Bremen

Bremer Freimarkt: "Ischa Freimaak!" und der große Trubel auf der Bürgerweide

Bremen im Ausnahmezustand. Wenn der Ruf "Ischa Freimaak" durch die Gassen schallt, regiert das Chaos in seiner charmantesten Form. Hier vermischen sich Hanseatische Gelassenheit und bunte Kirmeswelt zu einem Spektakel, das weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt.

Bremen  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 9 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer im Herbst nach Bremen kommt, merkt schnell, dass die Uhren hier anders ticken. Sobald die Tage kürzer werden und der Wind von der Weser einen ersten frostigen Gruß schickt, bricht auf der Bürgerweide der Wahnsinn los. Es riecht nach gebrannten Mandeln, nach altem Fett und nach dem unverwechselbaren Aroma von verbranntem Diesel, das aus den Aggregaten der großen Fahrgeschäfte strömt. Seit dem Jahr 1035 feiert die Stadt dieses Fest. Damals gab Kaiser Konrad II. den Bremern das Recht, zweimal im Jahr einen Jahrmarkt abzuhalten, ganz ohne die üblichen Beschränkungen. Heute ist das Ganze natürlich eine Spur kommerzieller, aber die Wurzeln sind tief im Stadtgedächtnis verankert.

Besonders auffällig ist die Zweiteilung des Festes. Während auf der Bürgerweide, direkt hinter dem Hauptbahnhof, die lauten Bässe wummern und bunte Lichterketten um die Wette flackern, geht es auf dem Marktplatz deutlich gediegener zu. Der „Kleine Freimarkt“ schmiegt sich eng an das historische Rathaus und den steinernen Roland an. Hier drehen sich nostalgische Karussells, die so wirken, als wären sie direkt aus einem alten Schwarz-Weiß-Film entsprungen. Es gibt handgemachte Süßwaren und man trinkt seinen Glühwein oder Kaffee unter dem wachsamen Auge der Stadtmusikanten. Es ist dieser Kontrast, der den Reiz ausmacht. Man schwankt buchstäblich zwischen mittelalterlicher Marktromantik und modernem High-Tech-Nervenkitzel hin und her.

Ein Besuch auf dem Freimarkt ist für die Bremer eine ernste Angelegenheit, die man jedoch mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit angeht. Man trifft sich nach Feierabend, oft schon am frühen Nachmittag, um gemeinsam über den Platz zu schlendern. Es wird geflachst, gelacht und natürlich ordentlich gegessen. Auffallend oft sieht man Menschen in Tracht, was im hohen Norden eigentlich eher untypisch ist. Doch in den letzten Jahren hat sich eine eigenwillige Mode-Mischung etabliert. Da trifft die klassische Lederhose auf die norddeutsche Regenjacke. Das sieht manchmal ein bisschen schräg aus, passt aber wunderbar zum eigenwilligen Charakter der Hansestadt.

Kurz & Kompakt
  • Termin: Der Freimarkt findet jährlich ab Mitte Oktober statt und dauert insgesamt 17 Tage.
  • Anreise: Unbedingt den öffentlichen Nahverkehr nutzen; der Hauptbahnhof Bremen liegt in unmittelbarer Sichtweite zur Bürgerweide.
  • Kulinarik: Probieren sollte man unbedingt Bremer Knipp für den Hunger und Schmalzkuchen für den süßen Zahn.
  • Zwei Standorte: Die große Sause findet auf der Bürgerweide statt, der historische "Kleine Freimarkt" in der Bremer Altstadt auf dem Marktplatz.

Karussell-Träume und Magen-Herausforderungen

Wenn man die Bürgerweide betritt, erschlägt einen die schiere Größe erst einmal. Über 300 Schausteller bauen hier ihre Buden und Fahrgeschäfte auf. Es ist ein Labyrinth aus blinkenden Lichtern und ohrenbetäubender Musik. An jeder Ecke buhlen die Rekommandure in ihren Kassenhäuschen um die Gunst der Passanten. Ihre Stimmen sind heiser, ihre Sprüche oft derbe, aber immer herzlich. Man muss dieses Marktschreierische mögen, es gehört zum guten Ton. Spannend ist dabei, dass jedes Jahr neue Attraktionen dazukommen, während die Klassiker wie das Riesenrad oder die Wildwasserbahn ihren festen Stammplatz zu haben scheinen. Das Riesenrad ist übrigens der beste Ort, um sich einen Überblick zu verschaffen. Von oben sieht die glitzernde Masse aus Menschen und Maschinen fast friedlich aus.

