Wenn du vom Shopping-Wahnsinn der Zeil kommst und dich Richtung Norden treiben lässt, stehst du plötzlich vor einer Szenerie, die so eigentlich gar nicht passen dürfte. Links und rechts ragen spiegelnde Fassaden in den Himmel, Autos rauschen aggressiv um eine Verkehrsinsel, Straßenbahnen quietschen in der Kurve. Und mittendrin steht er. Der Eschenheimer Turm. Er wirkt fast ein wenig trotzig, wie er da so steht. Ein 47 Meter hoher Fingerzeig aus dem Spätmittelalter, der sich weigert, Platz für noch mehr Beton zu machen. Es ist dieser Kontrast, der Frankfurt oft so schwer greifbar macht, aber genau hier am Eschenheimer Tor wird er greifbar wie nirgendwo sonst. Man könnte fast meinen, der Turm zieht die Schultern hoch gegen den Lärm der Großstadt.
Das Bauwerk selbst ist eine Wucht. Man muss den Kopf schon ordentlich in den Nacken legen, um die Spitze zu sehen. Er ist der älteste und vor allem der am ursprünglichsten erhaltene Turm der einstigen Frankfurter Stadtbefestigung. Während andere Tore und Wehranlagen im 19. Jahrhundert dem Expansionsdrang der Gründerzeit zum Opfer fielen, blieb dieser Geselle stehen. Warum? Weil sich ein französischer Gesandter querstellte. Graf d’Hédouville legte ein gutes Wort für den "bizarren Bau" ein, als die Spitzhacken schon gewetzt waren. Ein Glücksfall. Sonst stünde hier heute vermutlich nur eine weitere Ampelanlage.
Kurz & Kompaktul>
Wo genau: Eschenheimer Tor 1, 60318 Frankfurt am Main. Direkt an der U-Bahn-Station gleichen Namens (U1, U2, U3, U8). Essen & Trinken: Im Turm befindet sich ein Restaurant mit Bar. Im Sommer kann man auch draußen direkt an der Turmmauer sitzen – laut, aber urban. Fototipp: Fahre im gegenüberliegenden Fleming’s Hotel mit dem gläsernen Aufzug hoch zur Terrasse. Der Blick auf den Turm vor der Skyline-Kulisse ist unschlagbar. Architektur mit fünf Fingern
Schau dir den Turm mal genau an, bevor du dich ins Innere wagst oder nur ein Foto für Instagram machst. Er wurde zwischen 1426 und 1428 erbaut. Der Baumeister war Madern Gerthener. Ein Name, den man in Frankfurt kennen sollte, denn der Mann hat auch am Dom ordentlich mitgemeißelt. Gerthener verstand es, Wehrhaftigkeit mit Eleganz zu paaren. Der Unterbau ist quadratisch und massiv, fast abweisend. Doch je höher der Blick wandert, desto filigraner wird die Angelegenheit. Ein runder Aufbau setzt sich auf das Quadrat, gekrönt von vier kleinen Ecktürmchen, den sogenannten Bartizanen. Zusammen mit der Hauptspitze sieht das Ganze aus wie eine Hand, die in den Himmel greift. Fünffingerturm nennen ihn manche deshalb, auch wenn der Spitzname im alltäglichen "Gebabbel" der Frankfurter eher selten fällt.
Das Material ist rauer Stein, der über die Jahrhunderte eine Patina angesetzt hat, die man nicht künstlich erzeugen kann. Ruß, Regen und Abgase haben die Fassade dunkel gefärbt. Es riecht hier, wenn man direkt an der Mauer steht, oft ein wenig nach feuchtem Kalk und Stadtstaub. Besonders im Herbst, wenn der Wind durch die Häuserschluchten pfeift, wirkt der Turm düster und geheimnisvoll. Er hat etwas Unbeugsames. Die Schieferdeckung der Dächer glänzt bei Nässe wie ein Fischrücken. Architektonisch ist das Spätgotik in Reinform, aber ohne den kitschigen Ballast, den man manchmal an Kirchen findet. Hier ging es um Schutz, nicht um Prunk.
Die Legende vom treffsicheren Wilddieb
Kein alter Turm ohne eine gute Geschichte, richtig? Die Story, die man sich in Frankfurt erzählt, handelt von Hans Winkelsee. Ein Wilddieb, der im Kerker des Turms saß. Ja, der Turm war lange Zeit auch Gefängnis. Ziemlich ungemütlich, ohne Heizung und mit Ratten als Zimmergenossen. Hans hatte eigentlich keine Chance mehr, der Galgen war ihm sicher. Neun Tage saß er schon bei Wasser und Brot, als er dem Rat der Stadt einen Deal vorschlug. Wenn er es schaffe, mit neun Schüssen aus seiner Büchse eine "9" in die Wetterfahne auf der Turmspitze zu schießen, solle man ihn freilassen.
Der Rat, wohl gelangweilt oder einfach sadistisch neugierig, ging darauf ein. Hans Winkelsee trat vor das Tor, legte an und feuerte. Neunmal. Und tatsächlich: Neun Löcher bildeten die Ziffer in der schwankenden Fahne da oben. Die Menge tobte vermutlich. Er kam frei, musste die Stadt aber für immer verlassen. Ob das stimmt? Wer weiß das schon. Aber wenn du gute Augen hast oder ein Fernglas besitzt, kannst du oben an der Wetterfahne tatsächlich Löcher erkennen. Skeptiker behaupten, die Fahne wurde erst später so perforiert, um die Touristen zu unterhalten. Aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein. Die Geschichte ist gut, und sie passt zu dem etwas kauzigen Charme dieses Bauwerks.
Das Innere: Kaminfeuer statt Kerkerhaft
Heute musst du kein Wilddieb mehr sein, um reinzukommen. Im Gegenteil. Unten im Turm befindet sich seit vielen Jahren ein Restaurant. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten in Frankfurt, in einem echten Wehrturm zu speisen. Die Atmosphäre drinnen ist speziell. Dicke Mauern schlucken den Lärm der Stadt fast vollständig. Sobald die schwere Tür hinter dir zufällt, ist der Verkehrslärm weg. Es ist fast ein bisschen unheimlich still, bis man das Klappern von Besteck hört.
Es gibt ein Kaminzimmer, das im Winter der absolute Renner ist. Das Feuer knistert, und man sitzt da, wo früher vielleicht die Wachmannschaften ihre Hände wärmten. Die Wendeltreppe nach oben ist eng. Wer Platzangst hat, sollte vielleicht unten bleiben. Die Stufen sind ausgetreten, Millionen von Füßen haben den Stein glattgeschliffen. Oben in den Turmstuben hat man zwar keine riesigen Panoramafenster, aber durch die Schießscharten und kleinen Luken sieht man Frankfurt aus einer Perspektive, die sonst niemand hat. Wie durch ein Schlüsselloch. Man sieht die modernen Glasfassaden verzerrt und ausschnitthaft. Das Essen? Gutbürgerlich, solide, nicht billig. Man zahlt eben für die Location mit. Aber für ein Glas Wein oder ein Bier am Abend ist es ein Erlebnis, das man sich gönnen sollte.
Der Tanz der Architektur
Was den Eschenheimer Turm heute so besonders macht, ist gar nicht mal nur er selbst. Es ist seine Nachbarschaft. Direkt dahinter ragt der NextTower in die Höhe, und daneben das Jumeirah Hotel. Das Spannende ist dabei, wie die moderne Architektur auf den Alten reagiert. Die Glasfassade des NextTower biegt sich leicht nach innen, als wollte sie dem Turm respektvoll Platz machen und ihn nicht erdrücken. Es ist eine architektonische Umarmung. Man hat nicht einfach einen Klotz daneben gesetzt, sondern die Form des Hochhauses an den historischen Bestand angepasst. Das sieht man selten.
Auch der Untergrund ist erwähnenswert. Wenn du mit der U-Bahn kommst (Station Eschenheimer Tor), landest du in einer der architektonisch interessantesten Stationen der Stadt. Die Säulen unten sind nicht einfach Stützen, sondern erinnern an das Gewölbe einer gotischen Kirche, nur eben in modernem Beton. Und wenn du die Rolltreppe nach oben nimmst, taucht der Turm langsam vor dir auf. Ein fast theatralischer Effekt. Unten die surrende U-Bahn, oben der stille Wächter.
Ein Tipp für den besten Blick
Du willst den Turm in seiner ganzen Pracht sehen, ohne dir den Hals zu verrenken? Dann geh nicht direkt hin. Geh auf die andere Straßenseite. Da ist das Hotel Fleming’s. Die haben einen dieser Paternoster-Aufzüge (eigentlich ein normaler Aufzug, aber mit Glasfront), der dich nach oben zur Terrasse bringt. Von der dortigen Bar oder dem Restaurant hast du den perfekten Blick auf den Eschenheimer Turm. Auf Augenhöhe mit den Bartizanen, quasi. Besonders zur "Blauen Stunde", wenn die Stadtbeleuchtung angeht und der Himmel noch dunkelblau ist, leuchtet der Turm angestrahlt wie eine Filmkulisse. Da oben, mit einem Drink in der Hand, versteht man dann auch, warum die Frankfurter ihren Turm so lieben. Er ist das beständige Herz in einer Stadt, die sich ständig neu erfindet. Er ist einfach da. Und das ist gut so.