Hamburg

Neuer Wall und Jungfernstieg: Window-Shopping auf Hamburgs luxuriöser Meile

Ein Spaziergang zwischen Alsterpavillon und Nobelmarken ist mehr als Konsum, es ist ein kulturelles Schauspiel. Wer genau hinsieht, findet zwischen Prunkbauten auch echte hanseatische Geschichte.

Hamburg  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Es gibt Orte in Hamburg, die gehören niemandem und allen zugleich. Der Jungfernstieg ist genau so ein Platz. Historisch betrachtet war dies der erste asphaltierte Damm Deutschlands, auf dem wohlhabende Hanseaten ihre unverheirateten Töchter, die Jungfern, sonntags ausführten. Heute flanieren hier weniger die heiratswilligen Damen als vielmehr Touristen mit Selfiesticks und Einheimische, die schnell zur U-Bahn wollen. Trotz der Hektik an der Oberfläche lohnt es sich, kurz innezuhalten. Der Blick über die Binnenalster ist bei fast jedem Wetter eine Wucht. Wenn die Sonne tief steht, glitzert das Wasser fast unnatürlich hell, und die Fontäne in der Mitte kämpft tapfer gegen den oft ruppigen Wind an.

Rechter Hand liegt der Alsterpavillon. Ein Bau, der schon vieles war und heute vor allem ein Ort ist, um zu sehen und gesehen zu werden. Der Kaffee ist hier nicht zwingend besser als anderswo, aber die Aussicht entschädigt für den Touristenaufschlag. Interessant ist die Architektur der Südseite. Hier reiht sich ein Prachtbau an den nächsten. Besonders das Streit’s Haus, ein ehemaliges Kino und Hotel, sticht mit seiner Fassade hervor. Es wirkt fast ein wenig trotzig gegenüber den modernen Glasfronten, die sich weiter hinten breitmachen.

Kurz & Kompakt
  • Beste Zeit: Wer Ruhe und Architekturfotos will, kommt Sonntagmorgen. Wer das geschäftige Treiben ("Leute gucken") sucht, wählt den späten Samstagnachmittag.
  • Architektur-Highlight: Die Mellin Passage verbindet Neuer Wall und Alsterarkaden. Unbedingt nach oben schauen, die Deckenmalereien sind die ältesten der Stadt.
  • Versteckter Winkel: Der Innenhof der Stadthöfe (Zugang via Neuer Wall oder Große Bleichen). Ein architektonisch gelungener Mix aus alter Polizeihistorie und modernem Flair, oft windgeschützt.
  • Budget-Tipp: Statt im Alsterhaus-Restaurant zu essen, einfach nur für einen Espresso an die Fensterbar im 4. Stock stellen oder ein Franzbrötchen auf die Treppen am Alsteranleger mitnehmen.

Das Alsterhaus: Mehr als nur ein Kaufhaus

Wer den Jungfernstieg entlangläuft, kommt am Alsterhaus nicht vorbei. Es ist ein massiver Klotz aus Stein und Geschichte. Anders als moderne Shoppingmalls atmet dieses Gebäude noch den Geist der alten Warenhäuser. Man betritt es und der Lärm der Straße wird augenblicklich von schwerer Stille und dem Geruch teurer Parfums verschluckt. Die Rolltreppen im Lichthof sind das Herzstück. Man gleitet langsam nach oben, vorbei an Designertaschen, deren Preisschilder oft diskret verborgen sind.

Ganz oben, in der vierten Etage, ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Hier gibt es Hummer, Champagner und Trüffelpasta, aber auch ganz bodenständige Kartoffelsuppe, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Blick aus den großen Fenstern auf die Alster ist dabei eigentlich das Wertvollste. Man sieht die kleinen Segelboote, die im Sommer wie weiße Sprenkel auf dem blauen Wasser wirken, und die S-Bahnen, die über die Lombardsbrücke rattern. Es ist dieser Kontrast aus Luxus drinnen und dem rauen Hamburger Wetter draußen, der den Reiz ausmacht.

Neuer Wall: Der Canyon des Kapitals

Biegt man vom Jungfernstieg in den Neuen Wall ein, ändert sich der Belag unter den Sohlen. Die Gehwege sind hier breiter, die Pflastersteine wirken wie handpoliert. Dies ist die teuerste Straße der Stadt, und sie macht keinen Hehl daraus. Links und rechts ragen die Fassaden der Gründerzeitbauten auf, oft saniert bis zur Unkenntlichkeit des ursprünglichen Staubs. Hier residieren die großen Namen der Modewelt. Gucci, Louis Vuitton, Bulgari. Vor den Türen stehen oft Sicherheitsleute in dunklen Anzügen, deren Hauptaufgabe es zu sein scheint, Langeweile mit Würde zu ertragen.

