Bremen

Universum Bremen: Wissenschaft zum Anfassen in einem spektakulären "Wal"

Ein silberner Wal liegt gestrandet zwischen Universität und Bürgerpark. Drinnen warten keine Gräten, sondern die Rätsel der Menschheit. Wer im Universum Bremen vorbeischaut, verlässt die Komfortzone des klassischen Museumsalltags.

Bremen  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 9 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer sich dem Universum Bremen nähert, stolpert zuerst über die Optik. Das Gebäude sieht aus wie ein metallischer Wal, der gerade aus dem Bremer Boden auftaucht, oder vielleicht wie eine riesige Muschel mit glänzenden Schuppen. Über 40.000 Schindeln aus Edelstahl reflektieren das norddeutsche Licht, das hier oft eher grau als golden ausfällt. Wenn es regnet, was in Bremen nun wirklich keine Seltenheit ist, glänzt die Fassade fast schon bedrohlich schön. Architekt Thomas Klumpp hat hier ein Ding hingestellt, das im krassen Kontrast zu den Backsteinbauten der Innenstadt steht. Man geht über eine Brücke, betritt den Bauch des Tieres und lässt die Außenwelt hinter sich. Es riecht im Eingangsbereich oft nach einer Mischung aus frisch gebrühtem Kaffee und dieser typischen, leicht trockenen Museumsluft. Drinnen ist es verwinkelt, die Wände neigen sich, und man verliert schnell das Gefühl für oben und unten. Das ist Absicht. Die Architektur soll dich ein bisschen aus dem Gleichgewicht bringen, bevor die eigentliche Reise im Kopf losgeht.

Im Inneren des Wals geht es über mehrere Ebenen nach oben. Die Treppenaufgänge sind eng und steil, fast wie auf einem Forschungsschiff. Überall hört man es klicken, surren und das dumpfe Grollen von Experimenten, die gerade irgendwo im Hintergrund laufen. Es ist selten wirklich leise hier, besonders wenn Schulklassen unterwegs sind. Aber genau dieser Trubel gehört dazu. Wissenschaft ist hier kein einsames Geschäft im dunklen Kämmerlein, sondern eine ziemlich laute Angelegenheit. Manchmal vibriert der Boden leicht, wenn nebenan das Erdbeben simuliert wird. Das sorgt für eine ständige Grundspannung, die einen durch die Etagen treibt.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Mit der Straßenbahnlinie 6 vom Hauptbahnhof direkt bis zur Haltestelle Naturwissenschaften/Universum fahren.
  • Zeitplan: Plane mindestens 3 bis 4 Stunden ein, um alle drei Themenbereiche und den Außenbereich in Ruhe zu erkunden.
  • Highlights: Das Erdbeben-Sofa, der Tastgang in absoluter Dunkelheit und der 27 Meter hohe Turm der Lüfte im Park.
  • Zielgruppe: Ideal für Familien, aber auch für Erwachsene ohne Kinder absolut lohnenswert, da die Stationen unterschiedliche Komplexitätsstufen bieten.

Expedition Technik, Mensch und Natur

Die Dauerausstellung ist in drei große Themenbereiche gegliedert, die sich über die Etagen verteilen. Man fängt meistens ganz unten an, bei der Technik. Hier geht es nicht um trockene Schaltpläne. Es geht darum, wie wir die Welt um uns herum manipulieren. Man kann an Kurbeln drehen, Blitze zucken lassen oder schauen, wie Zahnräder ineinandergreifen, ohne dass einem die Finger abfallen. Ein Highlight ist der Lügendetektor. Es ist herrlich schräg zu beobachten, wie Menschen versuchen, ihre Herzfrequenz unter Kontrolle zu halten, während sie nach ihrer Lieblingsfarbe gefragt werden. Überhaupt ist das Mitmachen hier kein hohles Versprechen. Fast alles darf angefasst werden. Wer nur gucken will, ist hier falsch und wird wahrscheinlich nach einer halben Stunde ungeduldig. Man muss schon selbst Hand anlegen, damit der Funke überspringt.

