Düsseldorf

Die Kiefernstraße: Düsseldorfs bunteste (und rebellischste) Straße

In der Kiefernstraße bestimmen bunte Hausbesetzer-Poesie und der raue Charme vergangener Barrikadenkämpfe das Straßenbild. Hier erlebst du ein Düsseldorf, das sich seinen Eigensinn zwischen Punkrock und gigantischen Wandgemälden bis heute bewahrt hat.

Düsseldorf  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer durch Düsseldorf spaziert, erwartet meist den Duft von teurem Parfüm und das Klackern von Absätzen auf dem Pflaster der Königsallee. Doch biegt man hinter dem Hauptbahnhof in Richtung Flingern-Süd ab, ändert sich die Szenerie schlagartig. Die Luft riecht hier eher nach feuchtem Beton, billigem Tabak und gelegentlich nach der schweren Süße von Sprühlack. Die Kiefernstraße ist kein Ort für Menschen, die nach steriler Perfektion suchen. Sie ist laut, sie ist eng und sie ist verdammt bunt. Auf knapp zweihundert Metern drängt sich hier mehr Geschichte zusammen als in manchem Geschichtsbuch der Stadtverwaltung. Es ist ein Ort, an dem die Uhren anders gehen oder zumindest in einem anderen Rhythmus ticken als im schicken Oberkassel.

Die Häuserzeilen stammen ursprünglich aus der Zeit um 1900. Damals waren es Werkswohnungen für die Arbeiter der nahegelegenen Klöckner-Werke. Es war ein klassisches Proletarierviertel, grau in grau, geprägt von harter Schichtarbeit und dem Ruß der Industrie. Heute sieht man davon kaum noch etwas, zumindest oberflächlich nicht. Die Fassaden leuchten in allen Farben des Regenbogens, unterbrochen von gigantischen Wandbildern, die oft politische Botschaften tragen oder einfach nur surreale Welten abbilden. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Comic-Heft, das jemand mitten in die Stadt geworfen hat. Doch hinter der Farbe steckt eine Substanz, die man in Düsseldorf oft schmerzlich vermisst: Echter Eigensinn, der sich nicht sofort wegoptimieren lässt.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Die Straße ist am besten über die Haltestelle "Kettwiger Straße" mit der U75 oder verschiedenen Straßenbahnlinien zu erreichen. Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß.
  • Verhalten: Die Kiefernstraße ist ein Wohngebiet. Fotografieren ist erlaubt, aber man sollte die Privatsphäre der Bewohner achten und nicht ungefragt in Fenster oder Hauseingänge knipsen.
  • Verpflegung: In der direkten Umgebung gibt es einige bodenständige Kioske und kleinere Imbissmöglichkeiten. Wer es urig mag, schaut im AK 47 vorbei, sofern gerade eine Veranstaltung läuft.
  • Timing: Samstags ist meist am meisten los, unter der Woche erlebt man eher den authentischen Alltag der Bewohner zwischen Kunst und Kiez-Tratsch.

Barrikaden, Besetzer und der Staat

Man kann die Kiefernstraße nicht verstehen, wenn man ihre wilde Phase in den 1980er Jahren ignoriert. Das war die Zeit, als die Stadt die Häuser eigentlich abreißen wollte. Die Industrie war weg, die Wohnungen galten als marode. Aber die Leute hier hatten keine Lust auf Luxussanierung oder Parkplätze. Es kam zur Hausbesetzung. Was folgte, war ein jahrelanger Kleinkrieg zwischen den Bewohnern und der Staatsmacht. Die Kiefernstraße wurde zum Synonym für den linksalternativen Widerstand. Es gab Barrikaden aus brennenden Reifen, Hubschrauber kreisten über den Dächern und die Polizei rückte in Hundertschaften an. Es war eine verfahrene Kiste, die schließlich sogar bundesweit Schlagzeilen machte, weil Verbindungen zur RAF vermutet wurden.

Berüchtigt war vor allem die Hausnummer 24. Hier lebten zeitweise Personen, die im Visier der Terrorfahnder standen. Die ganze Straße wurde unter Generalverdacht gestellt. Wer damals hier wohnte, brauchte ein dickes Fell. Die Stimmung war aufgeheizt, misstrauisch und extrem solidarisch. Man hielt zusammen, weil man musste. Dieser Zusammenhalt ist heute noch spürbar, auch wenn die Barrikaden längst abgebaut sind. Die Bewohner erkämpften sich schließlich Mietverträge, und die Straße wurde befriedet. Aber der Geist der Rebellion sitzt immer noch in den Fugen des Mauerwerks. Es ist kein Zufall, dass hier keine Starbucks-Filiale oder ein hipper Design-Laden zu finden ist. Die Leute hier passen auf ihren Kiez auf, wie ein Schießhund auf die Wurst.

