Man muss sich das mal vorstellen. Da, wo du heute dein Handtuch ausbreitest und blinzelnd in die Sonne schaust, sollten eigentlich Kanonen stehen. Oder zumindest freies Schussfeld sein. Dass Köln diesen grünen Halbkreis besitzt, der die Stadt einmal fest umarmt, verdanken wir einer Mischung aus preußischem Militärzwang und dem politischen Geschick von Konrad Adenauer. Bevor er der erste Kanzler der Republik wurde, war er hier Oberbürgermeister und hatte in den 1920er Jahren eine ziemlich gute Idee. Er nahm den alten Festungsring, den sogenannten Rayon, und ließ ihn nicht zubauen. Stattdessen schuf er zusammen mit Fritz Encke riesige Wiesenflächen.
Es ist kein englischer Landschaftsgarten, in dem jeder Grashalm mit der Nagelschere bearbeitet wird. Der Innere Grüngürtel ist Nutzfläche. Gebrauchsgegenstand. Ein Wohnzimmer, bei dem der Teppich schon ein paar Flecken hat, aber gerade deshalb so gemütlich ist. Die Architektur der Parkanlagen ist dabei oft streng geometrisch, doch die Natur und die Kölner haben sich das Gelände längst anarchisch zurückerobert. Wenn du vom Hansaring startest und Richtung Süden läufst, merkst du schnell, wie sich die Atmosphäre alle paar hundert Meter ändert.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten nutzt du die KVB. Haltestellen wie Moltkestraße (Linie 1, 7) für den Aachener Weiher oder Eifelplatz (Linie 12, 15, 16) für den Volksgarten sind ideale Startpunkte.
- Verpflegung: Kioske (Büdchen) gibt es an fast jeder Ecke der angrenzenden Straßen. Feste Gastronomie findest du im Biergarten am Aachener Weiher oder im Hellers im Volksgarten.
- Die Papageien: Die Halsbandsittiche (grün) und Alexander-Sittiche (etwas größer, roter Schulterfleck) sind am besten in der Abenddämmerung zu beobachten, wenn sie ihre Schlafbäume aufsuchen. Ohrstöpsel nicht vergessen!
- Grillen: Ist in ausgewiesenen Zonen erlaubt, aber bitte nimm deinen Müll wieder mit. Die Mülleimer quellen im Sommer oft über, also lieber eine eigene Tüte einpacken.
Der Wächter aus Beton: Rund um den Colonius
Orientierung ist hier einfach. Man muss nur nach oben schauen. Der Colonius, der Fernsehturm an der Inneren Kanalstraße, sticht wie eine Nadel in den Himmel. Er ist zwar seit Ewigkeiten für Besucher geschlossen, was eigentlich eine Schande ist, aber er markiert zuverlässig den nördlichen Einstieg in den Grüngürtel. Hier ist es oft noch etwas rauer. Die Wiesen sind weitläufig, flankiert von dichten Baumreihen, die den Lärm der angrenzenden Hauptverkehrsstraßen schlucken. Zumindest versuchen sie es.
An Wochenenden siehst du hier oft Gruppen, die Dinge tun, für die in einer engen WG kein Platz ist. Leute üben Feuerschlucken, werfen Frisbees über irrwitzige Distanzen oder spannen Slacklines zwischen den robusten Platanen. Der Boden ist hier fest getrampelt. Es riecht nach feuchter Erde und, je nach Windrichtung, nach den Abgasen der Venloer Straße. Doch das stört kaum jemanden. Man ist hier pragmatisch. Hauptsache draußen.
Das Herzstück: Aachener Weiher und Hiroshima-Nagasaki-Park
Bewegt man sich weiter südlich, landet man unweigerlich am Aachener Weiher. Offiziell heißt das Gelände Hiroshima-Nagasaki-Park, ein Name, der mahnen soll. Der Hügel an der Seite ist auch kein natürliches Phänomen, sondern ein Trümmerberg aus dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Gras liegt das kaputte Köln von damals. Heute sitzen die Studenten oben und schauen auf den Weiher runter. Wobei Weiher fast schon poetisch klingt für dieses streng rechteckige Betonbecken.
