Bevor du dich in den Windschatten eines eiligen Kurierfahrers hängst, steht die Bürokratie. Münchens Mietradsystem wird von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) betrieben und ist eng mit dem restlichen ÖPNV verzahnt. Ohne Smartphone geht hier allerdings gar nichts. Der erste Schritt ist der Download der App "MVGO". Es gab früher separate Apps, aber mittlerweile bündelt die Stadt alles in dieser einen Anwendung. Die Registrierung verlangt von dir die üblichen Daten: Name, Adresse und ein Zahlungsmittel. Kreditkarte oder Lastschrift sind Standard. Manchmal hakt die Verifizierung der Telefonnummer ein wenig, Geduld ist also eine Tugend, die du in Bayern ohnehin brauchst.
Interessant ist die Preisstruktur. Sie unterscheidet sich nämlich danach, ob du bereits ein Abo für den öffentlichen Nahverkehr besitzt. Inhaber einer IsarCard im Abo radeln günstiger. Der Standardpreis wird minütlich abgerechnet. Es gibt zwar Pakete, aber für die spontane Fahrt vom Hauptbahnhof zum Englischen Garten reicht der Basistarif. Wer plant, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen, sollte jedoch rechnen. Oft ist das MVG Rad für kurze Strecken ("Last Mile") konzipiert und wird bei stundenlanger Nutzung teurer als ein klassischer Fahrradverleih am Bahnhof.
Kurz & Kompakt - Rückgabe-Regel: Das Abstellen an offiziellen Stationen ist zuschlagsfrei. Bei freiem Abstellen im Geschäftsgebiet (Free-Floating) fällt meist eine extra Gebühr an.
- Abrechnung: Die Zeit läuft so lange, bis das Schloss mechanisch geschlossen UND die Rückgabe vom System bestätigt wurde. Unbedingt in der App checken!
- Schienen-Gefahr: Tramschienen sind der Endgegner. Überquere sie niemals parallel oder spitzwinklig, sonst fädelt das Vorderrad ein und du liegst auf der Nase.
- Korb-Eigenheit: Der Gepäckträger vorne ist rahmenfest. Er dreht sich beim Lenken nicht mit. Das beeinflusst das Fahrgefühl in Kurven massiv.
Das Objekt der Begierde: Technik und Tücken des Rades
Du stehst nun vor einem dieser Räder. Sie sind silberfarben mit blauen Akzenten und wirken auf den ersten Blick so stabil wie ein Panzer. Das ist Absicht. Diese Fahrräder müssen Vandalismus, Regen und grobe Behandlung aushalten. Das Eigengewicht ist dementsprechend hoch. Wer hier ein leichtfüßiges Carbon-Rennrad erwartet, wird bitter enttäuscht. Es ist ein Nutzfahrzeug. Vorne befindet sich ein Korb, der fest mit dem Rahmen verbunden ist und sich nicht mit dem Lenker mitdreht. Das ist für Neulinge gewöhnungsbedürftig. Du lenkst nach links, aber der Korb zeigt stur geradeaus, was in den ersten Kurven für leichte Irritationen im Gleichgewichtssinn sorgen kann.
Die Gangschaltung ist meist eine simple Nabenschaltung mit drei oder sieben Gängen, bedienbar über einen Drehgriff am Lenker. Erwarte keine Präzision. Manchmal rutschen die Gänge durch oder knacken vernehmlich, bevor sie einrasten. Vor Fahrtantritt solltest du zwingend die Sattelhöhe prüfen. Der Schnellspanner ist oft extrem fest angezogen, damit niemand den Sattel klaut. Mit klammen Fingern im Novemberregen kann das Verstellen zu einer echten Kraftprobe werden. Ein kurzer Check der Bremsen ist ebenfalls Pflicht, denn bei hunderten Nutzern pro Monat ist der Verschleiß enorm, auch wenn die Wartungstrupps der MVG fleißig sind.
Der Ausleihvorgang in der Praxis
Hast du ein Rad gefunden, das fahrtüchtig aussieht, öffnest du die App. Auf der Karte siehst du alle verfügbaren Räder in der Umgebung. Du kannst ein Rad reservieren, was sinnvoll ist, wenn es das letzte weit und breit ist, meistens stehst du aber eh schon davor. Am hinteren Schutzblech oder am Lenker klebt ein QR-Code. Diesen scannst du mit der App. Alternativ tippst du die Radnummer ein. Dann passiert Magie, oder eben Technik: Das Rahmenschloss am Hinterrad springt mit einem satten "Klack" auf. Bei älteren Modellen musst du manchmal noch einen PIN-Code auf einem kleinen Display am Lenker eingeben, aber die Flotte wird stetig modernisiert.
Zieh den Riegel des Schlosses ganz zurück, bis er einrastet. Jetzt bist du im Geschäft. Die Uhr tickt. Ein wichtiger Hinweis für die Fahrt: Manche Räder verfügen über einen Bordcomputer, der dir die Mietdauer anzeigt. Verlass dich aber lieber auf deine eigene Uhr oder die App, denn die Displays sind bei starker Sonneneinstrahlung oft kaum lesbar oder wegen Feuchtigkeit beschlagen.
Überleben im Münchner Verkehr: Tramschienen und Radl-Rambos
München nennt sich gerne "Radlhauptstadt". Das ist ein schönes Marketingwort, das die Realität nur bedingt abbildet. Ja, es gibt viele Radwege. Aber diese sind oft schmal, enden abrupt oder führen über historisches Kopfsteinpflaster, das dir jede Plombe aus den Zähnen rüttelt. Die größte Gefahr für den ortsfremden Radler sind jedoch die Trambahnschienen. Sie haben exakt die Breite eines Fahrradreifens. Wer in einem spitzen Winkel hineingerät, stürzt unweigerlich. Überquere Schienen immer in einem möglichst stumpfen Winkel, idealerweise fast 90 Grad. Wenn das wegen des Verkehrs nicht geht: Absteigen.
Der Münchner an sich ist gemütlich, aber auf dem Radweg hört die Freundlichkeit auf. Hier herrscht Krieg. Wenn du auf dem Radweg trödelst oder unvorhersehbare Schlenker fährst, wirst du angeklingelt oder mit einem bayerischen Fluch bedacht. Ein herzhaftes "Schleich di, Oida!" ist da noch die höfliche Variante. Fahre rechts, fahre zügig und signalisiere jeden Abbiegevorgang deutlich per Handzeichen. Besonders an der Isar, der Hauptschlagader des Radverkehrs, gleicht der Weg an schönen Wochenenden einer überfüllten Autobahn. Hier sind Fußgänger, Hunde, Kinderwagen und Rennradfahrer auf engstem Raum unterwegs. Defensive Fahrweise ist hier kein Zeichen von Schwäche, sondern von Intelligenz.
Rückgabe und die Kostenfalle
Du bist angekommen, hast überlebt und willst das Rad loswerden. Hier lauert die finanzielle Gefahr. Das MVG-System unterscheidet zwischen dem Kerngebiet und dem Umland sowie zwischen festen Stationen und der freien Rückgabe. Innerhalb des Mittleren Rings und in einigen angrenzenden Vierteln kannst du das Rad fast überall an einer öffentlichen Straße abstellen (Free-Floating). Aber Vorsicht: Wenn du das Rad einfach irgendwo abstellst, wo es keine offizielle Station ist, zahlst du oft einen Aufpreis. Das Übersehen dieses Details sorgt regelmäßig für lange Gesichter beim Blick auf die Abrechnung.
Um Gebühren zu sparen, solltest du immer eine offizielle MVG Radstation ansteuern. Diese sind in der App mit einem blauen Pin markiert. Dort ist die Rückgabe kostenlos (abgesehen vom Minutenpreis). Stellst du das Rad außerhalb des Geschäftsgebiets ab, wird es richtig teuer, oder die Rückgabe ist technisch gar nicht möglich. Schau also vor Fahrtantritt genau in die Karte, wo du hinwillst.
Der physische Vorgang der Rückgabe ist simpel: Du drückst den Hebel am Rahmenschloss nach unten, bis er einrastet. Das System erkennt in der Regel automatisch, dass die Fahrt beendet ist. Die App bestätigt dies nach wenigen Sekunden. Warte unbedingt auf diese Bestätigung. Manchmal, wenn die Mobilfunkverbindung schlecht ist, registriert das System das Schließen des Schlosses nicht sofort. Dann läuft die Uhr weiter. Ein prüfender Blick auf das Display am Lenker (dort sollte "Ende" oder ähnliches stehen) oder in die App ist essenziell.