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Cannstatter Wasen: Survival-Guide für das zweitgrößte Volksfest der Welt

Der Cannstatter Wasen ist kein Ort für Zartbesaitete, aber ein Paradies für alle, die das echte Schwabenland in Ekstase sehen wollen. Wenn die Luft nach gebrannten Mandeln und geschmolzenem Käse riecht, bricht in Stuttgart die fünfte Jahreszeit an.

Stuttgart  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wer zum ersten Mal auf das weitläufige Gelände am Neckarufer tritt, wird fast erschlagen von den Reizen. Mitten im Getümmel ragt sie auf, die Fruchtsäule. Sie ist das Wahrzeichen, ein mit Früchten und Getreide dekorierter Holzturm, der an die Ursprünge des Festes erinnert. Ursprünglich war der Wasen nämlich ein landwirtschaftliches Erntedankfest, gestiftet von König Wilhelm I. im Jahr 1818, um das Volk nach schweren Hungerjahren aufzuheitern. Heute wirkt dieser historische Kern fast verloren zwischen den blinkenden Lichtern der High-Tech-Fahrgeschäfte und den gigantischen Festzelten. Trotzdem bleibt die Säule der wichtigste Treffpunkt. Wer sich hier verabredet, findet seine Freunde meistens wieder, solange man sich auf die richtige Seite der Säule einigt. Ein kurzer Blick nach oben lohnt sich, denn die Dekoration wechselt jährlich und spiegelt die Erntemenge der Region wider. Es ist ein stiller Zeuge der Tradition in einem Meer aus modernem Kirmeslärm.

Das Gelände selbst ist in verschiedene Bereiche unterteilt. Es gibt den klassischen Jahrmarkt mit Buden und Karussells sowie den Bereich der großen Festzelte. Auffällig ist die schiere Größe. Der Cannstatter Wasen gilt als das zweitgrößte Volksfest der Welt, oft nur knapp hinter der Münchner Wiesn. Doch während es in München oft sehr international zugeht, bewahren sich die Stuttgarter eine gewisse lokale Bodenständigkeit. Man hört viel Schwäbisch, die Stimmung ist weniger auf Hochglanz poliert und ein bisschen rauer, aber herzlicher. Spannend ist dabei, dass viele Besucher tatsächlich aus der direkten Umgebung kommen und das Fest als festen Ankerpunkt im Jahreskalender sehen. Es ist kein reines Touristenevent, sondern gelebtes Brauchtum, auch wenn die Trachtenmode der letzten Jahre manchmal etwas sehr bunt daherkommt.

Kurz & Kompakt
  • Anreise: Unbedingt den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Die S-Bahn-Station Bad Cannstatt ist der zentrale Knotenpunkt; von dort führt ein kurzer Fußweg direkt auf das Festgelände.
  • Reservierung: Für die großen Festzelte ist eine Online-Reservierung Monate im Voraus dringend ratsam, insbesondere für die begehrten Plätze an Freitag- und Samstagabenden.
  • Bargeld: Obwohl die Digitalisierung voranschreitet, ist Bargeld auf dem Wasen immer noch der sicherste Weg, um an Karussells oder bei den Bedienungen schnell zu bezahlen.
  • Kleidung: Tracht ist kein Muss, aber mittlerweile Standard. Wer sich dafür entscheidet, sollte auf traditionelle Materialien wie Leinen oder Leder setzen statt auf Billigimporte.

Die Zeltkultur oder der Kampf um die Bank

In den Festzelten schlägt das Herz des Wasen. Hier wird das spezielle Volksfestbier ausgeschenkt, das einen etwas höheren Stammwürzegehalt hat als normales Helles. Das merkt man spätestens nach der zweiten Maß. Ein großer Fehler vieler Anfänger ist es, ohne Reservierung am späten Nachmittag oder Abend aufzutauchen. Dann stehen die Chancen auf einen Sitzplatz fast bei Null. Wer keinen Platz hat, bekommt in der Regel auch kein Bier, denn die Bedienungen sind streng. Unter der Woche sieht es mittags noch entspannt aus, da kann man sich einfach irgendwo dazusetzen. Am Wochenende jedoch herrscht Belagerungszustand. Wenn man Glück hat und einen Tisch ergattert, sollte man diesen so schnell nicht wieder hergeben. Es empfiehlt sich, frühzeitig zu erscheinen, idealerweise schon vor 16 Uhr, um sich einen strategisch günstigen Platz zu sichern.

