Es gibt Orte in Hamburg, die riecht man, bevor man sie sieht. Der Fischmarkt ist so einer, und Spicy’s Gewürzmuseum ist definitiv ein anderer. Sobald sich die schwere Tür im Block L am Sandtorkai öffnet, schlägt einem eine Wand aus Düften entgegen. Es ist keine feine, parfümierte Note. Es ist eine wuchtige Mischung aus Nelken, Zimt und einer Schärfe, die leicht in der Nase kribbelt. Draußen pfeift vielleicht der Wind durch die Fleete der Speicherstadt, drinnen aber herrscht eine trockene, aromatische Wärme. Man steht auf knarzenden Holzdielen. Die sind original. Hier wurde gearbeitet, geschleppt und gelagert, lange bevor Touristen den Weg über die Brücken fanden. Das Museum liegt im ersten Stock eines dieser massiven Backsteingebäude, die seit dem späten 19. Jahrhundert das Bild des Hafens prägen. Man muss wissen, dass die Speicherstadt nicht nur Kulisse ist. Sie war der Bauch von Hamburg. Und in diesem Bauch landete alles, was exotisch und teuer war.
Das Museum selbst ist kein steriler Ausstellungsraum mit Vitrinen, hinter denen sich staubige Exponate verstecken. Ganz im Gegenteil. Es wirkt eher wie ein begehbares Lagerhaus, in dem die Arbeiter gerade erst Pause machen. Jutesäcke stapeln sich an den Wänden, einige sind oben aufgeschnitten und geben den Blick auf ihren Inhalt frei. Man darf hineingreifen. Das ist selten in deutschen Museen, wo meistens ein strenger Blick des Aufsichtspersonals jede Berührung im Keim erstickt. Hier soll man die Struktur von rohen Kakaobohnen fühlen oder die raue Oberfläche von Sternanis ertasten. Es staubt ein bisschen. Das gehört dazu.
Kurz & Kompakt- Adresse & Zugang: Am Sandtorkai 34, 20457 Hamburg. Mitten in der Speicherstadt. Achtung: Der Eingang liegt etwas versteckt im Hof, man muss die Augen offenhalten.
- Öffnungszeiten: Täglich von 10:00 bis 17:00 Uhr. Ein Besuch lohnt sich auch bei Schietwetter, da es drinnen herrlich warm und trocken ist.
- Besonderheit: Audioguides sind verfügbar und sehr zu empfehlen, um die Geschichten hinter den Exponaten zu verstehen. Es gibt auch oft kleine Probierhäppchen (z.B. Zimtgebäck).
- Tipp: Kombinierbar mit einem Spaziergang zur Elbphilharmonie, die nur wenige Gehminuten entfernt liegt.
Vom Pfeffersack und der weiten Reise
Wer in Hamburg Geld hatte, wurde früher oft etwas despektierlich als Pfeffersack bezeichnet. Der Begriff kommt nicht von ungefähr. Pfeffer war Gold wert. In einer Sektion des Museums wird sehr anschaulich erklärt, welchen Weg die kleinen Körner zurücklegen mussten, bis sie in der norddeutschen Tiefebene landeten. Man lernt schnell, dass das, was wir heute gedankenlos über das Frühstücksei mahlen, früher ein Vermögen kostete. Die Ausstellung zeigt alte Frachtbriefe und Transportbehälter. Es ist faszinierend zu sehen, wie mühsam der Transport war. Keine klimatisierten Container, sondern Segelschiffe, die monatelang unterwegs waren. Feuchtigkeit war der Feind. Ein ganzer Schiffsbauch voller Gewürze konnte verderben, wenn Wasser eindrang. Das Risiko reiste immer mit.
Interessant ist dabei die Darstellung der Anbaugebiete. Eine große Weltkarte zeigt, wo der Pfeffer wächst. Und nicht nur der. Muskatnuss von den Molukken, Zimt aus Ceylon, Piment aus der Karibik. Man bekommt ein Gefühl für die Dimensionen des Handels. Hamburg war und ist einer der wichtigsten Umschlagplätze für Gewürze weltweit. Auch wenn heute vieles automatisiert abläuft und in riesigen Logistikzentren vor der Stadt verschwindet, ist die Speicherstadt das historische Herz dieses Handels. Früher roch das ganze Viertel so wie dieses Museum heute. Wenn die Fenster offenstanden und der Wind ungünstig stand, hatte halb Hamburg den Duft von Kardamom in der Nase. Oder eben Gestank, je nachdem, was gerade lagerte.
Maschinen, Mörser und Mechanik
Zwischen den Säcken stehen Maschinen, die aus einer Zeit stammen, als "Digitalisierung" noch ein Fremdwort war. Es sind massive Ungetüme aus Gusseisen, angetrieben von Riemen und Muskelkraft. Sortiermaschinen, die schlechte Pfefferkörner von guten trennten. Mahlwerke, die so robust aussehen, dass sie vermutlich auch Kieselsteine zu Pulver verarbeiten könnten. Man sieht diesen Geräten an, dass sie für die Ewigkeit gebaut wurden. Sie haben Kratzer, Dellen und eine Patina, die man nicht künstlich herstellen kann. Ein Highlight für Technikfans ist sicher die alte Gewürzmühle, die demonstriert, wie mechanisch aufwendig es war, aus harten Wurzeln oder Rinden feines Pulver zu machen.
