Frankfurt a.M.

Weltreise im Glashaus: Warum der Palmengarten zu jeder Jahreszeit ein Highlight ist

Mitten im schicken Westend wartet eine grüne Lunge mit viktorianischem Charme und echter Tropenhitze auf müde Großstädter, die mal kurz die Welt umrunden wollen, ohne in den Flieger zu steigen.

Frankfurt a.M.  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Es ist schon eine kleine Ironie der Geschichte. Da geht ein Herzog pleite, und Frankfurt bekommt einen seiner schönsten Parks. Als der Herzog von Nassau 1866 seine Ländereien verlor und seine kostbare Pflanzensammlung unter den Hammer kommen sollte, fackelten die Frankfurter Bürger nicht lange. Heinrich Siesmayer, ein Landschaftsgärtner mit Visionen und Geschäftssinn, trommelte die wohlhabende Bürgerschaft zusammen. Man gründete eine Aktiengesellschaft, kaufte die herzoglichen Bestände auf und schuf 1868 den Palmengarten. Das ist typisch Frankfurt. Wenn die Stadt kein Geld hat oder nicht will, machen es die Bürger eben selbst. Bis heute spürt man diesen Geist zwischen den Beeten, auch wenn die Stadt längst die Regie übernommen hat. Der Garten liegt eingebettet im Westend, direkt an der Bockenheimer Landstraße, und wirkt von außen erst einmal wie ein gut gepflegter, aber normaler Park. Erst wer durch das Eingangsgebäude tritt, merkt schnell, dass hier andere Regeln gelten.

Du stehst hier nicht einfach in einer Grünanlage. Der Palmengarten ist ein Hybrid aus botanischem Lehrpfad, historischem Erbe und einer Art Naherholungsgebiet für gestresste Banker und Familien am Wochenende. 22 Hektar misst das Gelände. Das klingt machbar, aber wer wirklich alles sehen will, braucht gute Schuhe und Zeit. Es gibt hier Ecken, die wirken so verwunschen, dass man den Lärm der angrenzenden Straßen komplett vergisst. Und dann gibt es Bereiche, die sind so akkurat geharkt, dass man sich kaum traut, zu atmen.

Kurz & Kompakt
  • Lage & Anfahrt: Der Palmengarten liegt im Westend (Siesmayerstraße 61). Am besten kommst du mit der U-Bahn (U4, U6, U7 bis "Bockenheimer Warte" oder "Westend"). Parkplätze gibt es in der Tiefgarage direkt drunter, die sind aber oft voll und nicht gerade ein Schnäppchen.
  • Öffnungszeiten & Preise: Täglich geöffnet, im Winter (November bis Januar) meist bis 16 Uhr, im Sommer bis 19 Uhr. Der Eintritt liegt für Erwachsene bei etwa 7 Euro (Stand 2024), was für das Gebotene absolut fair ist. Kinder zahlen weniger.
  • Beste Reisezeit: Eigentlich immer. Im Winter wärmt man sich in den Gewächshäusern auf, im Frühjahr blüht alles, im Sommer gibt es die Open-Air-Events. Nur bei extremem Hochsommerwetter wird es im Tropicarium zur Sauna.
  • Tipp am Rande: Nimm dir Zeit für das Schmetterlingshaus, wenn gerade Saison ist (meistens im Sommer). Die Falter setzen sich gerne auf bunte Kleidung. Wer also in Neonfarben kommt, hat gute Chancen auf direkten Kontakt.

Das Herzstück: Das historische Palmenhaus

Wer den Palmengarten besucht, landet zwangsläufig im Palmenhaus. Es ist das Wahrzeichen, das Postkartenmotiv und irgendwie auch die Seele des ganzen Areals. 1869 fertiggestellt, ist es eine dieser grandiosen Konstruktionen aus Eisen und Glas, wie man sie sonst eher aus London oder Paris kennt. Schon beim Eintreten schlägt einem dieser ganz spezielle Geruch entgegen. Eine Mischung aus feuchter Erde, altem Bohnerwachs und üppigem Grün. Es riecht nach 19. Jahrhundert. Das Licht bricht sich in den riesigen Glasscheiben, und selbst an grauen Novembertagen ist es hier drin eine Spur heller als draußen. Die Pflanzen wuchern hier nicht wild, sie residieren. Riesige Fächerpalmen, die fast bis unter die Kuppel reichen, dominieren den Raum. Dazwischen plätschert ein künstlicher Wasserfall, der früher sicher als technisches Wunderwerk galt und heute einfach nur beruhigend wirkt.

