Es quietscht, es rattert und meistens ist es voll. Wer am Hauptbahnhof in die Trambahn der Linie 19 steigt, erwartet zunächst keinen Glanz, sondern den ganz normalen Münchner Alltagswahnsinn. Hier mischen sich Pendler mit ihren Aktentaschen, Schüler mit viel zu großen Rucksäcken und eben jene Reisende, die den Geheimtipp kennen. Der Hauptbahnhof selbst ist, sind wir mal ehrlich, keine Schönheit. Er ist ein funktionaler Klotz, der seinen Zweck erfüllt. Aber sobald sich die Türen der blauen Tram schließen und der Wagen mit einem leichten Ruck anfährt, lässt man die Hektik der Bahnhofshalle hinter sich. Der erste Abschnitt der Fahrt führt durch die Bayerstraße. Das ist noch nicht das Postkarten-München. Hier dominieren Hotels der Mittelklasse, Dönerläden und das geschäftige Treiben rund um den Bahnhofsvorplatz. Doch Geduld zahlt sich aus, denn die Transformation der Stadtlandschaft lässt nicht lange auf sich warten.
Schon nach wenigen Minuten Fahrtzeit ändert sich die Kulisse schlagartig. Die Tram biegt auf den Karlsplatz ein, den jeder Münchner nur "Stachus" nennt. Hier weitet sich der Blick. Linker Hand erhebt sich der Justizpalast, ein gewaltiger Bau aus der Gründerzeit, dessen neobarocke Fassade und die gläserne Kuppel fast etwas Einschüchterndes haben. Man kann sich gut vorstellen, wie hier früher Kutschen vorfuhren. Heute sind es eher Taxis und Lieferwagen, die sich den Platz mit der Straßenbahn teilen. Der Stachus ist ein Nadelöhr. Die Bahn muss hier oft warten, bis die Ampel ihr das Go gibt oder bis die Fußgänger, die oft wenig auf Verkehrsregeln geben, die Gleise geräumt haben. Das gibt einem Zeit, den Wittelsbacher Brunnen zu betrachten, der, auch wenn er technisch gesehen schon zum Lenbachplatz gehört, den Übergang zur vornehmen Innenstadt markiert. Im Sommer sitzen die Leute auf dem Rand des Brunnens, im Winter wirkt er oft etwas verwaist und grau, aber die wuchtigen Steinfiguren behalten ihre Würde.
Kurz & Kompakt - Ticket: Ein einfaches Einzelticket oder eine Streifenkarte für die Zone M genügt vollkommen. Wer den ganzen Tag unterwegs ist, fährt mit einer Tageskarte am besten.
- Fahrtrichtung: Die beschriebene Route ist in beiden Richtungen reizvoll, aber von Pasing/Hauptbahnhof kommend Richtung Berg am Laim baut sich die Dramaturgie der Gebäude (Stachus, Oper, Maximilianeum) etwas schöner auf.
- Fahrzeugtypen: Auf der Linie 19 verkehren meist moderne Avenio-Trams mit großen Fenstern. Mit etwas Glück erwischt man aber auch noch einen älteren R2-Typ, der etwas mehr ruckelt, aber sehr gemütlich ist.
Vom Lenbachplatz zur Theaterbühne der Stadt
Die Fahrt geht weiter in Richtung Lenbachplatz und Promenadeplatz. Jetzt wird es spürbar gediegener. Die Geschäfte wechseln ihr Sortiment. Statt Fast Food gibt es hier Designermöbel und teure Autos in den Schaufenstern zu sehen. Der Promenadeplatz ist einer dieser Orte, an dem man spürt, dass München eine reiche Stadt ist. Das Hotel Bayerischer Hof dominiert die Szenerie. Wer Glück hat und einen Fensterplatz auf der linken Seite ergattert hat, sieht vielleicht einen Portier in Uniform, der einem Gast die Tür aufhält. Es ist eine Welt für sich. Mitten auf dem Platz steht eine Statue, die oft mit Blumen und Fotos geschmückt ist. Es ist nicht etwa ein bayerischer König, der hier verehrt wird, sondern Orlando di Lasso, wobei die Fans den Sockel längst in eine inoffizielle Michael-Jackson-Gedenkstätte umgewandelt haben. Ein skurriles Detail, das man vom Bus aus kaum so intim wahrnehmen würde.
