Es ist laut am Rathausmarkt. Touristen rollen ihre Koffer über das Pflaster, Möwen schreien im Tiefflug um ihr nächstes Fischbrötchen, und Geschäftsleute hasten mit dem Telefon am Ohr Richtung Handelskammer. Wer sich in diesem Gewusel einmal um die eigene Achse dreht, übersieht es leicht. Das Bucerius Kunst Forum drängt sich nicht auf. Es versteckt sich fast ein wenig hinter seiner historischen Fassade am Alten Wall, direkt neben der Börse und dem Rathaus. Doch wer durch die schwere Drehtür tritt, lässt den Lärm der Großstadt schlagartig hinter sich. Hier riecht es nicht nach Hafenwasser oder Abgasen, sondern nach diesem ganz speziellen, trockenen Duft von klimatisierten Galerieräumen und frisch gedruckten Katalogen.
Das Gebäude selbst erzählt schon die erste Geschichte, bevor man überhaupt ein einziges Gemälde gesehen hat. Früher residierte hier eine Bank, genauer gesagt die Reichsbank-Hauptstelle. Das merkt man der Architektur an. Sie strahlt eine Schwere und Seriosität aus, die typisch für hamburgische Kontorhäuser ist. Aber drinnen? Da hat man vor einigen Jahren alles auf links gedreht. Es ist hell, es ist offen, und eine breite Treppe führt hinauf in die heiligen Hallen der Kunst. Man muss kein Architekturkritiker sein, um den Kontrast zwischen der wuchtigen Außenhülle und dem fast schon filigranen Innenleben spannend zu finden.
Kurz & Kompakt - Adresse & Lage: Alter Wall 12, 20457 Hamburg. Direkt neben dem Rathaus, U-Bahn Station "Rathaus" oder S-Bahn "Jungfernstieg".
- Öffnungszeiten: Täglich geöffnet, meist von 11 bis 19 Uhr, donnerstags oft länger. Das "Täglich" ist hier wörtlich zu nehmen, auch montags!
- Führungen: Es gibt fast immer öffentliche Führungen und sehr gute Audio-Guides (oft im Eintritt enthalten oder per App), die man nicht ignorieren sollte, da sie viel Kontext liefern.
- Gepäck: Rucksäcke und Taschen müssen in die Schließfächer (Untergeschoss). Kleingeld oder Pfand-Chip für den Schrank ist meist nicht nötig, da moderne Zahlenschloss-Systeme genutzt werden.
Ein Haus ohne eigenen Besitz
Jetzt mal Butter bei die Fische, wie der Hamburger sagt. Was unterscheidet diesen Laden eigentlich von der riesigen Kunsthalle drüben am Hauptbahnhof? Der entscheidende Unterschied ist das Konzept. Das Bucerius Kunst Forum besitzt keine eigene Sammlung. Kein Depot voller Bilder, die man irgendwie dauerhaft unterbringen muss. Das klingt erst mal nach einem Nachteil, ist aber in Wahrheit der größte Trumpf des Hauses. Da keine Wände mit "Dauergästen" belegt sind, muss – und darf – sich das Forum ständig neu erfinden. Drei bis vier Mal im Jahr wird alles ausgetauscht. Wer im Frühjahr kommt, sieht vielleicht amerikanische Fotografie der 50er Jahre, und wer im Herbst wiederkehrt, steht plötzlich vor römischen Skulpturen oder dem Spätwerk von Picasso.
Das schafft eine Dynamik, die man in staatlichen Museen oft vermisst. Die Kuratoren hier können nicht auf Beständen ausruhen. Sie müssen liefern. Jede Ausstellung muss ein Treffer sein, sonst bleiben die Besucher weg. Das führt dazu, dass die Schauen meist extrem fokussiert sind. Statt "Die Kunst des 19. Jahrhunderts" (was alles und nichts heißen kann), bekommt man hier geschärfte Themen. "Matisse und die Frauen", "Venedig in der Malerei" oder Gegenüberstellungen, die auf den ersten Blick gar nicht passen wollen, dann aber plötzlich Sinn ergeben. Man hat oft das Gefühl, dass hier nicht einfach Bilder an die Wand genagelt werden, sondern dass jemand eine Geschichte erzählen will.
Klein, aber oho
Ein weiterer Punkt, den man als Reisender zu schätzen weiß, ist die Übersichtlichkeit. Hand aufs Herz: Wer schafft es schon, den Louvre oder auch nur die Hamburger Kunsthalle an einem Nachmittag wirklich aufmerksam zu durchwandern? Irgendwann setzt die "Museumsmüdigkeit" ein. Im Bucerius Kunst Forum passiert das selten. Die Ausstellungsfläche ist kompakt. Sie erstreckt sich meist über ein oder zwei Etagen, die überschaubar bleiben. Man kann hier reingehen, sich wirklich jedes Exponat genau ansehen, die Texte lesen und steht nach gut einer bis anderthalb Stunden wieder draußen.
