Hamburg

Automuseum Prototyp: Rennwagen-Legenden und Ingenieurskunst

In einem denkmalgeschützten Fabrikbau der HafenCity triffst du auf rare Unikate und die wahnwitzigen Geschichten ihrer Erbauer. Ein Ort für alle, die verstehen wollen, wie aus kritzeligen Skizzen echte Legenden wurden.

Hamburg  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 7 Min.
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Zwischenablage

Wenn du durch die moderne HafenCity schlenderst, vorbei an den glatten, teils fast schon arroganten Glasfassaden der Bürotürme, wirkt das Gebäude an der Shanghaiallee fast wie ein Relikt aus einer ehrlicheren Zeit. Das Automuseum Prototyp residiert in einem denkmalgeschützten Fabrikgebäude von 1902. Früher wurden hier Gummiwaren und Schreibfedern produziert, heute beherbergt der Bau Träume aus Blech und Aluminium. Schon beim Betreten merkst du, dass dies kein gewöhnliches Firmenmuseum ist, wo ein einzelner Konzern sich selbst auf die Schulter klopt. Es ist privat geführt, und das spürt man an jeder Ecke. Die Gründer Thomas König und Oliver Schmidt haben hier keine sterile Halle hochgezogen, sondern einen Raum geschaffen, der Atmet.

Der dunkle Holzboden knarrt vielleicht nicht, aber er gibt dem Ganzen eine Wärme, die man in den gefliesten Hallen von Stuttgart oder München oft vergeblich sucht. Die Beleuchtung ist gedämpft, fokussiert sich ganz auf die Exponate. Es hat fast etwas von einer Kunstgalerie, nur dass hier keine Ölgemälde hängen, sondern technologische Skulpturen stehen. Manchmal muss man zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass diese Objekte tatsächlich dazu gebaut wurden, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über unbefestigte Straßen zu jagen.

Kurz & Kompakt
  • Ort & Zugang: Shanghaiallee 7, mitten in der HafenCity. Der Eingang ist barrierefrei und gut zu finden, da das Backsteingebäude aus der modernen Umgebung heraussticht.
  • Fokus: Keine reine Oldtimer Show, sondern Schwerpunkt auf Konstrukteure, Rennfahrer und Prototypen der deutschen Nachkriegszeit (Porsche, VW).
  • Besonderheit: Offene Gestaltung ohne störende Absperrungen bei den meisten Exponaten; gläserne Werkstatt und Audioinstallationen für Motorensounds.
  • Zeitbedarf: Plane entspannte 1,5 bis 2 Stunden ein, plus Zeit für einen Kaffee im "Erlkönig".

Die Helden der Nachkriegszeit

Der Fokus der Sammlung liegt ganz klar auf der deutschen Nachkriegsrennsportera. Wir reden hier von einer Zeit, als Ingenieure noch echte Tüftler waren und Rennfahrer oft genug selbst zum Schraubenschlüssel griffen. Besonders spannend ist dabei, dass der Begriff Prototyp hier sehr wörtlich genommen wird. Viele der ausgestellten Fahrzeuge waren Versuchsträger. Sie sind unfertig, roh und tragen die Narben ihrer Testfahrten fast schon mit Stolz. Du siehst Schweißnähte, die nicht glattgeschliffen wurden, und Karosserieteile, die noch die Spuren der Hämmer tragen, mit denen sie in Form getrieben wurden.

Ein absolutes Highlight, an dem man nicht einfach vorbeigehen kann, ist der Vorläufer aller Porsche. Der sogenannte Berlin Rom Wagen, oder Typ 64. Die Formgebung ist so futuristisch fließend, dass sie selbst heute noch modern wirkt. Dabei stammt das Design aus den späten 30er Jahren. Er steht da wie ein silbergrauer Monolith der Aerodynamik. Was dieses Museum so sympathisch macht, ist die Ehrlichkeit im Umgang mit der Geschichte. Es wird nicht verschwiegen, dass Ferdinand Porsche genial, aber historisch auch ambivalent war. Die Texte an den Wänden sind erfrischend sachlich und kommen ohne die übliche Lobhudelei aus.

Vom Fetzenflieger und einarmigen Teufeln

Vielleicht bleibst du an einem Fahrzeug hängen, das aussieht, als hätte jemand den Inhalt einer Schrottkiste mit einem Flugzeugmotor gekreuzt. Das ist der Fetzenflieger. Allein der Name ist großartig. Er gehörte Otto Mathé, einer der schillerndsten Figuren des österreichischen Rennsports. Mathé fuhr Rennen mit nur einem funktionstüchtigen Arm, nachdem er den anderen bei einem Unfall verloren hatte. Er schaltete, lenkte und bremste mit einer Wildheit, die seine Konkurrenten verzweifeln ließ. Sein Auto ist ein mechanisches Kuriosum, offen, gefährlich und faszinierend zugleich.