Die Tram kurvt nun durch die engen Straßen der Altstadt. Die Schienen singen hier oft ihr ganz eigenes Lied, wenn der Stahl in den Kurven reibt. Es geht vorbei an der Theatinerstraße, einer der teuersten Einkaufsstraßen Deutschlands, hinein in das Herz der ehemaligen Residenzstadt. Plötzlich öffnet sich der Raum erneut und man befindet sich auf dem Max-Joseph-Platz. Das ist der Moment, in dem die meisten Touristen hektisch nach ihren Kameras oder Handys greifen. Und man kann es ihnen nicht verübeln. Rechter Hand thront das Nationaltheater mit seinen mächtigen Säulen, die an einen griechischen Tempel erinnern. Linker Hand liegt die Residenz, das Stadtschloss der bayerischen Herrscher. Die Architektur hier ist wuchtig, klassizistisch und soll beeindrucken. Es ist die "gute Stube" Münchens. Wenn die Tram hier kurz hält, kann man die Leute beobachten, die auf den Stufen der Oper sitzen oder vor der Residenzpost flanieren. Es hat etwas fast Italienisches, besonders wenn die Sonne den gelben Stein der Gebäude zum Leuchten bringt.
Die Maximilianstraße: Prunk, Protz und Politik
Nach dem Max-Joseph-Platz biegt die 19er in die Maximilianstraße ein. Das ist nicht irgendeine Straße, das ist die Straße. Angelegt von König Maximilian II., sollte sie den "Bürklein-Stil" prägen, eine Mischung aus Neugotik und Renaissance, die für München so typisch ist. Heute ist sie vor allem als Meile der Luxuslabels bekannt. Gucci, Prada, Dior, sie sind alle da. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man für wenige Euro im öffentlichen Nahverkehr an Schaufenstern vorbeifährt, in denen Handtaschen stehen, die so viel kosten wie ein Kleinwagen. Die Trambahn wirkt hier fast wie ein demokratisches Korrektiv inmitten des Reichtums. Man sitzt in seinem Plastiksitz, schaut hinaus und ist Teil dieser Szenerie, ohne dazugehören zu müssen. Das hat was.
Neben dem Kommerz gibt es hier auch politische Macht zu sehen. Die Regierung von Oberbayern residiert in einem der prächtigen Terrakotta-Bauten. Die Gebäude stehen Spalier, die Straße ist breit, fast wie ein Boulevard in Paris, nur eben bayerischer. Die Bäume am Straßenrand werfen im Sommer angenehme Schatten, im Herbst färben sie sich golden und passen sich farblich fast schon kitschig perfekt an die Fassaden an. Der Verkehr ist hier oft dicht, Porsches und SUVs drängeln sich neben der Tram. Der Fahrer der Bahn muss oft die Klingel betätigen, ein durchdringendes Geräusch, das Fußgänger aufschreckt, die verträumt auf die Auslagen der Juweliere starren.
Über die Isar zum goldenen Engel
Dann kommt das Maxmonument. Die Tram fährt auf eine kleine Anhöhe zu, und in der Mitte einer Verkehrsinsel steht König Maximilian II. in Bronze gegossen auf seinem Sockel. Er schaut streng, vielleicht auch nur konzentriert. Um ihn herum tost der Verkehr. Die Bahn umrundet das Denkmal halb und fährt dann auf die Maximiliansbrücke. Das ist für viele der schönste Moment der ganzen Fahrt. Unter einem rauscht die Isar. Je nach Wasserstand ist sie mal ein reißender, grüner Gebirgsfluss oder ein gemütlich dahinplätscherndes Gewässer. Der Blick nach rechts und links ist grandios. Man sieht die Praterinsel, das Deutsche Museum in der Ferne und die Kirche St. Lukas mit ihrer markanten Kuppel. Vor einem aber baut sich das Maximilianeum auf. Es sitzt wie eine Krone am Ende der Sichtachse der Maximilianstraße.
Das Maximilianeum, Sitz des Bayerischen Landtags, leuchtet bei Sonnenschein fast golden. Die Fassade ist reich verziert, voller Bögen und Statuen. Die Tram muss sich hier anstrengen, es geht leicht bergauf. Sie fährt direkt auf das Gebäude zu, nur um im letzten Moment elegant nach rechts wegzuschwenken, als wolle sie dem Parlament ihre Reverenz erweisen, ohne es zu berühren. Man fährt quasi durch den Vorgarten der bayerischen Politik. Hier steigen oft Leute in Anzügen aus oder ein, Landtagsmitarbeiter oder Abgeordnete, die, man höre und staune, auch mal die Tram benutzen. Die Kurve um das Maximilianeum herum bietet noch einmal einen spektakulären Rückblick auf die Stadtsilhouette, bevor die Bahn in den Stadtteil Haidhausen eintaucht.
Haidhausen: Das Dorf in der Stadt
Sobald die Isar überquert ist, ändert sich die Atmosphäre erneut komplett. War es eben noch pompös und weitläufig, wird es nun gemütlich und fast kleinstädtisch. Wir sind in Haidhausen. Der Max-Weber-Platz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, hier steigen viele um zur U-Bahn. Das Gebäude des Klinikums rechts der Isar dominiert eine Seite des Platzes, ein historischer Backsteinbau, der Ruhe ausstrahlt. Die Tram 19 schlängelt sich weiter durch die Innere Wiener Straße. Hier gibt es keine Luxusboutiquen mehr, sondern kleine Cafés, Bäckereien und Antiquitätenläden. Die Häuser sind niedriger, die Farben bunter, die Fassaden oft liebevoll restauriert.
Der Höhepunkt dieses Abschnitts ist zweifellos der Wiener Platz. Wenn man Zeit hat, sollte man hier unbedingt aussteigen. Es ist einer der schönsten Plätze Münchens. In der Mitte stehen fest installierte Marktstände, an denen es alles gibt, was das bayerische Herz begehrt, von frischem Obst bis zum Leberkassemmel. Man hört das Klappern von Geschirr aus den umliegenden Wirtshäusern und im Sommer das Lachen aus dem Biergarten des Hofbräukellers. Der Wiener Platz hat sich seinen dörflichen Charme bewahrt, obwohl er mitten in der Millionenstadt liegt. Die Tram fährt hier langsam, oft weil Lieferwagen in zweiter Reihe parken oder Radfahrer die Spur blockieren. Aber das stört hier niemanden so richtig. Haidhausen tickt etwas langsamer.
Die Weiterfahrt führt noch ein Stück Richtung Berg am Laim, vorbei an Gründerzeitfassaden und neueren Wohnblöcken, aber für den reinen Sightseeing-Genuss endet die "Tour" meist am Wiener Platz oder spätestens am Ostbahnhof. Wer bis hierher gefahren ist, hat in etwa 20 bis 25 Minuten mehr von München gesehen als in mancher einstündigen Dokumentation. Und das Beste daran ist die Authentizität. Niemand inszeniert hier etwas für die Fahrgäste. Die Stadt zeigt sich so, wie sie ist. Mal laut, mal schön, mal voll, aber immer lebendig.
Praktische Tipps für die Fahrt
Es lohnt sich, die Fahrtzeiten etwas im Auge zu behalten. Morgens zwischen sieben und neun sowie am späten Nachmittag ist Rushhour. Dann kann die Tram 19 brechend voll sein. Man steht dann eingekeilt zwischen Schultaschen und Ellenbogen, und von der Aussicht hat man herzlich wenig, wenn man nur auf den Rücken des Vordermanns starrt. Die beste Zeit für eine Genussfahrt ist der späte Vormittag, so gegen elf Uhr, oder am Wochenende. Auch eine Nachtfahrt hat ihren Reiz, wenn die Maximilianstraße und das Nationaltheater beleuchtet sind und die Stadt in einem ganz anderen Licht erscheint.
Fahrkarten gibt es an jedem Automaten an den Haltestellen oder direkt in der Tram, wobei die Automaten im Fahrzeug oft nur Münzen nehmen oder manchmal defekt sind. Besser ist es, das Ticket vorher per App oder am Bahnsteig zu kaufen. Man braucht für die gesamte beschriebene Strecke lediglich ein Ticket für die Zone M. Das ist der normale Stadttarif. Es gibt keine Reservierungen, keine Audiguides und keine Garantie auf einen Sitzplatz. Aber vielleicht macht gerade das den Charme aus. Man ist kein passiver Konsument einer touristischen Dienstleistung, sondern für eine kurze Zeit ein Teil dieser Stadt. Und wenn am Ende der Schaffner oder der Fahrer eine grantige Durchsage macht, weil jemand die Tür blockiert, dann hat man auch gleich noch den berühmten Münchner Charme gratis dazu bekommen.