Wenn du die Arcisstraße entlangläufst, vorbei an den prächtigen, aber oft auch einschüchternden Fassaden der Maxvorstadt, erwartest du vielleicht vieles, aber sicher keine Wildnis. Doch genau hier öffnet sich eine Mauerlücke. Du trittst hindurch und augenblicklich wird der Stadtlärm dumpfer, als hätte jemand Watte in die Straßenschluchten gestopft. Der Kies knirscht unter den Sohlen. Das ist der erste Eindruck, den der Alte Nordfriedhof hinterlässt: Er ist ein akustischer Bruch mit der Umgebung. Es riecht hier anders. Nach feuchter Erde, nach modrigem Laub, selbst im Sommer, und ein bisschen nach der Süße von wilden Blüten, die sich niemand die Mühe gemacht hat zu stutzen.
München wird oft nachgesagt, es sei eine Stadt der Hochglanzfassaden, wo selbst der Schmutz noch irgendwie ordentlich wirkt. Dieser Ort hier beweist das Gegenteil. Er ist unperfekt. Er ist rissig. Und genau deswegen zieht er die Leute an. Es ist kein klassischer Park, in dem man Frisbee spielt, auch wenn das hier und da vorkommt, sondern eher ein riesiges, grünes Wohnzimmer unter freiem Himmel, das zufällig mit hunderten von Grabmälern möbliert ist. Die Stimmung ist schwer zu greifen. Es ist nicht traurig. Es ist aber auch nicht ausgelassen fröhlich. Es ist eine seltsame, fast tröstliche Melancholie, die hier herrscht.
Die Einheimischen, die „Maxvorstädter“, behandeln diesen Ort mit einer fast schon respektlosen Selbstverständlichkeit. Da wird auf der Bank geknutscht, während zwei Meter weiter ein verwittertes Steinkreuz an die Vergänglichkeit allen irdischen Glücks erinnert. Das stört hier niemanden. Im Gegenteil, diese bizarre Nachbarschaft von vitalem Leben und steinerner Erinnerung macht den eigentlichen Reiz aus.
Kurz & Kompakt - Anreise & Zugang: Am besten erreichst du den Park über die U-Bahn-Stationen "Theresienstraße" oder "Josephsplatz" (U2/U8). Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Der Eintritt ist natürlich frei und es gibt keine Tore, die nachts verschlossen werden – der Zugang ist rund um die Uhr möglich (wobei es nachts doch recht duster ist, da die Beleuchtung spärlich ausfällt).
- Verhaltensregeln: Es ist und bleibt ein ehemaliger Friedhof. Joggen, Lesen und ruhiges Picknicken sind völlig okay und üblich. Ballspiele, laute Musik oder Grillen sind offiziell untersagt und werden auch von den anderen Besuchern meist mit bösen Blicken (oder einem grantigen Kommentar) quittiert. Hunde müssen an der Leine bleiben.
- Beste Zeit: Der späte Nachmittag im Herbst, wenn das Laub sich färbt und das Licht golden durch die alten Bäume bricht, ist unschlagbar. Aber auch im Hochsommer ist es hier dank des vielen Schattens oft angenehmer als im Rest der aufgeheizten Innenstadt.
Vom Seuchenschutz zum Sonnenbad
Um zu verstehen, warum dieser Ort so aussieht, wie er aussieht, muss man kurz zurückblikken. Wir schreiben das Jahr 1868. München platzte aus allen Nähten, und die alten Friedhöfe innerhalb der Stadtmauern waren hygienische Katastrophen. Man hatte Angst vor dem Miasma, den Ausdünstungen. Also beschloss die Stadt, weit draußen vor den Toren – was heute absolut zentral liegt – einen neuen Gottesacker anzulegen. Der Architekt Arnold Zenetti entwarf eine strenge, geometrische Anlage. Damals war das hier Niemandsland.
Lange währte die Ruhe der Toten allerdings nicht. Schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Friedhof wieder geschlossen. Er war voll. Und dann kamen die Bomben. Wer heute durch die Reihen geht, sieht die Narben. Viele Grabsteine sind zersplittert, Figuren fehlen Köpfe oder Gliedmaßen. Nach dem Krieg stand man vor der Frage: Was tun? Alles planieren und Häuser bauen? Wieder herrichten? Die Münchner entschieden sich für einen typisch pragmatischen Mittelweg, oder wie der Bayer sagen würde: "Schau ma mal, dann seng ma scho". Man ließ ihn einfach. Er wurde entwidmet, blieb aber als Grünfläche erhalten.
Das Ergebnis ist diese faszinierende Mischung aus Ruine und Erholungsgebiet. Die Natur hat sich den Raum zurückgeholt, aber nicht auf die aggressive Art, sondern sanft. Efeu umarmt die Säulen, Wurzeln heben Steinplatten an. Es wirkt, als hätten sich die Bäume und die Grabsteine auf einen Waffenstillstand geeinigt.
Der "Skandal" des Alltäglichen
Für Besucher von außerhalb wirkt das Szenario oft befremdlich. Darf man das? Sich in Badehose auf eine Wiese legen, unter der hunderte Skelette liegen? In vielen katholisch geprägten Gegenden wäre das ein Sakrileg. In München zuckt man mit den Schultern. "Leben und leben lassen", gilt hier auch für die Toten. Es gab immer mal wieder Diskussionen, ob man das Grillen oder Ballspielen strenger verbieten müsste. Aber Verbote greifen hier nur schwer.
An einem warmen Dienstagabend im Juli kannst du hier Szenen beobachten, die fast wie ein Theaterstück wirken. Da ist die Gruppe junger Mütter, die ihre Kinderwagen durch die Alleen schiebt, vorbei an der Grabstätte eines Generals aus dem 19. Jahrhundert. Da ist der Student, der laut murmelnd Jura-Paragraphen auswendig lernt, während er auf dem Sockel eines Engels sitzt. Und da sind die Jogger. Es ist eine der beliebtesten Laufstrecken des Viertels. Runde um Runde drehen sie, immer an der Mauer entlang. Der Tod als Kulisse für die Fitness – das hat schon fast philosophische Qualität.
Manchmal sieht man auch Slackliner, die ihre Bänder zwischen den alten Bäumen spannen. Ob das nun gut für die Rinde der alten Kastanien ist, sei dahingestellt, aber es zeigt, wie sehr dieser Ort als Gebrauchsgegenstand wahrgenommen wird. Es ist kein Museum. Es ist ein Nutzraum.
Architektur der Vergänglichkeit
Trotz aller Lockerheit lohnt es sich, genauer hinzusehen. Die Architektur ist nämlich alles andere als zufällig. Zenetti hat den Friedhof in vier große Felder unterteilt, durchkreuzt von breiten Wegen. Das Herzstück sind die Arkaden an der Mauer. Wenn es regnet, und das tut es in München oft genug, kannst du dich hier unterstellen. Das Licht in diesen Arkadengängen ist phänomenal, besonders wenn die tiefstehende Sonne lange Schatten wirft. Es ist ein Paradies für Fotografen, die morbide Motive suchen, aber keine Lust auf Kitsch haben.
Viele der Inschriften sind kaum noch lesbar. Der Sandstein bröselt. Aber genau das macht das Lesen der verbliebenen Namen so spannend. Man stößt auf Berufsbezeichnungen, die es heute gar nicht mehr gibt. "Kgl. Bayer. Hoflieferant", "Privatier", "Kommerzienrat". Es ist ein Who-is-Who einer untergegangenen bürgerlichen Welt. Manchmal liegt auch einfach nur ein frischer Stein dazwischen, ein kleiner Kiesel, den jemand gestern auf einen Grabstein gelegt hat. Ein Zeichen, dass auch die ganz alten Toten nicht völlig vergessen sind, oder dass einfach jemand das Bedürfnis hatte, eine Spur zu hinterlassen.
Zwischen Kinderspielplatz und Kontemplation
Ganz im Westen des Areals grenzt direkt ein Spielplatz an. Das Geschrei der Kinder weht herüber und mischt sich mit dem Rauschen der Blätter. Für manche mag das pietätlos klingen, aber eigentlich ist es die schönste Form der Integration. Der Tod wird nicht ausgesperrt, er ist Teil der Nachbarschaft. Kinder klettern manchmal auch auf die niedrigeren Steine, balancieren auf den Einfassungen. Eltern rufen sie dann meistens zurück, aber eher halbherzig. Es passiert hier nichts Schlimmes. Es spukt nicht.
Wenn du wirklich Ruhe suchst, setz dich auf eine der Bänke im inneren Kreis, rund um das große Kreuz. Hierhin dringt der Lärm des Spielplatzes kaum vor. Es ist der perfekte Ort, um ein Buch zu lesen. Oder einfach nur Löcher in die Luft zu starren. In einer Stadt, in der Effizienz oft an erster Stelle steht und jeder immer irgendwohin unterwegs ist, bietet der Alte Nordfriedhof die seltene Erlaubnis, einfach nur da zu sein. Nichts zu konsumieren. Keinen Kaffee zu kaufen (den musst du dir eh selbst mitbringen), keinen Eintritt zu zahlen.
Einheimische Tierwelt und kleine Überraschungen
Wer lange genug stillsitzt, bemerkt, dass man hier nicht allein ist. Und damit sind nicht die anderen Parkbesucher gemeint. Eichhörnchen sind hier die wahren Herrscher. Sie sind frech, fast schon dreist, und wissen genau, in welchen Taschen Nüsse zu finden sein könnten. Auch Vögel, die man sonst in der Innenstadt selten hört, nisten in dem dichten Gestrüpp, das manche Grabreihen überwuchert hat. Spechte hämmern gegen die alten Stämme, und abends, wenn die Dämmerung einsetzt, huschen Fledermäuse durch die Arkaden.
Es gibt Ecken, da wächst das Gras so hoch, dass man die Grabsteine nur noch erahnen kann. In anderen Bereichen pflegen Paten die Gräber liebevoll, pflanzen Blumen, zupfen Unkraut. Dieser Flickenteppich aus Wildwuchs und Pflege ist typisch. Es gibt keine zentrale Instanz, die alles auf den Millimeter trimmt. Das Grünflächenamt macht das Nötigste, der Rest ist dem Lauf der Zeit überlassen.