Wenn man in Köln vom Hauptbahnhof aus startet und sich langsam in Richtung des Stadtteils Neuehrenfeld bewegt, verändert sich die Architektur spürbar. Die glatten Fassaden der Innenstadt weichen Zweckbauten, und irgendwann landet man unweigerlich in der Hornstraße. Auf den ersten Blick wirkt diese Ecke wenig einladend, fast schon abweisend. Zur Rechten erhebt sich der riesige blaue Klotz des Pascha, Europas wohl bekanntestem Laufhaus, und zur Linken rattern Züge über eine triste Bahntrasse. Genau hier, eingekeilt zwischen Gleisbett und Gewerbegebiet, öffnet sich ein Tor in eine andere Welt. Odonien ist kein Ort, den man zufällig beim Sonntagsspaziergang streift. Man muss schon wissen, dass sich hinter dem Stacheldraht und den hohen Zäunen ein Refugium verbirgt, das so gar nicht in die rheinische Ordnung passen will. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus altem Motoröl, feuchter Erde und im Sommer nach Grillkohle.
Odonien ist schwer zu kategorisieren. Es ist ein Freilichtatelier, sicher. Es ist eine Eventlocation, auch das. Aber vor allem ist es ein lebender Organismus aus Stahl und Schrott, geschaffen vom Künstler Odo Rumpf. Was diesen Ort so besonders macht, ist seine Unfertigkeit. Nichts hier wirkt wie für die Ewigkeit poliert, und doch hat der Rost eine Beständigkeit, die beruhigend wirkt. Während anderswo in Köln jeder Quadratmeter gentrifiziert und saniert wird, darf hier das Unkraut zwischen alten Getriebeteilen wuchern. Das Gelände wirkt wie eine Filmkulisse für einen Streifen, der in einer nicht allzu fernen, postapokalyptischen Zukunft spielt.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit der S-Bahn (S6, S11) bis Köln-Nippes, von dort sind es etwa 5 bis 7 Minuten zu Fuß. Alternativ bis Hansaring und dann ein etwas längerer Spaziergang. Parkplätze sind rar und die Hornstraße ist oft vollgeparkt, daher lieber auf Öffis setzen.
- Bezahlung: Bargeld lacht. Zwar hält die Modernisierung langsam Einzug, aber an der Kasse und der Theke ist Cash immer noch der sicherste Weg, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen. Der nächste Geldautomat ist ein gutes Stück entfernt.
- Kleidung: Lass die neuen weißen Sneaker im Hotel. Der Boden besteht teils aus Kies, teils aus Erde und Schotter. Festes Schuhwerk ist Pflicht, besonders wenn nachts getanzt wird oder das Wetter typisch kölsch (also regnerisch) ist.
- Programm: Der Kalender ist voll und vielfältig. Check unbedingt vorher die Website oder Social Media, ob gerade ein Flohmarkt, ein Konzert oder eine geschlossene Gesellschaft stattfindet. Die Öffnungszeiten variieren stark je nach Event.
Der Schöpfer und sein Freistaat
Um Odonien zu verstehen, muss man einen Blick auf seinen Schöpfer werfen. Odo Rumpf ist ein Kölner Urgestein der Kunstszene, aber keiner von der Sorte, die mit dem Sektglas in der Galerie steht. Er ist ein Macher, ein Schweißer, ein Konstrukteur. Vor vielen Jahren begann er, dieses Gelände als Lager und Arbeitsplatz zu nutzen. Damals war das Areal eine Brachfläche, die niemanden interessierte. Rumpf sah darin Potenzial. Er schleppte tonnenweise Industriemüll heran. Alte Karosserien, Rohre, Turbinen und Dinge, deren ursprünglicher Zweck kaum noch erkennbar ist. Mit Schneidbrenner und Schweißgerät formte er daraus Skulpturen, die mal bedrohlich, mal verspielt wirken. Aus diesem wilden Sammelsurium entstand über die Jahre der „Freistaat Odonien“.
Der Begriff Freistaat ist dabei durchaus politisch und gesellschaftlich zu verstehen. Odonien versteht sich als autonomer Raum für Kunst und Kultur, der sich den strengen Regeln des städtischen Alltags ein Stück weit entzieht. Rumpf hat hier einen Ort geschaffen, an dem Experimente erlaubt sind. Das merkt man an jeder Ecke. Es gibt hier keine geraden Linien. Wenn du dich auf eine der selbstgeschweißten Bänke setzt, merkst du schnell, dass Ergonomie hier zweitrangig ist. Es geht um das Material, um die Haptik des Eisens. Manchmal ist es im Sommer fast zu heiß, um das Metall anzufassen, und im Winter strahlt es eine beißende Kälte ab. Diese physische Präsenz der Umgebung zwingt einen dazu, im Hier und Jetzt zu sein.
Tagsüber: Skulpturenpark und Biergartenidylle
Viele Besucher kennen Odonien nur als nächtlichen Techno-Tempel, doch der eigentliche Charme entfaltet sich oft erst bei Tageslicht. An Wochenenden oder bei speziellen Veranstaltungen verwandelt sich das Areal in einen der ungewöhnlichsten Biergärten der Stadt. Es ist stiller dann. Man hört das Quietschen der Güterzüge auf den nahen Gleisen, was seltsam meditativ wirkt. Familien schieben Kinderwagen über den groben Kies, und Kinder klettern, sofern erlaubt, auf einigen der robusteren Exponate herum. Es ist dieser Kontrast, der fasziniert: Da steht eine riesige, feuerspeiende Echse aus verrostetem Stahl, und direkt daneben trinkt jemand gemütlich eine Limonade.