Eine Etage höher landet man beim Thema Mensch. Hier wird es oft etwas ruhiger, fast schon intim. Es geht um Wahrnehmung, um Sinne und darum, wie unser Gehirn uns ständig austrickst. Es gibt einen dunklen Gang, durch den man sich tasten muss. Wer keine Platzangst hat, sollte das unbedingt machen. Man verlässt sich plötzlich auf seine Fingerspitzen und das Gehör, während draußen die anderen Besucher vorbeiziehen. Faszinierend ist dabei, dass man sich im Spiegelkabinett selbst völlig verliert oder im Alterssimulator merkt, wie schwer die Knochen irgendwann mal werden könnten. Es ist eine Mischung aus Jahrmarkt und Biologiestunde, die einen immer wieder schmunzeln lässt. Man ertappt sich dabei, wie man Grimassen schneidet oder versucht, Töne zu hören, die eigentlich nur für Fledermäuse gedacht sind. Der Bereich Natur beschäftigt sich schließlich mit den großen Zusammenhängen. Wetterphänomene, Plattentektonik und die Entstehung des Lebens werden hier klein gehäckselt und serviert. Das Erdbeben-Sofa ist ein echter Klassiker. Man setzt sich hin und bekommt die volle Dröhnung tektonischer Verschiebungen unter den Hintern serviert. Wenn man danach wieder aufsteht, wackeln die Knie ein bisschen, und man hat eine neue Wertschätzung für festen Boden unter den Füßen.

Der Außenbereich und der Turm der Lüfte

Wenn dir im Bauch des Wals die Decke auf den Kopf fällt, gehst du raus in den Entdecker-Park. Das ist kein normaler Spielplatz, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Hier geht es um Wind, Wasser und Bewegung. Im Sommer ist das der beste Ort, um ein bisschen Sonne zu tanken, während man mit Wasserkanonen spielt oder versucht, eine riesige Glocke zum Klingen zu bringen. Das Wasser spritzt, die Kinder kreischen, und die Eltern sitzen meistens mit einem Eis auf den Holzbänken und schauen zu. Es ist ein kontrolliertes Chaos, das wunderbar zur Bremer Gelassenheit passt. Mitten im Park steht der Turm der Lüfte. Das Ding ist 27 Meter hoch und schwankt bei starkem Wind ganz leicht. Wer die Stufen hochsteigt, wird mit einem Blick über das Universitätsgelände belohnt. Oben zieht es ordentlich, typisch norddeutsch eben. Es gibt dort verschiedene Windmessgeräte, aber eigentlich geht man wegen der Aussicht hoch. Man sieht die Züge der Nordwestbahn vorbeirattern und die Studenten, die zwischen den Vorlesungen über den Campus huschen.

Besonders im Herbst, wenn der Wind die Blätter durch den Park peitscht, zeigt der Außenbereich seine raue Seite. Da merkst du erst richtig, was für Kräfte in der Natur stecken. Es gibt auch eine kleine künstliche Schlucht, in der man die Schichten der Erde sehen kann. Das wirkt im Vergleich zum Hightech-Inneren fast schon rustikal, ist aber ein guter Kontrapunkt. Man kann hier wunderbar eine Pause einlegen und die Eindrücke sacken lassen. Die Luft riecht hier nach feuchter Erde und im Frühling nach den ersten Blumen, die zwischen den Experimenten gepflanzt wurden. Es ist ein Ort, an dem Wissenschaft buchstäblich geerdet wird.

Praktisches für den Besuch: Butter bei die Fische

Ein Besuch im Universum ist kein Sprint. Wer denkt, man könne da in einer Stunde durchhuschen, irrt sich gewaltig. Man sollte mindestens drei bis vier Stunden einplanen, wenn man nicht nur die Hälfte sehen will. Die Preise sind nicht gerade ohne, aber man bekommt ordentlich was geboten. Es gibt Kombitickets, die auch Sonderausstellungen abdecken, was oft Sinn macht. Kulinarisch ist man im hauseigenen Restaurant ganz gut aufgehoben, auch wenn es eher funktional ist. Es gibt Nudeln, Salate und den üblichen Museumskram. Wer es authentischer mag, sollte sich vielleicht ein Butterbrot schmieren und es draußen im Park essen. Das spart Geld und man hat die bessere Aussicht. Ein wichtiger Tipp: Versuche, die Wochenenden zu meiden, wenn es geht. Dann ist es voll, laut und man muss an den beliebten Stationen anstehen. Unter der Woche vormittags ist es ideal, auch wenn man dann vielleicht gegen ein paar Schulklassen ankämpfen muss.