Es sind diese Geschichten, die den Besuch so lohnenswert machen. Du stehst vor dem Auto und stellst dir vor, wie dieser Mann bei Eis und Schnee über Alpenpässe jagte, den Oberkörper aus dem Cockpit gelehnt, den Blick stur auf die nächste Kurve gerichtet. Man bekommt hier ein Gefühl für den Wahnsinn, der nötig war, um den Motorsport dorthin zu bringen, wo er heute ist. In den Vitrinen ringsum liegen persönliche Gegenstände: Helme, die eher wie Lederkappen aussehen, und Brillen, die kaum Schutz vor Steinschlag boten. Das macht die Gefahr greifbar.

Mehr als nur alte Autos

Wer glaubt, hier stünden nur verstaubte Oldtimer, der irrt gewaltig. Die Kuratoren schlagen immer wieder die Brücke zur Moderne. Ein Jordan Formel 1 Bolide, in dem Michael Schumacher 1991 seine ersten Runden drehte, leuchtet in seinem ikonischen Grün fast giftig im Raum. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Dimensionen verändert haben. Vergleicht man die filigranen Rennwagen der 50er Jahre mit den aerodynamischen Monstern der Neuzeit, wird der technologische Quantensprung sofort sichtbar. Dennoch, und das ist das Kuriose, wirken die alten Kisten oft emotionaler.

Für Technikfreaks gibt es noch ein besonderes Schmankerl: Die gläserne Werkstatt. Wenn man Glück hat, wird dort gerade gearbeitet. Man kann den Mechanikern dabei zusehen, wie sie alte Motoren zerlegen oder Bleche dengeln. Nichts ist hinter verschlossenen Türen versteckt. Dieser Werkstattgeruch zieht manchmal ganz leicht in die Ausstellung und vermischt sich mit dem Duft des Kaffees aus dem hauseigenen Café. Es ist authentisch. Hier wird nicht so getan als ob, hier wird gemacht. Ein echter Hamburger Schnack mit dem Personal lohnt sich übrigens fast immer, denn viele der Mitarbeiter sind selbst Enthusiasten und wissen Details, die auf keiner Infotafel stehen.

Akustik und Atmosphäre

Das Museum setzt nicht nur auf visuelle Reize. An sogenannten Audioboxen kannst du dir den Sound der Motoren anhören. Das mag banal klingen, ist aber essentiell. Ein alter Boxermotor klingt nun mal anders als ein moderner V6 Hybrid. Dieses heisere Röcheln, das aggressive Bellen beim Gasgeben, das gehört zum Gesamterlebnis dazu. Manchmal schließt man kurz die Augen und wähnt sich an der Rennstrecke von Le Mans oder auf dem Nürburgring.

Architektonisch ist die Integration der Ausstellung in den alten Speicherbau hervorragend gelungen. Die Stahlsäulen und die hohen Decken geben den Exponaten Luft zum Atmen. Es ist nie eng oder überladen. Man hat Platz, um die Fahrzeuge zu umrunden und die Linienführung aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Anders als in manch anderen Museen gibt es hier kaum Absperrungen. Natürlich sollst du die Autos nicht antatschen, aber es gibt keine dicken Kordeln, die dich auf fünf Meter Abstand halten. Du kannst ganz nah ran, kannst die Struktur des Lacks sehen und die winzigen Kratzer im Metall, die von einem bewegten Leben zeugen.

Eine Pause im Erlkönig

Nach all dem Input braucht der Kopf eine Pause. Das Museumscafé namens Erlkönig ist dafür der richtige Ort. Auch hier setzt sich der Stil fort: Retro Möbel, automoblie Devotionalien an den Wänden, aber nicht kitschig, sondern stilvoll. Der Kaffee ist ordentlich, und oft sitzen hier Leute, die gerade leidenschaftlich über Vergaserabstimmungen oder das Design des neuen Porsche 911 diskutieren. Es ist ein Treffpunkt für die Szene, aber auch für Touristen, die einfach nur die Atmosphäre der HafenCity genießen wollen. Von hier aus kann man das Treiben auf der Straße beobachten und das Gesehene sacken lassen.

Warum sich der Weg lohnt

Das Automuseum Prototyp ist kein riesiger Themenpark. Wer hunderte von Autos erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Aber wer Qualität vor Quantität stellt, der ist hier goldrichtig. Es geht um die Tiefe der Informationen und die Sorgfalt der Auswahl. Die Ausstellung wechselt zudem regelmäßig durch Sonderausstellungen, sodass sich auch ein zweiter Besuch lohnt. Es ist ein Ort, der Respekt vor der Ingenieursleistung vermittelt, ohne dabei trocken oder akademisch zu wirken.

Gerade in einer Stadt wie Hamburg, die oft wettertechnisch eher grau in grau daherkommt, ist dieser Ort ein wunderbarer Farbtupfer. Man taucht für zwei Stunden in eine Welt ein, in der alles möglich schien, solange man nur mutig genug war, das Gaspedal durchzudrücken. Es ist ein Stück Kulturgeschichte, verpackt in schönstes Blech. Wenn du dich also auch nur ein kleines bisschen für Technik, Design oder menschliche Pionierleistungen interessierst, dann ab in die Shanghaiallee.

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