Die Kunstwerke selbst sind oft kinetischer Natur. Rumpf liebt Bewegung. Viele seiner Skulpturen können sich drehen, klappern oder interagieren mit den Elementen. Da gibt es riesige Insekten aus Metallschrott, deren Fühler im Wind schwanken, oder komplexe Maschinen, die völlig nutzlos, aber wunderschön anzusehen sind. Ein alter Bus, der aussieht, als wäre er direkt aus der Wüste Nevadas hierher gebeamt worden, dient oft als Kulisse oder Sitzgelegenheit. Im Inneren des Busses riecht es muffig, nach alten Polstern und Geschichte. Es ist ein Paradies für Fotografen, die das Morbide suchen, ohne dabei auf echte Verwahrlosung zu stoßen. Denn trotz des Chaos ist Odonien gepflegt. Es ist ein kuratiertes Chaos.
Nachts: Wenn der Bass den Rost zum Vibrieren bringt
Sobald die Sonne untergeht, wandelt sich das Gesicht Odoniens radikal. Die Beleuchtung ist spärlich, aber effektiv gesetzt. Scheinwerfer tauchen die Skulpturen in rotes und blaues Licht, werfen lange, bizarre Schatten auf den Boden. Dann übernehmen die Bässe das Kommando. Odonien ist einer der beliebtesten Orte für elektronische Musik in Köln, aber er unterscheidet sich massiv von den Hochglanzclubs auf den Ringen. Es gibt hier keinen Dresscode, keine VIP Lounges mit Flaschenservice und kein Schickimicki. Wer hierher kommt, will tanzen, und zwar oft bis in die frühen Morgenstunden.
Die Akustik ist, bedingt durch die vielen Metallflächen und die offene Bauweise, speziell. Der Sound ist roh, direkt. Oft finden die Partys sowohl drinnen in der Halle als auch draußen statt. Im Winter wärmt man sich an Feuertonnen, die überall auf dem Gelände verteilt sind. Der Geruch von verbrennendem Holz mischt sich dann mit dem Dunst der Tanzfläche. Es hat etwas Archaisches, fast Stammesartiges, wenn hunderte Menschen zwischen den riesigen Stahlskeletten tanzen. Man fühlt sich ein wenig wie in einer Endzeit-Disco, aber auf die bestmögliche Weise. Die Türsteher sind in der Regel entspannt, solange man sich benehmen kann. Wer Stress sucht, ist hier falsch. Die Grundstimmung ist friedlich, fast familiär. Man kennt sich, oder man lernt sich kennen.
Robodonien und das Theater der Maschinen
Ein absolutes Highlight im Kalender ist das Festival "Robodonien". Einmal im Jahr, meist im September, wird Odonien zum Mekka für Roboter-Kunst und Pyrotechnik. Dann kommen Künstler aus der ganzen Welt nach Ehrenfeld, um ihre mechanischen Geschöpfe zu präsentieren. Es zischt, es knallt, und überall sprühen Funken. Das ist der Moment, in dem der Ort seine volle Magie entfaltet. Es ist keine sterile Technikmesse, sondern ein dreckiges, lautes Spektakel. Man sieht Roboter, die Musikinstrumente spielen, oder Maschinen, die gegeneinander kämpfen. Feuerspucker und Performance-Künstler nutzen die Kulisse für Darbietungen, die in einem normalen Theater unmöglich wären.
Dabei ist Robodonien mehr als nur Show. Es ist eine Hommage an die Ingenieurskunst und die Kreativität, die darin steckt, alten Dingen neues Leben einzuhauchen. Upcycling ist hier kein Modewort, sondern gelebte Realität seit Jahrzehnten. Wenn du siehst, wie aus einer alten Waschmaschinentrommel und ein paar Fahrradketten ein funktionierendes Kunstwerk wird, bekommst du einen ganz neuen Blick auf unseren Wegwerfkonsum. Es inspiriert dazu, selbst den Schraubenschlüssel in die Hand zu nehmen, auch wenn man am Ende vielleicht nur ölige Finger hat.
Kultur jenseits des Mainstreams
Neben den großen Partys und dem Roboter-Festival bietet Odonien auch Raum für Flohmärkte, wie den "Bazar de Nuit". Hier wird dann wirklich alles verkauft, von Omas alter Lampe bis hin zu selbstgemachtem Schmuck. Die Atmosphäre ist wuselig und bunt. Man drängelt sich durch die engen Gassen zwischen den Skulpturen, feilscht um Preise und trinkt dabei ein Kölsch. Auch Theateraufführungen und Open-Air-Kino finden hier statt. Die Bestuhlung ist dann oft improvisiert, man sitzt auf Bierbänken oder alten Autositzen. Aber genau das macht den Reiz aus. Man erwartet hier keine perfekte Sicht oder Dolby-Surround-Sound. Man kommt wegen des Ambientes.
Es ist spannend zu beobachten, wie sich das Publikum bei diesen Veranstaltungen mischt. Da stehen die typischen Kölner Studenten mit Jutebeutel neben alteingesessenen Ehrenfeldern und Touristen, die diesen Ort in ihrem Reiseführer als Geheimtipp markiert haben. Odonien schafft es, diese Gruppen zu vereinen, ohne dabei seine Identität zu verlieren. Es ist kein Ort, der sich anbiedert. Entweder du magst den Staub und den Lärm, oder du gehst eben wieder. Diese Ehrlichkeit ist in einer Stadt, die sich oft sehr um ihr Image bemüht, erfrischend.