Köln

Das Hänneschen-Theater: Warum Puppenspiel hier Kulturgut für Erwachsene ist

Vergiss alles, was du über braves Kasperltheater weißt, denn hier wird geflucht, politisiert und ordentlich Kölsch getrunken. Ein Besuch am Eisenmarkt ist der wohl unterhaltsamste, aber auch härteste Integrationskurs, den diese Stadt zu bieten hat.

Köln  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wenn du vom lauten Heumarkt kommst, wo sich Touristenhorden oft an mittelmäßigen Brauhäusern abarbeiten, musst du nur einmal scharf abbiegen. Plötzlich wird es ruhiger. Du stehst auf dem Eisenmarkt. Das ist einer dieser kleinen, fast dörflichen Plätze in Köln, die man leicht übersehen kann, wenn man nur dem Dom hinterherläuft. Hier riecht es manchmal leicht nach Rhein, oft aber eher nach den Abgasen der Lieferwagen, die sich durch die engen Gassen quetschen. Vor dir liegt ein Backsteinbau, der auf den ersten Blick vielleicht wirkt wie eine alte Schule oder ein Verwaltungstrakt. Aber der Schein trügt gewaltig.

Das Hänneschen-Theater ist eine Institution. Man könnte fast sagen, es ist das Zentralnervensystem der kölschen Volksseele. Wer hier reingeht, sucht keine glattgebügelte Unterhaltung wie im Musical-Dome auf der anderen Seite des Hauptbahnhofs. Hier sucht man das Echte. Und das Echte ist in Köln oft aus Holz geschnitzt und ziemlich vorlaut. Die Puppenspiele der Stadt Köln, wie der Laden offiziell und etwas trocken heißt, sind weit mehr als ein Theater. Seit 1802 existiert diese Bühne. Johann Christoph Winters hat sie gegründet, und man muss sich das mal vorstellen, dass dieses Theater älter ist als der Kölner Karneval in seiner organisierten Form.

Kurz & Kompakt
  • Tickets und Zeiten: Karten sind begehrt, besonders für die Puppensitzung (Karneval) und das Weihnachtsmärchen. Der Vorverkauf startet Monate im Voraus. Für normale Abendstücke gibt es an der Abendkasse am Eisenmarkt aber oft noch Restkarten oder Rückläufer.
  • Sprache: Die Stücke sind fast komplett auf Kölsch. Ein paar Grundkenntnisse oder ein offenes Ohr für Dialekte sind hilfreich, aber die visuelle Komik funktioniert auch ohne Vokabelheft.
  • Zielgruppe: Nachmittags laufen Stücke für Kinder (Kinderstücke), abends die Stücke für Erwachsene (Abendstücke). Letztere sind oft politisch satirisch und nicht für Kinder geeignet.

Die Technik macht den Unterschied

Vielleicht hast du schon mal Handpuppen gesehen oder Marionetten, die an Fäden hängen. Vergiss das direkt wieder. Im Hänneschen wird mit Stockpuppen gespielt. Das ist eine Kölner Spezialität, die technisch ziemlich anspruchsvoll ist. Die Figuren stehen auf einem dicken Holzstab, dem Tragestock, und werden von unten geführt. Die Puppenspieler stehen dabei in einer Grube, die "Britz" genannt wird. Du siehst sie nicht, aber du spürst ihre körperliche Arbeit. Der rechte Arm der Puppe wird mit einem dünneren Stab bewegt, dem Spielstab. Das erlaubt Bewegungen, die bei Handpuppen unmöglich wären. Eine Hänneschen-Puppe kann dir sehr präzise den Vogel zeigen oder ein Kölschglas zum Mund führen. Beides kommt übrigens häufig vor.

Es ist faszinierend, wie schwer diese Holzköpfe eigentlich sind. Manche wiegen bis zu vier Kilo. Wenn du in den ersten Reihen sitzt, hörst du das Klackern des Holzes, wenn die Figuren auf der Spielleiste aufsetzen. Das ist kein Störgeräusch, sondern gehört zum Soundtrack des Abends dazu. Die Bewegungen wirken manchmal etwas eckig, fast ruppig, aber genau das verleiht den Figuren ihre enorme Energie. Sie wirken nicht filigran oder zerbrechlich, sondern bodenständig und wehrhaft.

Das Personal von Knollendorf

Auf der Bühne siehst du nicht Köln, sondern "Knollendorf". Das ist ein fiktives Kaff, das natürlich nichts anderes ist als ein Spiegelbild der Domstadt. Das Personal ist feststehend, wie bei der Commedia dell’arte, nur eben in rheinischer Mundart. Da gibt es das Hänneschen und sein Bärbelchen, die ewigen Guten, die Vernünftigen, die manchmal fast ein bisschen langweilig wirken neben den exzentrischen Charakteren. Denn die eigentlichen Stars sind andere.

Da ist Tünnes. Du erkennst ihn sofort an der riesigen roten Knollennase. Er ist der Bauerntyp, gutmütig, vielleicht ein bisschen langsam im Kopf, aber mit einem Herz aus Gold und einer Bauernschläue, die man nicht unterschätzen sollte. Sein Gegenpart ist der Schäl. Er trägt einen Frack und schielt, daher der Name. Schäl ist der Städter, der Typ, der dir eine Versicherung andrehen will, die du nicht brauchst. Er ist gerissen, manchmal fies, aber er fällt am Ende meistens doch auf die Nase. Diese Dualität von Tünnes und Schäl ist der Kern des Kölner Humors. Wir sind beides. Ein bisschen doof und ein bisschen gemein.

