München

Biergarten-Knigge für Anfänger: So bewegst du dich sicher durch die Sitten und Gebräuche

Münchens Wohnzimmer liegt draußen und hat einen Boden aus Kies. Doch wer hier sitzt, muss die ungeschriebenen Gesetze kennen, denn ein falscher Handgriff am Biertisch sorgt schnell für Kopfschütteln. Hier erfährst du, wie du Fettnäpfchen vermeidest und wie ein Einheimischer genießt.

München  |  Essen, Trinken & Nachtleben
Lesezeit: ca. 8 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Es knirscht unter den Sohlen. Dieses Geräusch ist unverkennbar und gehört zu München wie das Läuten der Frauenkirche. Wenn du einen echten Münchner Biergarten betrittst, läufst du fast immer über hellen Kies. Das hat einen historischen Hintergrund, denn die Brauereien pflanzten einst Kastanien über ihren tiefen Lagerkellern, um das Bier im Sommer kühl zu halten. Da die flachen Wurzeln der Bäume den Boden aufbrachen, streute man Kies. Heute ist dieses Knirschen das akustische Signal für Feierabend. Es riecht nach Steckerlfisch, nach feuchter Erde und natürlich nach Malz. Ein Biergarten ist in dieser Stadt keine bloße Außengastronomie. Er ist eine Institution. Er ist ein eigener Staat mit eigenen Gesetzen, die jeder Besucher respektieren sollte, wenn er nicht sofort als "Zuagroaster", als Zugereister, enttarnt werden will.

Die wichtigste Unterscheidung triffst du oft schon in den ersten Sekunden, meist unbewusst. Es gibt zwei Zonen. Ignorierst du die unsichtbare Grenze zwischen ihnen, wirst du entweder vergebens auf eine Bedienung warten oder böse Blicke ernten, weil du dein Essen am falschen Ort auspackst. Der klassische Biergarten ist zweigeteilt. Es gibt den bedienten Bereich und den Selbstbedienungsbereich. Die Regel zur Erkennung ist simpel und doch stolpern viele darüber. Wo keine Tischdecke liegt, holst du dir dein Bier selbst. Liegt eine Decke auf dem Tisch, kommt die Bedienung. In manchen Gärten ist es noch einfacher geregelt, da stehen Schilder. Aber verlass dich lieber auf den Stoff. Nacktes Holz bedeutet Freiheit und Selbstversorgung.

Kurz & Kompakt
  • Die Zonen-Regel: Achte auf die Tischdecke. Keine Decke bedeutet Selbstbedienung (Essen darf mitgebracht werden), Decke bedeutet Service (Bestellung à la carte).
  • Das Mitbring-Gebot: Im Selbstbedienungsbereich gilt das Brotzeitrecht. Du darfst Speisen mitbringen, musst aber die Getränke vor Ort kaufen. Eigene Getränke sind tabu.
  • Die Platzwahl: "Dazusetzn" ist ausdrücklich erwünscht. Frage höflich "Is do no frei?" und nimm Platz. Smalltalk ist optional, aber keine Pflicht.
  • Der Maß-Knigge: Angestoßen wird mit dem robusten Boden des Kruges, dazu gehört zwingend Blickkontakt. Das Zusammenkippen von Resten (Noagerl) gilt als Todsünde.

Das heilige Brotzeitrecht

Wir müssen über Essen reden. In wohl keiner anderen Stadt der Welt darfst du dein eigenes Essen in ein Restaurant mitbringen. In München schon. Das sogenannte Brotzeitrecht ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, als die Wirte der umliegenden Gasthäuser Angst um ihre Existenz hatten, weil die Brauereien das Bier direkt ab Keller verkauften. König Ludwig I. erlaubte den Brauern zwar den Ausschank, verbot ihnen aber den Verkauf von Speisen. Die Gäste brachten ihr Essen einfach selbst mit. Dieses Gesetz ist längst gefallen, aber die Tradition hält sich hartnäckig. Du darfst im Selbstbedienungsbereich alles essen, was du tragen kannst.

Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Während Touristen oft nur eine Brezn an der Bude kaufen, packen Münchner Familien ganze Picknickkörbe aus. Da kommen Tupperdosen mit Fleischpflanzerl zum Vorschein, Radi, Obazda, hartgekochte Eier, Essiggurken und frisches Bauernbrot. Manche breiten sogar eine eigene Tischdecke aus. Wichtig ist dabei nur eine Sache. Die Getränke musst du beim Wirt kaufen. Das ist der Deal. Wer seine eigene Wasserflasche oder gar Dosenbier aus dem Rucksack zieht, begeht eine Todsünde. Das wird nicht toleriert und führt im schlimmsten Fall zum Rauswurf. Sei also fair. Der Wirt stellt den Platz, die Musik und die Toilette, du kaufst das Bier bei ihm.

Die Sache mit der Maß

Das Standardmaß für Bier ist hier, wie der Name schon sagt, die Maß. Ein Liter. Nicht weniger. Wer an der Schänke ein "großes Bier" bestellt, outet sich sofort als Fremdkörper. Es heißt "eine Maß". Ein "Helles" ist der Standard. Wer ein kleines Bier will, bestellt eine "Halbe", aber das wird in traditionellen Gärten oft nur ungern gesehen oder gar nicht erst ausgeschenkt, außer beim Weißbier. Wenn du an der Schänke stehst, beobachte den Vorgang genau. Die Schankkellner arbeiten im Akkord. Ein kurzes Nicken, ein Handzeichen. Das Bier schießt in den Krug, der Schaum setzt sich, es wird nachgeschenkt. Manchmal wird der Krug kurz ins Wasserbad getaucht, um ihn zu kühlen und den Schaum zu bändigen. Nimm den Krug fest am Henkel, niemals, wirklich niemals, mit der Hand um das Glas greifen. Das wärmt das Bier auf. Und warmes Bier ist hier ein Grund für schlechte Laune.