Die Anfahrt ist denkbar einfach. Vom Hauptbahnhof nimmst du die Straßenbahnlinie 6 Richtung Universität. Die Fahrt dauert etwa 15 Minuten und du fährst direkt durch den wunderschönen Bürgerpark, was quasi die Sightseeing-Tour gratis obendrauf ist. Parkplätze gibt es zwar, aber die sind meistens kostenpflichtig und schnell belegt. Bremen ist sowieso eine Fahrradstadt. Wenn du die Möglichkeit hast, leih dir eine Leeze und radel durch den Park zum Universum. Das macht den Kopf frei für die ganzen Infos, die gleich auf dich einprasseln werden. Im Shop am Ausgang gibt es dann den üblichen Kleinkram zu kaufen. Von Kristallen zum Selberzüchten bis hin zu komplizierten Puzzles ist alles dabei. Man braucht Disziplin, um dort nicht sein ganzes Taschengeld zu lassen, nur weil ein leuchtender Flummi so schön glitzert.

Warum man das Universum gesehen haben muss

Bremen hat viele Gesichter. Da sind die Stadtmusikanten, das historische Rathaus und das Schnoorviertel. Aber das Universum zeigt die moderne, forschungsorientierte Seite der Stadt. Es ist ein Ort, der neugierig macht und einen daran erinnert, dass man nie zu alt ist, um dumme Fragen zu stellen. Spannend ist dabei, dass das Konzept nicht belehrend wirkt. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger, der dir erklärt, wie die Welt funktioniert. Stattdessen darfst du scheitern, ausprobieren und dich wundern. Das ist echte Wissenschaftskommunikation auf Augenhöhe. Man merkt, dass die Leute, die das hier aufgebaut haben, wirklich Bock auf ihr Thema haben. Überall finden sich kleine Details, die liebevoll gestaltet sind.

Am Ende des Tages verlässt man den silbernen Wal meistens mit einem rauchenden Kopf und einer leicht kindlichen Freude. Man hat Dinge angefasst, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt, und vielleicht sogar ein bisschen was über sich selbst gelernt. Sei es, dass man bei Dunkelheit die Orientierung verliert oder dass man beim Radfahren auf dem Simulator kläglich versagt. Das Universum Bremen ist kein Ort für passive Konsumenten. Es fordert dich heraus, es nervt dich manchmal mit seiner Lautstärke, aber es belohnt dich mit Momenten des echten Staunens. Und genau das ist es doch, was eine gute Reise ausmacht. Man kommt ein bisschen schlauer oder zumindest ein bisschen verwirrter zurück, als man losgegangen ist. Und Verwirrung ist ja oft der Anfang von Erkenntnis, wie man so schön sagt.

Wer nach dem Besuch noch Energie hat, kann einen Spaziergang zurück in die Stadt durch den Bürgerpark machen. Das ist der perfekte Kontrast zum technischen Input. Unter den alten Eichen lässt es sich hervorragend über das Erlebte philosophieren. Bremen zeigt sich hier von seiner grünsten Seite. Man trifft Jogger, Spaziergänger mit ihren Hunden und im Sommer viele Picknick-Gruppen. Es ist dieses typische Bremer Lebensgefühl: erst die Arbeit, dann das Vergnügen, wobei das Universum beides irgendwie verschmelzen lässt. Ein Tag hier oben im Norden der Stadt fühlt sich an wie eine kleine Weltreise, ohne dass man den Reisepass einstecken muss. Das ist vielleicht das größte Kompliment, das man einem Museum machen kann.

Noch ein kleiner Insider-Tipp für die Abendstunden: Wenn die Sonne untergeht, wird der Wal oft spektakulär beleuchtet. Dann sieht das Metall fast flüssig aus. Es ist ein toller Fotospot, den viele Touristen gar nicht auf dem Schirm haben, weil sie nach Ladenschluss schnell wieder Richtung Innenstadt verschwinden. Bleib ruhig einen Moment länger stehen und schau dir an, wie sich die Farben im Edelstahl spiegeln. Es hat fast etwas Meditatives, bevor man wieder in die Straßenbahn steigt und zurück in den Trubel der City fährt. Bremen hat mit diesem Ort bewiesen, dass Wissenschaft auch richtig Spaß machen kann, wenn man sie nur in die richtige Verpackung steckt. Und diese Verpackung ist hier nun mal ein riesiger, silberner Fisch.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen