Bremen

Focke-Museum: Bremens Geschichte interaktiv und im Grünen erleben

Wer Bremen verstehen will, muss in den Osten der Stadt fahren. Das Focke-Museum kombiniert hanseatische Geschichte mit einer Parkanlage, die zum Verweilen einlädt. Hier trifft kühne Nachkriegsarchitektur auf reetgedeckte Bauernhäuser und echtes Silbergeschirr.

Bremen  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Man steigt aus der Straßenbahnlinie 4 an der Haltestelle Bürgermeister-Spitta-Allee aus und spürt sofort, dass die Luft hier ein wenig anders riecht als in der engen Bremer Innenstadt. Es duftet nach altem Baumbestand und feuchtem Rasen. Das Focke-Museum liegt nicht etwa in einem prunkvollen Palast am Marktplatz, sondern versteckt sich fast ein bisschen im grünen Stadtteil Schwachhausen. Auf über vier Hektar erstreckt sich ein Gelände, das eher an einen herrschaftlichen Park erinnert als an eine klassische Ausstellungshalle. Wer hierher kommt, sollte Zeit mitbringen, denn die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden sind Teil des Konzepts. Es ist kein Museum, das man in einer Stunde abarbeitet, sondern ein Ort zum Schlendern.

Zentraler Anlaufpunkt ist das Haupthaus, ein markanter Bau aus den 1960er Jahren. Der Architekt Heinrich Bartmann hat hier ein Gebäude hingestellt, das mit seinen klaren Linien und den großen Glasflächen einen bewussten Kontrast zur historischen Sammlung bildet. Innen ist es hell, fast schon sachlich. Man blickt durch die Scheiben immer wieder raus ins Grüne, was die Schwere der historischen Exponate nimmt. Es ist dieser Mix aus Natur und Kultur, der den Reiz ausmacht. Wenn man Glück hat, sieht man durch die Fensterfluchten ein Kaninchen über die Wiese flitzen, während man drinnen über die Entwicklung der Bremer Häfen nachdenkt. Das Gelände ist weitläufig genug, dass sich die Besucherströme gut verteilen, selbst wenn am Wochenende mal etwas mehr los ist.

Kurz & Kompakt
  • Adresse: Schwachhauser Heerstraße 240, 28213 Bremen.
  • Anfahrt: Mit der Straßenbahnlinie 4 bis Haltestelle "Bürgermeister-Spitta-Allee" fahren, danach sind es nur noch wenige Meter zu Fuß.
  • Highlights: Der originale Roland-Kopf im Haupthaus, die Spielzeugsammlung im Haus Riensberg und der weitläufige Park mit seinen historischen Bauernhäusern.
  • Verpflegung: Das Museumscafé bietet regionale Kleinigkeiten und Kuchen in entspannter Atmosphäre direkt auf dem Gelände an.

Vom Roland-Kopf bis zur Design-Ikone

Drinnen im Haupthaus geht es ans Eingemachte. Die Bremer Stadtgeschichte wird hier nicht chronologisch stumpf runtererzählt, sondern an konkreten Objekten festgemacht. Ein echtes Highlight ist der originale Kopf des Bremer Rolands. Das Ding ist riesig und man kann dem steinernen Riesen mal so richtig tief in die Augen schauen, was am Marktplatz eher schwierig ist. Es ist faszinierend zu sehen, wie grob die Meißelhiebe aus der Nähe wirken. Man bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet haben muss, solche Monumente im Mittelalter zu erschaffen. Überhaupt ist das Museum stark darin, das Handwerkliche in den Vordergrund zu schieben. Überall finden sich Werkzeuge, Modelle und Alltagsgegenstände, die eine Geschichte erzählen.

Spannend ist dabei die Abteilung zur neueren Geschichte. Bremen war ja immer eine Stadt der Seefahrer und Kaufleute, aber eben auch der Industrie. Da stehen dann plötzlich Lloyd-Autos oder Exponate aus der Luft- und Raumfahrtgeschichte neben filigranem Tafelsilber der Oberschicht. Besonders der Bereich zum Produktdesign hat es in sich. Wer wusste schon, dass so viele Dinge des täglichen Gebrauchs, die man für selbstverständlich hält, ihre Wurzeln in der Hansestadt haben? Es ist dieser Kontrast zwischen der alten Hanseherrlichkeit und dem modernen Unternehmertum, der hängen bleibt. Man merkt, dass die Kuratoren versuchen, den Bogen bis in die Gegenwart zu spannen, ohne dabei belehrend zu wirken. Manchmal wirkt die Anordnung ein bisschen wild, aber genau das macht es authentisch. Es ist eben wie Bremen selbst: ein bisschen kauzig, aber mit viel Substanz.

