Du glaubst vielleicht, ein lustiger Hut reicht aus. Das ist ein Irrtum. In Köln ist der Karneval kein Kostümfest für Kinder, sondern eine ernste Angelegenheit, die zufällig sehr bunt aussieht. Wer in Alltagskleidung in eine Kneipe geht, wird nicht bedient oder zumindest mitleidig als Tourist enttarnt. Die Verkleidung muss vollständig sein. Kölner stecken viel Mühe in ihre Erscheinung. Das Kostüm dient dabei als Eintrittskarte in die kollektive Masse. Es egalisiert Unterschiede. Ob Anwalt oder Müllmann, als Lappenclown sind alle gleich.
Zwei Dinge solltest du bei der Wahl deiner zweiten Haut bedenken. Erstens das Wetter. Der Februar im Rheinland ist nass und grau. Es zieht. Ein Kostüm muss also warm genug sein, um stundenlang an einem Zugweg zu stehen, aber auch luftig genug, damit du in einer überfüllten Wirtschaft nicht kollabierst. Das Zwiebelprinzip ist hier keine Modefloskel, sondern Überlebensstrategie. Erfahrene Jecken kaufen ihre Kostüme zwei Nummern zu groß, um dicke Wollpullover darunter zu verstecken. Zweitens die Schuhe. Ziehe niemals deine guten Sneaker an. Der Boden in den Kneipen verwandelt sich im Laufe des Tages in eine klebrige Masse aus verschüttetem Kölsch, zertretenen Kamelle und Matsch. Festes, altes Schuhwerk ist Pflicht.
Kreativität wird geschätzt, aber Klassiker funktionieren immer. Mit einem Ringelshirt in Rot und Weiß machst du nichts falsch. Wer sich als "Lappenclown" verkleidet, trägt quasi die Uniform des Straßenkarnevals. Vermeide billige Plastikmasken. Sie stören beim Trinken und Schwitzen. Schminke im Gesicht ist besser, verläuft aber irgendwann. Das gehört dazu. Man sieht am Ende des Tages eben etwas ramponiert aus.
Kurz & Kompakt - Der Schlachtruf: Es heißt "Kölle Alaaf". Niemals "Helau". Das rettet Leben und sichert die Sympathie der Einheimischen.
- Das Getränk: Kölsch gibt es in 0,2l Stangen. Deckel aufs Glas legen, wenn du nichts mehr trinken willst, sonst kommt automatisch Nachschub.
- Die Kleiderordnung: Kostüm ist Pflicht. Keine Alltagskleidung. Achte auf warme Schichten (Zwiebelprinzip) und bequeme, schmutzresistente Schuhe.
- Die Orientierung: Alter Markt für Touristen, Südstadt für Tradition, Zülpicher Straße für junge Eskalation.
Die Geografie des Wahnsinns
Köln ist groß, aber der Karneval konzentriert sich auf bestimmte Zonen, die sich in ihrer Atmosphäre stark unterscheiden. Da wäre zunächst die Altstadt rund um den Heumarkt und den Alter Markt. Hier schlägt das offizielle Herz. Am Donnerstag, der Weiberfastnacht, wird hier um 11:11 Uhr der Straßenkarneval eröffnet. Es ist voll. Sehr voll. Man steht Körper an Körper. Die Musik ist laut, die Stimmung euphorisch, aber es sind auch extrem viele Touristen unterwegs. Wer das Postkartenmotiv sucht, ist hier richtig. Wer Platzangst hat, sollte diesen Bereich meiden.
Authentischer geht es oft in der Südstadt zu. Rund um den Chlodwigplatz und die Severinstraße feiern die Kölner gerne selbst. Die Kneipendichte ist hoch. Hier findet man eher die traditionellen Lieder und weniger die Ballermann Hits, die leider immer mehr einsickern. In der Südstadt spürt man diesen urigen Veedelscharakter. Man kennt sich, man grüßt sich, man trinkt zusammen. Ein anderes Kaliber ist das "Kwartier Latäng" rund um die Zülpicher Straße. Das ist das Studentenviertel. Hier ist der Karneval jung, wild und oft chaotisch. Die Straße wird oft schon mittags wegen Überfüllung gesperrt. Es wird exzessiv gefeiert. Das muss man mögen. Für den Einstieg ist das vielleicht etwas zu viel des Guten.
Ein Geheimtipp ist oft der Karneval in den Stadtteilen, den Veedeln. In Nippes oder Ehrenfeld gibt es eigene Züge, die oft am Karnevalsdienstag oder Sonntag gehen. Sie sind kleiner, familiärer und man fängt mehr Süßigkeiten, da die Konkurrenz am Straßenrand nicht so groß ist. Schau dir vorher den Plan der "Veedelszüge" an. Oft ist die Stimmung dort herzlicher als in der Innenstadt.
Flüssignahrung und die Physik des Kölsch
Kölsch ist das Blut, das durch die Adern des Karnevals fließt. Es wird in kleinen, zylindrischen Gläsern serviert, den Stangen. Sie fassen 0,2 Liter. Das wirkt auf Bayern oder Briten lächerlich, hat aber einen physikalischen Sinn. Das Bier bleibt immer frisch und schal wird es nicht, weil man es schnell trinkt. In den Brauhäusern und Kneipen herrscht ein eigenes Gesetz. Du bestellst kein Bier. Du bekommst es. Der Köbes, so heißt der Kellner, trägt einen Kranz mit frischen Gläsern durch den Laden. Er sieht ein leeres Glas und stellt ungefragt ein volles daneben. Dabei macht er einen Strich auf deinen Bierdeckel.
Wenn du nicht mehr trinken willst, musst du den Bierdeckel auf das Glas legen. Das ist das internationale Zeichen für "Ich habe genug". Wer das vergisst, bekommt endlos Nachschub. Diskutiere niemals mit dem Köbes. Er ist die Autorität im Raum. Sein Umgangston ist oft rau, aber herzlich. Ein "Fieser Möpp" ist man schnell, wenn man den Weg versperrt. Trinkgeld ist wichtig. Runde den Betrag auf. Es beschleunigt den Service beim nächsten Mal ungemein.
Essen ist der Anker, der dich am Boden hält. Wer nur trinkt, liegt um 14 Uhr im Bett oder im Rinnstein. Die kölsche Küche bietet fettige Grundlagen. Ein "Halver Hahn" ist kein Hähnchen, sondern ein Roggenbrötchen mit dickem Käse und Senf. Mettbrötchen mit Zwiebeln sind allgegenwärtig. Sie geben Kraft. Auch Reibekuchen, Rievkooche genannt, sind beliebt. Der Geruch von altem Fett gehört zur olfaktorischen Kulisse der Stadt in diesen Tagen.
Der soziale Code: Bützen, Schunkeln und Gesang
Karneval ist ein Kontaktsport. Deutsche Distanzzonen sind aufgehoben. Wenn im Pub ein bekanntes Lied gespielt wird, haken sich alle unter. Das nennt man Schunkeln. Du wirst fremde Arme um deine Schultern spüren. Wehre dich nicht, mach einfach mit. Man bewegt sich rhythmisch von links nach rechts. Es ist ein Moment der Gemeinschaft. Niemand bleibt hier lange allein.
Dann gibt es das Bützen. Das bedeutet, jemanden ein Küsschen auf die Wange zu geben. Oft machen das die Tanzmariechen von den Wagen herab, oder man bützt sich gegenseitig, wenn man "Alaaf" ruft. Wichtig ist zu verstehen, dass ein Bützje keine Einladung zum Sex ist und auch kein Heiratsantrag. Es ist eine harmlose Geste der Sympathie. Sexuelle Belästigung ist natürlich auch an Karneval tabu und strafbar, aber das harmlose Bützen gehört zur Folklore. Man muss da differenzieren können.
Die Musik ist der Treibstoff. Es gibt tausende Karnevalslieder, und jedes Jahr kommen neue dazu. Bands wie Bläck Fööss, Höhner, Kasalla oder Cat Ballou sind hier Superstars. Du wirst die Texte nicht alle kennen, das macht nichts. Lerne den Refrain von "Viva Colonia" und vielleicht "En unserem Veedel". Letzteres ist die inoffizielle Hymne der Stadt. Wenn das gespielt wird, liegen sich wildfremde Menschen weinend in den Armen. Es geht um Zusammenhalt und Heimatliebe. Summ einfach mit. Der Wille zählt.
Der Elefant im Raum: Helau vs. Alaaf
Es gibt einen Fehler, den du nicht machen darfst. Wirklich nicht. Rufe niemals "Helau". Das ist der Schlachtruf von Düsseldorf, der verbotenen Stadt flussabwärts. In Köln ruft man "Alaaf". Kölle Alaaf. Wer Helau ruft, macht sich sofort zum Außenseiter und zieht den Zorn der Einheimischen auf sich. Die Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf wird zwar oft humorvoll überhöht, aber an Karneval verstehen die Kölner da keinen Spaß. Es ist eine Frage der Identität.
Das Ende vom Lied
Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Aber vorher gibt es noch ein wichtiges Ritual. In der Nacht zum Mittwoch wird der Nubbel verbrannt. Das ist eine Strohpuppe, die über vielen Kneipen hängt. Der Nubbel muss als Sündenbock herhalten. Er ist schuld daran, dass wir zu viel getrunken haben, dass wir zu viel Geld ausgegeben haben und dass wir vielleicht jemanden geküsst haben, den wir nicht hätten küssen sollen. Mit einer großen Trauerzeremonie wird er verbrannt. Danach geht man still nach Hause. Die Stadt fällt in eine seltsame Melancholie. Man geht am Mittwoch noch traditionell Fischessen, oft in denselben Lokalen, in denen man zwei Tage vorher noch auf den Tischen getanzt hat. Dann beginnt die Fastenzeit. Bis zum nächsten 11.11.