Der Aufstieg zum Wildpark ist für Flachlandtiroler fast schon eine kleine Bergwanderung, denn die Anlage liegt oben auf dem Grafenberg. Man stapft den Rennbahnweg hinauf, vorbei an der Galopprennbahn, wo an Renntagen die Hüte und die Pferde um die Wette eifern. Doch oben am Eingang des Wildparks wird es schlagartig ruhiger. Das schwere Eisentor markiert die Grenze zwischen dem städtischen Asphalt und einer Welt, in der das Rascheln in den Hecken das lauteste Geräusch ist.
Der Wildpark Grafenberg ist kein klassischer Zoo mit Betonbecken und traurigen Exoten. Es ist eher ein eingezäuntes Stück Heimatwald, das seit 1927 besteht. Damals fing alles recht bescheiden an, heute erstreckt sich das Areal über gut 36 Hektar. Das Beste daran ist die Tatsache, dass der Eintritt keinen Cent kostet. Das ist in einer Stadt, die sonst gerne mal ordentlich die Hand aufhält, eine echte Wohltat. Man geht einfach rein, lässt den Blick über die hohen Buchen schweifen und merkt, wie der Puls langsam runterschaltet. Es ist ein Ort für Leute, die keine Lust auf Event-Kultur haben, sondern einfach mal in Ruhe eine Tüte Äpfel verfüttern wollen.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Mit der 709 bis Staufenplatz, dann etwa 15 Minuten Fußweg bergauf; Parkplätze sind vor allem am Wochenende absolute Mangelware.
- Verpflegung: Keine Kioske im Park vorhanden, daher unbedingt Wasser und Snacks selbst mitbringen; Futter für die Tiere (Äpfel/Möhren) muss ebenfalls mitgebracht werden.
- Highlights: Die Waldschule bietet interaktive Einblicke für Kinder, während das Freigehege des Damwilds hautnahe Tierbegegnungen ohne Zäune ermöglicht.
- Kosten & Zeiten: Der Eintritt ist komplett frei; die Öffnungszeiten variieren je nach Jahreszeit (im Winter kürzer), also vorher kurz die städtische Website checken.
Das Damwild und die Kunst des Fütterns
Gleich hinter dem Eingangsbereich trifft man meistens auf die Stars des Parks. Das Damwild und das Rehwild teilen sich hier großzügige Flächen, wobei das Damwild deutlich weniger Berührungsängste hat. Die Tiere wissen ganz genau, wer eine braune Papiertüte in der Hand hält. In diesen Tüten darf sich ausschließlich Rohkost befinden, also Äpfel, Karotten oder Eicheln. Wer mit trockenem Brot oder gar Nudeln ankommt, bekommt zu Recht Ärger mit den Rangern. Das ist kein Spaß, denn falsches Futter macht die Tiere krank. Es hat etwas herrlich Entschleunigendes, dazustehen und zuzusehen, wie ein Reh vorsichtig die Oberlippe kräuselt, um ein Stück Apfel von der flachen Hand zu nehmen. Die feuchte Nase kitzelt auf der Haut, und man hört dieses charakteristische Knuspern, wenn sie zubeißen.
Interessant ist das Sozialgefüge innerhalb der Gruppen. Es gibt immer ein paar vorwitzige Tiere, die sich vordrängeln, während die scheuen Exemplare lieber im Hintergrund bleiben und auf herabgefallene Reste warten. Man sollte sich Zeit nehmen, einfach mal stehen zu bleiben und die Dynamik zu beobachten. Es ist nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen; da wird auch mal mit dem Kopf gestoßen, wenn die Hierarchie geklärt werden muss. Die Kitze im Frühsommer sind natürlich der absolute Niedlichkeits-Overkill, aber auch im Herbst, wenn die Brunftzeit beginnt und die Hirsche röhren, hat der Park eine ganz eigene, fast schon mystische Energie. Das Röhren hallt zwischen den Stämmen wider und erinnert einen daran, dass man hier eben nicht im Streichelzoo ist, sondern in einem Waldgehege.
Borstenvieh und Waldschule
Ein Stück weiter den Hang hinauf wird es meistens etwas lauter und geruchsintensiver. Die Wildschweine bewohnen ein weitläufiges Areal, das sie mit ihren Rüsseln fachmännisch umpflügen. Die Bachen mit ihren gestreiften Frischlingen sind ein Anblick, bei dem selbst der coolste Großstädter weich wird. Aber Vorsicht ist geboten: Die Zäune sind nicht ohne Grund stabil. Wer versucht, die Sauen zu streicheln, vergisst schnell, dass das Kraftpakete mit ordentlichem Gebiss sind. Die Frischlinge flitzen wie aufgezogen durch das Unterholz, quieken und rangeln miteinander, während die Muttersau stoisch im Matsch wühlt. Es riecht hier intensiv nach Moschus und nasser Erde, ein Geruch, den man entweder liebt oder nach fünf Minuten flieht.
Mitten im Park befindet sich die Waldschule. Das ist ein flacher Bau, der als Informationszentrum dient. Hier können Kinder und auch interessierte Erwachsene lernen, warum der Specht eigentlich keine Kopfschmerzen bekommt und welche Krabbeltiere unter der Rinde einer toten Eiche wohnen. Es ist kein belehrender Ort mit erhobenem Zeigefinger, sondern eher ein Sammelsurium an Naturwundern zum Anfassen. Oft liegen dort Geweihe aus, die man mal in die Hand nehmen kann, um zu spüren, wie schwer so ein Kopfschmuck eigentlich ist. Die Präparate sind gut gemacht und helfen dabei, die Tiere, die man draußen vielleicht nur im Vorbeihuschen sieht, mal aus der Nähe zu betrachten.