Es gibt ein Phänomen, das du kennen solltest, auch wenn du es vielleicht nicht selbst praktizieren willst. Das "Noagerl". So nennt der Bayer den abgestandenen Rest im Glas, der meist schon warm und ohne Kohlensäure ist. Es gilt als absolut verpönt, dieses Noagerl in das frische Bier zu kippen. Das macht man einfach nicht. Ein echter Genießer trinkt aus, lässt den winzigen Rest stehen und holt sich eine frische Maß. Wenn du zusiehst, wie jemand Reste zusammenschüttet, weißt du, dass es ihm nicht um den Genuss geht.

Körperkontakt und Kommunikation

Münchner Biergärten sind voll. Bei schönem Wetter ist es fast unmöglich, einen leeren Tisch zu finden. Das macht aber nichts, denn hier herrscht ein pragmatisches Verständnis von Privatsphäre. Man teilt sich den Tisch. Das Prinzip nennt sich "Dazusetzn". Du siehst einen Tisch, an dem noch Platz auf der Bank ist? Du gehst hin. Du fragst kurz und knapp: "Is do no frei?". Die Antwort ist meist ein Nicken oder ein "Ja, freilich". Dann setzt du dich. Fertig.

Der Fehler, den viele machen, ist die Erwartungshaltung an das, was danach folgt. Nur weil du dich an den Tisch gesetzt hast, bist du nicht automatisch in ein Gespräch verwickelt. Es ist völlig in Ordnung, schweigend sein Bier zu trinken, in die Kastanien zu starren oder ein Buch zu lesen, während dreißig Zentimeter neben dir eine fremde Familie über die Schule streitet. Man existiert gemeinsam, aber nicht zwingend miteinander. Natürlich ergeben sich oft Gespräche, besonders wenn der Alkoholpegel steigt, aber es ist kein Muss. Diese Art der distanzierten Geselligkeit ist typisch für die bayerische Seele. Man ist gern unter Leuten, will aber auch seine Ruhe haben.

Das Prosit der Gemütlichkeit

Wenn angestoßen wird, dann richtig. Die massiven Glaskrüge sind stabil, sie halten was aus. Man stößt nicht oben am Rand an, wo das Glas am dünnsten ist, sondern unten am massiven Boden. Das erzeugt nicht nur ein satteres Geräusch, sondern verhindert auch Glasbruch. Und ganz wichtig ist der Blickkontakt. Wer beim Anstoßen auf den Tisch oder an seinem Gegenüber vorbei schaut, gilt als unhöflich oder, je nach Aberglaube, zieht sich sieben Jahre schlechten Sex zu. Also: Augen auf, Krug hoch, "Prost".

Manchmal spielt eine Blaskapelle im Pagoden-Turm, oft der "Chinesische Turm" im Englischen Garten oder ähnliche Bauten. Wenn die Musik spielt, wird es lauter. Aber niemand tanzt auf den Tischen. Das ist das Oktoberfest, nicht der Biergarten. Im Biergarten bleibt man sitzen. Die Stimmung ist entspannt, fast meditativ, trotz der tausenden Menschen. Es ist ein tiefes Grummeln der Unterhaltungen, unterbrochen vom Lachen und dem Klirren der Krüge. Ich finde, es gibt kaum ein beruhigenderes Geräusch als dieses gleichmäßige Rauschen an einem Sommerabend.

Pfand, Logistik und der Abgang

Du hast dein Bier und dein Essen genossen. Jetzt geht es ans Aufräumen. In den meisten großen Gärten gibt es ein Pfandsystem für die Krüge. Du bekommst beim Kauf eine kleine Plastikmarke. Verlierst du die Marke, ist das Pfandgeld weg. Das System ist gnadenlos. Also steck die Marke gut ein, am besten in die Hosentasche, nicht einfach auf das Tablett legen, wo sie im Wind wegweht. Beim Rückgeben der Krüge an der Sammelstelle herrscht oft reger Betrieb. Hier wirft man die Krüge nicht einfach hin, sondern stellt sie auf das Fließband oder in die vorgesehenen Kisten.

Wenn die Glocke läutet, ist Schluss. Der "Ausschankschluss" ist heilig und wird meist gegen 22:30 Uhr oder 23:00 Uhr rigoros durchgesetzt. Wenn das Licht ausgeht oder die Glocke bimmelt, gibt es kein "nur noch eins". Die Bedienungen und Schankkellner machen da keine Ausnahmen. Dann leert sich der Kiesplatz erstaunlich schnell. Zurück bleiben nur die leeren Krüge und die Stille der Nacht. Es hat etwas Melancholisches, wenn die Lichterkette erlischt. Aber keine Sorge, morgen Mittag, wenn die Sonne hoch steht, beginnt das Knirschen von vorne.

Das richtige Mindset

Vielleicht ist der wichtigste Tipp gar keine Regel, sondern eine Einstellung. Im Biergarten hat niemand es eilig. Wenn du gestresst bist, geh lieber woanders hin. Hier wartet man geduldig in der Schlange für das Bier. Man genießt den Schatten. Man beobachtet die Spatzen, die frech versuchen, Krümel von der Brezn zu stibitzen. Grantler, also nörgelnde Zeitgenossen, gibt es zwar immer wieder mal, aber meistens werden sie vom kollektiven Phlegma der Masse einfach absorbiert. Lass dich treiben. Nimm die Umgebung wahr. Das Licht, das durch die Blätter bricht und Muster auf den Tisch malt. Den Geruch von Holzkohle. Das ist München. Alles andere ist nur Großstadt.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen