Wenn du heute vor der Alten Oper stehst und den Nacken in den Nacken legst, um die Quadriga auf dem Dach zu betrachten, dann siehst du ein Monument des bürgerlichen Selbstbewusstseins. Es war das Jahr 1880. Frankfurt war preußisch besetzt und die Stimmung in der Stadt war, gelinde gesagt, reserviert gegenüber Berlin. Aber Geld hatte man. Viel Geld. Die Frankfurter Bürger finanzierten ihr Opernhaus kurzerhand selbst. Als Kaiser Wilhelm I. zur Eröffnung anreiste und durch das prunkvolle Treppenhaus schritt, soll er einen Satz gesagt haben, der jedem Frankfurter noch heute runtergeht wie Öl. Er sagte, dass er sich so etwas in Berlin nicht leisten könne. Das musste man in Frankfurt nämlich schon. Man wollte zeigen, wer man ist.
Der Architekt Richard Lucae hatte einen Bau im Stil der Neorenaissance entworfen, der vor Prunk nur so strotzte. Man sparte nicht an Säulen, nicht an Gold und schon gar nicht an der Inschrift unter dem Giebel. Dem Wahren Schönen Guten steht dort in goldenen Lettern. Ein Anspruch, der riesig war. Fast sieben Jahrzehnte lang war dieses Haus der kulturelle Nabel der Stadt, hier wurden Welturaufführungen gefeiert, hier traf sich die Hautevolee. Doch der Glanz sollte ein jähes und brutales Ende finden. Es brauchte nur eine einzige Nacht im Zweiten Weltkrieg, um den Traum in Schutt und Asche zu legen.
Kurz & Kompakt - Was ist es wirklich: Entgegen dem Namen finden hier keine Operninszenierungen mehr statt (die sind in der Oper Frankfurt am Willy-Brandt-Platz). Die Alte Oper ist heute ein reines Konzert und Kongresshaus.
- Architektur: Außen historischer Neorenaissance Stil von 1880, innen modernisierte Architektur der 1980er Jahre. Achte auf den Kontrast!
- Top-Tipp: Wenn du keine Konzerttickets hast, komm trotzdem abends vorbei. Die Beleuchtung der Fassade und des Lucae Brunnens davor ist eines der besten Fotomotive der Stadt.
- Anreise: U-Bahn-Station Alte Oper (U6/U7) oder S-Bahn Taunusanlage (alle Linien), von dort sind es nur 2 Minuten zu Fuß.
Der schönste Scheiterhaufen
März 1944. Fliegerbomben treffen das Gebäude. Das Dach stürzt ein, das Innere brennt lichterloh aus. Was am nächsten Morgen übrig blieb, war eine leere Hülle. Die Außenmauern standen noch, rußgeschwärzt und gespenstisch, aber das Leben war aus dem Gebäude gewichen. In den Nachkriegsjahren hatte Frankfurt andere Sorgen als Kulturtempel. Wohnraum fehlte, Brücken waren kaputt, die Infrastruktur lag am Boden. Die Ruine der Oper stand da wie ein fauler Zahn im Gebiss der Stadt. Sie verfiel zusehends, Birken wuchsen auf den Mauerresten, Vögel nisteten in den Nischen der Logenruinen.
Die Frankfurter nannten sie bald den schönsten Scheiterhaufen Deutschlands. Es war ein fast liebevoller Spott, aber politisch war das Gebäude ein Dorn im Auge. In den fünfziger und sechziger Jahren herrschte in der Stadtplanung der Geist der Moderne. Alles Alte galt als Ballast. Man wollte breite Autoschneisen und funktionale Betonbauten. Ein wilhelminischer Prunkbau passte da so gar nicht ins Konzept einer modernen Bankenmetropole. Der damalige Oberbürgermeister Rudi Arndt, ein Mann der Tat und der klaren Worte, schlug vor, die Ruine einfach wegzusprengen. Platz für Neues schaffen. Ein modernes Verwaltungsgebäude könnte dort stehen. Dieser Vorschlag brachte ihm den Spitznamen Dynamit Rudi ein. Ein Name, den er sein Leben lang nicht mehr loswurde.
Bürgerzorn und Spendenrekorde
Aber Arndt hatte die Rechnung ohne die Frankfurter gemacht. Die mögen zwar oft brummelig wirken und rennen jedem Trend hinterher, aber wenn es um ihre Wahrzeichen geht, werden sie eigen. Es bildete sich eine der ersten großen Bürgerinitiativen der Bundesrepublik. Der Slogan war simpel. Rettet das Opernhaus. Es war eine Bewegung, die quer durch alle Schichten ging. Von der reichen Bankiersgattin bis zum Studenten war alles dabei. Man wollte die Sprengung verhindern, koste es, was es wolle.
Was dann passierte, war beispiellos. Die Aktionsgemeinschaft Opernhaus sammelte Geld. Sie verkauften Urkunden, veranstalteten Lotterien und Flohmärkte. Wer in den siebziger Jahren in Frankfurt etwas auf sich hielt, hatte eine Spendenurkunde zu Hause an der Wand hängen. Insgesamt kamen rund 15 Millionen D-Mark an Spenden zusammen. Eine Summe, die damals astronomisch wirkte. Der Druck auf die Politik wurde so groß, dass die Abrisspläne in der Schublade verschwanden. Man entschied sich für den Wiederaufbau. Doch es gab einen Haken. Oder besser gesagt eine radikale Idee.
Außen alt, innen neu
Man entschied sich für eine Lösung, die heute als Paradebeispiel für den pragmatischen Frankfurter Umgang mit Geschichte gelten kann. Außen sollte die Oper wieder aussehen wie 1880, historisch exakt rekonstruiert. Innen jedoch wollte man keinen verstaubten Plüsch, sondern modernste Technik und Multifunktionalität. Das Gebäude sollte kein reines Opernhaus mehr sein. Die eigentliche Oper Frankfurt hatte längst am Willy-Brandt-Platz in einem modernen Bau ihre Heimat gefunden. Die Alte Oper sollte ein Konzerthaus und Kongresszentrum werden.
Als das Haus 1981 wiedereröffnet wurde, staunten die Besucher nicht schlecht. Man schreitet durch die historischen Portale, erwartet vielleicht Samt und Kronleuchter, und steht plötzlich in einem Foyer, das die kühle Eleganz der achtziger Jahre atmet. Helle Materialien, klare Linien. Der Große Saal ist das Herzstück. Er ist komplett mit rötlichem Holz verkleidet, genauer gesagt mit amerikanischer Kirsche. Keine goldenen Ränge, keine Logen mit Vorhängen. Stattdessen eine Akustik, die von Experten weltweit gelobt wird. Manche Traditionalisten rümpften damals die Nase über diesen Stilbruch. Außen Historismus, innen moderne Sachlichkeit. Aber es funktioniert. Es ist ein Haus, das lebt und nicht nur Museum ist.
Der Platz als Bühne
Heute ist die Alte Oper weit mehr als nur ein Gebäude für klassische Musik. Der Opernplatz davor ist eine Bühne für sich. Im Sommer sitzen die Menschen auf den Stufen des Lucae-Brunnens, der wegen seiner Form von den Einheimischen oft etwas despektierlich Teller genannt wird. Das Plätschern des Wassers mischt sich mit dem Lärm der Großstadt. Hier prallen Welten aufeinander. Da sind die Banker in ihren maßgeschneiderten Anzügen, die in der Mittagspause kurz Sonne tanken. Da sind die Touristen, die versuchen, das riesige Gebäude komplett auf ein Foto zu bekommen. Und da sind die Skateboarder, die den glatten Steinboden des Platzes nutzen, um ihre Tricks zu üben.
Spannend ist dabei, dass der Opernplatz die Schnittstelle zwischen zwei sehr unterschiedlichen Teilen Frankfurts bildet. Wenn du dich mit dem Rücken zur Oper stellst, blickst du direkt in die Schluchten der Bankentürme. Das moderne Frankfurt, das Mainhattan, türmt sich vor dir auf. Drehst du dich nach rechts, beginnt das Westend, eines der teuersten und ruhigsten Wohnviertel der Stadt mit seinen alten Villen. Und direkt gegenüber der Oper mündet die Fressgass auf den Platz. Die Fußgängerzone heißt eigentlich Große Bockenheimer Straße, aber diesen Namen benutzt kein Mensch. Hier flaniert man, hier isst man, hier sieht man und wird gesehen.
Musik für alle, nicht nur für die Elite
Das Programm der Alten Oper ist erstaunlich breit gefächert. Natürlich spielen hier die großen Sinfonieorchester der Welt. Die Akustik im Großen Saal, der rund 2500 Menschen fasst, ist für Mahler oder Bruckner wie geschaffen. Aber die Macher haben verstanden, dass Schwellenangst fehl am Platz ist. Es gibt Jazzkonzerte, Musical-Gastspiele, Pop-Acts und Filmvorführungen mit Live-Orchester. Auch Kongresse finden hier statt, bei denen dann hunderte Menschen mit Namensschildern durch die Foyers wuseln. Es ist dieses pragmatische Miteinander von Hochkultur und Business, das so typisch für Frankfurt ist.
Wer keine Karte für ein Konzert hat, kann trotzdem einen Blick riskieren. Das Foyer ist oft zugänglich, und es gibt Führungen, die einen hinter die Kulissen blicken lassen. Manchmal, wenn die Türen zum Saal offen stehen, hört man bei den Probenfetzen zu. Es ist ein Gebäude, das seine zweite Chance genutzt hat. Wäre Rudi Arndt damals mit seinem Dynamit durchgekommen, stünde hier heute vermutlich ein gesichtsloser Bürokasten aus den Siebzigern, an dem jeder achtlos vorbeilaufen würde. Stattdessen hat Frankfurt hier einen Ort, der Identität stiftet. Die Alte Oper beweist, dass es sich lohnt, manchmal stur zu sein und nicht alles dem Fortschrittsglauben zu opfern.
Kulinarik und Ausblick
Im Gebäude selbst gibt es Gastronomie, die allerdings ihren Preis hat. Das Café im Foyer ist nett, um das Treiben zu beobachten. Wer es etwas edler mag, geht ins Restaurant Opéra im dritten Stock. Von der dortigen Terrasse hat man, besonders abends, einen ziemlich spektakulären Blick auf die Skyline. Die Lichter der Hochhäuser glitzern, unten rauscht der Verkehr, und man hat das Gefühl, mitten im Zentrum Europas zu sitzen. Es ist einer dieser Orte, an denen man versteht, warum Frankfurt oft unterschätzt wird. Die Stadt ist nicht nur Geld und Beton. Sie hat Geschichte, sie hat Brüche, und sie hat Bürger, die ihren Mund aufmachen.
Ein kleiner Tipp am Rande für deinen Besuch: Geh einmal komplett um das Gebäude herum. Die Rückseite grenzt an den Bockenheimer Anlage Park. Hier ist es plötzlich ganz still. Ein kleiner Teich, alte Bäume, Jogger. Der Kontrast zur wuseligen Vorderseite könnte nicht größer sein. Hier siehst du auch den modernen Anbau für die Anlieferung und die Technik, der sich architektonisch eher zurückhält. Es ist die Arbeitsseite des Prachtbaus. Und genau diese Mischung aus Prunk vorne und Pragmatismus hinten macht die Alte Oper so sympathisch.