Dortmund

Die Nordstadt: Ein bunter Kosmos aus Streetart, Märkten und Multikulti

Grauer Beton küsst knallige Graffitis. Hier mischen sich der Duft von frisch geröstetem Mokka und das Klappern der U-Bahn zu einem ganz eigenen Rhythmus. Wer das echte Dortmund sucht, muss den Norden verstehen lernen.

Dortmund  |  Highlights & Stadtviertel
Lesezeit: ca. 10 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Wer aus dem Nordausgang des Dortmunder Hauptbahnhofs tritt, landet nicht einfach nur in einem anderen Stadtteil. Er betritt einen Mikrokosmos, der so gar nichts mit der polierten Einkaufsmeile der Innenstadt gemein hat. Die Nordstadt ist seit jeher das Ankunftsviertel der Westfalenmetropole. Früher kamen die Bergleute und Stahlarbeiter aus Schlesien oder Polen, heute sind es Menschen aus über 140 Nationen, die hier ihren Platz suchen. Das prägt das Straßenbild massiv. Es ist laut, es ist eng bebaut, und ja, manchmal riecht es an den Ecken auch mal streng nach vergangenem Regen und spätem Feierabend. Aber genau diese Schroffheit macht den Charme aus. Wer hier durch die Straßen schlendert, merkt schnell, dass die Uhren anders ticken. Es gibt keine durchgestylten Fassadenreihen, sondern einen wilden Mix aus Gründerzeitbauten mit bröckelndem Stuck und zweckmäßigen Nachkriegsbauten. Schön ist das auf den ersten Blick vielleicht nicht immer, aber es ist verdammt ehrlich. Man sieht dem Viertel seine Geschichte an, die Narben der Deindustrialisierung und den Mut zur Lücke.

Oft wird die Nordstadt in den Medien auf Kriminalität und soziale Brennpunkte reduziert. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, die Mallinckrodtstraße oder den Borsigplatz zu erkunden, sieht ein anderes Bild. Hier wird gelebt, und zwar draußen. Kinder spielen zwischen den Autos, Nachbarn halten einen Plausch über drei Balkone hinweg und an jeder zweiten Ecke wird an Fahrrädern oder Autos geschraubt. Das ist kein Ort für Leute, die Berührungsängste haben. Man muss das Gewusel mögen. Es ist ein Viertel der Kontraste, in dem ein schicker Coworking-Space direkt neben einem alteingesessenen Kiosk liegt, den hier alle nur Bude nennen. Spannend bleibt dabei, wie sich die Identität des Stadtteils trotz des ständigen Wandels behauptet. Die Nordstadt ist wie ein alter Boxchampion: Ein bisschen gezeichnet, aber immer noch mit ordentlich Wumms in den Fäusten und einem großen Herz.

Kurz & Kompakt
  • Kulinarik: Probier unbedingt die Linsensuppe oder frisch zubereitetes Falafel in den kleinen Imbissen entlang der Münsterstraße, oft besser als in jedem Sterne-Restaurant.
  • Kultur: Das Kulturort Depot bietet neben Ateliers auch regelmäßig Flohmärkte und Designmessen an, die eine ganz eigene, entspannte Atmosphäre haben.
  • Sicherheit: Wie in jedem urbanen Ballungsraum gilt: Wertsachen nah am Körper tragen und belebte Plätze bevorzugen, dann ist die Nordstadt nicht gefährlicher als andere Großstadtviertel.
  • BVB-Kult: Am Borsigplatz findet man die echte Fan-Seele; ein Besuch in der Gaststätte Pommes Rot-Weiß gehört für Fußballnostalgiker quasi zum Pflichtprogramm.

Farbe auf dem Beton: Die Galerie der Straße

Wenn du den Kopf in den Nacken legst, entdeckst du eine der größten Stärken der Nordstadt. Streetart ist hier kein Vandalismus, sondern oft großformatige Kunst an den Brandwänden. Ganze Häuserfassaden dienen als Leinwand für lokale und internationale Künstler. Besonders rund um den Hafen und die Schleswiger Straße finden sich Murals, die politische Botschaften tragen oder einfach nur die graue Realität mit Farbe fluten. Da prangen riesige Porträts neben abstrakten Mustern, die das Sonnenlicht aufsaugen. Es lohnt sich, einfach mal ohne Plan durch die Seitenstraßen zu treiben. Hinter jeder Toreinfahrt könnte das nächste Meisterwerk warten. Manche dieser Bilder sind so detailliert, dass man ewig davor stehen könnte, während die Passanten kopfschüttelnd vorbeieilen, weil sie den Anblick schon längst gewohnt sind. Es ist eine Demokratisierung der Kunst; man muss keinen Eintritt zahlen, man muss nur hinschauen. Die Graffiti-Kultur ist hier tief verwurzelt und eng mit der Hip-Hop-Szene verknüpft, die im Norden Dortmunds eine ihrer wichtigsten Brutstätten im Ruhrgebiet hat.

