Hamburg

Prunk und Hanseaten-Stolz: Ein Blick hinter die Fassade des Hamburger Rathauses

Hier regiert kein König, sondern der Kaufmannsgeist. Hamburgs Rathaus ist ein architektonischer Kraftprotz, der mit jedem Zentimeter Reichtum demonstriert und trotzdem für jeden offensteht. Wir zeigen dir, was hinter den schweren Eichentüren wirklich passiert.

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Zwischenablage

Es ist dieser eine Moment, wenn du vom Jungfernstieg kommst und sich der Blick weitet. Vor dir liegt der Rathausmarkt, eine gepflasterte Fläche von fast italienischer Weite, und dahinter erhebt sich dieser massive Block aus Sandstein und grünem Kupfer. Das Hamburger Rathaus ist kein Gebäude, das sich versteckt oder bescheiden in die Häuserzeile einfügt. Es klotzt. Wer hier zum ersten Mal steht, muss den Kopf weit in den Nacken legen, um die Spitze des Turms in 112 Metern Höhe zu sehen. Oft pfeift der Wind hier ordentlich über die offene Fläche, treibt vielleicht ein paar Möwen kreischend um die Turmspitze und man riecht förmlich die Nähe zum Wasser der Alsterfleete.

Historisch betrachtet ist dieser Prachtbau eine Art Trotzreaktion. Nachdem der große Brand von 1842 das alte Rathaus an der Trostbrücke vernichtet hatte, brauchten die Hamburger fast ein halbes Jahrhundert, um sich auf einen Neubau zu einigen. Typisch hanseatisch wurde lange um Kosten und Entwürfe gerungen. Was dann 1897 fertiggestellt wurde, war ein Gemeinschaftswerk des sogenannten Rathausbaumeisterbundes um den Architekten Martin Haller. Stilistisch ist das ein wilder Ritt durch die Historie, vorwiegend Neorenaissance, auch wenn manche darin neoklassizistische Strenge suchen. Fakt ist: Es sollte Macht demonstrieren. Nicht die Macht eines Monarchen, denn Hamburg war stolze Republik, sondern die Macht der Kaufleute. Die sogenannten Pfeffersäcke wollten zeigen, dass sie auch ohne Krone ein Schloss bauen können.

Kurz & Kompakt
  • Führungen: Die Prunkräume im ersten Stock sind nur mit einer geführten Tour zu besichtigen. Diese finden täglich statt, auch auf Englisch und Französisch, dauern etwa 40 Minuten und Karten gibt es direkt in der Diele.
  • Raumwunder: Das Rathaus hat tatsächlich 647 Zimmer und ist damit raumreicher als der Buckingham Palace in London (der kommt nur auf etwa 775 Räume, wenn man die Badezimmer mitzählt, aber die Hamburger bestehen gern auf diesem Vergleich).
  • Eintritt frei: Die Diele (Lobby) und der Innenhof mit dem Hygieia-Brunnen sind kostenlos und tagsüber frei zugänglich. Perfekt für einen kurzen Stopp.
  • Rathausmarkt: Der Platz vor dem Rathaus wurde nach dem Großen Brand nach dem Vorbild des Markusplatzes in Venedig gestaltet, was die Verbindung zur Lagunenstadt unterstreicht.

Die Diele: Ein Wohnzimmer für alle

Wenn du durch das schwere schmiedeeiserne Hauptportal trittst, ändert sich die Akustik schlagartig. Der Lärm der Mönckebergstraße und der Busse bleibt draußen. Drinnen in der großen Diele hallen die Schritte auf den massiven Steinplatten. Der Geruch hier ist eigenartig, eine Mischung aus kaltem Stein, Bohnerwachs und manchmal, an regnerischen Tagen, nach nassen Regenschirmen der Touristen. Das Schöne an diesem Ort ist seine Zugänglichkeit. Anders als in vielen Regierungsgebäuden weltweit darf hier jeder rein. Die Diele dient als Durchgang zwischen Rathausmarkt und Börse, ein öffentlicher Weg, den die Hamburger ganz pragmatisch als Abkürzung nutzen.

Schau dir die Säulen genauer an. An ihnen prangen Porträts verdienter Hamburger Bürger. Es sind Gelehrte, Kaufleute, Bürgermeister. Frauen sucht man in dieser steinernen Ahnengalerie vergeblich, was viel über das gesellschaftliche Verständnis des späten 19. Jahrhunderts aussagt. Die Architektur zwingt den Blick nach oben, wo die Decke reich verziert ist, aber der Boden holt einen auf den Tatsachen zurück. Hier unten findet das wuselige Leben statt. Manchmal finden hier Ausstellungen statt, manchmal stehen einfach nur Menschentrauben herum und staunen.

Der Aufstieg zur Macht

Wer mehr sehen will als nur das Foyer, muss an einer Führung teilnehmen. Der Aufstieg über das Treppenhaus ist inszeniert wie ein Theaterstück. Der sogenannte Senatstreppenaufgang war ursprünglich dem Senat vorbehalten, heute trampeln hier Schulklassen und Reisegruppen hoch. Das Material wechselt, es wird edler. Marmor und Granit lösen den Sandstein ab. Oben angekommen, stehst du im politischen Herz der Stadt. Auf der einen Seite tagt die Bürgerschaft, das Parlament. Auf der anderen Seite residiert der Senat, die Regierung. Dazwischen liegt nichts als Luft und Stein. Diese architektonische Anordnung ist kein Zufall. Sie symbolisiert das Gegenüber, manchmal auch das Gegeneinander, der beiden Verfassungsorgane. Man behält sich im Auge.

