Es gab Zeiten, da wollte in Hamburg kaum noch jemand das Wort Elbphilharmonie in den Mund nehmen. Zu teuer, zu spät, zu peinlich. Das Ding war der Berliner Flughafen des Nordens. Wenn du heute am Baumwall aus der U-Bahn steigst und den Blick rüber zum Sandtorhafen wirfst, scheint das alles vergeben und vergessen. Da thront sie nun. Wuchtig und filigran zugleich. Unten der alte, stoische Kaispeicher A aus Backstein, oben drauf diese gläserne Welle, die aussieht, als hätte jemand Wasser gefroren und in den Himmel geschraubt. Es ist schon ein ziemlicher Hingucker. Man muss Herzog & de Meuron, den Schweizer Architekten, lassen, dass sie hier keinen 08/15-Büroturm hingestellt haben. Es ist ein Gebäude, das mit dem Wetter spielt. Mal ist es grau und abweisend, wenn der Hamburger Himmel tief hängt, mal brennt die Fassade fast golden, wenn die Sonne untergeht. Ein bueschen Drama gehört in dieser Stadt eben dazu.
Der ursprüngliche Speicher, auf dem das alles ruht, hat seine ganz eigene Geschichte. Früher lagerten hier Kakaosäcke, Tee und Tabak. Echte Kolonialwaren. Das Gebäude musste massiv sein, um die Lasten zu tragen. Dass man diesen Klotz einfach entkernt und als Sockel für einen Konzertsaal nutzt, war eine kühne Idee. Es ist dieser Kontrast, der die "Elphi", wie sie hier jeder nennt (obwohl die Marketingleute das anfangs hassten), so spannend macht. Unten Maloche und Geschichte, oben Hochkultur und Luxus. Das ist Hamburg in einer Nussschale.
Kurz & Kompakt- Plaza-Tickets: Der Zugang zur Aussichtsplattform ist grundsätzlich kostenlos. Tickets gibt es vor Ort am Automaten oder im Besucherzentrum. Wer Wartezeiten vermeiden will, bucht online für eine kleine Gebühr (derzeit 3 Euro) vorab einen Slot.
- Die Tube: Mit 82 Metern Länge ist sie die längste gebogene Rolltreppe in Westeuropa. Die Fahrt dauert etwa 2,5 Minuten – Zeit genug für ein Selfie.
- Beste Zeit: Komm etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Dann erlebst du den Hafen im Tageslicht, die "Golden Hour" in den Glasscheiben und danach die Lichter der Stadt bei Nacht. Aber Achtung: Es kann windig werden!
- Architektur-Fakt: Die "Weiße Haut" im Großen Saal besteht aus 10.000 individuell gefrästen Gipsfaserplatten, die zusammen so schwer sind wie zwanzig Airbus A380.
Die Reise ins Innere: Die Tube
Der Haupteingang ist unscheinbar, fast ein wenig versteckt an der Seite. Aber sobald du durch die Drehkreuzanlage bist, ändert sich das Gefühl. Vor dir liegt die "Tube". Das ist nicht einfach eine Rolltreppe. Es ist ein Erlebnis für sich. 82 Meter lang, leicht gewölbt. Du kannst vom Startpunkt aus das Ende nicht sehen. Das hat System. Man soll entschleunigen. Die Fahrt dauert rund zweieinhalb Minuten, und während man so langsam nach oben gleitet, verliert man ein wenig das Gefühl für Raum und Zeit. Die Wände sind mit Tausenden von kleinen Pailletten aus Glas verputzt, die das Licht reflektieren. Es funkelt. Kitschig ist es nicht, eher ein bisschen spacig.
Interessant ist hierbei, dass die Rolltreppe eigentlich kürzer wirkt, als sie ist. Das liegt an der Krümmung. Oben angekommen, stehst du aber noch gar nicht im Konzertsaal. Du landest erst einmal vor einem riesigen Panoramafenster, das den Blick auf die Elbe freigibt. Hier riecht es manchmal ein wenig nach dem Parfüm der Gäste des Westin Hotels, dessen Lobby sich hier ebenfalls befindet, gemischt mit der immer noch leicht salzigen Luft, die durch die Ritzen dringt. Ein kurzer zweiter Rolltreppen-Abschnitt bringt dich dann auf die eigentliche Plaza. Und da geht einem dann doch meistens das Herz auf. Oder der Hut fliegen.
Die Plaza: Wind um die Nase und Backstein unter den Sohlen
Die Plaza ist der öffentliche Platz der Elbphilharmonie. Sie liegt genau auf der Fuge zwischen dem alten Speicher und dem neuen Glasaufbau, in 37 Metern Höhe. Der Boden ist mit rotem Backstein gepflastert. Das ist ein kluger Schachzug der Architekten gewesen. Es fühlt sich an, als würde man noch auf dem alten Hamburg stehen, obwohl über einem schon die moderne Architektur beginnt. Hier oben pfeift der Wind eigentlich immer. Wer seine Frisur liebt, sollte eine Mütze mitbringen oder sich auf den "Elphi-Look" einstellen: zerzaust.
Du kannst einmal komplett um das Gebäude herumlaufen. Der Außenrundgang bietet einen 360-Grad-Blick, der sich gewaschen hat. Auf der einen Seite siehst du die HafenCity mit ihren modernen Wohnklötzen, die langsam Patina ansetzen. Auf der anderen Seite liegen die Landungsbrücken, die Werften von Blohm+Voss und die riesigen Pötte, die elbabwärts Richtung Nordsee schippern. Man hört das dumpfe Wummern der Schiffsdiesel, das Kreischen der Möwen und das Hupen der Barkassen. Es ist laut, es ist dreckig, es ist echt. Besonders spannend ist der Blick nach unten, fast senkrecht auf die Elbe. Das Wasser sieht von hier oben oft aus wie dickflüssiges Öl. Wenn du genau hinsiehst, erkennst du die kleinen Strudel, die die Tide verursacht. Hier spürt man die Kraft des Flusses.
Innen ist die Plaza geschützt durch wellenförmige Glasscheiben, die sich an einigen Stellen öffnen lassen. Es gibt ein Café, das "Deck & Deli". Der Kaffee ist okay, die Preise sind so, wie man sie an einem Touristen-Hotspot erwartet. Man bezahlt die Aussicht mit. Aber man kann hier durchaus eine Weile sitzen und Leute beobachten. Es ist ein Mix aus Architekturstudenten, die ehrfürchtig Skizzen machen, Touristen in Funktionskleidung und schick gemachten Konzertbesuchern, die nervös auf die Uhr schauen.
Das Herzstück: Der Große Saal
Wer ein Ticket ergattert hat, darf noch weiter nach oben. Der Große Saal ist das, worüber die Welt spricht. Er ist nach dem Weinberg-Prinzip gebaut. Das Orchester sitzt in der Mitte, die Ränge türmen sich drumherum auf wie Weinterrassen. Der Vorteil: Niemand sitzt weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Selbst ganz oben unterm Dach hast du das Gefühl, mittendrin zu sein. Die Wände sind verkleidet mit der sogenannten "Weißen Haut". Das sind 10.000 Gipsfaserplatten, jede einzelne ein Unikat, mit kleinen Einfräsungen. Das sieht aus wie eine bizarre Korallenlandschaft oder die Haut eines riesigen Reptils.
Diese Struktur ist kein Design-Gag. Sie wurde von dem japanischen Akustik-Guru Yasuhisa Toyota berechnet, um den Schall perfekt im Raum zu verteilen. Und perfekt ist hier das richtige Wort, vielleicht sogar zu perfekt. Manche Kritiker sagen, die Akustik sei so gnadenlos transparent, dass man jeden Fehler hört. Wenn dem Geiger hinten links der Bogen zittert, hört man das auch in Reihe 20. Für das Publikum ist das ein Erlebnis. Der Klang ist trocken, direkt, wuchtig. Es gibt keinen Hall, der die Musik weichspült. Man hört genau das, was gespielt wird. Nichts anderes. Das Licht im Saal ist warm, fast organisch. Ein riesiger, zentraler Reflektor hängt über der Bühne und sorgt dafür, dass die Musiker sich selbst hören können. Es hat etwas von einem Raumschiff, das in einem Vulkan gelandet ist.
Architektonische Details, die kaum einer bemerkt
Wenn du wieder draußen bist, schau dir die Fassade noch mal genauer an. Die 1.100 Glaselemente sind nicht einfach flach. Viele sind gebogen, manche haben kleine graue Punkte aufgedruckt. Das sind Raster, die zum einen als Sonnenschutz dienen, zum anderen aber auch verhindern, dass sich der Bau zu sehr aufheizt. Ein Teil der Fenster hat ovale Ausbuchtungen, die wie Kiemen aussehen. Dort befinden sich meistens die Foyers oder Hotelzimmer. Die Architekten haben sich hier wirklich ausgetobt. Nichts ist Standard. Selbst die Fugenmasse hat eine eigene Farbe.
Spannend ist dabei, dass die Scheiben auch als Radarreflektoren dienen. Für die Schiffe auf der Elbe wäre ein so großer Glasklotz sonst fast unsichtbar auf dem Radar, oder er würde falsche Echos werfen. Die speziellen Beschichtungen sorgen dafür, dass die Elphi auf den Navigationsschirmen der Kapitäne sauber auftaucht. Sicherheit geht vor, auch bei Weltklasse-Architektur.
Mehr als nur Musik?
Ist die Elbphilharmonie nun ein reines Konzerthaus? Nein, eigentlich ist sie ein vertikales Stadtviertel. Neben den drei Konzertsälen gibt es das Hotel Westin, das ziemlich luxuriös ist, aber dessen Eingangsbereich man auch als Normalsterblicher kurz betreten kann, um mal zu gucken. Und dann sind da noch die Eigentumswohnungen ganz oben in der Spitze. Wer da wohnt, muss Geld wie Heu haben. Man munkelt von Quadratmeterpreisen, bei denen einem schwindelig wird. Gesehen hat man von den Bewohnern noch nie jemanden. Vielleicht existieren sie gar nicht, vielleicht sind es Geister. Oder Pfeffersäcke, die ihre Ruhe wollen.
Unten im Sockel gibt es noch die "Kaistudios", wo viel Musikvermittlung stattfindet. Kinder können dort Instrumente ausprobieren, es gibt Workshops. Das ist wichtig, damit das Haus nicht nur als Elfenbeinturm wahrgenommen wird. Es soll ein Haus für alle Hamburger sein. Und tatsächlich, wenn man an einem Sonntag über die Plaza schlendert, hört man alle Sprachen, sieht alle Altersgruppen. Oma Erna aus Barmbek ist genauso da wie der Architekt aus Tokio.
Lohnt es sich wirklich?
Hand aufs Herz: Ja. Auch wenn man keine Karte für ein Konzert hat. Der Besuch der Plaza ist (meistens) kostenlos, man muss sich nur vorher ein Ticket am Automaten oder online buchen, um die Besucherströme zu lenken. Der Blick auf die Stadt, die Fahrt mit der Tube und allein das Gefühl, vor diesem massiven Bauwerk zu stehen, sind die Reise wert. Es ist ein Ort, der Hamburg verändert hat. Die Stadt wirkt durch die Elphi weltmännischer, mutiger. Früher war hier am Hafen Schluss, jetzt fängt hier etwas Neues an. Und wenn dann die Sonne untergeht und sich das Licht tausendfach in den gebogenen Scheiben bricht, dann vergisst man auch mal kurz, dass das Ding fast 800 Millionen Euro gekostet hat. Dann ist es einfach nur schön. Und das ist ja auch was wert.