Die Musik in den Zelten folgt einem bewährten Muster. Zuerst spielen Blaskapellen traditionelle Märsche und Polkas, während die Leute noch gemütlich ihren Gockel oder die Maultaschen essen. Sobald die Dämmerung einsetzt, wechselt das Repertoire zu Schlager und aktuellen Charthits. Dann gibt es kein Halten mehr und die Bänke werden zweckentfremdet. Auf den Tischen zu tanzen ist übrigens streng verboten, aber die Bänke sind freigegeben. Ein faszinierendes Schauspiel ist das logistische Wunder der Bedienungen. Sie schleppen bis zu zehn Maßkrüge gleichzeitig durch die engen Gassen zwischen den feiernden Menschen. Wer ihnen im Weg steht, bekommt das schnell zu spüren. Ein kurzes "Vorsicht!" und man sollte zur Seite springen. Das Trinkgeld ist hier nicht nur eine Höflichkeit, sondern sichert oft die schnelle Versorgung für die nächste Runde.

  • Dinkelacker: Das Zelt für Traditionalisten, oft sehr voll und laut.
  • Fürstenberg: Bekannt für eine etwas jüngere Zielgruppe und ausgelassene Partystimmung.
  • Göckelesmaier: Berühmt für das knusprige Brathähnchen, das hier eine Art Kultstatus genießt.
  • Schwaben Bräu: Hier wird viel Wert auf regionale Verbundenheit gelegt, oft etwas rustikaler.

Kulinarik jenseits von Hopfen und Malz

Essen auf dem Wasen ist eine ernste Angelegenheit. Wer denkt, es gäbe nur Pommes und Bratwurst, irrt gewaltig. Die schwäbische Küche zeigt sich hier von ihrer deftigsten Seite. Ein Klassiker sind die Maultaschen, die entweder in der Brühe oder geschmälzt mit Zwiebeln serviert werden. Dann wäre da noch der Rostbraten, oft mit einer ordentlichen Portion Spätzle. Das Fett im Essen hilft übrigens ungemein dabei, den Alkoholpegel im Zaum zu halten. Wer es etwas handlicher mag, greift zur Brezel. Aber Achtung, die schwäbische Brezel unterscheidet sich von der bayerischen durch ihre dünnen, knusprigen Ärmchen und den dicken, weichen Bauch. Es ist eine Frage der Ehre, dies zu bemerken. An den Buden draußen gibt es zudem alles, was das Herz begehrt: von Schokofrüchten über Steckerlfisch bis hin zu gebrannten Mandeln, deren Duft sich wie ein süßer Teppich über den Platz legt.

Besonders erwähnenswert ist das "Kracherle". Damit meinen die Einheimischen die knusprige Haut des Grillhähnchens. Ein gut gebratenes Hähnchen ist auf dem Wasen Gold wert. Man isst es mit den Händen, was nach der zweiten Maß auch die praktikabelste Methode ist. Überall stehen Papierspender bereit, um die fettigen Finger wieder sauber zu bekommen. In manchen Zelten gibt es auch modernere Interpretationen, etwa vegetarische Kässpätzle, die mit reichlich Röstzwiebeln serviert werden. Der Käse zieht lange Fäden und das Gericht ist so mächtig, dass man danach eigentlich erst einmal ein Verdauungsschnäpschen bräuchte. Die Preise sind stolz, das muss man wissen. Ein Tag auf dem Wasen kann das Budget ordentlich strapazieren, vor allem wenn man die Fahrgeschäfte mit einplant.

Adrenalin und Fliehkräfte auf dem Rummel

Der Wasen ist auch ein Mekka für Fans von Fahrgeschäften. Es ist eine bunte Mischung aus nostalgischen Klassikern und modernsten Maschinen, die einen in alle Himmelsrichtungen schleudern. Das Riesenrad ist ein Muss, allein schon wegen der Aussicht über Stuttgart und den Neckar. Von oben sieht man erst, wie geordnet das Chaos unten eigentlich ist. Die Fahrt ist im Vergleich zum Rest eher gemächlich und bietet einen Moment der Ruhe. Wer es wilder mag, sucht die Achterbahnen oder die Freifalltürme auf. Die Schreie der Fahrgäste vermischen sich mit dem Wummern der Bässe aus den Zelten und dem Klingeln der Schießbuden. Es ist eine Kakofonie der Geräusche, die man entweder liebt oder nach einer Stunde mit Kopfschmerzen quittiert. Ein Tipp für den Magen: Erst fahren, dann essen und trinken. Die physikalischen Gesetze kennen in der Zentrifuge kein Erbarmen.