Ein besonderer Fixpunkt für Kreative ist das Depot in der Immermannstraße. In der ehemaligen Straßenbahn-Hauptwerkstatt wird heute Kunst produziert und ausgestellt. Das Gebäude selbst ist ein Industriedenkmal aus Backstein, das im Inneren eine ganz eigene Ruhe ausstrahlt. Wenn dort Märkte oder Ausstellungen stattfinden, mischt sich das Viertel. Dann treffen sich die Kunststudenten mit den alteingesessenen Nordstädtern beim Kaffee. Diese Mischung ist typisch. Überhaupt ist das Thema Umnutzung hier allgegenwärtig. Wo früher Maloche angesagt war, wird heute am Laptop getippt oder an Skulpturen gefeilt. Das geschieht oft ohne den sterilen Beigeschmack der Gentrifizierung, die man aus anderen Großstädten kennt. Hier wirkt alles noch ein bisschen improvisiert, ein bisschen hemdsärmelig. Es wird einfach gemacht, anstatt lange zu fackeln. Das ist typisch für den Menschenschlag hier: Nicht quatschen, anpacken.

Kulinarische Weltreise auf wenigen Quadratkilometern

Hungrig sollte man die Nordstadt keinesfalls besuchen. Es ist schier unmöglich, an den unzähligen Imbissbuden und Restaurants vorbeizugehen, ohne dass einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Die Dichte an authentischer anatolischer, libanesischer oder afrikanischer Küche ist so hoch wie nirgendwo sonst in der Region. Vergessen sollte man die üblichen Ketten; hier isst man in Läden, deren Namen man sich kaum merken kann, die aber das beste Taboulé oder die saftigsten Grillspieße servieren. Oft sitzt man auf Plastikstühlen auf dem Bürgersteig, beobachtet den Verkehr und genießt für ein paar Euro ein Festmahl. Der Geruch von Holzkohlegrills mischt sich mit süßem Gebäck aus den zahlreichen Bäckereien, in denen Baklava in riesigen Blechen auf Käufer wartet. Es ist eine Reizüberflutung der angenehmen Sorte. Besonders am Samstagvormittag, wenn das Viertel so richtig erwacht, füllen sich die Gehwege.

Ein Muss ist der Besuch eines der vielen Supermärkte, die eigentlich eher an Basare erinnern. Da stapeln sich Wassermelonen bis unter die Decke und die Auswahl an Oliven ist größer als das gesamte Sortiment manch eines Discounters. Man kauft hier nicht nur ein, man tauscht sich aus. Die Händler kennen ihre Pappenheimer. Wer hier nach speziellen Gewürzen sucht, wird garantiert fündig. Oft bekommt man noch einen Tipp für die Zubereitung gratis dazu. Es ist dieses Informelle, das den Einkauf zum Erlebnis macht. Wer es eher traditionell deutsch mag, findet in den wenigen verbliebenen Eckkneipen noch das klassische Pilsken. Dort hängen die alten Wimpel von Borussia Dortmund an der Wand und die Luft ist oft noch geschwängert vom Geist der alten Industriepionierzeit. Diese Orte werden seltener, aber sie verteidigen tapfer ihren Platz gegen den Espresso-Trend. Es ist eine Koexistenz der Kulturen, die beim Essen und Trinken am besten funktioniert.

Der Borsigplatz: Mehr als nur ein Kreisverkehr

Man kann nicht über die Nordstadt schreiben, ohne den Borsigplatz zu erwähnen. Für Außenstehende ist es erst einmal nur ein komplizierter Kreisverkehr, durch den die Straßenbahn mitten hindurchrumpelt. Für die Menschen hier ist es jedoch das emotionale Zentrum, die Wiege des BVB. Hier wurde der Verein gegründet, hier hat der Fußball seine tiefsten Wurzeln. Wenn die Borussia spielt, herrscht Ausnahmezustand. Jedes Fenster scheint dann eine schwarzgelbe Fahne zu tragen. Es ist eine fast sakrale Verehrung, die man hier spürt. Doch der Borsigplatz ist auch ein sozialer Brennpunkt, an dem die Probleme der Stadt offen zutage treten. Armut und Stolz wohnen hier Wand an Wand. Es ist ein hartes Pflaster, aber eines mit einer unglaublichen Loyalität. Wer hier aufwächst, der bleibt oft hängen, trotz aller Widrigkeiten. Die Architektur rund um den Platz ist beeindruckend, wenn man sich die Zeit nimmt, die Details an den Häuserfronten zu betrachten. Vieles wirkt vernachlässigt, aber die Pracht der Gründungsjahre schimmert immer noch durch.