Wer es wilder mag, sucht die Geschäfte auf, die einen ordentlich durchschütteln. Es gibt Apparate, die einen in schwindelerregende Höhen katapultieren, nur um einen Augenblick später im freien Fall Richtung Asphalt zu rasen. Da wird geschrien und gejohlt, während unten die Zuschauer mit einer Mischung aus Bewunderung und Entsetzen nach oben starren. Mein persönlicher Eindruck ist oft, dass die Warteschlangen vor den extremsten Geräten am längsten sind. Die Leute wollen den Adrenalinkick, vielleicht auch als Ausgleich zum sonst eher beschaulichen Alltag in den Bremer Vororten. Man sollte allerdings ein gewisses Maß an Schwindelfreiheit mitbringen, sonst endet die Fahrt schneller im Sanitätszelt, als einem lieb ist.

Ein besonderes Highlight, das man keinesfalls verpassen sollte, ist die Wildwasserbahn, wenn sie denn da ist. Auch bei kühlen Temperaturen lassen sich die Leute nassspritzen. Es hat fast etwas Masochistisches, sich bei zehn Grad Celsius eine Ladung Weserwasser ins Gesicht klatschen zu lassen, nur um danach zitternd einen heißen Kakao zu trinken. Aber genau das ist der Freimarkt. Man macht Dinge, die man im restlichen Jahr für völlig unsinnig halten würde. Die Atmosphäre ist ansteckend, man lässt sich treiben und vergisst für ein paar Stunden den Stress im Büro oder an der Uni.

Kulinarische Eskapaden zwischen Fischbrötchen und Knipp

Essen spielt auf dem Freimarkt eine zentrale Rolle, die man nicht unterschätzen darf. Es geht weit über die obligatorische Currywurst hinaus. Wer wirklich etwas Lokales probieren möchte, hält Ausschau nach Bremer Knipp. Das ist eine Grützwurst, die in der Pfanne knusprig gebraten wird. Sieht auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders appetitlich aus, schmeckt aber hervorragend, besonders mit einer sauren Gurke dazu. Es ist deftige Hausmannskost, die eine solide Grundlage für das eine oder andere Kaltgetränk bildet. Überhaupt ist die Dichte an Imbissständen beeindruckend. Überall brutzelt und zischt es.

Für die Süßmäuler unter den Besuchern sind die Schmalzkuchen ein absolutes Muss. Das sind kleine, quadratische Teigstücke, die in Fett ausgebacken und großzügig mit Puderzucker bestäubt werden. Man bekommt sie in Papiertüten, die nach kurzer Zeit schon verdächtige Fettflecken bekommen. Man isst sie heiß, direkt auf die Hand, und sieht danach meistens selbst aus wie eine kleine Zuckerpuppe, weil der Wind den Puderzucker überall verteilt. Es klebt, es ist heiß, aber es ist das pure Glück in Tütenform. Oft stehen die Leute geduldig in langen Schlangen an den bekanntesten Buden an, weil jeder schwört, dass genau dort der Teig am fluffigsten sei.

Natürlich darf auch der Fisch nicht fehlen. Wir sind schließlich im Norden. Ein frisches Matjesbrötchen oder eine Portion Backfisch gehören zum Standardrepertoire. Die Qualität ist meist überraschend hoch, da viele regionale Fischhändler ihre Stände aufbauen. Es ist ein interessantes Phänomen: Man steht in der Kälte, umgeben von blinkenden Lichtern, und isst kalten Fisch. Das klingt nach einer seltsamen Kombination, aber in diesem Kontext ergibt es absolut Sinn. Dazu trinkt man ein Bier einer lokalen Brauerei, wobei die Auswahl meistens auf die großen Namen der Stadt fällt. Wer es etwas feiner mag, findet in den großen Festzelten auch Weine und Longdrinks, aber die Mehrheit bleibt beim Hopfenkaltgetränk.

