Es passiert nicht oft, dass man mitten in einer deutschen Großstadt fast über einen Diplodocus stolpert. Wer die U-Bahn an der Bockenheimer Warte verlässt und die Senckenberganlage entlangschlendert, sieht sie schon von Weitem: zwei lebensgroße Dinosauriermodelle, die den Verkehr auf der viel befahrenen Straße stoisch ignorieren. Sie sind die stummen Türsteher eines Gebäudes, das selbst schon fast wie ein Exponat wirkt. Das Senckenberg Naturmuseum gehört zu den großen Dingern in der europäischen Museumslandschaft, ein riesiger Kasten voller Wissen, der trotz moderner Anbauten seinen alten Charme nie ganz abgelegt hat. Es riecht drinnen nach einer Mischung aus altem Parkett, Bohnerwachs und dieser speziellen, trockenen Luft, die alten Archiven zu eigen ist. Man fühlt sich sofort ein bisschen klüger, sobald man die schwere Eingangstür hinter sich gelassen hat.
Gleich im Lichthof, dem zentralen Herzstück des Museums, wird klar, warum die Hütte an Wochenenden oft voll ist. Hier stehen sie, die Giganten der Urzeit, und es ist völlig egal, wie alt du bist: Wenn du vor dem Skelett eines Tyrannosaurus Rex stehst, fühlst du dich wieder wie ein staunender Erstklässler. Der T-Rex hier ist zwar "nur" ein Abguss des berühmten Fundes aus Montana, aber das tut der Faszination keinen Abbruch. Er fletscht die Zähne in einer Pose, die dynamisch wirken soll, aber auch etwas seltsam Erstarrtes hat. Viel spannender ist eigentlich das Originalskelett eines Diplodocus longus, das dem Museum 1907 von einem New Yorker Philanthropen geschenkt wurde. Man sieht noch die Brandspuren des Zweiten Weltkriegs an einigen Knochen, denn als Frankfurt in Schutt und Asche fiel, blieb auch das Senckenberg nicht verschont. Diese Narben machen die Ausstellung greifbar und verankern die uralten Knochen in der jüngeren Stadtgeschichte.
Kurz & Kompakt - Lage & Anreise: Das Museum liegt an der Senckenberganlage 25. Am entspanntesten kommst du mit der U-Bahn (U4, U6, U7) oder der Straßenbahn Linie 16 bis zur Haltestelle "Bockenheimer Warte". Parken ist im Westend Nervensache und teuer.
- Zeitplanung: Plane mindestens 2 bis 3 Stunden ein. An regnerischen Sonntagen kann es voll und laut werden; wer kann, kommt unter der Woche am frühen Nachmittag.
- Highlights: Neben dem T-Rex und der wasserschwein-fressenden Anakonda unbedingt nach der "Edmontosaurus"-Mumie suchen – hier ist die originale Hautstruktur des Dinos versteinert erhalten geblieben.
Der Mageninhalt der Schlange
Doch der wahre Star für viele Besucher ist kein Dinosaurier. Er hat keine Beine und keine Zähne, die so groß sind wie Bananen. Man muss in die Abteilung für rezente Tiere abbiegen, vorbei an ausgestopften Vögeln, die einen aus glasigen Augen anstarren, um zu "ihr" zu gelangen. Die Rede ist von der legendären Anakonda, die gerade dabei ist, ein Wasserschwein zu verschlingen. Dieses Präparat ist Kult. Es ist zugleich faszinierend und ein wenig ekelerregend, wie der Kiefer der Schlange gedehnt ist, um den massigen Körper des Capybaras aufzunehmen. Generationen von Frankfurter Schulklassen standen schon davor und haben sich gefragt, wie das physikalisch überhaupt möglich ist. Das Arrangement wirkt fast wie ein Standbild aus einem Horrorfilm der 50er Jahre, aber es demonstriert die Brutalität der Natur besser als jeder 4K-Bildschirm es könnte.
Gleich daneben findet man weitere Präparate, die in ihrer Machart heute fast schon antiquiert wirken, aber gerade deshalb so wertvoll sind. Die Tierpräparation hat sich in den letzten hundert Jahren massiv gewandelt. Während moderne Exponate oft lebensecht in Bewegung eingefroren wirken, haben die alten Stücke im Senckenberg eine statische Würde. Man sieht hier Tiere, die es in freier Wildbahn kaum noch gibt, oder solche, die längst komplett verschwunden sind. Das Quagga zum Beispiel, eine Zebraart, die im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Es steht da, halb gestreift, halb braun, und ist eines der wenigen erhaltenen Exemplare weltweit. Ein trauriges Mahnmal menschlicher Zerstörungswut, das einen kurz innehalten lässt.