Nicht minder spannend sind die kleineren Werkzeuge. Mörser aus verschiedensten Materialien und Epochen stehen in Regalen. Messing, Stein, Holz. Jeder Mörser erzählt eine kleine Geschichte darüber, wie Menschen in unterschiedlichen Kulturen ihre Würze zerkleinerten. Manche sind schlicht, andere kunstvoll verziert. Es fällt auf, dass das Kochen und Würzen schon immer mehr war als nur Nahrungsaufnahme. Es war Ritual. Und harte Arbeit. Wer schon mal versucht hat, eine Stange Zimt im Mörser zu pulverisieren, weiß, wovon die Rede ist. Da bekommt man Respekt vor der Küchenarbeit der Vorfahren.
Die Botanik hinter dem Geschmack
Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich der Pflanze selbst. Denn das braune Pulver im Supermarktregal hat ja einen Ursprung in der Natur. Hier lernt man Details, die man im Biologieunterricht wahrscheinlich verschlafen hätte. Zum Beispiel die Sache mit dem Pfeffer. Schwarz, Weiß, Grün, Rot. Alles die gleiche Pflanze? Ja und nein. Es kommt auf den Erntezeitpunkt und die Verarbeitung an. Der echte Rote Pfeffer ist selten und teuer, während der oft in Mischungen enthaltene rote "Pfeffer" eigentlich eine Schinusbeere ist und gar kein echter Pfeffer. Solche Fakten sind es, die man hier mitnimmt. Oder Vanille. Eine Orchidee, die extrem zickig ist. Sie muss oft von Hand bestäubt werden, was den hohen Preis erklärt. Bilder zeigen die Plantagenarbeiter bei dieser filigranen Arbeit. Das ist weit weg von der industriellen Romantik, die uns die Werbung oft vorgaukelt.
Safran bekommt natürlich einen Ehrenplatz. Das teuerste Gewürz der Welt. Man sieht die feinen Fäden und liest, wie viele Tausend Krokusblüten man braucht, um auch nur ein Gramm zu gewinnen. Da wird einem schwindelig beim Umrechnen. Daneben liegt eine alte Opiumwaage. Sie wurde früher tatsächlich auch für Gewürze genutzt, weil man bei diesen Preisen auf das Milligramm genau wiegen musste. Niemand wollte dem Händler auch nur ein Körnchen zu viel schenken. Butter bei die Fische, wie der Hamburger sagt: Hier ging es um knallhartes Geschäft, nicht nur um guten Geschmack.
Ein Museum zum Anfassen
Was dieses Museum von vielen anderen unterscheidet, ist die explizite Aufforderung zur Interaktion. Es ist nicht nur das Hineingreifen in die Säcke. Es gibt Probierstationen. Man kann an Dosen riechen und raten, was drin ist. Das ist schwieriger, als man denkt. Ohne das visuelle Bild der Pflanze ist die Nase oft verwirrt. Ist das Piment oder Nelke? Kreuzkümmel oder normaler Kümmel? Man merkt schnell, wie sehr unser Geruchssinn im Alltag verkümmert ist. Kinder haben hier oft den besseren Riecher als Erwachsene. Vielleicht weil sie unvoreingenommener an die Sache herangehen.
Der Boden knarrt bei jedem Schritt, und das Licht ist eher gedämpft. Das passt zur Stimmung. Es ist gemütlich, fast ein bisschen heimelig, trotz der Größe des Raumes. Man kann sich gut vorstellen, wie hier früher die Quartiersleute (so hießen die Lagerhalter) ihre Listen führten. Ein alter Schreibtisch mit Kladde und Tintenfass deutet diese bürokratische Seite des Handels an. Denn ohne Buchführung kein Profit. Und Profit war das Ziel. Die Romantik der segelnden Gewürzschiffe war Mittel zum Zweck.
Der Shop als Finale
Natürlich endet der Rundgang, wie in fast jedem modernen Museum, in einem Shop. Aber hier ist er quasi Teil der Ausstellung. Man kann kaufen, was man gerade noch in den Säcken gesehen hat. Die Auswahl ist riesig und qualitativ sicher eine andere Liga als der Standardstreuer aus dem Discounter. Es gibt Mischungen für Gerichte, von denen man noch nie gehört hat. Und natürlich die Klassiker. Wer hier rausgeht ohne wenigstens eine kleine Tüte Curry oder eine Dose geräucherten Paprika, hat vermutlich einen Schnupfen und konnte nichts riechen. Die Beratung ist übrigens meistens exzellent. Die Mitarbeiter wissen genau, was wozu passt. Kein Tüdelkram, sondern ehrliche Empfehlungen.
Veranstaltungen und Besonderheiten
Abseits des normalen Tagesbetriebs bietet Spicy’s auch Abendveranstaltungen an. Gewürzproben, Vorträge oder Kochkurse in der Nähe. Das lohnt sich für alle, die tiefer in die Materie einsteigen wollen. Manchmal gibt es Sonderausstellungen zu spezifischen Themen, etwa Salz oder Kaffee, die ja eng mit der Geschichte der Gewürze verwandt sind. Es ist ein lebendiger Ort. Man merkt, dass Ute Ondo, die das Museum 1993 gründete, hier viel Herzblut hineingesteckt hat. Es ist ein privates Museum, und das spürt man an der liebevollen, manchmal etwas chaotischen Anordnung der Dinge. Es wirkt nicht durchgestylt, sondern gewachsen.
Praktisch gesehen sollte man beachten, dass der Zugang über eine Treppe erfolgt. Es ist ein altes Lagerhaus, Barrierefreiheit war im 19. Jahrhundert kein Thema im Bauplan. Wer schlecht zu Fuß ist, sollte sich vorher erkundigen, ob der Lastenaufzug genutzt werden kann. Meistens finden die Hamburger da aber eine Lösung. Man ist ja pragmatisch.