Im Sommer ist der Aachener Weiher so etwas wie das Festivalgelände der Stadt, nur ohne Eintritt und Bands. Tausende junge Menschen sitzen hier. Der Geruch von billigen Einweggrills liegt dann wie eine schwere Glocke über der Senke. Man hört Musik aus zwanzig verschiedenen Bluetooth-Boxen gleichzeitig, was sich zu einem dröhnenden Klangteppich vermischt. Techno von links, Reggae von rechts. Es ist laut, es ist dreckig, und es ist voller Leben. Wer Einsamkeit sucht, ist hier komplett falsch. Wer aber sehen will, wie Köln tickt, muss hierhin. Am Kiosk beim Biergarten holt man sich ein Kölsch, setzt sich auf die kühlen Betonstufen am Wasser und guckt Leute. Das ist besser als Fernsehen.
Spannend ist dabei, dass sich das Publikum im Tagesverlauf wandelt. Morgens um sieben gehören die Wege den Joggern, die mit verbissenen Gesichtern ihre Runden drehen. Mittags kommen die Mütter mit Kinderwagen und die Hundebesitzer, die hoffen, dass ihr Dackel nicht die Hinterlassenschaften der Grillparty vom Vorabend frisst. Und abends gehört das Revier der Jugend.
Exotischer Lärm: Die grünen Schreihälse
Wenn du im Grüngürtel unterwegs bist und plötzlich denkst, du wärst im Dschungelcamp gelandet, dann liegt das nicht am Alkoholpegel. Es liegt an den Halsbandsittichen. Diese knallgrünen Papageien mit dem roten Schnabel gehören mittlerweile zu Köln wie der Dom. Ursprünglich sind wohl mal ein paar aus Volieren entwischt, haben gemerkt, dass es in der Kölner Bucht gar nicht so kalt ist, und sich explosionsartig vermehrt.
Man hört sie, bevor man sie sieht. Ihr Kreischen ist durchdringend, metallisch fast. Sie schießen in kleinen Geschwadern durch die Baumkronen, viel schneller und wendiger als die behäbigen Tauben oder Krähen. Besonders in den alten Bäumen nahe der Universitätsstraße oder im Volksgarten haben sie ihre Schlafbäume. Die Meinungen über die Vögel sind gespalten. Die einen finden sie exotisch und charmant, ein Farbtupfer im oft grauen städtischen Winter. Die Anwohner, die direkt unter einem Schlafbaum wohnen und morgens um fünf geweckt werden, sehen das oft anders. Biologen streiten noch, ob sie heimische Arten verdrängen, da sie Bruthöhlen besetzen. Aber faktisch sind sie da und gehen auch nicht mehr weg. Schau mal genau hin, wenn sie an den Knospen der Kastanien knabbern.
Südstadt-Vibe im Volksgarten
Überquert man die Luxemburger Straße, ändert sich der Charakter des Grüngürtels erneut. Man nähert sich dem Volksgarten. Das ist die "gute Stube" der Südstadt. Hier geht es etwas gediegener zu als am wilden Aachener Weiher, aber keinesfalls langweilig. Der Volksgarten ist landschaftlich der wohl schönste Teil. Es gibt einen großen Teich, auf dem man Tretboot fahren kann, was an sonnigen Sonntagen ein herrlich kitschiges Vergnügen ist.
Die Überreste der preußischen Festungsanlagen sind hier besonders gut sichtbar. Das Fort IV ist teilweise in die Parklandschaft integriert, altes Mauerwerk blitzt zwischen Rosenbeeten hervor. Im Biergarten von Hellers sitzt man unter riesigen Bäumen. Die Kellner sind hier oft echte kölsche Originale, der Service ist herzlich, aber direkt. Wer zu lange braucht, um zu bestellen, bekommt schon mal einen Spruch gedrückt.
Der Volksgarten hat etwas Dörfliches. Man kennt sich. Familien breiten riesige Picknickdecken aus, auf denen Tupperdosen mit Nudelsalat gestapelt werden. Trommelgruppen sorgen sonntags oft für den Rhythmus. Und im Rosengarten, einer etwas versteckten Ecke nahe der Eifelstraße, findet man tatsächlich so etwas wie Stille. Hier blüht es im Sommer in allen Farben, und der Verkehrslärm der Vorgebirgstraße ist nur noch ein fernes Rauschen. Es riecht intensiv nach Blüten und, nun ja, manchmal auch nach dem Rauch diverser Kräuterzigaretten, die in den Büschen geraucht werden.