Wale schweben über den Köpfen
Wenn man den Kopf in den Nacken legt, bekommt man im Senckenberg schnell Nackenschmerzen, aber es lohnt sich. In der Walhalle schweben die Skelette von Meeresriesen unter der Decke. Ein Finnwal, ein Pottwal, riesige Knochengerüste, die so leicht wirken, als wären sie aus Balsaholz. Es ist schwer, die Dimensionen dieser Tiere zu begreifen, wenn man sie nur aus Büchern oder Dokus kennt. Wenn man aber unter einem Kieferknochen steht, der größer ist als das eigene Wohnzimmersofa, rücken sich die Verhältnisse wieder gerade. Wir Menschen sind im großen Ganzen eben doch ziemlich kleine Wichte.
Interessant ist hier die Mischung aus Didaktik und reiner Schau. Die Infotafeln sind solide, keine Frage, manche vielleicht etwas textlastig für die heutige Instagram-Aufmerksamkeitsspanne. Aber wer sich die Mühe macht zu lesen, erfährt irre Details über die Evolution der Wale, wie sie vom Land zurück ins Wasser gingen und ihre Beine zu Flossen umbauten. In den Ecken der Halle verstecken sich oft kleinere Vitrinen, die leicht übersehen werden. Da liegen dann versteinerte Reste von Urzeit-Walen, die noch fiese Zähne hatten und eher aussahen wie schwimmende Wölfe. Gruselig und genial zugleich.
Die Evolution des Menschen
Ein paar Treppenstufen weiter oben, und das Treppenhaus selbst ist mit seinen schmiedeeisernen Geländern schon eine Augenweide, landet man bei der eigenen Verwandtschaft. Die Abteilung zur menschlichen Evolution wurde vor einigen Jahren modernisiert und sticht optisch etwas aus dem restlichen, teils musealen Museumskonzept heraus. Hier ist alles dunkler, fokussierter. Schädel reihen sich an Schädel. Von "Lucy", der berühmten Australopithecus-Dame, bis zum Neandertaler. Man kann quasi zusehen, wie das Gehirn wuchs und das Gesicht flacher wurde.
Was hier besonders gut gelingt, ist die Darstellung der Vielfalt. Wir neigen ja dazu, die Entwicklung des Menschen als eine gerade Linie zu sehen, aber im Senckenberg wird klar: Das war eher ein wild wuchernder Busch mit vielen toten Ästen. Da gibt es Vettern und Cousinen im Stammbaum, die einfach ausgestorben sind, ohne Nachfahren zu hinterlassen. Man guckt in die leeren Augenhöhlen eines Paranthropus und fragt sich unweigerlich, was der wohl gedacht hat, als er abends am Feuer saß. Oder ob er überhaupt Feuer hatte. Es sind diese Momente der Reflexion, die den Besuch so wertvoll machen. Man konsumiert nicht nur, man fängt an zu grübeln.
Vom Dodo und der Tiefsee
Wer starke Nerven hat, sollte sich die Nasssammlung nicht entgehen lassen, falls sie gerade zugänglich ist oder Teile davon ausgestellt sind. Tiere in Alkoholgläsern haben immer etwas Unheimliches. Bleiche Fische, seltsame Würmer, alles konserviert für die Ewigkeit, die Farbe längst aus den Schuppen gewichen. Aber auch die Dioramen sind einen zweiten Blick wert. Das sind diese Schaukästen, in denen Landschaften nachgebaut sind. Im Senckenberg gibt es einige, die fast wie kleine Theaterbühnen wirken. Besonders die Tiefsee-Abteilung versucht, mit Lichteffekten die Finsternis des Ozeans zu simulieren. Da leuchten dann Anglerfische in der Dunkelheit, und man ist froh, dass man auf dem Trockenen steht.
Nicht vergessen darf man den Dodo. Der dicke, flugunfähige Vogel von Mauritius, der so zutraulich war, dass er von Seefahrern einfach in den Kochtopf geworfen wurde, bis keiner mehr da war. Auch von ihm gibt es ein Modell. Es sieht ein bisschen drollig aus, fast wie eine Karikatur, aber die Geschichte dahinter ist bitterernst. Das Museum schafft hier den Spagat, Wissen zu vermitteln, ohne ständig den moralischen Zeigefinger zu schwingen, auch wenn die Botschaft klar ist: Passt auf euren Planeten auf, sonst endet ihr wie der Dodo oder der T-Rex.