Wer an Berlin und Wasser denkt, hat meist die breite Spree im Kopf, auf der sich die großen Ausflugsschiffe an der Museumsinsel vorbeischieben. Dabei ist der Landwehrkanal eigentlich der heimliche Star unter den Berliner Gewässern. Er zieht sich wie ein grünes Band durch die Stadt, über zehn Kilometer lang, und verbindet den Osthafen im Osten mit dem Spreekreuz im Westen. Was technisch gesehen eine künstliche Wasserstraße zur Entlastung der Spree ist, fühlt sich heute an wie ein langgezogener Park. Peter Joseph Lenné, der berühmte Landschaftsarchitekt, hatte hier im 19. Jahrhundert seine Finger im Spiel. Ihm verdanken wir, dass die Uferböschungen nicht einfach nur zweckmäßige Befestigungen sind, sondern fast überall von mächtigen Bäumen gesäumt werden. Man läuft hier nicht an einer Betonwand entlang, sondern flaniert unter einem Dach aus Blättern.
Interessant ist die Zweiteilung des Kanals, die man sofort spürt, wenn man die Strecke abläuft oder abfährt. Im Osten, in Kreuzberg und Neukölln, ist der Kanal das verlängerte Wohnzimmer des Kiezes. Hier ist es laut, bunt und manchmal auch ein bisschen dreckig. Im Westen, Richtung Tiergarten und Charlottenburg, wird es fast schon herrschaftlich still. Das Wasser scheint dort ruhiger zu fließen, die Villen rücken näher ans Ufer, und statt Techno-Bässen hört man eher das Zirpen der Grillen.
Kurz & Kompakt - Beste Zeit: Unter der Woche am Vormittag für Ruhe suchende Spaziergänger; Dienstag- und Freitagnachmittag für Marktliebhaber am Maybachufer; laue Sommerabende für das volle "Kiez-Feeling" an der Admiralbrücke.
- Verpflegung: Picknickdecke einpacken ist Pflicht. Alternativ gibt es zahllose Kioske ("Spätis") und Imbisse in Ufernähe. Das Restaurant "Ankerklause" an der Kottbusser Brücke bietet einen fantastischen Blick direkt aufs Wasser (und legendäre Jukebox-Musik).
- Achtung auf dem Wasser: Wer ein Boot mietet, sollte den "Einbahnstraßen"-Verkehr auf gewissen Abschnitten des Kanals beachten. Die Wasserschutzpolizei kontrolliert hier regelmäßig, auch den Alkoholkonsum der Freizeitkapitäne.
Das Herz von Kreuzberg: Paul-Lincke-Ufer und Maybachufer
Beginnen wir dort, wo das Leben tobt. Zwischen Kottbusser Damm und der markanten Hochbahn der U1 liegt wohl der bekannteste Abschnitt. Das Paul-Lincke-Ufer auf der nördlichen Seite fängt am Nachmittag die volle Sonne ein. Dementsprechend voll wird es hier beim ersten Frühlingsstrahl. Die Wiesenstreifen sind schmal, aber das hält niemanden davon ab, Decken auszubreiten, Einweggrills anzuzünden oder einfach mit einem Bier vom nächsten Späti im Gras zu sitzen. Die Boule-Spieler, meist ältere Herren mit einer beneidenswerten Ruhe, lassen sich vom Trubel um sie herum nicht stören. Die Stahlkugeln klacken leise, während nur zwei Meter weiter Hipster auf Rennrädern vorbeiflitzen.
Auf der gegenüberliegenden Seite, am Maybachufer, dominiert an zwei Tagen in der Woche der Handel. Dienstags und freitags baut hier der sogenannte Türkenmarkt seine Stände auf. Wobei der Name längst nicht mehr alles abdeckt. Neben Fladenbrot, Schafskäse und Bergen von Koriander gibt es mittlerweile auch Bio-Dinkelbrot und handgemachte Seifen. Es riecht intensiv nach Dill, gebratenem Fisch und manchmal nach dem abgestandenen Wasser des Kanals, wenn der Wind ungünstig steht. Das gehört dazu. Wer hier einkauft, muss handeln können oder zumindest so tun als ob. Am Ende des Marktes, kurz vor der Hobrechtbrücke, wird es dann wieder ruhiger. Hier sitzen oft Musiker direkt an der Kaimauer, die Beine baumeln über dem Wasser.
Legendäre Brücken und das urbane Wohnzimmer
Brücken sind in Berlin nicht nur Verkehrswege, sie sind Treffpunkte. Die Admiralbrücke ist das beste Beispiel dafür. Autos haben hier kaum noch eine Chance, sich durch die Menschenmengen zu schieben, die sich besonders in den Abendstunden auf dem Kopfsteinpflaster niederlassen. Man sitzt auf der Straße, isst Pizza aus dem Karton und guckt dem Sonnenuntergang zu, der den Kanal in ein kitschiges Orange taucht. Die Stimmung ist meist friedlich, auch wenn die Anwohner wegen des Lärmpegels oft die Polizei rufen. Es ist ein Balanceakt zwischen urbaner Freiheit und Nachtruhe. Manchmal wird die Brücke geräumt, manchmal drückt die Ordnungsmacht ein Auge zu.
