Stuttgart

Die Grabkapelle auf dem Württemberg und der schönste Sonnenuntergang der Stadt

Ein russisch-orthodoxes Juwel thront über dem Neckartal. Hier trifft tragische Liebesgeschichte auf handfesten Weinbau. Der Sonnenuntergang ist das tägliche Spektakel für Einheimische und Touristen gleichermaßen.

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Zwischenablage

Wer durch die Weinberge bei Stuttgart-Rotenberg spaziert, sieht das Bauwerk schon aus der Ferne. Die Grabkapelle auf dem Württemberg wirkt wie ein kleiner Fremdkörper in der schwäbischen Landschaft, fast so, als hätte jemand ein Stück Sankt Petersburg direkt in die Reben verpflanzt. Tatsächlich ist die Geschichte hinter den dicken Mauern so dramatisch wie eine Oper von Verdi. König Wilhelm I. ließ das Mausoleum für seine jung verstorbene Gemahlin Katharina Pawlowna errichten. Sie war eine russische Großfürstin, Enkelin von Katharina der Großen, und starb mit gerade einmal 30 Jahren. Es heißt, der König habe sie über alles geliebt, auch wenn die Ehe wohl nicht frei von Spannungen war. Über dem Haupteingang steht heute noch der Schriftzug Die Liebe höret nimmer auf. Das ist kein hohler Spruch, sondern war das Fundament für diesen Prachtbau, der an der Stelle der einstigen Stammburg des Hauses Württemberg steht.

Der Architekt Giovanni Salucci hat hier ganze Arbeit geleistet. Er schuf einen klassizistischen Rundbau, der an das Pantheon in Rom erinnert. Wenn man davor steht, spürt man die Wucht der Geschichte, aber auch eine seltsame Ruhe. Es riecht hier oben oft nach frisch gemähtem Gras und, je nach Windrichtung, nach dem schweren Duft der umliegenden Weinreben. Die Kapelle ist kein Ort für lautes Geplapper. Wer hineingeht, wird von einer kühlen Stille empfangen. Das Licht fällt durch die Kuppelöffnung und beleuchtet die monumentalen Skulpturen im Inneren. Man muss kein Fan von Royal-History sein, um von der Atmosphäre berührt zu werden. Es ist ein Ort, der zum Nachdenken anregt, während draußen der Alltag im Talkessel vor sich hin brummt.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Mit der S-Bahn bis Untertürkheim, dann weiter mit dem Bus 61 bis zur Endhaltestelle Rotenberg. Wer mit dem Auto kommt, findet nur wenige Parkplätze direkt im Ort, also lieber ein Stück weiter unten parken und laufen.
  • Öffnungszeiten: Die Kapelle ist meist von März bis November zugänglich. Der Außenbereich ist jedoch das ganze Jahr über frei begehbar und bietet auch bei geschlossener Tür das volle Aussichtsprogramm.
  • Ausrüstung: Feste Schuhe sind sinnvoll, wenn man durch die Weinberge wandern will. Die Wege sind zwar asphaltiert, aber teilweise sehr steil. Eine Windjacke schadet nicht, da es auf dem Gipfel oft zieht.
  • Picknick-Tipp: Besorgt euch im Ort ein paar Brezeln und eine Flasche Wein beim lokalen Winzer. Auf den Mauern rund um die Kapelle schmeckt es am besten.

Zwischen Weinhängen und Treppenstufen

Der Aufstieg zur Kapelle ist für viele Stuttgarter eine Art ritueller Spaziergang. Man parkt das Auto unten im Ort Rotenberg oder nimmt den Bus 61 ab Untertürkheim. Der Weg führt steil bergauf durch die Weinberge. Hier wachsen vor allem Trollinger und Lemberger, die Reben stehen stramm in Reih und Glied. Es ist anstrengend, keine Frage. Man kommt leicht ins Schwitzen, besonders wenn die Sonne direkt auf die Südhänge knallt. Aber das gehört dazu. Unterwegs trifft man oft auf Rentner, die in einem mörderischen Tempo an einem vorbeiziehen, oder auf junge Pärchen, die Picknickdecken unter den Armen klemmen haben. Die Luft hier oben ist spürbar klarer als unten in der Stadt, wo der Feinstaub manchmal die Sicht trübt.

Interessant ist dabei, dass der Ort früher ganz anders aussah. Bevor die Kapelle gebaut wurde, stand hier die mittelalterliche Burg Württemberg. Wilhelm I. ließ sie kurzerhand abreißen, um Platz für das Monument seiner Trauer zu schaffen. Das war damals ein ziemliches Statement. Er opferte den Stammsitz seiner Ahnen für die ewige Ruhe seiner Frau. Heute erinnert nur noch wenig an die alte Befestigung. Stattdessen dominieren die strengen Linien des Klassizismus das Bild. Auf den Treppen vor dem Portal sitzen oft Leute und lassen die Beine baumeln. Man blickt von hier aus über das gesamte Neckartal. An klaren Tagen reicht die Sicht bis zur Schwäbischen Alb. Es ist ein Panorama, das man sich erst erlaufen muss, was den Genuss am Ende nur steigert.

Der Sonnenuntergang als Volkssport

Sobald die Sonne tiefer sinkt, verwandelt sich der Württemberg in eine Freiluft-Arena. Es gibt in Stuttgart kaum einen besseren Ort, um den Tag zu verabschieden. Die Farbe des Himmels wechselt von einem grellen Hellblau in tiefe Orange- und Rottöne. Die Grabkapelle wird dann in ein warmes, fast goldenes Licht getaucht. In diesen Momenten versteht man, warum die Leute hier so gerne herkommen. Es hat etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Man bringt sich am besten eine Flasche lokalen Wein mit. Der Weinbauverein Rotenberg hat direkt unterhalb der Kapelle ein kleines Verkaufsstellen, wo man oft ein Viertele schlotzen kann, wie der Schwabe sagt. Ein Glas Rotwein in der Hand, den Blick über die leuchtenden Reben, das ist Lebensqualität pur.

Manchmal ist es hier oben fast schon ein bisschen zu voll. Wenn das Wetter am Wochenende perfekt ist, wird es eng auf den Mauern und Treppen. Da wird gelacht, fotografiert und manchmal sogar leise Musik gespielt. Aber der Vibe bleibt meistens entspannt. Es ist kein Ballermann-Feeling, sondern eher eine gemeinschaftliche Wertschätzung für die Schönheit der Natur und der Architektur. Man teilt sich den Platz. Wer es ruhiger mag, sollte unter der Woche kommen oder ganz früh am Morgen, wenn der Nebel noch in den Tälern hängt. Dann wirkt die Kapelle wie eine einsame Insel im Wolkenmeer. Es ist ein Anblick, den man so schnell nicht wieder aus dem Kopf bekommt. Der Kontrast zwischen der Grabruhe im Inneren und dem pulsierenden Leben vor der Tür macht den Reiz dieses Ortes aus.

Architektonische Details und russische Einflüsse

Man darf nicht vergessen, dass Katharina Pawlowna eine russische Seele hatte. Das spiegelt sich auch in der Nutzung der Kapelle wider. Obwohl sie als Mausoleum dient, wird sie offiziell als russisch-orthodoxe Kirche geführt. Einmal im Jahr findet hier ein feierlicher Gottesdienst statt, meist zu Pfingsten. Dann duftet es nach Weihrauch und die tiefen Gesänge hallen durch den Rundbau. Die Innenausstattung ist bewusst schlicht gehalten, was die Wirkung der Architektur noch verstärkt. Die vier Evangelistenstatuen beobachten die Besucher aus ihren Nischen heraus. Es ist ein Raum, der durch seine Proportionen überzeugt, nicht durch goldenen Prunk. Salucci hat hier eine Harmonie geschaffen, die zeitlos wirkt.

Ein Detail, das viele Besucher übersehen, ist die Gruft unter dem Hauptraum. Dort liegen Wilhelm und Katharina zusammen mit ihrer Tochter. Es ist ein kühler, dunkler Ort, der in starkem Kontrast zur hellen, lichtdurchfluteten Kapelle darüber steht. Wenn man dort unten steht, merkt man erst richtig, dass dies ein Friedhof ist, auch wenn oben die Leute lachen und den Ausblick genießen. Das Fundament der Kapelle besteht übrigens zum Teil aus den Steinen der alten Burg. Man hat also das Alte im Neuen verbaut, eine schöne Symbolik für den Fortbestand der Geschichte. Die Materialität des Sandsteins gibt dem Bauwerk eine Bodenhaftung, die gut zum schwäbischen Charakter passt. Bodenständig, aber mit einem Hauch von großer weiter Welt.

Spannend ist zudem die Flora rund um den Württemberg. Im Frühling blühen die Obstbäume in den Streuobstwiesen weiß und rosa, im Herbst verfärben sich die Weinblätter in ein Meer aus Gold und Kupfer. Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Reiz. Selbst im Winter, wenn die Kapelle manchmal einsam im Schnee steht, hat der Ort eine ganz besondere, fast schon melancholische Ausstrahlung. Man stapft dann durch den Matsch, die Finger werden kalt, aber der Ausblick auf das lichtermeer der Stadt entschädigt für alles. Es ist dieser ständige Wechsel zwischen Natur und Urbanität, der Stuttgart ausmacht. Von der Grabkapelle aus sieht man die Industrieanlagen am Neckar, die Wohnblocks und die fernen Wälder. Alles liegt einem zu Füßen.

Was man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, ist der kleine Pfad, der einmal komplett um die Kapelle herumführt. Von jeder Seite aus hat man eine andere Perspektive. Mal schaut man direkt auf das Daimler-Werk, mal über die sanften Hügel des Remstals. Es ist diese Vielfalt auf engstem Raum, die den Württemberg so besonders macht. Man kann hier wunderbar beobachten, wie die Stadt atmet. Die Züge, die wie Spielzeugbahnen unten am Neckar entlanggleiten, die Schiffe auf dem Wasser, der ferne Lärm der Autobahn – all das wird hier oben zu einer Art Hintergrundrauschen, das die eigene Ruhe nicht stört. Es ist ein Ort der Distanz und gleichzeitig der Nähe. Ein perfekter Abschluss für jede Stadttour.

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