Dortmund

Im Keller der Klänge: Warum das Domicil für Musiknerds der wichtigste Ort Dortmunds ist

Das Domicil ist kein gewöhnlicher Club. In einem ehemaligen Kino mitten in der Dortmunder City verschmelzen roher Beton, roter Samt und erstklassiger Sound.

Dortmund  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Mitten im grauen Pflaster der Hansastraße steht ein Gebäude, das auf den ersten Blick fast unscheinbar wirkt, wäre da nicht die markante Glasfront des Erdgeschosses. Hier atmet die Architektur noch den Geist der 1950er Jahre, als das Hansakino an dieser Stelle die Massen anzog. Heute flimmern dort keine Hollywoodstreifen mehr über die Leinwand, stattdessen hat sich das Domicil den Raum zu eigen gemacht. Der Umzug aus dem alten Keller an der Leopoldstraße hierher war ein gewaltiger Schritt für die lokale Kulturszene. Es riecht im Treppenhaus nach einer Mischung aus frischem Kaffee vom angeschlossenen Gastronomiebetrieb und dieser ganz speziellen, kühlen Note von altem Gemäuer. Man spürt sofort, dass dieser Ort eine Geschichte hat, die über das bloße Abspielen von Playlists hinausgeht.

Die Transformation vom Lichtspielhaus zum Musiktempel ist architektonisch hervorragend gelungen. Man hat die alte Substanz nicht einfach überpinselt, sondern ihren Charakter konserviert. Besonders der große Saal im Obergeschoss beeindruckt durch seine steil ansteigenden Sitzreihen, die noch immer an die Kinovergangenheit erinnern. Das sorgt für eine Sicht, die man in klassischen Jazzclubs oft vermisst, wo man meistens hinter der Frisur des Vordermanns verschwindet. Hier sitzt man quasi über den Musikern, sieht jede Fingerbewegung auf dem Kontrabass und hört das leise Schnaufen des Saxophonisten, wenn er zur nächsten Phrase ansetzt. Es ist diese räumliche Nähe, die eine fast schon familiäre Intimität erzeugt, obwohl der Saal durchaus eine stattliche Größe besitzt.

Kurz & Kompakt
  • Location & Flair: Untergebracht in einem ehemaligen 50er-Jahre-Kino in der Hansastraße 7-11. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus Retro-Schick und modernem Industrie-Design, verteilt auf drei Etagen mit Bar, Club und großem Konzertsaal.
  • Programm-Vielfalt: Über 300 Veranstaltungen pro Jahr. Der Fokus liegt auf Jazz und Weltmusik, ergänzt durch regelmäßige Clubabende (Soul, Funk, Hip-Hop) und interaktive Jam-Sessions für jedermann.
  • Auszeichnungen: Das Haus gehört laut dem US-Magazin "Downbeat" regelmäßig zu den besten Jazz-Venues der Welt und wurde mehrfach mit dem Spielstättenprogrammpreis "Applaus" der Bundesregierung geehrt.
  • Anreise & Gastro: Zentral gelegen nahe der U-Bahn Kampstraße. Die hauseigene Bar bietet neben Getränken auch Speisen an und ist oft schon vor den Konzerten ein beliebter Treffpunkt für die lokale Szene.

Der Klang der Welt in der Westfalenmetropole

Musikalisch lässt sich das Domicil in keine Schublade quetschen, die schmaler als ein Überseecontainer ist. Klar, Jazz ist das Fundament, die DNA des Hauses. Aber wer bei Jazz nur an ältere Herren in Cordjacketts denkt, die komplizierte Akkorde zählen, wird hier schnell eines Besseren belehrt. Das Programm reicht von avantgardistischen Experimenten über klassische Big-Band-Formationen bis hin zu Künstlern, die man unter dem weiten Schirm der Weltmusik zusammenfasst. Oft stehen Musiker auf der Bühne, deren Namen man kaum aussprechen kann, die aber Instrumente spielen, die Töne erzeugen, die man so im Radio nie hören würde. Es ist ein Ort für Entdecker. Manchmal stolpert man in ein Konzert rein, hat keine Ahnung, was einen erwartet, und geht zwei Stunden später mit einem völlig neuen Musikgeschmack wieder raus. Dat is eben Dortmund: unkompliziert und direkt.

Die Qualität der Akustik ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Es gibt Orte, da matscht der Sound in den Ecken zusammen, aber im Domicil haben sie das wirklich im Griff. Jeder Beckenschlag am Schlagzeug klingt glasklar, jede Nuance eines Klaviersolos erreicht auch die hinterste Reihe. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis akribischer Planung und der Leidenschaft der Leute hinter den Kulissen. Viele der Mitarbeiter sind selbst Musiker oder absolute Enthusiasten, die genau wissen, wie ein Flügel klingen muss oder wo das Mikrofon stehen sollte. Wenn man dort an der Bar steht und auf den Beginn wartet, hört man oft die Musiker beim Soundcheck. Dieses kurze, konzentrierte Stimmen der Instrumente erhöht die Vorfreude ungemein.

