Wer am Dortmunder Hauptbahnhof aus dem ICE stolpert, merkt sofort, dass hier ein anderer Wind weht. Es riecht nach einer Mischung aus Backwerk, altem Stein und diesem metallischen Abrieb der Gleise, der typisch für das Ruhrgebiet ist. Der Bahnhof selbst ist ein Nadelöhr, durch das sich täglich Massen schieben. Unten in den Katakomben warten die Stadtbahnen. Das System hier ist eigentlich logisch, wenn man erst einmal verstanden hat, dass Dortmund die Grenze des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr, kurz VRR, markiert. Alles, was nach Westen Richtung Essen oder Düsseldorf fährt, gehört zum VRR. Alles, was nach Osten Richtung Unna oder Hamm geht, unterliegt bereits dem Westfalentarif. Das ist die erste große Hürde für jeden Besucher. Wer einfach nur ein Ticket am Automaten zieht, ohne das Ziel genau zu kennen, zahlt oft drauf oder riskiert ein erhöhtes Beförderungsentgelt, weil er die Grenze unbewusst überschritten hat.
Die gelben Bahnen der DSW21, des lokalen Verkehrsunternehmens, sind das Rückgrat der Stadt. Sie rattern mal oberirdisch über den Wall, mal tauchen sie tief unter die Erde ab. Besonders die U42 ist eine Lebensader, die den schicken Süden in Hombruch mit dem rauen, ehrlichen Norden verbindet. Wenn man in der Bahn sitzt und das dumpfe Grollen hört, während der Wagen in die Kurve geht, spürt man das alte Dortmund. Es ist laut, es ist eng, aber es funktioniert meistens erstaunlich gut. Manchmal muss man sich den Platz mit Fußballfans teilen, die auf dem Weg zum Stadion sind. Dann wird es laut und die Luft riecht nach Bier und Vorfreude. Das gehört hier einfach dazu. Wer das nicht mag, sollte die Zeitfenster rund um die Heimspiele des BVB meiden, denn dann herrscht im Untergrund der Ausnahmezustand.
Kurz & Kompakt- Tarifzonen-Check: Dortmund gehört zur Preisstufe A3 im VRR. Wer die Stadtgrenze Richtung Osten (Unna/Hamm) überschreitet, wechselt automatisch in den Westfalentarif, was am Automaten meist separat ausgewählt werden muss.
- Kurzstrecken-Regel: Das Kurzstrecken-Ticket gilt für drei Haltestellen nach dem Einstieg ohne Umsteigen. Die Einstiegshaltestelle zählt nicht mit. Perfekt für Sprünge innerhalb des Walls.
- Digitale Helfer: Die App "eezy.nrw" ermöglicht ein einfaches Check-in/Check-out-Prinzip per Luftlinie. Das erspart das Suchen nach der richtigen Preisstufe, erfordert aber aktives Auschecken am Ziel.
- Nachtverkehr: Unter der Woche ruht der Bahnbetrieb nachts, am Wochenende fahren viele Linien durch. Der zentrale Knotenpunkt für alle Nachtbusse (NE-Linien) ist der Reinoldikirchplatz.
Die Kurzstrecke: Ein kleiner Segen für Stadtbummler
Oft will man gar nicht weit. Vom Alten Markt zum Wall oder vom Hauptbahnhof zum Dortmunder U sind es nur ein paar Stationen. Hier kommt die Kurzstrecke ins Spiel. Im VRR-Gebiet ist das ein spezieller Tarif, der für Fahrten bis zu drei Haltestellen nach dem Einstieg gilt. Umsteigen ist nicht erlaubt. Das klingt simpel, führt aber oft zu Verwirrung, weil die Zählung erst bei der ersten Haltestelle nach dem Einstieg beginnt. Man darf also insgesamt drei Stationen weit fahren. Für den schnellen Sprung durch die Innenstadt ist das die günstigste Option. Wer zum Beispiel vom Hansaplatz zum Westentor will, braucht kein teures Ticket der Preisstufe A. Da reicht die Kurzstrecke völlig aus. Man muss nur aufpassen, dass man nicht aus Versehen eine vierte Station mitnimmt, denn die Kontrolleure in Dortmund sind flink und kennen kein Pardon.
Interessant ist das Ganze vor allem für Leute, die zu Fuß unterwegs sind und plötzlich von einem Regenschauer überrascht werden. Das passiert in Dortmund öfter, als einem lieb ist. Dann hüpft man in die nächste U-Bahn und ist für kleines Geld schnell im Trockenen. Es gibt diese kleinen Kioske in den Bahnhöfen, wo man noch echte Papiertickets kaufen kann, falls der Automat mal wieder streikt oder die App nicht lädt. Das hat fast schon etwas Nostalgisches. Man schiebt den Schein in den Entwerter, es macht dieses charakteristische Klick-Klack-Geräusch und schon ist man legal unterwegs. In Zeiten von digitalen Abos wirkt das fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, ist aber in der Praxis oft der rettende Anker, wenn das Smartphone-Akku bei fünf Prozent rumkrebst.