Doch der Neue Wall ist architektonisch spannender, als es die glitzernden Auslagen vermuten lassen. Die Straße verläuft parallel zum Bleichenfleet. Wenn du genau hinsiehst, bemerkst du die schmalen Gassen zwischen den Häusern, die zum Wasser führen. Diese "Fleete" sind die Adern des alten Hamburgs. Früher wurden hier Waren gelöscht, heute schauen die Rückseiten der Luxusbüros auf das trübe Wasser. Es riecht hier oft ein wenig brackig, eine Mischung aus Algen und Stadtluft, was einen wunderbaren Kontrast zur parfümierten Vorderseite bildet. Wer den Kopf in den Nacken legt, sieht an den Giebeln oft noch alte Wappen oder Figuren, die vom Stolz der ehemaligen Kaufleute zeugen. Die sogenannten Pfeffersäcke zeigten gern, was sie hatten, aber immer mit einer gewissen hanseatischen Strenge.

Versteckte Passagen und historische Schätze

Ein Fehler wäre es, nur stur geradeaus zu laufen. Der wahre Charme dieses Viertels liegt in den Passagen. Die Mellin Passage ist so ein Kleinod. Sie verbindet den Neuen Wall mit den Alsterarkaden und ist die älteste Einkaufspassage Hamburgs. Wenn man sie betritt, sollte der Blick sofort nach oben gehen. Die Deckenmalereien im Jugendstil sind original erhalten und zeigen zarte Ranken und Vögel. Es ist fast ein bisschen kitschig, aber auf eine sehr charmante Art. In den kleinen Schaufenstern hier findet man eher Antiquitäten, seltene Bücher oder Porzellan als die neueste Mode. Es ist ruhiger hier, gedämpfter.

Ein Stück weiter, Richtung Stadthöfe, wird die Stadtplanung moderner, aber nicht weniger wuchtig. Das Ensemble um die Stadthöfe war früher unter anderem Sitz der Baubehörde und der Polizei. Man hat die alten Backsteingebäude entkernt und mit viel Glas und Stahl in ein Luxusquartier verwandelt. Das mag man mögen oder als Gentrifizierung verdammen, aber handwerklich ist es beeindruckend. Besonders der "Palaishof" bietet eine fast mediterrane Atmosphäre, wenn es in Hamburg mal nicht regnet. Hier sitzt man draußen, trinkt einen überteuerten Aperitif und beobachtet Leute, die ihre Einkaufstüten wie Trophäen spazieren tragen.

Das Görtz-Palais und die stille Pracht

Mitten im Trubel am Neuen Wall steht das Görtz-Palais. Es ist eines der wenigen barocken Bürgerhäuser, die in der Innenstadt erhalten geblieben sind. Die Fassade ist rosafarben und wirkt zwischen den grauen und beigen Sandsteinbauten fast wie ein Fremdkörper. Im 18. Jahrhundert gebaut, diente es lange als Wohnhaus. Heute wird es gewerblich genutzt, aber die Symmetrie und die verspielten Details erinnern an eine Zeit, als Hamburg noch nicht die glatte Metropole von heute war. Es lohnt sich, kurz stehenzubleiben und die Details über dem Eingangsportal zu studieren. Während alle Welt an den Schaufenstern klebt, erzählt dieses Haus eine Geschichte von echtem, altem Reichtum, der nicht auf Saisonware angewiesen war.

Praktische Überlegungen für den Flaneur

Man muss kein Millionär sein, um diesen Teil Hamburgs zu genießen. Tatsächlich ist das "Window-Shopping" hier Volkssport. Niemand wird dich schief ansehen, wenn du in Jeans und Turnschuhen durch die Läden streifst, auch wenn das Personal in den ganz teuren Boutiquen manchmal diesen speziellen, prüfenden Blick draufhat. Ignorier das einfach. Was man aber wissen sollte: Am Samstagmittag ist es hier voll. Und zwar unangenehm voll. Wer die Architektur und die Atmosphäre wirklich aufsaugen will, kommt am besten an einem Dienstagmorgen oder am frühen Abend, wenn die Läden schließen und die Straßenbeleuchtung angeht. Dann bekommt der Neue Wall etwas fast Filmisches.

Zwischen Kommerz und Kanal

Am Ende des Neuen Walls, Richtung Stadthausbrücke, wird die Bebauung etwas lockerer. Hier öffnen sich die Blickachsen wieder mehr zum Wasser hin. Die Schleusenwärterhäuschen und die Wehre regulieren den Wasserstand der Alster und der Fleete. Es ist faszinierend, dem Wasser beim Strömen zuzusehen. Das Rauschen des Wehrs übertönt hier oft den Verkehrslärm. Es erinnert daran, dass Hamburg auf dem Wasser gebaut ist. Unter all dem Beton, dem Marmor und dem Asphalt liegt Sumpf, Sand und Wasser. Die ganze Pracht steht auf Pfählen.

Der Rückweg zum Jungfernstieg kann über die Alsterarkaden führen. Diese weißen Bögen, die nach dem großen Brand von 1842 nach italienischem Vorbild errichtet wurden, bieten Schutz vor Regen und einen Postkartenblick auf das Rathaus. Schwäne treiben oft im kleinen Alsterfleet davor. Sie gehören der Stadt und gelten als unantastbar. Manchmal fauchen sie Touristen an, die ihnen zu nahekommen. Es ist ein friedliches Bild, wenn man die Hektik des Einkaufsbummels hinter sich lässt. Hamburg ist hier sehr bei sich selbst. Ein bisschen arrogant, sehr sauber, aber eben auch wunderschön.

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