Clubkultur zwischen den Stühlen

Wenn die Konzerte vorbei sind und die Bestuhlung vielleicht zur Seite geräumt wird, wandelt sich das Gesicht des Hauses erneut. Das Domicil ist nämlich auch ein verdammt guter Club. Hier läuft dann kein stumpfer Einheitsbrei, sondern meistens Musik mit Seele. Funk, Soul, Nu-Jazz oder auch mal elektronische Klänge, die sich nicht um gängige Charterfolge scheren. Die Clubabende haben ein Publikum, das angenehm durchmischt ist. Da tanzt der Student neben dem pensionierten Lehrer, und alle verbindet die Liebe zum Rhythmus. Es geht hier nicht ums Sehen und Gesehenwerden, sondern um die Musik. Man kann hier wunderbar versacken, ohne dass man sich von Türstehern mit Sonnenbrillen schräg anschauen lassen muss.

Besonders die Nächte am Wochenende haben einen ganz eigenen Vibe. Wenn der Bass durch den Boden vibriert und das Licht der Diskokugel über die alten Kinosäulen tanzt, vergisst man schnell, wie spät es eigentlich ist. Der Clubraum im Erdgeschoss, direkt hinter der Bar, ist kompakter und dunkler als der große Saal oben. Hier ist die Luft dicker, die Energie direkter. Man steht nah beieinander, die Gläser klirren, und der DJ oben in seiner Kanzel hat meistens ein Grinsen im Gesicht, weil er weiß, dass er gerade eine Platte aufgelegt hat, die man woanders vergeblich sucht. Es ist diese Mischung aus Anspruch und Lockerheit, die das Domicil so besonders macht. Man muss kein Experte sein, um hier Spaß zu haben, aber man wird oft als einer behandelt, weil das Programm das Publikum ernst nimmt.

Ein Ort für die Gemeinschaft

Was man bei einem Besuch im Domicil nicht unterschätzen darf, ist der soziale Aspekt. Es ist mehr als nur eine Spielstätte; es ist ein Knotenpunkt für die Kulturszene im Ruhrgebiet. In der angeschlossenen Gastronomie kann man schon am frühen Abend sitzen, einen Wein trinken oder eine Kleinigkeit essen. Man sieht dort oft die Musiker des Abends ganz entspannt an einem der Tische sitzen, bevor sie sich zur Vorbereitung zurückziehen. Es gibt keine Barrieren. Man kommt ins Gespräch, fachsimpelt über das letzte Album von Kamasi Washington oder redet einfach über den letzten BVB-Sieg. Es herrscht eine unaufgeregte Professionalität vor, die typisch für die Region ist. Kein unnötiger Schnickschnack, sondern Fokus auf das Wesentliche.

Interessant ist auch die Rolle des Domicils als Förderer. Es gibt Jam-Sessions, bei denen sich lokale Nachwuchstalente mit Profis messen können. Da stehen dann manchmal blutjunge Studenten der Musikhochschule neben gestandenen Jazz-Veteranen auf der Bühne. Das kann mal grandios klingen, mal etwas holprig sein, aber es ist immer authentisch. Diese Sessions kosten oft keinen oder nur sehr wenig Eintritt und sind der perfekte Einstieg für alle, die mal in die Szene reinschnuppern wollen. Man merkt, dass das Haus nicht nur auf Profit schaut, sondern eine Mission hat: gute Musik unters Volk zu bringen. Das Domicil wird von einem Verein getragen, und dieses ehrenamtliche Engagement spürt man an jeder Ecke. Da steckt Herzblut drin, und das ist in der heutigen Eventkultur leider ziemlich selten geworden.

Praktische Tipps für den Abend

Wer plant, das Domicil zu besuchen, sollte vorher definitiv einen Blick auf den Kalender werfen. Das Programm ist extrem dicht und wechselhaft. Es bringt wenig, einfach auf gut Glück hinzugehen, außer man ist bereit für Überraschungen. Karten reserviert man am besten vorab online, besonders bei den bekannteren Namen sind die Sitzplätze im Saal schnell vergriffen. Wenn man im großen Saal sitzt, sind die Plätze in der Mitte der oberen Reihen akustisch und optisch am besten, aber eigentlich gibt es keinen wirklich schlechten Platz. Wer es lieber gemütlich mag, sichert sich einen Tisch in der Nähe der Bar im Erdgeschoss.

Die Anreise ist denkbar einfach. Da das Domicil mitten in der Innenstadt liegt, ist es vom Hauptbahnhof Dortmund in etwa zehn Minuten zu Fuß zu erreichen. Parkhäuser gibt es in der Umgebung reichlich, aber die sind im Ruhrgebiet bekanntlich kein Schnapper. Wer mit der U-Bahn kommt, steigt an der Haltestelle Kampstraße aus, von dort sind es nur ein paar Schritte. Ein kleiner Tipp am Rande: Nach dem Konzert lohnt es sich, noch für ein Kaltgetränk an der Bar zu bleiben. Oft kommen die Künstler nach der Show noch für einen Moment raus, unterschreiben Platten oder halten einen kurzen Plausch. Das macht das Erlebnis erst richtig rund. Man geht dann nach Hause, hat vielleicht ein paar ungewohnte Melodien im Kopf und das Gefühl, dass Dortmund eben doch viel mehr ist als nur Kohle und Stahl.

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