Ein Stück weiter westlich öffnet sich der Kanal zum Urbanhafen. Früher wurden hier Kähne entladen, heute ist es eine Art Betonbucht mit Liegewiesen. Vor dem imposanten Klinikum Am Urban liegen fast immer Schwäne im Wasser. Diese Vögel haben in Berlin ein fast schon arrogantes Selbstbewusstsein entwickelt; sie wissen genau, dass sie die eigentlichen Chefs im Revier sind. Vom Urbanhafen aus sieht man die Hochbahn der U1 und U3 als gelben Wurm durch die Baumkronen fahren. Das Quietschen der Räder in den Kurven mischt sich mit dem Lachen von den Ausflugsbooten. Ein sehr spezifischer Berliner Soundteppich, den man so nur hier findet.
Geschichtliche Schatten und architektonische Perlen
Der Landwehrkanal ist aber nicht nur Party und Picknick. Er trägt Geschichte, oft auch eine dunkle. Nahe dem Zoologischen Garten, an der Lichtensteinbrücke, erinnert ein Denkmal an Rosa Luxemburg. Ihre Leiche wurde 1919 unweit dieser Stelle in den Kanal geworfen. Wenn man dort steht, fröstelt es einen kurz, selbst im Hochsommer. Das Wasser wirkt an dieser Stelle oft dunkler, fast schwarz. Es ist wichtig, diesen Aspekt nicht auszublenden, während man die Schönheit der Umgebung genießt.
Architektonisch spannend wird es an den Bahnhöfen. Das Hallesche Tor ist eine wilde Konstruktion, wo die U-Bahn den Kanal überquert, während Autos darunter durchrauschen. Noch schöner ist der Bahnhof Möckernbrücke. Wenn man auf dem Bahnsteig der U1 steht, blickt man direkt auf das Wasser und das Technikmuseum mit dem Rosinenbomber auf dem Dach. Ein Motiv, das auf keiner Postkarte fehlen darf, aber in echt viel eindrücklicher wirkt, weil man den Wind spürt, der den Kanal entlangfegt.
Tiergarten: Wo der Kanal zur Wildnis wird
Sobald der Kanal das Gleisdreieck hinter sich lässt und in den Tiergarten eintaucht, ändert sich alles. Die Ufer sind hier nicht mehr gemauert, sondern fallen oft schräg und grün ins Wasser ab. Rhododendren wachsen wild, alte Eichen hängen ihre Äste tief hinab. Man kann hier tatsächlich vergessen, dass man in einer Millionenstadt ist. Am Corneliusufer sitzen oft Angler, die stundenlang auf das trübe Wasser starren. Ob sie jemals etwas Essbares herausziehen, ist fraglich, aber darum geht es wohl auch nicht.
Hier im Westen passiert man auch die berühmte Unterschleuse. Es ist ein Schauspiel, wenn die Ausflugsdampfer sich in die schmale Kammer quetschen und dann langsam angehoben oder abgesenkt werden. Wer mit einem eigenen kleinen Boot unterwegs ist – sei es ein gemietetes Kanu oder ein wackeliges Gummiboot – muss hier aufpassen. Die Berufsschifffahrt hat Vorfahrt, und die Kapitäne der großen Pötte verstehen wenig Spaß, wenn ihnen ein Schlauchboot vor den Bug paddelt. Die Schleusenwärter sind echte Berliner Originale; ihre Ansagen über Lautsprecher sind oft trocken, direkt und nicht immer jugendfrei.
Das Wasser selbst erleben
Den Kanal nur vom Ufer aus zu betrachten, ist eigentlich nur die halbe Miete. Die Perspektive vom Wasser aus ist eine völlig andere. Man schaut in die Hinterhöfe der prachtvollen Altbauten, sieht Graffitis unter den Brücken, die Fußgänger niemals zu Gesicht bekommen, und winkt den Leuten zu, die oben auf den Geländern lehnen. Es gibt mittlerweile etliche Anbieter für solarbetriebene Boote oder Kajaks. Das ist auch gut so, denn der Lärm von Dieselmotoren passt nicht mehr in die Zeit und stört die Wasservögel. Wer es ganz gemütlich mag, nimmt eines der Restaurantschiffe, wie die "Van Loon" im Urbanhafen. Dort sitzt man, der Boden schwankt kaum merklich, und isst Fisch, während draußen die Enten vorbeiziehen. Das Essen ist solide, aber man zahlt natürlich für die Lage mit.
Besonders schön ist eine Fahrt in der Dämmerung. Die Laternen spiegeln sich im Wasser, die Brücken werden zu Scherenschnitten gegen den Abendhimmel. Manchmal sieht man dann sogar einen Fuchs, der am Ufer im Tiergarten nach Resten sucht. Berlin ist eben auch ein Dorf, nur mit mehr Beton.