Spannend ist dabei, dass der Plenarsaal der Bürgerschaft relativ schlicht wirkt im Vergleich zu dem, was noch kommt. Hier wird gearbeitet. Die Abgeordneten sitzen auf harten Stühlen, die Akustik ist auf Debatte ausgelegt. Ein kleines, aber feines Detail am Rande: Das Rathaus war bei seiner Eröffnung 1897 technisch hochmodern. Es gab eine Zentralheizung und elektrische Beleuchtung, als die meisten Hamburger noch Kohlen schleppten und Petroleumlampen putzten. Die warme Luft wurde durch Kanäle geleitet, die man heute noch als verzierte Gitter in den Wänden entdecken kann.

Hanseatischer Prunk im Großen Festsaal

Jetzt wird es laut, zumindest optisch. Der Große Festsaal ist der Ort, an dem die hamburgische Zurückhaltung endgültig über Bord geworfen wird. Mit einer Länge von 46 Metern und einer Höhe von 15 Metern erschlägt der Raum den Betrachter fast. Riesige Wandgemälde erzählen die Geschichte des Hamburger Hafens und der Schifffahrt. Aber Vorsicht, hier wurde Geschichte durchaus geschönt und romantisiert dargestellt. Es geht um Heroismus und Handel, weniger um die harten Bedingungen der Hafenarbeiter. An den Wänden hängt Gold, an der Decke hängen tonnenschwere Kronleuchter. Wenn hier das Matthiae-Mahl gefeiert wird, das älteste Festmahl der Welt, das noch begangen wird, speisen hier Ehrengäste und Staatschefs. Man munkelt, dass die Akustik so gut ist, dass man am einen Ende des Tisches hören kann, wenn am anderen Ende eine Gabel auf den Teller fällt. Ob das stimmt oder nur Tüdelkram ist, sei dahingestellt, aber der Hall ist definitiv beeindruckend.

Der Boden unter den Füßen knarzt leise. Es ist feinstes Parkett. Man spürt förmlich die repräsentative Last, die auf diesem Raum liegt. Hier empfing Hamburg Queen Elizabeth II., hier wurden Verträge unterzeichnet. Es ist ein Raum, der sagt: Wir brauchen keinen Kaiser, wir sind selbst wer.

Versteckte Winkel und das Kaisersaal-Paradoxon

Ein Raum sorgt immer wieder für Stirnrunzeln: der Kaisersaal. Warum benennt eine stolze Republik, die nie Residenzstadt war, ihren zweitschönsten Saal nach dem Kaiser? Ganz einfach: Wilhelm II. kam gerne zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals und zu Regatten. Und da man als Kaufmann pragmatisch ist, wollte man dem Monarchen schmeicheln, vielleicht in der Hoffnung auf Zollvergünstigungen oder Flottenaufträge. Der Raum ist tapeziert mit geprägtem Leder. Echtes Leder an der Wand. Das riecht man zwar nach über 100 Jahren nicht mehr intensiv, aber die Haptik, wenn man es berühren dürfte (was man strengstens nicht darf), ist einzigartig. Die Decke zeigt Handelsmotive, denn auch wenn der Kaiser zu Gast war, wollte man nicht vergessen lassen, wer die Rechnung bezahlt.

Ein wenig abseits der großen Routen liegt das Waisenzimmer. Ein kleinerer, fast intimer Raum. Die Holzvertäfelung ist hier besonders kunstvoll. Der Name erinnert an die Waisenkinder, die früher bei Festen Spalier stehen durften oder mussten, je nach Sichtweise. Es ist einer der wenigen Orte im Rathaus, der eine leisere, fast melancholische Note hat.

Der Hygieia-Brunnen: Schönheit aus der Not

Nach so viel Gold und Samt lohnt sich der Gang in den Innenhof. Der Hof ist eine Oase der Ruhe. In der Mitte plätschert der Hygieia-Brunnen. Die weibliche Bronzefigur stellt die Göttin der Gesundheit dar, die einen Drachen besigt. Dieser Drache symbolisiert die Cholera. Die große Epidemie von 1892, bei der Tausende Hamburger starben, war ein traumatischer Einschnitt kurz vor der Fertigstellung des Rathauses. Der Brunnen ist also eigentlich ein Mahnmal. Technisch raffiniert diente er früher auch als Teil der Klimaanlage: Die angesaugte Luft für die Innenräume wurde durch das versprühte Wasser gekühlt und gereinigt. Ziemlich clever für das 19. Jahrhundert.

Im Sommer staut sich hier die Wärme, die Steine strahlen die Hitze des Tages noch lange ab, wenn die Sonne schon hinter den Dächern verschwunden ist. Es ist der perfekte Ort, um kurz durchzuatmen, bevor man sich wieder in das Getümmel der Innenstadt stürzt. Der Kontrast zwischen der fast sakralen Stille des Hofes und dem geschäftigen Treiben draußen ist typisch für diese Stadt.

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