Die Wandwerdung einer Weltanschauung

Heute kommen die Leute vor allem wegen der Street-Art. Das ist fast schon ironisch, wenn man bedenkt, wie hart die Anfänge waren. Die Bemalung der Häuser begann eigentlich als Akt der Markierung. Man wollte zeigen, dass diese Häuser bewohnt sind, dass sie eine Seele haben. Aus den ersten Schmierereien entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte echte Kunstwerke. Internationale Künstler haben sich hier verewigt, aber auch die Bewohner selbst legen Hand an. Wenn du vor der Nummer 17 stehst, blickst du auf eine gigantische Szenerie, die fast schon religiöse Züge trägt. Ein paar Meter weiter prangen Comic-Figuren oder abstrakte geometrische Formen an den Wänden. Es ist ein visuelles Dauerfeuer.

Interessant ist dabei die Qualität der Arbeiten. Das ist kein Vandalismus, das ist kuratierter Chaos-Charme. Jedes Haus hat sein eigenes Thema. Mal sind es riesige Augen, die einen verfolgen, mal sind es politische Parolen, die an vergangene Kämpfe erinnern. Manchmal sieht man jemanden mit einer Leiter und einer Sprühdose, der gerade eine Ecke ausbessert. Die Farben verblassen in der Sonne, blättern im Winter ab und werden dann wieder erneuert. Die Straße ist ein atmender Organismus. Es gibt keine Öffnungszeiten, keinen Eintritt und keinen Audioguide. Du gehst einfach durch und lässt dich von der Optik erschlagen. Es ist ratsam, die Kamera mal stecken zu lassen und stattdessen die kleinen Details zu suchen: Aufkleber auf Regenrinnen, bepflanzte Baumscheiben oder die oft ziemlich skurrilen Dekorationen in den Fenstern.

Kultur am Verbleib und das AK 47

Das Herzstück der lokalen Szene ist zweifellos das AK 47. Nein, das ist keine Waffe, sondern ein Punk-Club, der seinen Namen der Adresse (Kiefernstraße 47) verdankt. Es ist einer der letzten Orte in Düsseldorf, an denen Punk noch wirklich Punk ist. Keine polierten Irokesen für Touristen-Fotos, sondern ehrlicher, lauter Krach und klebrige Böden. Wer hier ein Konzert besucht, sollte keine Berührungsängste haben. Der Schweiß tropft von der Decke, das Bier kommt aus der Flasche und die Anlage hat vermutlich schon bessere Tage gesehen, aber der Vibe ist unschlagbar. Es ist ein kultureller Ankerpunkt, der die Straße mit der Musikszene der ganzen Welt verbindet.

Neben dem Punk-Club gibt es verschiedene soziale Projekte und Initiativen. Der Verein "Kultur am Verbleib" ist so etwas wie das soziale Gewissen der Straße. Hier geht es darum, den Lebensraum zu erhalten und Kultur für alle zugänglich zu machen. Es werden Feste organisiert, die nichts mit den durchgestylten Events in der Innenstadt zu tun haben. Da wird dann einfach mal die Straße gesperrt, Tische werden rausgestellt und jeder bringt was zu essen mit. Es ist eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und politischem Statement. Man merkt schnell, dass die Bewohner eine eingeschworene Gemeinschaft sind. Als Fremder wird man meist freundlich, aber auch ein wenig prüfend gemustert. Wer sich respektvoll verhält, gehört schnell dazu, wer sich wie im Streichelzoo aufführt, bekommt das auch mal zu spüren.

Alltag zwischen Industrieruinen und Gentrifizierung

Hinter der bunten Fassade lauert jedoch auch hier die Realität der modernen Stadtentwicklung. Flingern-Süd ist längst kein reines Arbeiterviertel mehr. In den umliegenden Straßen entstehen schicke Loft-Wohnungen, Agenturen ziehen in alte Fabrikhallen und die Mieten steigen. Die Kiefernstraße wirkt wie eine kleine Insel im Meer der Aufwertung. Die Bewohner kämpfen darum, dass ihr Kiez nicht zum reinen Freilichtmuseum für Touristen wird. Es ist ein schmaler Grat. Einerseits freut man sich über die Anerkennung der Kunst, andererseits nerven die Busladungen voll Menschen, die nur für ein schnelles Selfie kommen und dann wieder verschwinden.

Wenn man die Straße hinuntergeht, sieht man oft ältere Herrschaften auf ihren Klappstühlen vor der Tür sitzen. Sie unterhalten sich über das Wetter oder die letzte Mieterhöhung, während ein paar Meter weiter ein paar junge Punks ihr Fahrrad reparieren. Diese Mischung aus Generationen und Lebensstilen macht den Reiz aus. Es ist kein Ghetto und kein Bonzenviertel, sondern ein Biotop. Manchmal hört man aus einem offenen Fenster Jazz, aus dem nächsten dröhnt Heavy Metal und von der Straßenecke schallt das Lachen von Kindern. Die Kiefernstraße ist erstaunlich grün, zumindest wenn man die vielen Pflanzenkübel und die wild wuchernden Ranken an den Wänden betrachtet. Es wirkt alles etwas improvisiert, aber genau das gibt dem Ort seine Wärme.

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