Es ist schon ein gewaltiger Klotz, der da an der Koreastraße steht. Der Kaispeicher B ist das älteste Bauwerk der Speicherstadt, fertiggestellt 1879, also noch bevor der eigentliche Zollanschluss Hamburgs vollzogen wurde. Backstein, schwer und düster, fast wie eine Festung gegen die Moderne. Wenn du davor stehst, spürst du förmlich die Last der Jahre. Früher lagerten hier Rum, Tabak und Wein, Güter aus der ganzen Welt, die von den Schauermännern unter ächzenden Balken gestapelt wurden. Heute lagert hier Wissen. Und zwar tonnenweise.
Man muss kein Seebär sein, um die Architektur zu schätzen. Im Inneren dominieren gusseiserne Säulen und dicke Holzbalken, die noch immer den herben Charme der Hafenarbeit atmen. Der Umbau zum Internationalen Maritimen Museum hat diese Substanz respektiert. Es wirkt alles sehr solide, sehr hanseatisch. Nichts wackelt. Nichts ist nur Fassade. Hier heißt es Butter bei die Fische: Der Inhalt zählt. Und der Inhalt ist die Privatsammlung von Peter Tamm. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags hat sein Leben lang gesammelt. Alles. Wirklich alles, was irgendwie schwimmen kann oder mit Schifffahrt zu tun hat.
Kurz & Kompakt - Lage & Anfahrt: Koreastraße 1, Kaispeicher B. Am besten mit der U4 bis "Überseequartier" fahren. Von da sind es nur ein paar Minuten zu Fuß durchs Quartier. Parken ist in der Gegend teuer und nervig, lass das Auto lieber stehen.
- Tickets & Preise: Nicht ganz billig. Erwachsene zahlen regulär um die 17 Euro. Es gibt aber ein "Störtebeker-Ticket" für den späten Nachmittag (ab 16:00 Uhr), das ist deutlich günstiger. Perfekt für einen kurzen Schnupperkurs.
- Barrierefreiheit: Überraschend gut für so einen alten Kasten. Es gibt Aufzüge, die alle Decks verbinden. Auch mit Rollstuhl oder Kinderwagen kommt man gut durch, auch wenn es zwischen den Vitrinen an manchen Stellen eng wird.
- Highlight für Kids: Neben der Lego-Queen Mary 2 gibt es eine Rallye durchs Museum und einen Simulator auf Deck 1, wo man selbst Kapitän spielen kann. Das hält den Nachwuchs bei Laune, während die Eltern alte Seekarten studieren.
Der Start im Erdgeschoss
Schon im Foyer merkt man, dass hier geklotzt wird. Ein riesiger Schiffspropeller empfängt die Besucher, aber der Blick wandert schnell weiter. Es gibt einen Museumsshop, klar, den gibt es überall. Aber hier liegt der Fokus auf Fachliteratur, die so spezifisch ist, dass man sie kaum im normalen Buchhandel findet. Bevor es nach oben geht, solltest du kurz innehalten. Die Akustik in diesem alten Gemäuer ist speziell. Gedämpft. Fast ehrfürchtig. Man ist weit weg vom Trubel der HafenCity draußen.
Die Struktur des Museums ist logisch aufgebaut: Es geht von Deck zu Deck, also von Stockwerk zu Stockwerk. Man fängt idealerweise unten an oder fährt mit dem Fahrstuhl ganz nach oben und arbeitet sich runter. Die meisten Besucher wählen den Weg von unten nach oben, der Chronologie und der körperlichen Ertüchtigung wegen. Neun Decks sind ein strammes Programm. Wer hier durchhetzt, ist selber schuld. Nimm dir Zeit. Mindestens drei Stunden, besser einen halben Tag.
Deck 1 und 2: Wo alles begann
Auf Deck 1 dreht sich alles um die Navigation und Kommunikation. Es ist faszinierend und gleichzeitig ernüchternd zu sehen, mit welch simplen Mitteln sich Menschen früher auf den riesigen, lebensfeindlichen Ozeanen orientiert haben. Sextanten, Oktanten, Jakobsstäbe. Vitrinen voll mit Messinginstrumenten, die in ihrer Präzision fast wie Schmuckstücke wirken. Manchmal fragt man sich, wie viele Schiffe wohl verloren gingen, weil der Navigator sich verrechnet hat oder der Chronometer nicht genau lief.
Einen Stock höher wird es romantisch, zumindest auf den ersten Blick. Die Segelschiffe. Hier stehen Modelle von Windjammern, die so detailliert sind, dass man fast die imaginäre Crew in den Wanten klettern sieht. Besonders beeindruckend sind die sogenannten Knochenschiffe. Diese Modelle wurden von französischen Kriegsgefangenen während der Napoleonischen Kriege geschnitzt. Aus den Resten ihrer Essensrationen. Rinderknochen, Suppenknochen. Wenn man das weiß, sieht man die filigranen Arbeiten mit ganz anderen Augen. Es ist Kunst, geboren aus Elend und Langeweile. Ein ziemlicher Kontrast zu den prunkvollen Modellen der königlichen Yachten ein paar Meter weiter.
Die Technik und der Krieg
Deck 3 erzählt die Geschichte vom Wandel. Vom Wind zum Dampf, vom Holz zum Stahl. Die Ingenieurskunst steht hier im Vordergrund. Man sieht Querschnitte von Kesseln und Turbinen. Für Techniknerds ist das der Himmel, für andere vielleicht etwas trocken. Aber es ist notwendig, um zu verstehen, wie die Weltwirtschaft heute funktioniert. Ohne diese Maschinen gäbe es keine Globalisierung.
Schwieriger wird es auf Deck 5. Kriegsmarinen. Das Thema ist heikel. Das Museum zeigt hier tausende von Uniformen, Orden, Waffen und Modellen von Kriegsschiffen. Manche Kritiker werfen der Ausstellung eine gewisse Distanzlosigkeit vor, eine Art Faszination für das Militärische. Und ja, wenn man vor den Reihen glänzender Säbel und perfekt gebügelter Uniformen steht, kann man diesen Eindruck gewinnen. Es fehlt ein wenig die Einordnung des Leids, das diese Flotten verursacht haben. Es ist eine Sammlung, keine kritische Dekonstruktion. Das muss man wissen und aushalten können. Dennoch ist die Fülle des Materials objektiv überwältigend. Von der kaiserlichen Marine bis zur Gegenwart ist alles da.
Handel, Forschung und die Tiefe
Viel sympathischer ist da Deck 6 und 7. Die zivile Schifffahrt und die Meeresforschung. Hier wird gezeigt, wie der Container die Welt verändert hat. Es gibt Modelle der ersten Containerschiffe und Dioramen von Hafenanlagen. Man begreift, warum Hamburg heute so aussieht, wie es aussieht. Der Container hat die alten Speicher überflüssig gemacht und dieses Museum erst ermöglicht. Ironie der Geschichte.
Auf Deck 7 wird es dunkel. Die Tiefsee. Biologische Präparate von Fischen, die aussehen wie aus einem Albtraum, und Modelle von Forschungs-U-Booten. Es ist der Bereich, der Kindern meistens am besten gefällt. Man lernt viel über Strömungen, über den Meeresboden und darüber, wie wenig wir eigentlich über unseren eigenen Planeten wissen. Es ist ein ruhiges Deck, fast meditativ.
Kunst und der Miniatur-Wahnsinn
Deck 8 ist eine Pinakothek. Peter Tamm hat auch Gemälde gesammelt. Seestücke, Marinemalerei. Vieles davon ist handwerklich solide, manches ist große Kunst. Es sind Stürme in Öl, ruhige Häfen in Aquarell. Man kann sich auf eine Bank setzen und einfach nur schauen. Die Bilder geben dem Ganzen eine emotionale Ebene zurück, die bei den technischen Modellen manchmal fehlt.
Und dann kommt Deck 9. Die Krönung oder der Wahnsinn, je nach Sichtweise. Die Welt der kleinen Schiffe. Maßstab 1:1250. Zehntausende von Miniaturmodellen. Sie stehen in endlosen Reihen in flachen Vitrinen. Jedes Schiff, das jemals eine gewisse Bedeutung hatte, scheint hier zu stehen. Wer gute Augen hat, erkennt Details, die mit bloßem Auge kaum zu sehen sind. Wer schlechte Augen hat, sieht nur ein Meer aus grauem und buntem Metall. Es ist der Beweis für die Obsession des Sammlers. Man fragt sich unweigerlich, wo Tamm das alles zu Hause gelagert hat, bevor er das Museum gründete. Wahrscheinlich musste die Familie in der Garage schlafen. Oder im Gartenhaus. Es ist eine Masse an Objekten, die das Gehirn kaum verarbeiten kann.
Zwischen den Zeilen
Was das Museum besonders macht, ist nicht nur die Exponatdichte. Es ist der Ort selbst. Immer wieder geben die Fenster den Blick frei. Mal auf die Fleete, mal auf die moderne HafenCity, mal Richtung Elbphilharmonie. Der Kontrast zwischen drinnen und draußen ist stark. Drinnen die konservierte Geschichte, draußen die sich ständig wandelnde Stadt. Man hört manchmal das Hupen einer Barkasse, wenn der Wind ungünstig steht, aber meistens ist es still.
Ein kleiner Tipp am Rande: Wenn du Hunger bekommst, gibt es im Erdgeschoss das Bistro "Alte Liebe". Der Name ist Programm, ein bisschen touristisch, aber das Essen ist solide. Man sitzt gut. Alternativ gehst du einfach ein paar Schritte weiter in die Speicherstadt. Da gibt es genug Cafés, wo man nicht den Museumszuschlag zahlt.
Das Internationale Maritime Museum ist kein Ort für Multimedia-Shows und interaktive Touchscreens an jeder Ecke. Es ist ein klassisches Museum. Es verlangt Aufmerksamkeit. Man muss lesen wollen. Man muss schauen wollen. Es ist analog in einer digitalen Welt. Und genau das macht es irgendwie sympathisch. Es biedert sich nicht an. Es steht da wie der Kaispeicher selbst: massiv, unerschütterlich und voll bis unter das Dach.
Fazit für den Besuch
Lohnt es sich? Ja. Aber man muss selektieren. Wer versucht, jedes Schild zu lesen und jedes Schiffsmodell zu betrachten, wird scheitern und mit Kopfschmerzen rausgehen. Such dir Themen aus. Navigiere durch das Museum wie ein Kapitän durch ein Riff. Lass Dinge links liegen, die dich nicht interessieren. Verweile dort, wo es dich packt. Und wenn es nur die Knochenschiffe oder die riesige Lego-Queen Mary 2 sind (ja, die gibt es da auch, knapp eine Million Steine, ein Monster aus Plastik).