Das ist keine "Fast-Food-Kunst", sondern eher ein gut komponiertes Menü statt eines All-you-can-eat-Buffets. Für einen Städtetrip, bei dem man vielleicht noch andere Dinge auf dem Zettel hat, ist das ideal. Man verlässt das Haus nicht erschlagen, sondern inspiriert. Zudem ist die Qualität der Leihgaben oft atemberaubend. Da die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius hinter dem Ganzen steht, gibt es das nötige Kleingeld und das Netzwerk, um Bilder aus dem MoMA in New York, der Tate in London oder dem Centre Pompidou in Paris an die Elbe zu holen.
Mehr als nur Bilder gucken
Auffällig ist, wie sehr sich das Haus bemüht, nicht elitär zu wirken. Klar, es liegt am Alten Wall, einer der teureren Ecken der Stadt, wo die Schaufenster der Nachbarn eher Juwelen als Kaugummis zeigen. Aber drinnen ist der Tonfall locker. Das Personal an der Garderobe schnackt auch mal entspannt, statt nur streng auf das Ticket zu starren. Und dann ist da das Veranstaltungsprogramm. Das Forum versteht sich, ganz im Sinne des Namensgebers Gerd Bucerius, als Ort der Debatte.
Im Auditorium finden regelmäßig Konzerte, Lesungen oder Diskussionen statt, die die Themen der aktuellen Ausstellung aufgreifen und vertiefen. Manchmal sitzt man da abends bei einem Glas Wein, hört einem Experten zu, der über niederländische Malerei spricht, und hat das Gefühl, Teil eines Salons zu sein, nicht Schüler in einem Klassenzimmer. Das ist eine Qualität, die viele moderne Ausstellungshäuser anstreben, aber hier wirkt es tatsächlich organisch gewachsen.
Architektur, die Licht atmet
Lass uns noch einmal kurz auf das Gebäude zurückkommen, denn der Umzug vor einigen Jahren innerhalb des historischen Blocks war ein großes Ding in der Hamburger Kulturszene. Das neue Atrium ist das Herzstück. Eine gläserne Brücke spannt sich durch den Raum, verbindet die Bereiche. Wenn draußen das typische Hamburger Schietwetter herrscht – grau, nass, ungemütlich –, ist dieser Innenhof ein Lichtblick im wahrsten Sinne des Wortes. Die Beleuchtung ist modern, fast schon klinisch präzise, aber sie setzt die Kunstwerke perfekt in Szene. Nichts spiegelt, nichts blendet.
Manchmal knarrt das Parkett ganz leise, wenn man durch die oberen Räume schleicht. Ein kleines, fast heimeliges Geräusch in dieser sonst so perfekten Inszenierung. Es erinnert daran, dass man sich in einem Haus mit Geschichte befindet, auch wenn die weißen Wände nagelneu wirken. Ein nettes Detail sind die Schließfächer im Untergeschoss. Sie sind oft mit Motiven der aktuellen Ausstellung beklebt oder farblich abgestimmt. Es sind diese Kleinigkeiten, die zeigen: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, vom ersten Schritt durch die Tür bis zum Ablegen der Jacke.
Praktisches für den Besuch
Wer plant, das Bucerius Kunst Forum zu besuchen, sollte eine Sache beachten: Es ist beliebt. Gerade an Wochenenden oder wenn eine neue Blockbuster-Ausstellung eröffnet hat, kann es im Foyer schon mal eng werden. Der Hamburger an sich ist zwar geduldig, aber niemand steht gerne ewig an. Der Trick ist, antizyklisch zu gehen. Unter der Woche am späten Nachmittag oder direkt zur Öffnung am Morgen hat man die Räume oft fast für sich allein. Das Ticket kann man sich bequem vorher online aufs Handy laden, das spart das Anstehen an der Kasse.
Und noch ein Tipp: Der Museumsshop ist eine kleine Goldgrube für Leute, die besondere Bücher mögen. Hier liegen nicht nur die üblichen Touristenführer, sondern sorgfältig ausgewählte Bildbände, die thematisch zur Ausstellung passen, aber weit darüber hinausgehen. Auch Design-Objekte und etwas ausgefallenere Souvenirs findet man hier. Es lohnt sich, hier zehn Minuten einzuplanen, bevor man wieder in die Realität der Innenstadt tritt.