Das Herz der Party: Die Festzelte

Wenn es draußen zu zugig wird oder die Beine vom vielen Laufen schwer werden, zieht es die Massen in die Festzelte. Das bekannteste ist sicherlich das Hansezelt, aber auch die anderen Locations haben ihren eigenen Charme. Hier herrscht eine ganz eigene Dynamik. Schon am frühen Abend steigen die ersten Besucher auf die Bänke. Es wird geschunkelt, mitgegrölt und getanzt. Die Musikmischung ist eine wilde Reise durch die Jahrzehnte. Von aktuellen Charts über Schlager bis hin zu den unvermeidlichen Party-Hymnen ist alles dabei. Es ist laut, es ist eng und es ist stickig, aber die Stimmung ist meistens friedlich und ausgelassen.

Interessant ist das soziale Gefüge in diesen Zelten. Da sitzt der Bankdirektor neben dem Studenten und der Hafenarbeiter neben der Rentnergruppe. Der Freimarkt ist ein großer Gleichmacher. Im Schein der Diskokugeln und beim Zuprosten spielen soziale Unterschiede kaum eine Rolle. Man kommt schnell ins Gespräch, auch wenn man sich kaum versteht, weil die Kapelle gerade wieder alles gibt. Es ist dieser Zusammenhalt, der das Fest so sympathisch macht. Man spürt, dass die Bremer stolz auf ihre Sause sind. Es ist kein künstlich hochgezogenes Event für Touristen, sondern ein Fest von Bremern für Bremer, bei dem Gäste aber immer willkommen sind, solange sie mitfeiern und nicht nur am Rand stehen und gucken.

Ein kleiner Tipp für alle, die es etwas exklusiver mögen: Viele Zelte bieten Reservierungen an. Wer am Wochenende abends ohne Reservierung versucht, einen Platz zu ergattern, braucht viel Geduld oder ein sehr einnehmendes Lächeln bei den Türstehern. Unter der Woche hingegen ist es deutlich entspannter. Da kann man auch mal spontan reinschneien und findet meistens noch eine Lücke am Rand eines Tisches. Man sollte sich allerdings darauf einstellen, dass man spätestens nach dem dritten Lied in die Gruppe integriert wird, ob man will oder nicht. Die norddeutsche Zurückhaltung wird hier für zwei Wochen konsequent über Bord geworfen.

Praktisches und Skurriles am Rande

Wer den Freimarkt besucht, sollte sich auf ein paar logistische Herausforderungen einstellen. Parkplätze rund um die Bürgerweide sind Mangelware und während des Festes so selten wie ein sonniger Tag im November. Die beste Wahl ist definitiv die Anreise mit Bus oder Straßenbahn. Die Linien halten direkt vor dem Gelände und während der Stoßzeiten werden oft zusätzliche Bahnen eingesetzt. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, wenn sich die vollgepfropften Bahnen am Hauptbahnhof leeren und ein riesiger Menschenstrom Richtung Kirmes zieht. Es hat fast etwas von einer Völkerwanderung, nur eben mit mehr Vorfreude in den Gesichtern.

Ein wichtiger Termin im Kalender ist der Freimarktsumzug. Er findet meist am zweiten Samstag statt und führt quer durch die Innenstadt bis zum Marktplatz. Dutzende Festwagen, Musikgruppen und Vereine ziehen stundenlang durch die Straßen. Es fliegen Bonbons, es wird getanzt und die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Für Kinder ist das natürlich das Größte, aber auch die Erwachsenen stehen in Dreierreihen am Straßenrand und lassen sich von der Begeisterung anstecken. Es ist die größte Parade im Norden und man merkt den Teilnehmern an, wie viel Arbeit sie in ihre Kostüme und Wagen gesteckt haben. Mancher Wagenbauverein bastelt das ganze Jahr an seinem Gefährt.

Nicht vergessen sollte man den Besuch bei „Oma“ auf dem Kleinen Freimarkt. So nennen manche Einheimischen liebevoll die historischen Stände auf dem Marktplatz. Dort gibt es oft Handwerkskunst zu sehen, die man auf der großen Bürgerweide vergeblich sucht. Es ist der perfekte Ort, um ein Mitbringsel zu erstehen, das nicht nur aus Plastik besteht. Ob mundgeblasenes Glas oder handgeschnitzte Holzfiguren, die Qualität ist hier oft erstaunlich gut. Es bietet den nötigen Ruhepol, bevor man sich wieder in das Getümmel der Fahrgeschäfte stürzt. Wer den Freimarkt wirklich verstehen will, muss beide Seiten gesehen haben, das laute Spektakel und die leise Tradition.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen