Man fällt fast ein wenig aus der Zeit, wenn die Trambahn der Linie 17 an der Romanstraße hält und einen ausspuckt. Der Blick weitet sich schlagartig. Vor dir liegt nicht einfach ein Gebäude, sondern eine städtebauliche Machtdemonstration. Die Auffahrtsallee entlang des Nymphenburger Kanals zieht sich wie ein Linealstrich, flankiert von Villen, die man sich als Normalsterblicher kaum leisten kann, direkt auf das Rondell zu. Das Schloss selbst spannt sich über eine Breite von über 600 Metern. Es ist diese schiere Dimension, die einen erst mal durchatmen lässt. Man fühlt sich klein hier. Das war Absicht. Die Wittelsbacher wollten nicht nur wohnen, sie wollten beeindrucken. Wenn das Licht am späten Nachmittag auf die Fassade trifft, leuchtet der Bau in einem Creme-Ton, der seltsam weich wirkt für so viel Stein.
Du solltest dich am Anfang nicht von den massiven Touristenströmen am Haupteingang abschrecken lassen. Das verteilt sich, versprochen. Nymphenburg ist ein Ort der Weite. Sobald man durch den Torbogen in den Park tritt oder in die Seitenflügel abbiegt, wird es ruhiger. Doch zuerst muss man durch den "Steine". So nennen Kunsthistoriker salopp den Steinernen Saal. Und der ist alles andere als zurückhaltend.
Kurz & Kompakt - Anreise: Am besten mit der Tram 17 bis zur Haltestelle "Schloss Nymphenburg". Das ist stressfreier als die Parkplatzsuche und der Fußweg entlang der Allee stimmt perfekt auf den Besuch ein.
- Gesamtkarte nutzen: Kauf dir das "Gesamtticket Nymphenburg". Es beinhaltet Schloss, alle vier Parkburgen und das Marstallmuseum. Einzeln zahlen lohnt sich kaum, wenn man mehr als zwei Dinge sehen will.
- Gondel-Saison: Die Gondeln fahren in der Regel von Ostern bis Mitte Oktober täglich ab 10 Uhr, aber nur bei gutem Wetter. Eine Reservierung unter der Woche ist oft nicht nötig, am Wochenende aber ratsam.
- Fotografie: Im Schloss selbst ist Fotografieren ohne Blitz erlaubt, aber Stative und Selfie-Sticks sind streng verboten und werden vom Aufsichtspersonal sofort moniert.
Der Steinerne Saal und die schönen Münchnerinnen
Man betritt diesen Festsaal und der Halswirbel knackt, weil der Blick sofort nach oben geht. Johann Baptist Zimmermann hat hier ein Deckenfresko geschaffen, das vor Farben und Figuren fast platzt. Es ist ein einziges Gewimmel aus Göttern und Nymphen. Flora, die Göttin des Frühlings, steht im Zentrum. Es riecht hier drinnen oft ein wenig nach altem Bohnerwachs und kühler Luft, selbst im Sommer. Was diesen Raum besonders macht, ist nicht nur der Prunk, sondern die Funktion. Er verbindet den Park direkt mit der Vorfahrt. Die Fenster gehen zu beiden Seiten bodentief auf. Wenn sie geöffnet sind, zieht der Wind durch das Schloss. Man steht quasi im Freien, nur mit Dach.
Ein paar Räume weiter wartet Ludwig I. beziehungsweise sein Geschmack. Die Schönheitengalerie ist berühmt, aber oft aus den falschen Gründen. Es geht hier nicht nur um Lola Montez, die tanzende Affäre, die den König letztlich den Thron kostete. Spannend ist dabei, dass Ludwig hier einen fast demokratischen Ansatz pflegte. Neben Adeligen hängen hier Handwerkertöchter. Helene Sedlmayr zum Beispiel, eine Schustertochter, die dem König als Botin auffiel. Joseph Stieler hat sie alle mit diesem typischen, leicht glasigen Blick gemalt. Es wirkt wie ein Instagram-Feed aus dem 19. Jahrhundert, nur in Öl und mit deutlich mehr Spitzenkragen. Man kann darüber schmunzeln, aber es sagt viel über den Charakter des Monarchen aus.
