Wer an Berlin denkt, hat meist Beton, Graffiti und den Geruch von Döner oder Abgasen in der Nase. Doch setzt man sich in die S-Bahn-Linie S3 und fährt bis fast zur Endstation, ändert sich das Bild gewaltig. Rahnsdorf liegt im Bezirk Treptow-Köpenick, und hier ticken die Uhren hörbar langsamer. Schon beim Aussteigen am historischen S-Bahnhof, der mit seinen roten Ziegeln eher an ein märkisches Landgut erinnert als an eine Station der Hauptstadt, merkt man den Unterschied. Die Luft ist frischer. Es riecht nach Wald, feuchtem Boden und im Sommer oft nach Grillkohle. Um zum Wasser zu kommen, nimmt man am besten den Bus 161 oder vertritt sich die Beine für gut zwanzig Minuten durch die Villenkolonie. Das Ziel ist der Dämeritzsee oder direkt die Müggelspree, die Lebensader dieser Region. Hier draußen, oder "JWD" wie der Berliner sagt (Janz weit draußen), beginnt eine der skurrilsten und zugleich entspannendsten Touren, die man in dieser Stadt unternehmen kann.
Neu-Venedig ist kein Marketing-Gag der Neuzeit, sondern ein gewachsenes Unikum. Es ist keine Filmkulisse, sondern Wohnraum und Wochenend-Refugium. Wer hier sein Kanu zu Wasser lässt, betritt – oder besser befährt – privates Idyll, das sich dem Besucher aber gerne öffnet, solange er die Spielregeln beachtet. Der Übergang vom offenen Dämeritzsee in das Kanalsystem ist fast magisch. Der Wind, der auf dem See oft noch ordentlich an den Kräften zehrt und kleine Wellen gegen den Rumpf klatschen lässt, stirbt augenblicklich ab, sobald man in den Hauptkanal einbiegt. Plötzlich ist es still. Nur das rhythmische Eintauchen des Paddels und das Glucksen des Wassers begleiten dich.
Kurz & Kompakt - Anreise: Mit der S3 bis S-Bhf Rahnsdorf, dann Bus 161 Richtung Schöneiche/Erkner bis Haltestelle "Fürstenwalder Allee/Schule" oder zu Fuß (ca. 25 Min) zum Dämeritzsee.
- Beste Zeit: Wochentags am Vormittag für absolute Ruhe; am Wochenende für lebendiges Treiben. Mai bis September ist ideal, im Herbst besticht das Laubfärbungs-Spektakel.
- Ausrüstung: Mückenschutz ist Pflicht! Kopfbedeckung gegen Sonne, wasserdichter Beutel für Wertsachen und ausreichend Trinkwasser nicht vergessen.
Aus Sumpf wurde Bauland
Man muss sich kurz vor Augen führen, wo man hier eigentlich rumpaddelt. Historisch gesehen war das Gelände nämlich nichts als nasse Wiese, Sumpfland, das zum Rittergut Rahnsdorf gehörte. Niemand wollte hier bauen, geschweige denn wohnen. Erst im Jahr 1926 kam die Wende. Um das morastige Gebiet nutzbar zu machen, wurde ein Plan gefasst, der gleichermaßen pragmatisch wie genial war: Man hob Kanäle aus. Mit dem Aushub dieser Wasserstraßen wurde das dazwischenliegende Land aufgeschüttet und trockengelegt. So entstanden fünf Kilometer Wasserwege und sechs Hauptkanäle, die durch diverse Querverbindungen miteinander verknüpft sind. Aus dem Sumpf wurde ein Wassersport-Paradies für den kleinen Mann, und 1928 tauchte der Name "Neu-Venedig" erstmals offiziell auf.
Heute sieht man von der schlammigen Vergangenheit kaum noch etwas, außer vielleicht, dass die Gärten hier üppiger wuchern als anderswo. Die Kanäle sind schnurgerade, was den künstlichen Ursprung verrät, aber die Natur hat sich die Ufer längst zurückgeholt. Trauerweiden lassen ihre Äste tief ins Wasser hängen und bilden grüne Tunnel, durch die man hindurchgleiten muss. Es hat etwas Verwunschenes, fast Märchenhaftes, wenn die Sonne durch das Blätterdach bricht und tanzende Lichtflecken auf das dunkle, grünliche Wasser wirft.
Architektur zwischen Datsche und Villa
Während du langsam durch die Kanäle treibst, zieht am Ufer eine architektonische Zeitreise vorbei. Das ist das eigentlich Spannende an dieser Tour. Es gibt hier keinen Bebauungsplan, der alles einheitlich glattbügelt, zumindest wirkt es nicht so. Da steht die winzige DDR-Datsche aus Holz, liebevoll gepflegt, mit den typischen Geranienkästen und einem Gartenzwerg, der kritisch die Vorbeifahrenden beäugt. Direkt daneben protzt eine neugebaute Stadtvilla mit bodentiefen Fenstern und eigenem Motorboot-Anleger. Dieser Kontrast ist typisch für den Berliner Osten. Das Alteigentum der "Laubenpieper", die hier schon seit Jahrzehnten ihre Wochenenden verbringen, mischt sich mit dem Zuzug wohlhabender Städter, die die Ruhe am Wasser suchen.