Der VRR: Das Dickicht der Preisstufen
Wenn die Fahrt über die Kurzstrecke hinausgeht, wird es komplizierter. Der VRR unterteilt sein Gebiet in Preisstufen von A bis E. Innerhalb von Dortmund bewegt man sich fast immer in der Preisstufe A3. Das gilt für das gesamte Stadtgebiet. Wer aber rüber nach Bochum will, braucht bereits Preisstufe B. Das System ist wie ein Zwiebelprinzip aufgebaut. Je mehr Tarifzonen man durchquert, desto teurer wird es. Die Automaten der Deutschen Bahn oder der DSW21 sind zwar mittlerweile recht benutzerfreundlich, aber die schiere Auswahl an Ticketarten kann einen erschlagen. Es gibt Einzeltickets, 4er-Tickets, 10er-Tickets und die berüchtigten Tagestickets. Letztere lohnen sich oft schon ab der dritten Fahrt. Wenn du also planst, vormittags zum Phoenix-See zu fahren und abends noch ein Bier im Kreuzviertel zu trinken, fährst du mit dem Tagesticket am entspanntesten.
Ein echter Geheimtipp für alle, die flexibel bleiben wollen, ist das System "eezy". Das ist ein elektronischer Tarif, bei dem man sich per App beim Einsteigen eincheckt und beim Aussteigen wieder auscheckt. Berechnet wird die Luftlinie. Das ist oft günstiger als das klassische Ticket, besonders wenn man kurze Strecken fährt, die gerade so über die Kurzstrecke hinausgehen. Man spart sich das Grübeln über Tarifgrenzen. Aber Vorsicht: Wer das Auschecken vergisst, zahlt den Höchstpreis bis zur Endstation der Linie. Das ist mir selbst schon passiert und es ärgert einen schwarz, wenn die App am Ende des Tages fünfzehn Euro abbucht, obwohl man nur zwei Stationen gefahren ist. Man muss also diszipliniert sein. Die Technik im Hintergrund ist beeindruckend, aber sie verlangt dem Nutzer eine gewisse Aufmerksamkeit ab, die man nach drei Pilsetten im Westpark vielleicht nicht mehr ganz aufbringt.
Die Sache mit dem Westfalentarif: Wo Dortmund aufhört
Jetzt wird es richtig knifflig. Dortmund ist die östliche Bastion des VRR. Sobald man die Stadtgrenze Richtung Schwerte, Holzwickede oder Lünen übertritt, verlässt man den VRR und betritt das Reich des Westfalentarifs. Früher war das ein absoluter Albtraum, weil man für jede kleine Fahrt ein neues Ticket brauchte. Heute ist es durch den Westfalentarif etwas einheitlicher, aber die Schnittstelle bleibt kompliziert. Wenn du zum Beispiel von Dortmund nach Unna fährst, kaufst du ein Ticket nach dem Westfalentarif. VRR-Tickets gelten hier nicht, es sei denn, du hast ein spezielles Übergangsticket oder ein Abo, das beide Gebiete abdeckt. Das führt an den Bahnsteigen oft zu ratlosen Gesichtern. Man sieht Leute, die wild auf die Bildschirme tippen und versuchen herauszufinden, warum ihr Zielort plötzlich nicht mehr unter den Standardzielen auftaucht.
Spannend ist dabei, dass bestimmte Linien beide Welten verbinden. Die S4 zum Beispiel rattert von Unna quer durch den Dortmunder Osten bis nach Lütgendortmund. Wer in Unna einsteigt, braucht den Westfalentarif, wer in Wickede einsteigt, ist schon im VRR. Das ist für Pendler Alltag, für Touristen aber eine echte Falle. Mein Rat: Nutze die Apps wie "DB Navigator" oder "Mutti" (die App der Bogestra, die aber im ganzen Revier gut funktioniert). Diese Programme erkennen meist automatisch, welcher Tarif greift. Man sollte sich nicht darauf verlassen, dass der Busfahrer einem alles im Detail erklärt. Die Jungs und Mädels hinterm Steuer haben oft einen straffen Zeitplan und wenig Lust auf Tarif-Exegese, wenn hinter dir schon zehn Leute drängeln, die nach Hause wollen. Ein kurzes Kopfnicken beim Einstieg, Ticket vorzeigen und weitergehen ist hier die gängige Etikette.
Orientierung unter Tage: Die Stammstrecken
Dortmund hat ein Schienensystem, das sternförmig auf die Mitte zuläuft. Es gibt drei Hauptstammstrecken im Tunnel. Die eine bedient den Norden und Süden (U41, U47, U45, U49), die andere den Westen und Osten (U43, U44). Und dann gibt es noch die Verbindung dazwischen (U42). Das Umsteigen am Reinoldikirchplatz oder am Kampstraße ist die Königsdisziplin. Es ist dort oft zugig, die Rolltreppen machen manchmal seltsame mahlende Geräusche und die Beleuchtung hat diesen speziellen gelblichen Schimmer der 80er Jahre. Aber man kommt schnell überall hin. Wer zum Beispiel zum Westfalenpark will, nimmt die U45 oder U49. Wer zum Hafen möchte, springt in die U47. Es ist eigentlich fast unmöglich, sich komplett zu verfahren, solange man die Himmelsrichtungen im Kopf behält.