Ein Detail am Rande, das viele übersehen: Das Geburtszimmer von Ludwig II. Der Märchenkönig kam hier 1845 zur Welt. Der Raum ist in grüner Seide gehalten. Wer genau hinsieht, merkt, dass die Möbel für heutige Verhältnisse fast zierlich wirken. Hier begann also das Leben jenes Mannes, der später Bayern mit Schlössern überziehen sollte, bis die Staatskasse leer war.
Der Park: Wo Symmetrie auf Wildnis trifft
Trittst du aus dem Schloss auf die Gartenseite, ändert sich die Akustik. Der Stadtlärm ist weg, ersetzt durch das Rauschen der Fontäne und das Schnattern der Gänse, die hier die eigentlichen Hausherren sind. Der Park ist ein Zwitterwesen. Vorne, direkt am Schloss, herrscht noch die strenge französische Symmetrie. Alles ist auf die Mittelachse ausgerichtet, die Buchsbäume stehen stramm wie Soldaten. Dominique Girard hat das im frühen 18. Jahrhundert so angelegt.
Aber geh mal ein paar hundert Meter weiter. Sobald du den großen Kanal entlangläufst, weicht die Strenge auf. Friedrich Ludwig von Sckell, der Mann, dem München auch den Englischen Garten verdankt, hat den Park ab 1804 umgestaltet. Er ließ die starren Mauern fallen und schuf geschwungene Wege, künstliche Hügel und Seen, die aussehen, als wären sie schon immer da gewesen. Das Geniale an diesem Park ist, dass man sich darin verlieren kann. Es gibt Ecken, da triffst du eine halbe Stunde niemanden, außer vielleicht ein Eichhörnchen, das hier in Bayern liebevoll Oachkatzl genannt wird und erstaunlich frech sein kann.
Ein guter Rat: Versuch nicht, alles auf einmal zu sehen. Das Areal umfasst rund 229 Hektar. Wenn du die ganze Runde machst, bist du gut und gerne zwei Stunden unterwegs, und da hast du noch keine der Parkburgen von innen gesehen.
Die Parkburgen: Kleine Juwelen im Wald
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Highlight. Viele Besucher bleiben auf der Mittelachse, machen ein Foto und gehen wieder. Fehler. Die vier Parkschlösschen, die in den Wäldern versteckt liegen, sind architektonische Spielereien der Wittelsbacher, die ihresgleichen suchen.
Da ist zuerst die Amalienburg. Von außen wirkt sie fast bescheiden, ein bisschen rosa, ein bisschen flach. Aber drinnen? Ein Rokoko-Feuerwerk. François de Cuvilliés hat hier den Spiegelsaal entworfen, und der haut einen um. Silberner Stuck auf hellblauem Grund. Es glitzert und funkelt, dass man fast eine Sonnenbrille bräuchte. Ursprünglich war das ein Jagdschlösschen für Kurfürstin Amalieburg. Achte auf die Details in der Stuckatur: Da sind Jagdnetze, Waffen und Musikinstrumente eingearbeitet. Und dann die Küche. Ja, die Küche. Wände voller Delfter Kacheln in Blau-Weiß. Es wirkt unglaublich modern und grafisch, fast wie Design aus den 1960ern, ist aber 200 Jahre älter.
Weiter im Süden liegt die Badenburg. Hier ging der Hof baden. Und zwar luxuriös. Das Becken ist riesig, gefliest mit holländischen Kacheln, und man kann sich vorstellen, wie die kurfürstliche Gesellschaft hier im warmen Wasser planschte, während man von der Galerie oben zuschauen konnte. Es ist das erste beheizbare Hallenbad der Neuzeit in Europa. Ein ziemlicher Luxus für die damalige Zeit, wenn man bedenkt, wie selten die Leute damals badeten.
