den Motorrädern vorbei, als wären es nur Lückenfüller. Tu das nicht. In den zwanziger Jahren war ein Auto für den Normalbürger so unerreichbar wie heute ein Flug zum Mars. Das Motorrad war der Volkswagen vor dem Volkswagen. Die R 32, das allererste Motorrad von BMW, steht hier nicht einfach rum. Sie wird präsentiert wie ein Juwel. Der Boxermotor, der seitlich herausragt, ist bis heute das Erkennungszeichen der Marke geblieben. Man sieht die Schweißnähte, das nackte Metall. Das hat etwas Handfestes, Ehrliches. Wenn man die alten Maschinen sieht, spürt man förmlich den Wind im Gesicht und das Rütteln am Lenker. Es war keine komfortable Zeit, aber eine lebendige.
Die Kugel knutscht den Asphalt
Dann kommt der Bruch. Nach dem Krieg lag alles in Schutt und Asche. Die Abteilung der Fünfzigerjahre zeigt diesen Kontrast extrem gut. Auf der einen Seite steht der "Barockengel", der BMW 501. Ein riesiger, schwülstiger Wagen. Wunderschön, aber damals konnte sich den niemand leisten. BMW ging fast pleite. Und was hat sie gerettet? Ein Kühlschrank auf Rädern. Die Isetta. Wenn du vor dieser kleinen Knutschkugel stehst, musst du grinsen. Der Einstieg ist vorne, die Lenksäule schwenkt mit der Tür weg. Das ist Design aus der Not heraus, aber mit so viel Charme, dass man am liebsten eine einpacken würde. Es zeigt, dass Größe nicht immer alles ist. Ohne dieses kleine Ding gäbe es die großen Limousinen heute wahrscheinlich gar nicht. Ein bisserl Demut schadet eben auch einem Weltkonzern nicht.
Die Neue Klasse rettet den Laden
Weiter oben auf der Rampe wird es eckiger und sportlicher. Die Sechzigerjahre. Hier steht der BMW 1500, die sogenannte "Neue Klasse". Das klingt heute etwas hölzern, war aber damals die Rettung. Das Design wird schlichter, der berühmte Hofmeister Knick in der C Säule taucht auf. Mein persönlicher Favorit ist aber der 2002 tii in diesem knalligen Orange, das in den Siebzigern so modern war wie heute Mattgrau. Das Auto sieht aus, als würde es schon im Stand springen wollen. Hier riecht man förmlich das Benzin, auch wenn es im Museum natürlich klinisch sauber ist. Man versteht plötzlich, woher der Slogan "Freude am Fahren" kommt. Das sind keine Sänften, das sind Fahrmaschinen.
Wenn Autos zu Kunstwerken werden
Ein Bereich, der selbst Leute abholt, die keinen Führerschein haben, ist die Galerie der Art Cars. Die Idee war simpel und genial: Man gibt einem berühmten Künstler ein Rennauto und sagt "Mach mal". Andy Warhol hat seinen M1 angeblich in weniger als einer halben Stunde selbst bepinselt. Man sieht die Pinselstriche, die Unperfektheit, die Geschwindigkeit der Farbe. Das Auto wirkt, als wäre es noch in Bewegung. Roy Lichtenstein hat auch einen gestaltet. Diese Autos stehen nicht immer alle gleichzeitig da, sie rotieren manchmal. Aber eines zu sehen, ist Pflicht. Es bricht diese deutsche Ingenieursstrenge auf wunderbare Weise auf. Kunst trifft Karbon, das hat was.
Ästhetik in Bewegung
Bevor man sich versieht, steht man vor der kinetischen Skulptur. Das klingt erst mal trocken. Aber bleib stehen. Nimm dir die zwei Minuten. Hunderte von metallenen Kugeln hängen an feinen Fäden von der Decke. Sie bewegen sich computergesteuert auf und ab. Erst ist es nur Chaos, dann formen sie plötzlich die Silhouette eines Autos, dann wieder eine flache Ebene. Das Surren der kleinen Motoren und das Glitzern der Kugeln haben eine fast meditative Wirkung. Ich habe dort Leute gesehen, die minutenlang mit offenem Mund nach oben starrten. Es ist reine Spielerei, hat keinen technischen Nutzen, aber es zeigt, worum es hier eigentlich geht: Formen, Licht und Bewegung.
Praktische Überlebenstipps für den Besuch
Planung ist alles, auch im Museum. Du solltest mindestens zwei Stunden einplanen, wenn du nicht durchhetzen willst. Wer alles liest, braucht drei. Am Ende landet man wieder im Foyer. Von dort aus führt eine Brücke über die Straße direkt in die BMW Welt. Das ist der Auslieferungsbereich und Showroom. Der Eintritt dort ist frei, und die Architektur von Coop Himmelb(l)au ist noch verrückter als das Museum. Ein Tipp für den Hunger: Das Restaurant im Museum namens "M1" ist okay, aber oft voll. In der BMW Welt drüben gibt es mehr Auswahl, vom teuren Restaurant bis zum schnellen Snack.
Das Museum ist montags geschlossen. Das vergessen viele und stehen dann vor verschlossenen Türen. Und noch was: Nimm keine große Tasche mit. Die Schließfächer sind unten im Keller, und du willst nicht erst wieder ganz runterlaufen müssen. Packe leicht. Es läuft sich angenehmer.