Mitten im tosenden Verkehr, wo fünf Hauptstraßen aufeinanderprallen, steht sie ziemlich ungerührt. Die Siegessäule. Oder wie der Berliner sagt: die Goldelse. Wer sie besuchen will, muss erst einmal unter die Erde. Der Zugang erfolgt über Fußgängertunnel, die oft ein wenig streng riechen und deren Wände mit Graffiti übersät sind. Das gehört dazu. Oben angekommen, steht man auf einer Insel der Geschichte. Der Sockel aus rotem Granit wirkt massiver, als er auf Postkarten aussieht. Vier bronzene Reliefs erzählen von den Einigungskriegen des 19. Jahrhunderts. Lange waren sie verschwunden, von den Franzosen nach 1945 als Kriegsbeute mitgenommen, kehrten sie erst zur 750-Jahr-Feier Berlins zurück. Wenn du genau hinsiehst, entdeckst du Einschusslöcher im Stein und an den Reliefs. Narben des Zweiten Weltkriegs, die man bewusst nicht wegpoliert hat.
Ursprünglich stand die Säule gar nicht hier. Bis 1939 befand sie sich auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik vor dem Reichstag. Die Nazis, genauer gesagt Albert Speer, ließen sie hierher versetzen, um ihre gigantische Nord-Süd-Achse vorzubereiten. Ironischerweise hat wohl genau diese Versetzung das Denkmal gerettet, denn das alte Areal wurde im Krieg fast völlig zerbombt. Heute reckt sich die vergoldete Viktoria 67 Meter in den Himmel. Wer zu ihr will, braucht Puste. Einen Aufzug gibt es nicht. 285 Stufen führen durch das Innere der Säule nach oben. Es ist eng, die Luft steht oft im Treppenhaus, und das metallische Klingen der Schritte hallt von den Wänden wider. Zwischendurch gibt es kleine Fenster, durch die man sehen kann, wie klein die Autos unten werden.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit dem Bus 100 bis "Großer Stern" oder mit der S-Bahn bis "Tiergarten" oder "Bellevue".
- Siegessäule: Eintritt kostet ein paar Euro (nur Bargeld oder Karte je nach Laune des Kassenwarts, besser beides dabei haben). Öffnungszeiten variieren saisonal, im Winter wird früher zugemacht.
- Toiletten: Mangelware im Park. Es gibt Bezahltoiletten an der Siegessäule und am Café am Neuen See, ansonsten hilft nur Diskretion im Gebüsch oder Aushalten.
Über den Dächern der Hauptstadt
Oben angekommen, pfeift der Wind meist ordentlich. Der Umgang ist schmal, aber der Blick entschädigt für den schweißtreibenden Aufstieg. Anders als beim Fernsehturm stehst du hier an der frischen Luft. Von hier aus begreift man die Geografie der Stadt am besten. Die schnurgerade Straße des 17. Juni schneidet wie ein Lineal durch das riesige Grün des Tiergartens bis zum Brandenburger Tor. Im Westen siehst du den Teufelsberg mit seiner Abhörstation, im Osten funkelt die Kugel des Fernsehturms. Man riecht förmlich die Stadt, eine Mischung aus Abgasen, Dönerbuden-Dunst und dem satten Grün der Bäume unter dir. Die Viktoria selbst, die übrigens 35 Tonnen wiegt, wendet dir den Rücken zu, wenn du Richtung Stadtmitte schaust. In ihrer rechten Hand hält sie einen Lorbeerkranz, in der linken einen Feldzeichenstab mit dem Eisernen Kreuz. Ihr Helm ist mit einem Adler geschmückt. Es ist schon ein seltsames Gefühl, diesem preußischen Koloss so nah auf die Pelle zu rücken.
Vom Jagdrevier zur grünen Lunge
Wieder unten, taucht man ein in den Tiergarten. Mit 210 Hektar ist er fast so groß wie der Hyde Park in London, wirkt aber oft wilder. Ursprünglich war das hier das Jagdrevier der Kurfürsten. Man hetzte Wildschweine und Rehe, bis Friedrich der Große, der mit der Jagd nichts am Hut hatte, das Gelände 1742 für das Volk öffnete. Er ließ erste Lustgärten anlegen, doch die heutige Form verdanken wir Peter Joseph Lenné. Im 19. Jahrhundert formte er aus dem barocken Wald einen englischen Landschaftspark. Das Geniale an Lennés Planung ist, dass man sich hier wirklich verlaufen kann. Geschwungene Wege, künstliche Wasserläufe und kleine Brücken sorgen dafür, dass die Stadtgeräusche irgendwann nur noch als diffuses Rauschen im Hintergrund wahrnehmbar sind.
Dabei ist der Baumbestand jünger, als er aussieht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Tiergarten eine Wüste. Die Berliner hatten fast alle Bäume abgeholzt, um in den eisigen Wintern nicht zu erfrieren. Wo heute Jogger ihre Runden drehen und Familien grillen, wurden damals Kartoffeln und Kohl angebaut, um das Überleben zu sichern. Erst ab 1949 begann die Wiederaufforstung. Spenden von Bäumen kamen aus ganz Deutschland. Wenn du heute eine alte Eiche siehst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie erst in den 50er Jahren gepflanzt wurde. Nur wenige Bäume haben den Krieg überlebt.