Für Familien gibt es ruhigere Ecken mit Karussells für Kinder und Entenangeln. Am Nachmittag ist die Atmosphäre noch deutlich familienfreundlicher, bevor sich der Wasen am Abend in eine riesige Partymeile verwandelt. Ein kleiner Geheimtipp ist die "Wilde Maus", eine Achterbahn, die durch ihre engen Kurven besticht, bei denen man das Gefühl hat, über die Schiene hinauszuschießen. Es ist dieser kurze Moment der Panik, der den Reiz ausmacht. Auch die historischen Fahrgeschäfte haben ihren Charme. In manchen Zelten oder Buden fühlt man sich in die 1950er Jahre zurückversetzt. Die glitzernden Fassaden sind handbemalt und erzählen Geschichten von fernen Ländern oder Abenteuern. Es ist diese Mischung aus Nostalgie und Hightech, die den Charme des Cannstatter Volksfestes ausmacht. Man sollte sich einfach treiben lassen und dort anhalten, wo das Licht am buntesten flackert.

Überlebensstrategien und Etikette

Ein Besuch auf dem Wasen erfordert Vorbereitung. Das beginnt bei der Kleidung. Während früher eher Alltagskleidung getragen wurde, sieht man heute fast nur noch Dirndl und Lederhosen. Wer nicht als Tourist abgestempelt werden will, achtet auf Qualität. Billige Kostüme aus Plastik fallen sofort auf und werden von den Einheimischen eher belächelt. Eine ordentliche Lederhose darf speckig sein, das zeigt Erfahrung. Beim Dirndl ist die Position der Schleife entscheidend, auch wenn dieses Detail mittlerweile fast jedem bekannt sein dürfte. Wichtig ist festes Schuhwerk. Der Boden kann klebrig sein von verschüttetem Bier und am Ende des Abends ist man froh, wenn die Zehen geschützt sind. Turnschuhe sind mittlerweile akzeptiert, wirken aber oft deplatziert zum restlichen Outfit.

Die Anreise sollte unter keinen Umständen mit dem eigenen Auto erfolgen. Parkplätze rund um den Neckarpark sind Mangelware und die Polizei führt während der Wasenzeit extrem strenge Kontrollen durch. Die S-Bahn-Linien S1, S2 und S3 bringen einen direkt zur Haltestelle Bad Cannstatt. Von dort sind es nur wenige Gehminuten dem Strom der Massen nach. Auch die Sonderlinien der Stadtbahn fahren im Minutentakt. Wenn man spät nachts zurückwill, ist die Bahn oft überfüllt und die Stimmung kann kippen. Hier ist Geduld gefragt. Ein kleiner Spaziergang am Neckar entlang kann helfen, den Kopf zu klären, bevor man sich in die volle Bahn quetscht. In der Stadt gibt es zudem zahlreiche Taxis, aber auch hier muss man mit Wartezeiten rechnen. Wer schlau ist, bucht sich ein Hotel in Laufnähe, was allerdings Monate im Voraus geschehen muss.

Zuletzt noch ein Wort zum Verhalten: Der Wasen ist ein friedliches Fest, solange man die ungeschriebenen Gesetze achtet. Provokationen sollte man aus dem Weg gehen. Der Alkoholpegel ist hoch und manche Zeitgenossen überschätzen ihre Kraft. Wer höflich bleibt und auch mal ein Auge zudrückt, wenn einem Bier über die Hose geschüttet wird, hat mehr vom Abend. Es ist ein Miteinander, kein Gegeneinander. Die Sicherheitskräfte sind präsent, halten sich aber meist im Hintergrund, es sei denn, es wird wirklich brenzlig. Ein Lächeln gegenüber der Bedienung bewirkt oft Wunder und sorgt dafür, dass die nächste Maß vielleicht doch etwas schneller kommt. Am Ende geht es darum, die schwäbische Gemütlichkeit auf eine sehr intensive Art zu erleben. Wenn man dann heiser vom Mitsingen und mit müden Beinen nach Hause wankt, weiß man, dass man den Wasen richtig erlebt hat.

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