Das Haus Riensberg und die bürgerliche Wohnkultur

Ein kurzer Fußmarsch über das Gelände führt zum Haus Riensberg. Dieses ehemalige Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert ist das genaue Gegenteil zum kühlen Haupthaus. Es knarrt unter den Füßen, es riecht nach altem Holz und Bohnerwachs. Hier wird gezeigt, wie die feine Gesellschaft in Bremen früher gelebt hat. Die Räume sind vollgestopft mit Möbeln, Porzellan und Textilien. Man bekommt fast ein schlechtes Gewissen, wenn man in den schweren Wintermantel gehüllt durch die filigran eingerichteten Zimmer läuft. Besonders die Sammlung von Kinderspielzeug und Puppenhäusern ist beeindruckend. Man sieht die Detailverliebtheit, mit der früher Spielwelten geschaffen wurden, die eigentlich nur kleine Abbilder der Erwachsenenwelt waren.

Interessant ist der Fokus auf die Wohnkultur. Man sieht nicht nur die prachtvollen Salons, sondern bekommt auch eine Ahnung davon, wie der Alltag in so einem Anwesen organisiert war. Die Tapeten sind teilweise so bunt und gemustert, dass einem schwindelig werden könnte, wenn man sie zu lange anstarrt. Aber genau das macht den Charme aus. Es ist eine Zeitreise in eine Epoche, in der Repräsentation alles war. Wer sich für Mode und Accessoires interessiert, findet in den Vitrinen echte Schätze. Es sind diese kleinen Dinge, wie verzierte Fächer oder Schnupftabakdosen, die zeigen, dass die Bremer Kaufleute zwar als bodenständig gelten, aber durchaus einen Hang zum Luxus hatten. In der Sprache der Bremer würde man sagen: Buten un binnen, wagen un winnen. Das sieht man hier an jeder Ecke.

Ländliches Idyll im Tarmstedter Stall

Wenn man genug von der bürgerlichen Pracht hat, sollte man zum Tarmstedter Stall und zum Eichenhof rübergehen. Plötzlich ist man gefühlt mitten auf dem Land. Diese Gebäude wurden originalgetreu wieder aufgebaut und zeigen die bäuerliche Seite der Region. Das Reetdach des Eichenhofs ist so tief gezogen, dass man fast den Kopf einziehen möchte. Innen ist es dunkel und kühl. Man riecht den Torf und das alte Heu förmlich noch in den Balken hängen. Es ist eine ganz andere Welt als das glitzernde Silber im Haupthaus. Hier wurde hart gearbeitet, und die Ausstattung der Räume ist zweckmäßig und schlicht. Es zeigt die andere Seite der Medaille: Ohne die Versorgung durch das Umland hätte die Stadt nie so florieren können.

In den Sommermonaten finden hier oft Vorführungen oder kleine Märkte statt. Dann wird das Gelände richtig lebendig. Es ist ein schöner Ort für Familien, weil die Kinder auf den Wiesen herumlaufen können, während die Erwachsenen sich die landwirtschaftlichen Geräte anschauen. Manchmal fragt man sich, wie die Menschen in diesen kleinen Kammern überlebt haben, besonders im Winter. Die Betten in den Alkoven wirken nach heutigen Maßstäben winzig. Aber genau diese Unmittelbarkeit macht die Geschichte greifbar. Man ist hier eben nicht nur Betrachter, sondern kann die Räume betreten und die Atmosphäre aufsaugen. Es ist ein erdiges Erlebnis, das einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Interaktivität und Sonderausstellungen

Das Focke-Museum ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. In den letzten Jahren wurde viel investiert, um die Ausstellungen interaktiver zu gestalten. Es gibt Terminals, an denen man tiefer in die Archive eintauchen kann, und die Beschilderung ist modern und gut lesbar. Nicht alles ist "High-Tech", und das ist auch gut so. Manchmal ist ein simples Modell, an dem man etwas drehen kann, viel aufschlussreicher als ein flackernder Bildschirm. Besonders die Sonderausstellungen im Erweiterungsbau sind oft mutig. Da geht es dann mal um die 70er Jahre in Bremen, um Fahrradkultur oder um ganz spezielle Industriegeschichte. Diese Wechselausstellungen sorgen dafür, dass auch Einheimische immer wieder gerne hinfahren.