Versteckte Monumente und sowjetische Panzer
Spaziert man die Straße des 17. Juni Richtung Brandenburger Tor entlang, stößt man auf der nördlichen Seite auf das Sowjetische Ehrenmal. Es ist ein surrealer Ort. Zwei echte T-34-Panzer flankieren den Eingang, die Kanonenrohre stumm auf die Straße gerichtet. Dahinter erhebt sich eine Säulenhalle, gekrönt von einer Rotarmisten-Statue. Das Gelände ist exterritoriales Gebiet, es gehört quasi zu Russland, auch wenn es mitten in Berlin liegt. Bis zum Abzug der Alliierten 1994 hielten hier sowjetische Soldaten Ehrenwache, was im westlichen Teil der Stadt immer für eine gewisse Anspannung sorgte. Hinter dem Denkmal liegen über 2.000 gefallene Soldaten begraben. Der Ort strahlt eine seltsame, schwere Stille aus, die im Kontrast zu den Touristenbussen steht, die davor halten.
Wer es weniger martialisch mag, sucht die Luiseninsel. Ein kleiner, fast kitschig schöner Ort mit einer weißen Marmorstatue der Königin Luise. Hier blühen im Sommer prächtige Blumenrabatten, und es ist einer der wenigen Orte im Park, wo die Gartenkunst noch streng formal wirkt. Ein paar hundert Meter weiter wird es kulturell: Das Beethoven-Haydn-Mozart-Denkmal, von den Berlinern liebevoll "Musikerofen" genannt, zeigt die drei Komponisten als Halbreliefs. Es hat eine bewegte Geschichte hinter sich, wurde im Krieg beschädigt, teils eingelagert und erst spät wieder restauriert. Die Einschusslöcher im Marmor sind auch hier stille Zeugen.
Nackte Tatsachen und Kultur der Entspannung
Der Tiergarten ist aber kein Museum, sondern das Wohnzimmer der Berliner. Hier wird gelebt, und das im Sommer durchaus freizügig. Auf den großen Liegewiesen, besonders in der Nähe der Kongresshalle (die "Schwangere Auster" genannt wird), sieht man oft Nacktbadende. FKK hat in Berlin Tradition und im Tiergarten stört sich kaum jemand daran, wenn die Hüllen fallen. Manchmal liegt der biedere Beamte in der Mittagspause direkt neben dem nackten Studenten. Das ist Berlin. Leben und leben lassen. An Wochenenden wehen Rauchschwaden über die Wiesen, obwohl das Grillen mittlerweile in den meisten Bereichen streng reglementiert oder verboten ist. Viele halten sich daran, manche nicht. Der Geruch von Holzkohle und gebratenem Fleisch gehört für viele einfach zum Sommerabend im Park dazu.
Ein absoluter Klassiker für eine Pause ist das Café am Neuen See. Zugegeben, es ist kein Geheimtipp mehr. An schönen Tagen steht man für ein Bier oder eine Pizza schon mal zwanzig Minuten an. Und billig ist es auch nicht. Aber wenn man dann mit einem kühlen Weizenbier am Wasser sitzt, unter den alten Kastanien, und den Ruderbooten zuschaut, ist der Ärger über den Preis schnell verflogen. Wer es romantischer mag, mietet sich selbst ein Boot. Das Quietschen der Riemen in den Dollen und das Plätschern des Wassers lassen einen vergessen, dass man sich in einer Millionenmetropole befindet. Im Winter kann man hier Eisstockschießen, was bei Glühwein und Kälte seinen ganz eigenen Charme hat.
Wildnis mitten in der Stadt
Abseits der Hauptwege wird der Tiergarten erstaunlich wild. Es gibt Ecken, die wirken wie ein urwüchsiger Wald. Hier wuseln Kaninchen durchs Unterholz, und in der Dämmerung kann man durchaus einem Fuchs begegnen. Die Füchse hier sind frech, sie wissen genau, dass von den Menschen keine Gefahr droht, eher ein Stück Wurst vom Picknick. Ornithologen kommen in den frühen Morgenstunden voll auf ihre Kosten, denn die Vielfalt der Singvögel ist beachtlich. Es lohnt sich, einfach mal stehen zu bleiben und zu lauschen. Manchmal hört man einen Buntspecht hämmern, der den Lärm der S-Bahn übertönt.
Ein besonderes Kleinod ist der Gaslaternen-Freilichtmuseum am Rande des Tiergartens nahe dem S-Bahnhof Tiergarten. Hier stehen rund 90 historische Gaslaternen aus verschiedenen deutschen und europäischen Städten. Wenn sie in der Dämmerung zu leuchten beginnen, tauchen sie den Weg in ein warmes, gelbliches Licht, das eine fast magische Atmosphäre schafft. Es ist ein Spaziergang durch die Geschichte der Straßenbeleuchtung, der besonders im Herbst, wenn das Laub fällt und der Nebel aufzieht, sehr stimmungsvoll ist.
Praktische Überlegungen
Der Tiergarten ist riesig, und man unterschätzt leicht die Entfernungen. Wer "nur mal kurz" von der Siegessäule zum Brandenburger Tor laufen will, ist gut 20 bis 30 Minuten stramm unterwegs. Der Bus 100 ist hier der beste Freund des müden Wanderers. Er klappert alle wichtigen Stationen ab und bietet quasi eine Stadtrundfahrt zum Preis eines normalen Tickets. Nachts sollte man in den abgelegeneren Teilen des Parks etwas vorsichtig sein. Zwar ist es nicht per se gefährlich, aber die Beleuchtung fehlt abseits der Hauptwege fast völlig. Da stolpert man eher über eine Wurzel als über einen Räuber, aber ein mulmiges Gefühl kann aufkommen. Tagsüber jedoch ist der Park einer der sichersten und entspanntesten Orte der Stadt.