Wenn du in Köln aus dem Hauptbahnhof stolperst, riechst du erst einmal nichts Edles. Es riecht nach Stadt, nach Abgasen und vielleicht nach den frischen Backwaren der Kettenbäckereien. Dabei ist diese Stadt die Namensgeberin für eine ganze Gattung von Düften. Eau de Cologne ist kein geschützter Markenname für eine einzelne Firma, sondern bezeichnet eine Duftklasse mit einem niedrigeren Anteil an ätherischen Ölen. Doch in Köln wird daraus Politik. Es gibt zwei Lager, zwei Geschichten und zwei Gebäude, die du kennen musst. Da ist auf der einen Seite das weltbekannte Türkis-Gold von 4711, das du wahrscheinlich im Badezimmerschrank deiner Großmutter gesehen hast. Und da ist auf der anderen Seite das diskrete, rote Tulpen-Logo von Farina, dem ältesten Parfümhaus der Welt. Die meisten Touristen rennen blind zum türkisen Haus in der Glockengasse. Du aber machst das heute anders. Wir schauen genauer hin.
Es ist eigentlich verrückt. Da kommt im frühen 18. Jahrhundert ein Italiener in das damals stinkende Köln und beschließt, den Geruch der Stadt zu verändern. Johann Maria Farina hieß der Mann. Er hatte eine Nase, die man heute wohl als absolut bezeichnen würde. Während die Menschen damals Wasser scheuten wie der Teufel das Weihwasser und ihren Körpergeruch unter schweren Moschuswolken und Puder versteckten, kreierte Farina etwas völlig Neues. Er schuf einen Duft, der leicht war. Flüchtig. Erfrischend. Er schrieb an seinen Bruder, er habe einen Duft gefunden, der ihn an einen italienischen Frühlingsmorgen erinnere, an Bergnarzissen und Orangenblüten nach dem Regen. Das war 1709. Und genau hier beginnt unsere Tour, nicht am Dom, sondern in einer kleinen Seitenstraße beim Rathaus.
Kurz & Kompakt - Die Adressen: Farina liegt in Obenmarspforten 21 (nahe Rathaus/Wallraf-Richartz-Museum), das 4711-Haus in der Glockengasse 4 (nahe Oper).
- Der Unterschied: Farina (Rote Tulpe) ist das Original von 1709, dominiert von Bergamotte, sehr elegant. 4711 (Türkis-Gold) ist die bekanntere Marke, kräuteriger durch Rosmarin und Lavendel.
- Museumstipp: Das Duftmuseum im Farina-Haus kann nur mit Führung besucht werden. Unbedingt vorher online reservieren, es ist oft ausgebucht.
- Souvenir-Faktor: 4711 gibt es in jedem Supermarkt, Farina bekommt man fast nur im Stammhaus oder ausgewählten Parfümerien. Das macht Farina zum exklusiveren Geschenk.
Obenmarspforten: Wo alles begann
Das Haus von Farina gegenüber dem Jülichs-Platz wirkt von außen fast unscheinbar. Keine riesigen Leuchtreklamen, keine marktschreierischen Slogans. Nur der Schriftzug "Farina 1709" deutet darauf hin, dass hier Geschichte geschrieben wurde. Wenn du die schwere Tür öffnest, lässt du den Lärm der Innenstadt hinter dir. Drinnen riecht es tatsächlich. Nicht aufdringlich, eher so, als hätte jemand gerade eine Zitrone in einem Rosengarten aufgeschnitten. Hier sitzt das Unternehmen in der achten Generation. Es ist schon eine Leistung an sich, über 300 Jahre lang im Geschäft zu bleiben, ohne aufgekauft zu werden oder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Der historische Keller ist das eigentliche Highlight. Hier unten, wo das Gemäuer kühl und die Luft feucht ist, standen früher die Fässer aus Zedernholz. Farina importierte die Essenzen direkt aus dem Mittelmeerraum. Bergamotte ist der Schlüssel. Diese kleine, schrumpelige Zitrusfrucht gibt dem echten Kölnisch Wasser seine Kopfnote. Spannend ist dabei, dass der Duft von Farina nie für den Massenmarkt gedacht war. Er war unfassbar teuer. Ein Flakon kostete damals so viel wie das Halbjahresgehalt eines Beamten. Wer trug das? Napoleon Bonaparte, Johann Wolfgang von Goethe, Königin Victoria. Sie alle ließen sich das "Eau admirable", das Wunderwasser, kistenweise liefern. Es gibt Legenden, dass Napoleon eine Flasche pro Tag verbrauchte. Er trank es wohl auch, tropfte es auf Zuckerwürfel. Ob das gesund war, sei dahingestellt, aber er roch vermutlich besser als seine Soldaten.
Die Verwirrung der Namen
Vielleicht fragst du dich jetzt, woher dann 4711 kommt und warum alle Welt glaubt, das sei das echte Kölnisch Wasser. Nun, Erfolg zieht Nachahmer an. Das war im 18. Jahrhundert nicht anders als heute im Silicon Valley. Der Name Farina stand für Luxus und Qualität. Also nannte sich plötzlich jeder, der irgendwie Wasser mit Alkohol und Zitrone mischen konnte, Farina. Das Urheberrecht steckte noch in den Kinderschuhen. Es gab Zeiten, da existierten in Köln über hundert Firmen, die sich Farina nannten, ohne mit der Familie verwandt zu sein.
Einer dieser Geschäftsleute war Wilhelm Mülhens. Die Gründungslegende von 4711 erzählt von einem Kartäusermönch, der dem jungen Mülhens zur Hochzeit ein Geheimrezept für ein "Aqua Mirabilis" geschenkt haben soll. Das klingt romantisch und verkauft sich gut. Historiker runzeln bei der Story allerdings oft die Stirn. Fakt ist aber, dass Mülhens geschäftstüchtig war. Er verkaufte sein Wasser ebenfalls unter dem Namen Farina, nachdem er sich die Namensrechte von einem weit entfernten Namensträger gekauft hatte, der gar nichts mit der Parfümeursfamilie zu tun hatte. Das führte zu jahrzehntelangen Prozessen. Irgendwann wurde es der Firma Mülhens untersagt, den Namen Farina zu nutzen. Sie brauchten eine neue Identität. Und hier kommen die Franzosen ins Spiel.
Ein Soldat und eine Hausnummer
Wir verlassen das Farina-Haus und schlendern über den Alter Markt, vorbei an den Touristenfallen und Brauhäusern, in Richtung Glockengasse. Der Weg ist nicht weit, vielleicht zehn Minuten zu Fuß. Während wir laufen, stell dir vor, wie Köln 1794 aussah. Die französischen Revolutionstruppen besetzten die Stadt. Die Soldaten waren verwirrt von dem Chaos der Kölner Gassen ohne Namen und Nummern. Wie sollte man sich da zurechtfinden oder Truppen einquartieren? Der Befehlshaber General Daurier ordnete an, alle Häuser der Stadt fortlaufend zu nummerieren.
Ein französischer Soldat ritt der Legende nach durch die Glockengasse und malte mit Kreide die Nummer 4711 an das Haus der Familie Mülhens. Später wurde diese Nummer zur Marke. Man muss neidlos anerkennen, dass dies einer der genialsten Marketing-Schachzüge der Geschichte war. Aus einer bürokratischen Notwendigkeit wurde ein ikonischer Markenname. Heute gehört 4711 zwar zum Mäurer & Wirtz Konzern und nicht mehr der Familie Mülhens, aber die Identität ist untrennbar mit Köln verbunden. Das Gebäude in der Glockengasse ist übrigens nicht das Original. Das wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Was du heute siehst, ist ein neugotischer Bau mit einem Glockenspiel, das zu jeder vollen Stunde die Marseillaise oder den Treuen Husar spielt. Ein bisschen Kitsch gehört in Köln einfach dazu.
Glockengasse: Der Duftbrunnen
Wenn du das 4711-Stammhaus betrittst, schlägt dir eine andere Atmosphäre entgegen als bei Farina. Es ist wuseliger, bunter, kommerzieller. Hier gibt es Seifen, Duschgels, Tücher und Souvenirs in allen Größen. Das Highlight im Erdgeschoss ist der Duftbrunnen. Aus einem goldenen Wasserhahn fließt ununterbrochen das Eau de Cologne. Du kannst deine Hände hineinhalten. Mach das ruhig mal.
Riech an deinen Händen. Was nimmst du wahr? Im Vergleich zu Farina ist 4711 deutlicher, fast ein bisschen medizinischer in der Kopfnote. Rosmarin und Lavendel spielen hier eine viel größere Rolle. Es riecht nach Sauberkeit, nach alter Apotheke, nach Erfrischungstuch im Flugzeug. Es ist ein Duft, der wach macht, aber er hat nicht diese subtile Eleganz der Bergamotte, die Farina auszeichnet. Viele Kölner sagen hinter vorgehaltener Hand, 4711 sei eher etwas, das man sich auf die Schläfen tupft, wenn man Kopfschmerzen hat, während Farina ein echtes Parfüm sei. Das ist vielleicht etwas unfair, denn auch 4711 ist ein handwerklich gut gemachter Duft, aber er zielt eben auf einen ganz anderen Markt. Er ist das Mitbringsel für die Daheimgebliebenen. Ein Stück Köln zum Mitnehmen für wenig Geld.
Der direkte Vergleich
Lass uns kurz innehalten, vielleicht in einem der Cafés an der Opernpassage, und das Erlebte sortieren. Wir haben hier ein klassisches Duell. David gegen Goliath wäre der falsche Vergleich, denn beide sind auf ihre Art Riesen. Es ist eher Aristokratie gegen Bürgertum.
Farina ist der Erfinder. Der Duft ist seit 1709 nahezu unverändert. Er ist zeitlos, unisex und riecht auch heute noch modern, weil zitrische Noten nie wirklich aus der Mode kommen. Eine Flasche Farina kaufst du, weil du die Geschichte liebst und Qualität schätzt. Du kaufst sie, weil du riechen willst wie der junge Mozart oder Beethoven, die ebenfalls Kunden waren. Es ist ein Nischenprodukt geblieben, exklusiv und stolz darauf.
4711 ist die Ikone. Das Design der Molanus-Flasche mit dem sechseckigen Etikett ist Designgeschichte. In den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es kaum einen deutschen Haushalt ohne diese Flasche. Es steht für das Wirtschaftswunder, für die rheinische Lebensart, für "Man gönnt sich ja sonst nichts". Der Duft ist kräftiger, kräuteriger. Er polarisiert mehr. Manche lieben diese Frische, andere erinnern sich mit Schaudern an Tante Ernas Umarmung.