Berlin

Bikini Berlin: Concept Shopping und Rooftop-Drinks mit Blick auf den Affenfelsen

Vergiss sterile Einkaufszentren und endlose Rolltreppen ins Nichts. Hier triffst du auf lokales Design, rauen Beton und echte Paviane direkt hinter der Fensterscheibe. Die City West zeigt mit diesem architektonischen Wiederbelebungsversuch klare Kante gegen den Einheitsbrei.

Berlin  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wenn du vor dem langgestreckten Riegel an der Budapester Straße stehst, fällt dir vielleicht zuerst die schiere Länge auf. Rund 200 Meter zieht sich das Gebäude hin. Es wirkt weniger wie ein Kaufhaus und mehr wie ein gestrandetes Kreuzfahrtschiff aus einer Zeit, als Beton noch als schick galt und nicht als Bausünde. Die Geschichte dieses Hauses ist dabei fast spannender als das, was man heute darin kaufen kann. In den 1950er Jahren, als Berlin in Trümmern lag und der Westen der Stadt sich neu erfinden musste, entwarfen die Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger das "Zentrum am Zoo". Es war ein Symbol für den Wiederaufbau, ein Zeichen für Modernität und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch warum eigentlich Bikini? Der Name kommt nicht von Bademodenverkäufen. Ursprünglich besaß das Gebäude ein offenes Luftgeschoss in der zweiten Etage, das den oberen Baukörper vom unteren trennte. Die Berliner Schnauze, immer schnell mit Spitznamen zur Hand, assoziierte diese bauliche Taille mit der damals skandalösen zweiteiligen Bademode. Heute ist dieses Luftgeschoss verglast, aber der Name blieb haften. Er hat die Jahrzehnte überdauert, genau wie der Stahlbeton.

Lange Zeit dämmerte der Komplex vor sich hin. In den 2000ern war der Glanz des Kurfürstendamms etwas verblasst, und das Bikini-Haus war eher ein Schandfleck als ein Highlight. Die Revitalisierung, die 2014 abgeschlossen wurde, war ein Wagnis. Man wollte keine weitere "Mall of Berlin" oder "Arcaden" mit den immer gleichen fünf Modeketten. Das Konzept lautete: Concept Mall. Das klingt erst mal nach Marketing-Sprech, bedeutet in der Realität aber eine spürbar andere Atmosphäre. Wer hier reingeht, riecht keinen Frittierfett-Dunst und hört keine aggressive Popmusikbeschallung. Es dominiert eine kühle, fast schon industrielle Ästhetik. Die Decken sind offen, Rohre und Leitungen sichtbar, der Boden ist unaufgeregter Estrich. Das grüne Stahltragwerk zieht sich wie ein roter Faden durch die Halle, auch wenn das paradox klingen mag.

Kurz & Kompakt
  • Aussicht: Die riesige Panorama-Scheibe im Erdgeschoss und die frei zugängliche Dachterrasse (2. OG) bieten kostenlosen Blick in den Berliner Zoo.
  • Shopping-Konzept: Statt großer Ketten gibt es hier "Bikini Boxes" mit wechselnden Pop-up-Stores, Design-Labels und Concept-Stores.
  • Gastro-Hotspots: Das "Kantini" bietet Streetfood-Vielfalt; für Drinks mit Aussicht geht es in die Monkey Bar im 10. Stock (Wartezeit einplanen!).
  • Architektur: Ein denkmalgeschütztes Icon der 1950er Jahre ("Zentrum am Zoo"), aufwendig revitalisiert und 2014 neu eröffnet.

Die Boxen sind das Herzstück

Das eigentliche Experiment findet im Erdgeschoss statt. Statt fester Ladenlokale mit Zehn-Jahres-Mietverträgen stehen hier modulare Holzboxen. Diese "Bikini Boxes" sind flexibel mietbar, oft nur für wenige Monate. Das sorgt für eine Fluktuation, die man sonst selten hat. Heute verkauft dort jemand handgemachte Seifen aus Brandenburg, nächste Woche ist es vielleicht ein Start-up für vegane Sneakers oder ein dänisches Design-Label, das den deutschen Markt testen will. Für dich als Besucher hat das den Vorteil, dass du beim zweiten Besuch nicht zwingend das Gleiche siehst wie beim ersten. Es hat etwas von einem überdachten, sehr aufgeräumten Flohmarkt für Menschen mit gut gefülltem Geldbeutel. Man findet hier Dinge, die man eigentlich nicht braucht, aber sofort haben will. Ein minimalistisches Notizbuch für 25 Euro? Klar. Eine Lampe aus recyceltem Treibholz? Warum nicht.

Spannend ist dabei, dass die großen Ankermieter an den Rändern des Gebäudes eher im Hintergrund bleiben oder sich dem Konzept anpassen mussten. Es gibt zwar Technik-Stores und Schuhgeschäfte, aber sie wirken kuratierter. Man merkt, dass das Management hier wählerisch ist. Wer billige T-Shirts im Dreierpack sucht, ist hier falsch und sollte lieber zwei Straßen weiter auf die Tauentzienstraße gehen. Das Bikini Berlin zielt auf ein Publikum, das Konsum als kulturellen Akt versteht. Oder zumindest so tut.

Der Blick auf den Affenfelsen

Das absolute Alleinstellungsmerkmal, für das du keinen Cent bezahlen musst, ist die Rückseite des Gebäudes. Eine riesige Panorama-Fensterfront im Erdgeschoss gibt den Blick direkt in den Zoologischen Garten frei. Genauer gesagt auf den Affenfelsen der Mantelpaviane. Es ist ein skurriles Bild: Drinnen stehen Menschen mit teuren To-Go-Bechern und Laptops, draußen lausen sich die Affen oder jagen sich kreischend über die Felsen. Die Scheibe ist dick, Geräusche dringen kaum durch, was das Ganze wie einen Stummfilm wirken lässt. Besonders für Familien ist das ein Segen. Während die Eltern vielleicht kurz durchatmen wollen, kleben die Kinder an der Scheibe. Manchmal interagieren die Paviane sogar mit den Besuchern, oder sie ignorieren das Treiben hinter Glas mit einer beneidenswerten Arroganz.

Wenn das Wetter mitspielt, solltest du unbedingt auf die Dachterrasse steigen. Der Zugang ist frei. Von hier oben, auf der 7000 Quadratmeter großen Fläche, die als eine Art High-Line-Park von Berlin fungiert, hast du einen noch besseren Überblick. Du schaust direkt in die Gehege. Der Wind pfeift hier oben meist etwas stärker, und im Sommer knallt die Sonne gnadenlos auf den Beton, aber der Ausblick entschädigt. Man sieht den Tiergarten, die Siegessäule in der Ferne und das Gewusel unten im Zoo. Es riecht hier oben auch gelegentlich "nach Tier", was einen daran erinnert, dass man sich mitten in der Stadt neben wilden Tieren aufhält. Das Grün der Bäume schwappt fast bis auf die Terrasse über. Es ist einer der wenigen Orte in Berlin, wo Urbanität und Natur so hart aufeinanderprallen.

Essen zwischen Hummus und Currywurst

Hunger ist ein Thema, das im Bikini Berlin ernst genommen wird, aber auch hier wieder mit diesem gewissen Twist. Der Food-Court nennt sich "Kantini". Ein Wortspiel, sicher, aber das Angebot ist solide. Du findest hier mexikanische Tacos, israelische Mezze, hawaiianische Poke Bowls und natürlich die unvermeidliche Currywurst, allerdings in einer "edleren" Variante. Die Sitzgelegenheiten sind bunt zusammengewürfelt, es ist laut, geschäftig, aber kommunikativ. Besonders zur Mittagszeit wuseln hier die Angestellten aus den umliegenden Büros herum. Ein echter Geheimtipp ist das Kantini nicht mehr, die Preise sind für Berliner Verhältnisse im oberen Mittelfeld angesiedelt, aber die Qualität stimmt meistens.

Ein Stockwerk, oder besser gesagt viele Stockwerke darüber, residiert die Gastronomie des 25hours Hotels. Das Restaurant NENI im 10. Stock ist stadtbekannt. Man serviert dort ostmediterrane Küche im "Balagan"-Stil. Das bedeutet Chaos auf sympathische Art. Das Essen kommt in vielen kleinen Schüsseln auf den Tisch, jeder nimmt sich was. Reservieren ist hier nicht nur empfohlen, sondern Pflicht, wenn du nicht enttäuscht wieder abziehen willst. Die Einrichtung ist ein Dschungel aus Pflanzen, Kupfer und Samt. Es wirkt, als hätte ein Designstudent sein Budget maßlos überzogen, aber das Ergebnis ist gemütlich.

Die Sache mit der Monkey Bar

Gleich neben dem NENI liegt die Monkey Bar. Sie ist in jedem Reiseführer verzeichnet, was man an der Schlange vor dem Aufzug im Erdgeschoss merkt. Abends stehen die Leute hier oft bis auf die Straße. Ob sich das Warten lohnt? Ansichtssache. Die Drinks sind erstklassig gemixt, keine Frage. Die Preise sind gesalzen, das gehört dazu. Aber der Blick bei Sonnenuntergang über den Tiergarten und die Gedächtniskirche ist tatsächlich einer der besten der Stadt. Man sitzt auf der Terrasse, nippt an einem Gin Basil Smash und sieht zu, wie die Lichter der Stadt angehen. Wenn du es schlau anstellst, kommst du am späten Nachmittag, kurz bevor der große Ansturm der Abendgäste beginnt. Dann ergatterst du vielleicht sogar einen Sitzplatz direkt an der Scheibe.

Architektur als Spiegel der Zeit

Verlässt du das Gebäude wieder Richtung Breitscheidplatz, fällt der Kontrast zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ins Auge. Hier der zerbombte Turm als Mahnmal, dort die sanierte Nachkriegsmoderne des Bikini-Hauses, daneben der neu gebaute, luxuriöse "Upper West" Turm. Dieses Ensemble erzählt Berliner Geschichte auf wenigen Quadratmetern. Das Bikini Berlin hat es geschafft, sich in dieses schwierige Umfeld zu integrieren, ohne seine Seele zu verkaufen. Es ist kein Ort für den Wocheneinkauf. Es ist ein Ort zum Gucken, Staunen und vielleicht ein bisschen Geld ausgeben für Dinge, die das Leben schöner machen. Die Architekten von Hild und K haben bei der Sanierung darauf geachtet, die ruppige Eleganz der 50er Jahre nicht unter Gipskarton zu begraben. Die sichtbaren Betonstrukturen, die Farbe der Fassade, all das zollt dem Ursprungsbau Respekt.

Kritiker mögen anmerken, dass das Konzept manchmal etwas zu gewollt hip wirkt. Alles ist sehr "instagrammable". Aber ist das schlimm? In einer Stadt, die oft grau und mürrisch sein kann, ist das Bikini Berlin ein Farbtupfer. Und seien wir ehrlich: Wo sonst kannst du beim Kaufen einer Designer-Vase einem Pavian beim Mittagessen zusehen? Eben.

Die Umgebung nicht vergessen

Ein Besuch im Bikini lässt sich hervorragend mit einem Abstecher in den Zoo Palast verbinden. Das Kino direkt nebenan ist ebenfalls ein restauriertes Juwel der 50er Jahre und bietet heute Luxus-Kino mit Bedienung am Platz. Es rundet das Erlebnis "City West Revival" ab. Wer noch mehr Zeit hat, schlendert rüber zum C/O Berlin im Amerikahaus, nur wenige Gehminuten entfernt, für weltklasse Fotografie-Ausstellungen. Das Bikini ist also nicht nur ein Ziel für sich, sondern ein perfekter Startpunkt, um den Westen Berlins neu zu verstehen. Es ist der Beweis, dass der alte Westen nicht nur Rentnern mit Pelzmänteln gehört, sondern sich seinen Platz in der modernen Stadt zurückerobert hat.

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