Besonders reizvoll ist die U43. Das ist eine der Linien, die noch viel oberirdisch fährt. Sie rattert gemütlich über den Hellweg, die alte Handelsstraße. Man sieht die kleinen Läden in Körne, die Klinkerfassaden in Wambel und landet schließlich im ländlicheren Brackel. Es ist eine Stadtrundfahrt für den schmalen Geldbeutel. Wenn man ganz hinten im Wagen sitzt und aus dem Fenster schaut, zieht das echte Dortmund an einem vorbei. Nicht die polierte Innenstadt, sondern das Leben in den Vororten. Hier steigen Omis mit ihren Einkaufstrolleys ein, Schülergruppen lärmen herum und Handwerker in ihren Arbeitsklamotten gönnen sich eine Pause. Es riecht nach Alltag. Manchmal hat man Glück und erwischt einen der älteren Wagen, in denen die Sitze noch dieses wunderbar hässliche Stoffmuster haben, das so typisch für den deutschen Nahverkehr der Jahrtausendwende ist.
Busse und Nachtexpress: Wenn die Schiene endet
Nicht alles in Dortmund lässt sich mit der Bahn erledigen. In die Randgebiete wie Syburg oder Lanstrop muss man den Bus nehmen. Das ist eine ganz eigene Erfahrung. Die Busse der DSW21 sind meist pünktlich, aber sie unterliegen natürlich dem Dortmunder Verkehrswahnsinn. Besonders zur Rushhour steht man gerne mal im Stau auf der B1 oder am Borsigplatz. Da hilft nur Geduld. Die Busfahrer in Dortmund sind ein Schlag für sich. Oft wortkarg, aber mit trockenem Humor ausgestattet. Wenn man fragt, ob der Bus zum Zoo fährt, kann es sein, dass man ein kurzes "Nee, der fährt auf Rädern" zurückbekommt, gefolgt von einem grinsenden "Steig ein, passt schon". Das ist diese raue Herzlichkeit, die man erst einmal verstehen muss.
Nachts wird es dann richtig interessant. Wenn die U-Bahnen gegen ein Uhr schlafen gehen, übernehmen die Nachtexpresse, die NE-Linien. Sie starten alle zur gleichen Zeit vom Reinoldikirchplatz. Das ist ein faszinierendes Schauspiel: Ein Dutzend Busse steht mit laufenden Motoren im Kreis, die Fahrer halten noch ein kurzes Schwätzchen, und auf ein Signal hin schwärmen sie alle gleichzeitig in die Stadtteile aus. Es ist die Rettung für jeden Nachtschwärmer. Die Stimmung im Nachtexpress ist oft eine Mischung aus bierseliger Heiterkeit und kollektiver Erschöpfung. Man kommt ins Gespräch, teilt sich vielleicht eine Pommes oder hört unfreiwillig die Beziehungsdramen der Sitznachbarn mit. Es ist das wahre Dortmund nach Mitternacht. Wer hier mitfährt, hat die Stadt gesehen.
Praktische Tipps für den reibungslosen Ablauf
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Ticket-Entwertung. In den U-Bahnhöfen stehen die orangen Kästen meistens oben am Zugang zu den Bahnsteigen. In den Bussen und Straßenbahnen sind sie im Fahrzeug. Ein Ticket ohne Stempel ist wertlos, es sei denn, es wurde bereits mit Datum und Uhrzeit bedruckt am Automaten gekauft (was bei DB-Automaten oft der Fall ist). Schau also genau hin, ob oben auf dem Ticket "Hier entwerten" steht. Es gibt nichts Ärgerlicheres, als mit einem gültigen, aber ungestempelten Ticket erwischt zu werden. Die Ausrede "Ich wusste das nicht" zieht hier selten, da die Verkehrsbetriebe davon ausgehen, dass man die Schilder liest.
Noch ein Wort zur H-Bahn. Das ist die kleine Schwebebahn, die auf dem Campus der TU Dortmund hin und her pendelt. Sie sieht aus wie aus einem Science-Fiction-Film der 70er Jahre und fährt vollautomatisch ohne Fahrer. Für Technikfans ist das ein Muss. Man kann dort mit seinem ganz normalen VRR-Ticket mitfahren. Die Strecke ist zwar kurz, aber der Blick von oben auf das Unigelände und die vorbeirauschenden Autos unten auf der Straße hat etwas Erhabenes. Es ist ein kleines Stück Ingenieurskunst, auf das man in Dortmund stolz ist, auch wenn sie manchmal bei starkem Wind den Dienst quittiert. Aber wenn sie fährt, ist es das futuristischste Erlebnis, das der Dortmunder Nahverkehr zu bieten hat.