Man guckt den Leuten quasi direkt auf den Kaffeetisch. Da die Grundstücke alle direkt ans Wasser grenzen, ist man als Kanute Teil des Nachbarschaftslebens. Manchmal winkt jemand freundlich vom Liegestuhl herüber, manchmal wird man geflissentlich ignoriert, wenn man zu neugierig auf den Grillteller starrt. Diskretion ist hier das oberste Gebot. Man gleitet leise vorbei, nickt freundlich und vermeidet es tunlichst, mit dem Paddel gegen fremde Stege zu stoßen. Es ist ein stilles Einvernehmen: Wir dürfen gucken, aber wir stören nicht.
Brückenschlag auf Köpenicker Art
Venedig wäre nicht Venedig ohne Brücken. Und auch Neu-Venedig enttäuscht hier nicht, auch wenn die Seufzerbrücke hier eher eine Stahlbetonkonstruktion oder ein einfacher Holzsteg ist. Insgesamt überspannen 13 Brücken die Kanäle. Für Kanufahrer sind sie Orientierungspunkte und Hindernisse zugleich. Einige sind recht niedrig. Je nach Wasserstand heißt es da: Kopf einziehen. Es hat schon seinen eigenen Reiz, sich flach ins Boot zu legen und unter einer straßenführenden Brücke hindurchzutreiben, während oben drüber vielleicht gerade der Postbote mit seinem gelben E-Bike rattert. Die Perspektive vom Wasser aus verschiebt die Wahrnehmung. Alles wirkt größer, mächtiger, und man selbst fühlt sich in seiner Nussschale angenehm unbedeutend.
Die Kanäle selbst tragen Bezeichnungen wie Kanal I bis VI oder haben Namen wie "Lagunenweg", was natürlich herrlich kitschig klingt, aber irgendwie passt. An den Wochenenden kann es hier durchaus voll werden. Dann teilen sich Kanus, Stand-Up-Paddler (SUPs) und kleine Motorboote die schmalen Wege. Motorboote dürfen hier nur im Schritttempo fahren, und die meisten halten sich auch daran, um die Uferbefestigungen nicht durch Wellenschlag zu beschädigen. Trotzdem schaukelt es dann manchmal ordentlich. Unter der Woche hingegen hat man die Wasserstraßen oft fast für sich allein. Dann hört man das Schnattern der Enten, das Blubbern aufsteigender Sumpfgase oder das Platschen eines Bibers, der sich gestört fühlt. Ja, Biber gibt es hier tatsächlich, auch wenn man meist nur ihre Spuren in Form von abgenagten Stämmen sieht.
Kulinarischer Boxenstopp am Wasser
Paddeln macht hungrig, das ist ein Naturgesetz. Glücklicherweise ist die Zivilisation in Neu-Venedig nie weit weg. Ein zentraler Anlaufpunkt ist das "Gasthaus Neu-Venedig" oder ähnliche Lokale, die direkt am Wasser liegen. Man kann oft direkt mit dem Kanu anlegen. Es hat schon was, das Boot festzutauen und sich mit etwas wackeligen Beinen an einen Tisch zu setzen. Auf der Karte steht meist solide Hausmannskost. Schnitzel, Bauernfrühstück, im Sommer vielleicht ein Wurstsalat. Keine Haute Cuisine, aber ehrlich und bodenständig. Dazu eine Berliner Weisse oder ein Radler, und die Welt ist wieder in Ordnung. Man sitzt da, schaut den anderen beim Paddeln zu und freut sich diebisch, wenn sich jemand ungeschickt anstellt und fast kentert – natürlich nur fast.
Es ist aber auch kein Fehler, sich selbst Verpflegung mitzunehmen. Ein Picknick im Boot, in einer ruhigen Bucht des Dämeritzsees oder in einem toten Winkel eines Seitenkanals, ist unschlagbar. Man muss nur aufpassen, dass einem die Schwäne nicht das Sandwich aus der Hand klauen. Die sind hier nämlich ziemlich selbstbewusst und kennen keine Scheu vor Touristen.
Praktisches und die Sache mit den Mücken
Wer kein eigenes Boot besitzt, findet rund um den Dämeritzsee und in Rahnsdorf mehrere Verleiher. Die Preise sind meist fair und stundenweise gestaffelt. Ein 2er-Kajak oder ein Kanadier sind die besten Gefährte für diese Tour. SUPs gehen auch, sind aber auf den teilweise kabbeligen Seen bei Wind anstrengender. Wichtig ist Sonnencreme. Auf dem Wasser unterschätzt man die Strahlung gnadenlos, und durch die Reflexion ist man schneller rot als ein gekochter Krebs.
Und dann ist da noch die Sache mit den Insekten. Wo Wasser und viel Grün ist, sind im Sommer Mücken nicht weit. Neu-Venedig kann in der Dämmerung zur Mückenhochburg werden. Ein gutes Spray sollte also unbedingt im Rucksack stecken, wenn man nicht als Streuselkuchen nach Hause kommen will. Aber auch das gehört irgendwie dazu. Es ist eben Natur, mitten in der Stadt.
Die Rückfahrt zum Verleih ist meist der anstrengendere Teil, besonders wenn der Wind aufgefrischt hat und nun von vorne kommt. Die Arme werden schwer, die Gespräche im Boot verstummen langsam. Aber es ist eine angenehme Erschöpfung. Wenn man dann schließlich wieder anlegt, das Boot aus dem Wasser zieht und den festen Boden unter den Füßen spürt, bleibt ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit. Man war in einer anderen Welt, ohne Berlin wirklich verlassen zu haben. Neu-Venedig ist vielleicht nicht Venedig, aber für eine entspannte Flucht aus dem Alltag ist es vielleicht sogar besser: grüner, ruhiger und definitiv mit mehr Berliner Schnauze.