Ein heimlicher Favorit des Publikums ist oft Speimanes. Ein Kellner, der lispelt und beim Sprechen seine Umgebung "feucht" ausspricht. Wenn Speimanes auf der Bühne loslegt, gehen in der ersten Reihe oft reflexartig die Köpfe runter. Die Puppenspieler haben für den Spuckeffekt eine spezielle Technik entwickelt, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Es ist derber Humor, ja. Aber er ist nie bösartig, sondern herzlich.

Ohne Wörterbuch in den Dschungel

Kommen wir zum Elefanten im Raum. Oder besser gesagt, zum "Levve Jott" in der Sprachbarriere. Im Hänneschen wird Kölsch gesprochen. Und zwar kein weichgespültes Karnevals-Kölsch für Touristen, sondern Ripoarisch in einer Dichte, dass selbst Zugezogene, die schon zehn Jahre hier wohnen, Schweißperlen auf der Stirn bekommen. Die Dialoge sind schnell, voller Idiome und Anspielungen. Wenn der Mählwurms Pitter loslegt, versteht mancher Norddeutsche nur Bahnhof.

Ist das schlimm? Eigentlich nicht. Die Handlung erklärt sich oft durch das Spiel, durch die drastische Gestik der Puppen und den Kontext. Wenn Schäl vom Wachtmeister Schnäuzerkowski verhaftet wird, braucht man keine Untertitel. Aber du solltest dich darauf einstellen, dass du die feineren Spitzen verpasst, wenn du den Dialekt nicht beherrschst. Manchmal lacht der ganze Saal, und du sitzt da und wunderst dich. Nimm es als meditative Erfahrung. Es geht um den Klang, die Melodie der Sprache, dieses Singsang, das mal gemütlich und im nächsten Moment aggressiv klingen kann.

Satire statt Kindergeburtstag

Viele denken bei Puppentheater an leuchtende Kinderaugen. Die gibt es im Hänneschen auch, bei den Nachmittagsvorstellungen. Aber der wahre Kult sind die Abendstücke für Erwachsene. Hier wird Stadtpolitik gemacht. Der Kölner Klüngel, diese unnachahmliche Art, wie man sich hier gegenseitig Jobs und Aufträge zuschanzt, wird auf der Bühne gnadenlos seziert. Die Autoren nehmen kein Blatt vor den Mund. Bürgermeister, Baudezernenten, Kardinäle, sie alle bekommen ihr Fett weg. Oft sitzen die realen Vorbilder sogar im Publikum und lachen gequält mit.

Besonders die jährliche "Puppensitzung" während der Karnevalszeit ist legendär. Karten dafür zu bekommen, gleicht einem Lottogewinn. Menschen campieren teilweise vor dem Vorverkaufsstart vor dem Theater. Es ist ein Ritus. Man geht hin, um sich verarschen zu lassen. Die Stücke sind oft aktueller als die Tageszeitung. Wenn irgendwo in Köln eine Brücke einstürzt oder ein U-Bahn-Bau schiefgeht (was beides statistisch gesehen gar nicht so unwahrscheinlich ist), dann wird es im Hänneschen garantiert thematisiert. Es ist eine Art kollektive Therapie für die gestresste Stadtgesellschaft.

Atmosphäre, die man riechen kann

Der Zuschauerraum selbst hat einen ganz eigenen Charme. Er ist nicht riesig, eher intim. Die Wände atmen Geschichte. Man sitzt recht eng, was in Köln aber niemanden stört, weil man eh gerne auf Tuchfühlung geht. In der Pause trinkt man im Foyer ein Kölsch aus der Flasche oder eine Limo. Es geht unprätentiös zu. Niemand trägt Abendgarderobe, Jeans und Pulli reichen völlig. Manchmal sieht man ältere Damen mit Perlenketten neben Studenten in Kapuzenpullis. Das Hänneschen ist einer der wenigen Orte, wo die soziale Schere scheinbar nicht existiert.

Hinter den Kulissen arbeiten Schreiner, Schneider und Maler, die alles in Handarbeit herstellen. Die Kulissen sind oft kleine Kunstwerke, detailverliebt bis zum Gehtnichtmehr. Wenn eine Szene auf dem Alter Markt spielt, dann stimmt da jeder Pflasterstein. Diese Liebe zum Detail merkt man in jeder Sekunde. Es wirkt alles herrlich analog in unserer digitalen Welt. Kein 3D, keine Spezialeffekte aus dem Computer, sondern bemalte Leinwand und geschnitztes Lindenholz.

Einheimisch für einen Abend

Warum solltest du dir das antun, wenn du vielleicht kaum ein Wort verstehst? Weil du nirgendwo anders so tief in das Herz dieser merkwürdigen Stadt blicken kannst. Köln erklärt sich nicht durch den Dom oder das Römisch-Germanische Museum. Köln erklärt sich dadurch, wie die Menschen miteinander umgehen, wie sie über sich selbst lachen und wie sie Autoritäten durch den Kakao ziehen. Das Hänneschen ist der Ort, wo diese Mentalität konserviert und jeden Abend frisch serviert wird.

Wenn am Ende der Vorstellung der Vorhang fällt und das Ensemble (also die Menschen hinter den Puppen) nach vorne auf die Britz tritt, sieht man oft verschwitzte, aber glückliche Gesichter. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. Die Arme müssen permanent hochgehalten werden. Wer das mal versucht hat, weiß, was das bedeutet. Der Applaus gilt dann nicht nur der Kunst, sondern auch dem Sport.

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