Rund um den Platz gibt es kleine Läden, die Kuriositäten verkaufen, die man anderswo vergeblich sucht. Es ist ein Ort der Begegnung. Man setzt sich auf eine der Bänke und beobachtet das Schauspiel. Da wird gehupt, gerufen und gelacht. Die Lautstärke ist hoch, die Energie auch. Manchmal wirkt das Ganze wie ein Theaterstück, bei dem jeder Bewohner seine feste Rolle hat. Es ist ratsam, sich einfach mal treiben zu lassen und die Atmosphäre aufzusaugen. Es ist vielleicht nicht der Ort für ein romantisches Picknick, aber es ist der Ort, an dem man das ungefilterte Leben der Stadt spüren kann. Die Nordstadt ist am Borsigplatz am lautesten und am ehrlichsten. Wer hier einmal die Stimmung bei einem Derbysieg erlebt hat, weiß, was Leidenschaft bedeutet. Das hat nichts mit Kommerz zu tun, das ist pure Emotion aus dem Bauch heraus.

Grüne Inseln und der Hafen

Man glaubt es kaum, aber die Nordstadt hat auch ihre ruhigen Ecken. Der Hoeschpark ist so eine grüne Lunge, in der man durchatmen kann. Früher war er das Sportgelände der Stahlarbeiter, heute nutzen ihn Familien zum Grillen oder Sportler für ihre Runden. Es ist ein weitläufiges Areal, das einen scharfen Kontrast zum dichten Beton des Viertels bildet. Hier hört man das Vogelgezwitscher anstelle der Autohupen. Ein weiterer wichtiger Ort ist der Hafen. Dortmund hat zwar kein Meer, aber einen der größten Kanalhäfen Europas. Das Hafenviertel wandelt sich gerade massiv. Während am Nordmarkt noch das pralle Leben tobt, entstehen am Hafenbecken moderne Büros und Gastronomiebetriebe. Trotzdem bleibt die industrielle Kulisse erhalten. Die alten Kräne stehen wie Skelette gegen den Abendhimmel und erinnern an die Zeit, als hier noch massenweise Kohle und Stahl umgeschlagen wurde.

Ein Spaziergang am Wasser hat etwas Beruhigendes. Man kann den Binnenschiffen dabei zusehen, wie sie langsam ihre Bahnen ziehen. Es ist eine ganz andere Welt als die hektische Münsterstraße. Hier am Wasser ist der Wind oft ein bisschen frischer und der Blick weiter. In den letzten Jahren haben sich einige Kneipen und Cafés am Hafen etabliert, die besonders im Sommer junge Leute anlocken. Man sitzt auf Bierbänken, blickt auf das dunkle Wasser des Kanals und vergisst für einen Moment, dass man sich mitten in einem der dichtbesiedelsten Gebiete Deutschlands befindet. Dieser Kontrast zwischen Industriebrache und Naherholung ist typisch für das Ruhrgebiet und in der Nordstadt besonders spürbar. Es ist ein Viertel der tausend Gesichter, das sich weigert, in eine Schublade gesteckt zu werden. Wer es besucht, sollte seine Vorurteile am Bahnhof lassen und sich einfach auf das Abenteuer einlassen.

Praktische Tipps für den Streifzug

Die Nordstadt erkundest du am besten zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Auto ist hier eher ein Klotz am Bein, da Parkplätze Mangelware sind und die Verkehrsführung an den Nerven zerren kann. Die U-Bahn-Linien U41, U45 und U47 bringen dich vom Hauptbahnhof in wenigen Minuten mitten ins Geschehen. Wenn du dich unsicher fühlst, bleib auf den Hauptwegen wie der Münsterstraße oder der Mallinckrodtstraße, die sind immer belebt. Aber eigentlich passiert nichts, wenn man mit offenem Visier und gesundem Menschenverstand durch die Straßen geht. Ein freundliches Nicken bewirkt oft Wunder. Fotografieren ist an vielen Stellen toll, aber frag kurz nach, wenn du Menschen direkt ablichten willst; das gebietet der Respekt im Viertel. Die beste Zeit für einen Besuch ist der späte Nachmittag, wenn das Licht weicher wird und die Straßen sich füllen. Dann erwacht die Nordstadt erst so richtig zum Leben und zeigt ihre bunte, chaotische und faszinierende Seite.

Wer Souvenirs sucht, sollte keinen Kitsch kaufen. Nimm dir lieber eine Packung speziellen Kaffee aus einer der kleinen Röstereien mit oder kauf ein paar handgemachte Kleinigkeiten in den Ateliers rund um das Depot. Das unterstützt die lokale Szene und ist authentischer als jeder Postkartenständer. Man merkt schnell, dass die Nordstadt kein Ort ist, den man konsumiert, sondern den man erleben muss. Es ist kein Freilichtmuseum, sondern ein lebendiger Organismus, der sich ständig häutet. Wer hierher kommt, sollte bereit sein für kleine Irritationen und unerwartete Begegnungen. Vielleicht wirst du von einem alten Bergmann in ein Gespräch über den Bergbau verwickelt oder ein Straßenkünstler erklärt dir seine neueste Arbeit. Das sind die Momente, die bleiben. Die Nordstadt ist eben kein Hochglanzmagazin, sondern ein zerfleddertes Taschenbuch mit Eselsohren und Kaffeeflecken, das man immer wieder gerne liest.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen