Berlin

West-Berlin ungeschminkt: Zwischen KaDeWe-Austern und Kudamm-Asphalt

Der alte Westen Berlins trägt wieder Pelz und trinkt Champagner, doch die Risse im Asphalt bleiben sichtbar. Wer hier flaniert, findet eine eigenwillige Mischung aus protzigem Luxus, historischer Tiefe und der typischen Berliner Härte. Hier schlägt das kommerzielle Herz der Stadt einen ganz eigenen Takt.

Berlin  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Es beginnt meistens am Wittenbergplatz. Wenn du aus der U-Bahn steigst, schlägt dir sofort dieser unverwechselbare Geruch der City West entgegen. Eine Mischung aus teurem Parfum, Autoabgasen und dem Duft von gebrannten Mandeln, der hier irgendwie das ganze Jahr über in der Luft zu hängen scheint. Direkt vor dir thront das Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe. Ein massiver Klotz, der seit 1907 dort steht und schon so ziemlich alles überlebt hat. Kriege, Brände, Enteignungen und zuletzt turbulente Insolvenzverfahren der Eigner. Das Haus selbst wirkt davon seltsam unberührt. Es ist eine Institution, die wie ein Fels in der Brandung des wankelmütigen Einzelhandels steht.

Du schiebst dich durch die schwere Drehtür und der Lärm der Straße ist weg. Schlagartig. Stattdessen hörst du gedämpftes Stimmengewirr und das dezente Klackern von Absätzen auf poliertem Stein. Im Erdgeschoss regieren die Luxusmarken. Gucci, Chanel, Dior. Die Verkäufer tragen Uniformen, die vermutlich teurer sind als die Garderobe eines Durchschnittsbürgers. Interessant ist hierbei nicht unbedingt die Ware, sondern das Publikum. Touristen in Trekking-Sandalen stehen neben Damen, deren Frisuren so festbetoniert wirken wie die Architektur draußen. Man guckt. Man taxiert. Das ist Berliner „Schickimicki“ in seiner reinsten Form, auch wenn der echte Berliner hier unten eher selten kauft.

Kurz & Kompakt
  • Anreise: Am besten nutzt du die U-Bahn-Linien U1, U2 oder U3 bis Wittenbergplatz oder die S-Bahn bis Zoologischer Garten. Parken ist teuer und nervenaufreibend.
  • Beste Zeit: Vormittags unter der Woche ist es am entspanntesten. Samstagnachmittags ist der Kudamm ein einziges Geschiebe.
  • Toiletten-Tipp: Die öffentlichen WCs sind rar. Das KaDeWe oder das Bikini Berlin bieten saubere, wenn auch oft kostenpflichtige Optionen.
  • Budget: Schauen kostet nichts, aber für Kaffee und Kuchen in den Seitenstraßen solltest du Berliner Preise plus "West-Aufschlag" einplanen.

Der Bauch von Berlin

Das eigentliche Ziel liegt sowieso oben. Die sechste Etage. Die Feinschmeckerabteilung ist legendär und das völlig zu Recht. Hier oben gelten andere Gesetze. Es ist eng, es ist laut, und es ist herrlich dekadent. An den Tresen sitzen Menschen, die morgens um elf Uhr bereits die erste Flasche Champagner köpfen, als wäre es Mineralwasser. Du findest hier alles. 1300 Käsesorten, exotische Früchte, deren Namen kaum jemand aussprechen kann, und natürlich die berühmte Austernbar. Wenn du dich traust, bestellst du ein Dutzend Fines de Claire und beobachtest das Treiben. Es hat etwas von einem Ameisenhaufen, nur dass die Ameisen hier Kreditkarten aus Platin tragen.

Lohnenswert ist der Blick durch das riesige Bogenfenster im Restaurantbereich ganz oben im Wintergarten. Unten wuselt der Verkehr über den Tauentzien, und du hast kurz das Gefühl, über den Dingen zu stehen. Aber Vorsicht beim Bezahlen, die Preise hier holen einen schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Es ist kein Ort für Schnäppchenjäger, sondern für Lebenskünstler mit dem nötigen Kleingeld oder solche, die es gerne wären.

Die Meile der Kontraste

Wieder draußen auf dem Tauentzien, folgst du dem Strom der Menschen Richtung Westen. Die Tauentzienstraße ist der funktionale Bruder des Kudamms. Hier reihen sich die großen Ketten aneinander. H&M, Uniqlo, Adidas. Es ist voll. An Samstagen schiebt sich eine undurchdringliche Masse den Bürgersteig entlang. Man muss das mögen oder zumindest tolerieren können. Auf dem Mittelstreifen steht die Skulptur „Berlin“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Ein verschlungenes Rohrgebilde aus Chromnickelstahl. Die Berliner nennen es Spaghetti, Nudel oder einfach „das Ding da“. Es sollte einst die geteilte Stadt symbolisieren, die zwar getrennt, aber doch verbunden ist. Heute kleben oft Sticker drauf oder Touristen lehnen sich für ein Selfie an das kalte Metall.

Nach ein paar hundert Metern öffnet sich der Raum. Der Breitscheidplatz. Hier prallen die Zeiten härter aufeinander als irgendwo sonst in der Stadt. In der Mitte steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Oder das, was von ihr übrig ist. Die Ruine des alten Turms ragt mahnend in den Himmel, schwarz und zerfressen. Daneben stehen die Neubauten von Egon Eiermann aus den Sechzigern. Die Berliner Schnauze war bei der Namensgebung gnadenlos kreativ: „Lippenstift und Puderdose“ werden der achteckige neue Turm und das flache Kirchenschiff genannt. Geh unbedingt in den neuen Teil hinein. Das blaue Licht, das durch die tausenden Glasbausteine fällt, erzeugt eine fast mystische Stille, die den Trubel draußen vergessen lässt.