Vom Mufflon zum Wildkatzengehege
Wenn man dem Weg weiter folgt, gelangt man zu den Mufflons. Diese Wildschafe mit ihren schneckenartig gedrehten Hörnern sind meisterhafte Kletterer. Es ist faszinierend zu sehen, wie trittsicher sie sich an den steilen Hängen des Grafenberger Waldes bewegen. Oft stehen sie völlig regungslos auf einem Vorsprung und starren in die Ferne, als würden sie über die Immobilienpreise in Düsseldorf-Ludenberg nachdenken. Man muss manchmal zwei Mal hinschauen, um sie im graubraunen Dickicht überhaupt zu entdecken. Ihre Hufe klackern auf den Steinen, ein Geräusch, das in der Stille des Waldes weit trägt.
Relativ neu und architektonisch recht ansprechend ist das Gehege der Wildkatzen. Wer hier allerdings erwartet, dass die Katzen wie auf dem Präsentierteller sitzen, wird enttäuscht. Wildkatzen sind die Könige der Tarnung. Man braucht Geduld und ein gutes Auge. Meistens liegen sie irgendwo weit oben auf einem Ast oder versteckt im dichten Gras und dösen. Wer sie entdeckt, wird mit dem Anblick eines Tieres belohnt, das zwar aussieht wie eine kräftige Hauskatze, aber einen ganz anderen, wilderen Blick drauf hat. Der buschige Schwanz mit den schwarzen Ringen ist das sicherste Erkennungsmerkmal. Es ist ein schöner Kontrast zu den eher präsenten Hirschen und Schweinen.
Praktische Tipps für den Waldgang
Ein Besuch im Wildpark erfordert ein Minimum an Vorbereitung, wenn man nicht nach einer Stunde mit schmerzenden Füßen aufgeben will. Die Wege sind befestigt, aber es geht ständig bergauf und bergab. Festes Schuhwerk ist also kein Luxus, sondern Pflicht. Besonders nach Regentagen können die Wege stellenweise etwas schmierig sein. Wer mit dem Kinderwagen anreist, braucht gute Oberarme, aber es ist machbar. Es gibt überall im Park verteilt Holzbänke, die oft an strategisch günstigen Punkten mit schöner Aussicht stehen. Dort kann man wunderbar sein mitgebrachtes Butterbrot essen, während man dem Gezwitscher der Meisen lauscht. Eine Gastronomie direkt im Park gibt es nicht, was der Ruhe zugutekommt, aber man sollte eben eine Wasserflasche dabeihaben.
Was das Parken angeht: Am Wochenende wird es rund um den Rennbahnweg und den Parkplatz am Wildpark extrem voll. Die Düsseldorfer lieben ihren Wald, und wenn die Sonne rauskommt, schwillt der Besucherstrom gewaltig an. Es empfiehlt sich dringend, entweder sehr früh zu kommen oder die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Wer mit dem Auto kommt, muss oft weite Fußwege vom Parkplatz bis zum eigentlichen Eingang in Kauf nehmen. Ein kleiner Geheimtipp ist der Besuch unter der Woche in den Abendstunden, kurz bevor der Park schließt. Dann ist das Licht golden, die meisten Familien sind schon weg und die Tiere wirken viel entspannter. Dann hat man das Gefühl, der Wald gehöre einem ganz allein.
Ökologie und der Wald von morgen
Der Wildpark ist nicht nur ein Freizeitort, sondern auch ein forstwirtschaftliches Vorzeigeprojekt. Man sieht an vielen Stellen, dass Totholz bewusst liegen gelassen wird. Das sieht für den ordnungsliebenden Gärtner vielleicht unordentlich aus, ist aber überlebenswichtig für unzählige Insektenarten und Pilze. Die Stadt Düsseldorf nutzt den Park auch, um auf die Probleme des Klimawandels aufmerksam zu machen. Viele der alten Buchen leiden unter der Trockenheit der letzten Jahre. Wenn man genau hinschaut, sieht man an einigen Baumkronen, dass sie lichter werden. Es ist ein Mahnmal direkt vor der Haustür. Die Ranger pflanzen deshalb vermehrt Baumarten, die mit der Wärme besser klarkommen, damit auch die nächsten Generationen noch Waldluft schnuppern können.
Es ist diese Mischung aus Naherholung, Bildung und echtem Naturerlebnis, die den Grafenberger Wildpark so besonders macht. Man geht nicht einfach nur Tiere gucken, man taucht ein in ein Ökosystem. Wenn man nach zwei oder drei Stunden wieder durch das Eisentor nach draußen tritt, fühlt sich die Stadt erst mal seltsam laut und hektisch an. Aber man nimmt ein bisschen von der Waldruhe mit nach Hause. Und vielleicht auch ein paar Haare vom Reh an der Jacke, als kleine Erinnerung an eine Begegnung auf Augenhöhe. Ein Ausflug hierhin kostet nichts, gibt einem aber verdammt viel zurück, vorausgesetzt man lässt sich auf das langsame Tempo des Waldes ein.
Vielleicht hast du ja jetzt Lust bekommen, deine Wanderschuhe zu schnüren. Pack dir ein paar Äpfel ein, lass das Handy mal in der Tasche und schau nach, ob die Wildschweine heute gute Laune haben. Es lohnt sich eigentlich bei jedem Wetter, denn der Wald sieht im Nebel genauso spannend aus wie im prallen Sonnenschein. Wer einmal da war, kommt sowieso immer wieder, schon allein wegen des Geruchs nach Freiheit mitten in der Stadt.