Auf der anderen Seite des Kanals, im Norden, steht die Pagodenburg. Ein zweistöckiger Pavillon, der mit der damals extremen Mode der Chinoiserie spielt. Unten ist alles mit blau-weißen Kacheln ausgekleidet, oben wird es exotisch mit Lackmöbeln und chinesischen Tapeten. Hierher zog man sich zurück, um Tee zu trinken und so zu tun, als wäre man im Fernen Osten. Es hat etwas Kulissenhaftes, fast wie in einem Theaterstück.
Und dann ist da noch die Magdalenenklause. Das ist vielleicht das skurrilste Gebäude im ganzen Park. Es sieht aus wie eine Ruine. Der Putz bröckelt absichtlich ab, Risse im Mauerwerk sind inszeniert. Das ist kein Verfall, das ist Design. Gebaut als Ort der Besinnung und Buße für Kurfürst Max Emanuel. Drinnen gibt es eine Grottekapelle, die mit Muscheln und Tuffstein verziert ist. Es wirkt düster, feucht und ein bisserl gruselig. Ein perfekter Kontrast zum Prunk des Hauptschlosses.
Eine Gondelfahrt: Kitsch oder Kult?
Man könnte meinen, eine Gondelfahrt auf dem Mittelkanal sei der Gipfel des touristischen Kitsches. Ein Hauch von Venedig in Oberbayern? Ernsthaft? Aber, und das muss man zugeben, sobald man in dem Boot sitzt, verfliegen die Vorurteile. Die Gondolieri rudern im Stehen, ganz authentisch. Es ist still auf dem Wasser. Du gleitest fast lautlos dahin. Der Blickwinkel ändert sich komplett. Vom Wasser aus wirkt das Schloss noch breiter, noch dominanter, aber auch distanzierter.
Die Fahrt dauert etwa 30 Minuten. Besonders im Hochsommer, wenn die Luft im Kessel von München steht, ist das hier draußen eine Wohltat. Man sieht Fische im Wasser stehen, Karpfen von beachtlicher Größe, die auf Brotkrumen hoffen. Es ist eine der wenigen Gelegenheiten in München, sich wirklich treiben zu lassen, ohne dass man selbst etwas tun muss. Reservieren schadet nicht, vor allem am Wochenende, sonst steht man in der Schlange und schaut den Glücklichen zu, die schon ablegen.
Das Marstallmuseum: Goldene Kutschen und Schlitten
Bevor du den Rückzug antrittst, musst du in den Südflügel des Hauptschlosses. Das Marstallmuseum wird oft links liegen gelassen, was völlig unverständlich ist. Hier stehen die Ferraris des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Krönungswagen von Kaiser Karl VII. ist pures Gold und roter Samt. Aber am verrücktesten sind die Schlitten von Ludwig II. Da gibt es Gefährte, die aussehen wie aus einer Wagner-Oper entsprungen, mit elektrischer Beleuchtung (damals absolute High-Tech), Putten und Plüsch. Man fragt sich unweigerlich, wie die Pferde das überhaupt ziehen konnten. Es zeigt den Realitätsverlust des Königs deutlicher als jedes Geschichtsbuch.
Praktisches und Kulinarisches
Hunger bekommt man hier draußen unweigerlich. Im Park selbst gibt es das Schlosscafé im Palmenhaus. Es ist schön, aber auch preislich gehoben. Wer es bodenständiger mag, muss den Park verlassen. Rund um den Romanplatz gibt es einige Bäcker und Wirtshäuser. Ein Tipp für den Besuch: Komm früh. Um 9 Uhr morgens gehört der Park noch den Joggern und den Schwänen. Ab 11 Uhr kommen die Busse. Oder komm im Winter. Wenn der Kanal zugefroren ist (was leider immer seltener passiert, aber man darf ja hoffen), verwandelt sich die Fläche vor dem Schloss in die schönste Eisstockbahn der Stadt. Dann stehen die Münchner hier, trinken Glühwein aus Thermoskannen und schießen ihre Eisstöcke über das Eis. Das ist dann das wahre Nymphenburg, jenseits von Barock und Touristenführern.