Der Platz selbst trägt jedoch Narben. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt hat Spuren hinterlassen, nicht nur in Form des goldenen Risses im Boden, der an die Opfer erinnert. Die Präsenz von Polizei und Betonpollern gehört mittlerweile zum Stadtbild. Doch das Leben geht weiter, pragmatisch und unaufgeregt, wie Berlin eben ist.

Bikini und Affenfelsen

Direkt gegenüber der Kirche blickst du auf das Bikini Berlin. Früher ein etwas schmuddeliges Gebäude aus den Fünfzigern, heute eine sogenannte „Concept Mall“. Der Name kommt vom ursprünglichen Leergeschoss in der Mitte, das wie ein bauchfreies Hemd wirkte. Innen findest du keine großen Ketten, sondern Pop-up-Stores und Designerkram. Das wirkliche Highlight ist aber die Rückseite. Durch eine riesige Panoramascheibe kannst du direkt in das Affengehege des Zoologischen Gartens schauen. Es hat etwas Absurdes, beim Kaffeetrinken Paviane beim Lausen zu beobachten, während draußen die Doppeldeckerbusse vorbeirauschen. Oben auf dem Dach gibt es eine Terrasse, die wie eine grüne Oase wirkt. Von hier aus sieht die Stadt fast friedlich aus.

Der Kurfürstendamm: Schaulaufen auf Asphalt

Hinter der Gedächtniskirche beginnt er dann wirklich, der Kurfürstendamm. 3,5 Kilometer Prachtstraße. Otto von Bismarck ließ ihn einst nach dem Vorbild der Pariser Champs-Élysées ausbauen, eigentlich damit die Reitersoldaten bequem in den Grunewald traben konnten. Heute traben hier höchstens PS-starke Sportwagen, die an der Ampel unnötig Gas geben. Der östliche Teil ist noch recht touristisch, dominiert vom Europa-Center mit seinem drehenden Mercedes-Stern auf dem Dach. Ein Relikt der alten Bundesrepublik, das einen gewissen Retro-Charme versprüht. Drinnen gibt es die „Uhr der fließenden Zeit“, ein wuchtiges Konstrukt aus Glasblasen und grünem Wasser, das man mal gesehen haben muss, auch wenn man nicht genau versteht, wie spät es ist.

Je weiter du nach Westen gehst, desto ruhiger und teurer wird es. Die Leuchtreklamen weichen schweren Steinfassaden. Hier residieren die großen Namen der Modewelt. Die Schaufenster sind minimalistisch dekoriert, oft liegt nur eine einzelne Handtasche auf einem Samtkissen, beleuchtet wie ein sakrales Objekt. Wer hier klingelt, um eingelassen zu werden, hat meist eine konkrete Kaufabsicht. Die Häuser hier sind prächtige Altbauten mit hohen Decken und stuckverzierten Fassaden. Sie erzählen von einer Zeit, als Berlin eine Weltstadt im Aufbruch war, bevor die Bomben fielen.

Abseits des Boulevards: Die feine Art

Der wahre Kenner biegt jetzt ab. Die Seitenstraßen des Kudamms sind das eigentliche Juwel. Die Fasanenstraße zum Beispiel. Hier wird es fast dörflich, aber auf eine sehr elitäre Weise. Alte Villen stehen hier, die den Krieg überdauert haben. Das Literaturhaus Berlin ist so ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Im Garten sitzt man unter alten Bäumen, trinkt Kaffee und liest, oder tut zumindest so. Nebenan im Käthe-Kollwitz-Museum wird es ernst und düster, passend zur Kunst der großen Grafikerin, aber es lohnt sich für die kulturelle Erdung.

Etwas weiter westlich liegt die Knesebeckstraße. Sie ist bodenständiger, intellektueller. Hier findest du eine der schönsten Buchhandlungen der Stadt, den Bücherbogen am Savignyplatz. Der Laden befindet sich in den Ziegelsteinbögen unter der S-Bahn-Trasse. Wenn ein Zug darüber hinwegdonnert, vibrieren die Regale leicht. Das gehört dazu. Es riecht nach Papier und Staub. Dies ist kein Ort für E-Books, sondern für schweres, gedrucktes Wissen.

Savignyplatz: Das Ende der Show

Dein Spaziergang sollte am Savignyplatz enden. Das ist nicht mehr der Kudamm, das ist Charlottenburg pur. Hier trafen sich früher die Künstler, die Bohemiens, die Intellektuellen West-Berlins. Im „Zwiebelfisch“, einer Kneipe, die so verraucht und dunkel wirkt, als hätte man seit 1970 nicht mehr gelüftet, wurden schon unzählige Revolutionen am Tresen geplant und wieder vergessen. Das Publikum ist gemischt. Alteingesessene Charlottenburger Witwen sitzen neben jungen Hipstern, die den Retro-Vibe suchen. Es gibt Buletten und Bier, und niemand schert sich darum, ob deine Handtasche von Gucci ist oder vom Flohmarkt.

Die City West ist ein Dschungel, ja. Aber einer mit gepflegten Wegen und wilden Ecken. Sie ist laut, manchmal anstrengend, oft oberflächlich, aber dann plötzlich tiefsinnig und wunderschön. Wenn abends die Lichter angehen und sich der Regen auf dem Asphalt spiegelt, hat dieser Teil Berlins eine Melancholie, die man in Mitte oder Kreuzberg vergeblich sucht. Es ist der Glanz von gestern, poliert für heute, mit der Hoffnung auf morgen.

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