Interessant ist die Galerie im Obergeschoss. Von dort oben hast du einen Blick auf die Kronen der Palmen, den man sonst nie bekommt. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Forscher, der im sicheren Baumhaus sitzt. Unter den Blättern der riesigen Howea forsteriana stehen Bänke, auf denen oft ältere Frankfurter sitzen und Zeitung lesen. Das gehört hier zum Inventar. Es ist kein steriles Museum, sondern ein genutzter Raum. Im Winter finden hier Ausstellungen statt, im Frühjahr blühen die Azaleen. Ein Highlight ist das kleine Gewässer in der Grotte unter dem Wasserfall. Da schwimmen Fische drin, die so fett sind, dass man sich fragt, ob die Besucher sie heimlich füttern. Offiziell ist das natürlich verboten.

Moderne Kontraste: Das Tropicarium

Verlässt du das historische Palmenhaus und schlenderst Richtung Süden, knallt die Moderne rein. Das Tropicarium ist ein ziemlicher Bruch zur viktorianischen Romantik. In den 1980ern gebaut, sieht es von außen aus wie eine Ansammlung riesiger Glasfacetten oder Kristalle. Innen ist es High-Tech für Pflanzen. Hier wird Botanik ernst genommen. Das Tropicarium ist in verschiedene Klimazonen unterteilt, und das merkst du sofort an deiner Haut. Brillenträger haben hier das Nachsehen, die Gläser beschlagen sofort.

Du startest vielleicht im Nebelwald, wo es kühl und feucht ist, Farne von den Wänden hängen und alles tropft. Ein paar Meter weiter stehst du in der Halbwüste. Kakteen, Sukkulenten, trockene Luft. Der Bodenbelag wechselt, die Farben werden erdiger. Besonders beeindruckend ist der Mangrovenbereich. Die Wurzeln der Pflanzen stehen im Wasser, und man hat das Gefühl, gleich müsste ein Krokodil um die Ecke biegen. Passiert natürlich nicht. Dafür gibt es im Wasser Schildkröten, die sich auf Baumstämmen sonnen und die Besucher gelangweilt anstarren. Was hier wirklich gut gemacht ist, ist die Didaktik. Es stehen nicht nur lateinische Namen an den Pflanzen, sondern oft auch Erklärungen zur Nutzung. Wusstest du, woher genau dein Kautschuk kommt oder wie Kakao in natura aussieht? Hier steht die Pflanze dazu fast zum Greifen nah.

Ein kleiner Geheimtipp im Tropicarium ist der Bereich mit den karnivoren Pflanzen. Venusfliegenfallen und Kannenpflanzen in allen Größen. Es hat schon was Faszinierendes, diesen grünen Räubern dabei zuzusehen, wie sie absolut gar nichts tun und trotzdem gefährlich aussehen. Kinder drücken sich hier regelmäßig die Nasen an den Scheiben platt.

Draußen im Grünen: Vom Weiher bis zur Steppe

Der Außenbereich ist riesig. Zentrales Element ist der große Weiher. Hier kann man Tretboot fahren, was am Wochenende durchaus zu kleinen Staus auf dem Wasser führt. Die Boote sind weiß, klassisch und passen perfekt ins Bild. Wer nicht treten will, setzt sich ans Ufer. Die Wiesen rund um den Weiher sind bei gutem Wetter voll mit Picknickdecken. Es ist diese Mischung aus "sehen und gesehen werden" und echtem Naturgenuss, die Frankfurt ausmacht. Im Hintergrund blitzt manchmal die Spitze des Messeturms durch die Bäume. Ein ständiger Reminder, wo man eigentlich ist.

Wenn die Füße schwer werden, gibt es eine Lösung, die eigentlich für Kinder gedacht ist, aber von Erwachsenen genauso geliebt wird: der Palmen-Express. Eine kleine Parkeisenbahn, die schnaufend und bimmelnd durch das Gelände zuckelt. Es wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen, vielleicht sogar etwas kitschig, aber es ist der bequemste Weg, um vom Haupteingang zum Spielplatz am anderen Ende zu kommen. Die Fahrt führt vorbei am Rhododendrongarten, der im Mai explodiert vor Farben. Pink, Lila, Weiß, so weit das Auge reicht. Danach sieht alles andere erst mal blass aus.

Wer es ruhiger mag, sucht den Steingarten auf. Der liegt etwas erhöht am großen Wasserfall. Hier wachsen alpine Pflanzen, die es karg mögen. Zwischen den Felsbrocken summt und brummt es im Sommer gewaltig. Es ist einer der wenigen Orte im Park, wo man wirklich fast alleine sein kann, wenn man Glück hat. Ein anderer Rückzugsort ist der Goethe-Garten. Hier hat man Pflanzen versammelt, die der Dichterfürst und Hobby-Botaniker Goethe in seinen Werken erwähnt oder selbst erforscht hat. Ginkgo darf da nicht fehlen. Ein bisschen Bildung muss sein, wir sind schließlich in der Goethestadt.

Das Blütenhaus und die Subantarktis

Ein Bereich, den viele links liegen lassen, weil er etwas versteckt liegt, ist das Subantarktis-Haus. Klingt kalt, ist es auch. Hier wird das Klima der Südhalbkugel simuliert, Patagonien, Falklandinseln. Die Pflanzen hier sind robust, windzerzaust und faszinierend anders. Es ist ein kleines, unscheinbares Glashaus, aber der Kontrast zur schwülen Hitze im Tropicarium könnte größer nicht sein. Im Sommer ist das der angenehmste Ort des ganzen Gartens.

Ganz anders das Blütenhaus. Hier wird geklotzt. Mehrmals im Jahr wechseln die Ausstellungen. Mal sind es Chrysanthemen, mal Weihnachtssterne, mal Frühlingsblüher. Die Gärtner arrangieren hier wahre Kunstwerke. Das ist oft sehr bunt und sehr voll, aber genau das wollen die Leute sehen. Die Kameras klicken hier im Sekundentakt. Wer Fotos für Instagram braucht, ist hier an der richtigen Adresse. Aber mal ehrlich, manchmal ist es fast zu viel des Guten. Man kommt raus und braucht erst mal wieder etwas schlichtes Grün für die Augen.

Kultur, Licht und Jazz

Der Palmengarten ist nicht nur Botanik, er ist auch Eventlocation. Das "Jazz im Palmengarten" ist eine Institution. Seit 1959 spielen hier Jazzgrößen im Musikpavillon. Open Air, bei gutem Wetter ein Traum, bei Regen eine nasse Angelegenheit, aber die Frankfurter sind da schmerzfrei. Man bringt seinen Wein mit, sitzt auf Klappstühlen oder im Gras und lauscht. Die Akustik ist erstaunlich gut, die Stimmung sowieso.

Und dann ist da noch das Lichterfest im Sommer. Tausende von Teelichtern werden in Motiven auf den Wiesen arrangiert. Das klingt nach viel Arbeit, und das ist es auch. Wenn es dunkel wird, verwandelt sich der Park in ein Lichtermeer. Es ist kitschig, ja, aber auf eine wunderschöne Art. Zum Abschluss gibt es ein Feuerwerk. An diesem Abend ist halb Frankfurt hier. Wer Platzangst hat, sollte das meiden. Wer aber sehen will, wie die Stadt ihre grüne Stube feiert, muss hin.

Für Familien ist das Papageno Musiktheater ein Begriff. Es liegt am Rand des Gartens in einem Zeltbau und bietet Opern und Theater für Kinder, aber ohne den sonst oft erhobenen Zeigefinger. Hier wird Kultur spielerisch vermittelt, und danach gibt es ein Eis am Kiosk. Apropos Kiosk: Die Gastronomie im Park ist okay. Es gibt das gehobene Restaurant im Gesellschaftshaus, wo man für eine Hochzeit auch mal ein Vermögen lassen kann, und es gibt die kleinen Buden für den schnellen Kaffee. Kulinarische Wunder darf man an den Kiosken nicht erwarten, aber eine Brezel auf die Hand geht immer.

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