Was das Museum wirklich gut macht, ist die Verbindung von lokaler Geschichte mit globalen Zusammenhängen. Man lernt nicht nur etwas über Bremen, sondern versteht, wie die Stadt in die Welt vernetzt war und ist. Die Tabakverarbeitung, der Kaffeehandel, der Schiffbau – all das wird in einen größeren Kontext gesetzt. Es ist kein Heimatmuseum im verstaubten Sinne, sondern ein modernes Geschichtslabor. Wer sich für die Architektur der Nachkriegszeit interessiert, wird das Haupthaus ohnehin lieben. Die Treppenaufgänge und die Materialauswahl sind typisch für diese Ära und stehen heute völlig zu Recht unter Denkmalschutz. Es ist ein stimmiges Gesamtpaket, das Architekturfans genauso abholt wie Geschichtsinteressierte.

Pause machen im Museumspark

Nach so viel Input braucht der Kopf eine Pause. Der Park des Focke-Museums ist dafür ideal. Es gibt Bänke unter alten Bäumen, kleine Teiche und Skulpturen, die über das Gelände verstreut sind. Man kann einfach mal die Beine ausstrecken und den Enten zuschauen. Das museumseigene Café ist in einem der historischen Gebäude untergebracht und bietet oft hausgemachten Kuchen an. Es ist kein schickes Design-Bistro, sondern eher gemütlich und bodenständig. Hier sitzen dann junge Eltern mit ihren Kindern neben älteren Herrschaften, die seit Jahrzehnten Mitglieder im Museumsverein sind. Man kommt leicht ins Gespräch, wenn man möchte. Die Stimmung ist entspannt, weit weg von der Hektik des Bahnhofs oder der Sögestraße.

Oft finden im Park auch Open-Air-Konzerte oder Lesungen statt. Wenn die Sonne langsam tief steht und die Schatten der alten Eichen länger werden, hat der Ort eine ganz eigene Magie. Man vergisst fast, dass man sich in einer Großstadt befindet. Es ist diese Ruhe, die das Focke-Museum so besonders macht. Man muss nicht rennen, um alles zu sehen. Wer den "Bremer Geist" wirklich spüren will, sollte sich hier eine Stunde Zeit nehmen und einfach nur die Umgebung wirken lassen. Es ist ein Ort der Entschleunigung, was in der heutigen Zeit ja fast schon ein Luxusgut ist. Dass man dabei ganz nebenbei noch eine Menge über die Geschichte der Stadt lernt, ist ein netter Nebeneffekt.

Praktische Tipps für den Besuch

Der Zugang zum Museum ist unkompliziert. Mit der Linie 4 fährt man bequem von der City aus Richtung Horn-Lehe und steigt fast vor der Tür aus. Wer mit dem Rad kommt, was in Bremen ja fast schon Pflicht ist, findet genügend Stellplätze. Der Eintrittspreis ist fair, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Zeit man auf dem Gelände verbringen kann. Oft gibt es Kombi-Tickets für die Sonderausstellungen, was sich meistens lohnt. Für Rollstuhlfahrer ist das meiste Gelände zugänglich, auch wenn das Kopfsteinpflaster an manchen Stellen bei den alten Häusern etwas holprig sein kann. Das Haupthaus selbst ist barrierefrei erschlossen.

Ein kleiner Geheimtipp: Man sollte auch einen Blick in den Museumsshop werfen. Hier gibt es nicht nur den üblichen Krimskrams, sondern oft wirklich gute Bücher zur Regionalgeschichte und geschmackvolle Designartikel aus Bremer Manufakturen. Wer ein Souvenir sucht, das nicht "Touri-Nepp" schreit, wird hier fündig. Und falls man nach dem Museumsbesuch noch Energie hat, kann man vom Gelände aus direkt weiter in den nahegelegenen Rhododendronpark spazieren. Aber ehrlich gesagt reicht das Focke-Museum meistens völlig aus, um einen Tag rundum auszufüllen. Es ist ein Ort, der einen zufrieden entlässt, weil er authentisch ist und nicht versucht, etwas anderes zu sein als das Gedächtnis dieser Hansestadt.

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