Man muss sich das erst einmal vorstellen: Wo heute opulente Bühnenbilder und modernste Tontechnik tausende Menschen in ferne Welten entführen, herrschte früher eine ganz andere Atmosphäre. Die Wurzeln des heutigen SI-Centrums liegen im Stuttgart der Nachkriegszeit. Das Gelände im Stadtteil Möhringen war ursprünglich geprägt von funktionalen Bauten. In den 1960er Jahren stand hier das Hotel Stuttgart International, ein eher nüchterner Zweckbau, der zwar den Namen trug, aber noch weit entfernt war von dem Entertainment-Komplex, den man heute vorfindet. Damals war Möhringen eher ein beschaulicher Vorort, den man nicht unbedingt für das Nachtleben auf dem Schirm hatte. Erst in den 1990er Jahren verwandelte sich das Areal radikal. Der Investor Rolf Deyhle, ein Name, der in Stuttgart eng mit der Musical-Geschichte verknüpft ist, hatte die Vision eines integrierten Zentrums. Er wollte Unterhaltung, Gastronomie und Hotellerie so eng verzahnen, dass man das Gebäude theoretisch ein ganzes Wochenende lang nicht verlassen muss. Und tatsächlich ist das SI-Centrum heute genau das: eine Stadt in der Stadt.
Wer sich dem Gebäudekomplex nähert, bemerkt sofort die markante Architektur. Es ist kein filigranes Meisterwerk, sondern eher ein massiver Klotz, der durch Glaspassagen und Türme aufgelockert wird. Die Fassaden glänzen in der Sonne, und nachts leuchten die riesigen Plakate der aktuellen Produktionen weit über die Bundesstraße 27 hinweg. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus frischem Popcorn, dem schweren Duft von Parfüm der Abendgäste und der kühlen Luft der Tiefgaragen. Man merkt schnell, dass dieser Ort auf Effizienz und maximale Reizüberflutung ausgelegt ist. Es ist laut, es ist bunt, und es ist ein bisschen so, als hätte man ein Stück Las Vegas mitten in die schwäbische Provinz verpflanzt. Dass das Konzept aufgegangen ist, sieht man an den Kennzeichen in der Parkgarage. Von München bis Frankfurt karren die Leute heran, um hier einen Abend lang den großen Auftritt zu zelebrieren.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Die Stadtbahnlinie U3 hält direkt vor der Tür (Haltestelle Salzäcker), was deutlich entspannter ist als die Parkplatzsuche am Wochenende.
- Timing: Wer die Theater-Massen umgehen will, sollte die Gastronomie entweder deutlich vor 18 Uhr oder nach 20 Uhr nutzen, wenn die Vorstellungen bereits laufen.
- Dresscode: Während man im Musical fast alles tragen kann, ist für das Casino (Großes Spiel) ein Sakko Pflicht – zur Not gibt es dort einen Leihservice, falls man spontan zocken will.
- Übernachtung: Die integrierten Hotels bieten oft Packages an, die Musical-Tickets und Frühstück kombinieren, was meistens günstiger ist als Einzelbuchungen.
Der Herzschlag der Bühnen: Stage Apollo und Palladium Theater
Das eigentliche Pfund, mit dem das Zentrum wuchert, sind die beiden großen Theater. Das Stage Apollo Theater und das Stage Palladium Theater liegen sich direkt gegenüber, nur getrennt durch eine gläserne Passage, in der sich vor den Vorstellungen die Massen drängen. Es ist ein besonderes Schauspiel, die Menschen zu beobachten. Da gibt es die Paare in festlicher Abendgarderobe, die aussehen, als kämen sie gerade vom Wiener Opernball, und direkt daneben Familien in Jeans und Turnschuhen, die sich auf Disneys "Die Eiskönigin" oder "Tarzan" freuen. Dieser Kontrast macht den Charme aus. Im Apollo Theater, das oft für die etwas "schwereren" oder technisch aufwendigeren Stücke genutzt wird, spürt man die Professionalität bis in die letzte Sitzreihe. Die Akustik ist messerscharf. Wenn das Orchester im Graben loslegt, vibriert der Boden unter den Füßen. Das Palladium hingegen wirkt oft etwas intimer, obwohl es fast genauso viele Plätze bietet. Hier herrscht eine andere Energie, oft geprägt von rockigeren Klängen wie bei "Tanz der Vampire", einem Dauerbrenner, der hier gefühlt schon zum Inventar gehört.
Interessant ist ein Blick hinter die Kulissen, den man bei speziellen Führungen erhaschen kann. Da hängen hunderte Kostüme an Schienen, es riecht nach Haarspray und Schminke, und die Darsteller flitzen in den Pausen mit einer Präzision durch die Gänge, die an ein Schweizer Uhrwerk erinnert. Es ist Schwerstarbeit, was hier geleistet wird, auch wenn es von vorne immer so leicht aussieht. Manchmal schnappt man beim Warten im Foyer ein paar Sätze der Techniker auf, die über Lichtpulte oder hydraulische Hebebühnen fachsimpeln. Das erinnert einen daran, dass diese Scheinwelt auf knallharter Ingenieurskunst basiert. Wer sich eine Karte kauft, zahlt eben nicht nur für die Musik, sondern für die Illusion, dass die Schwerkraft für drei Stunden aufgehoben ist. Dass die Tickets kein Schnäppchen sind, weiß jeder in Stuttgart, aber für viele gehört der Musical-Besuch zum Pflichtprogramm, wenn Verwandtschaft aus der Ferne zu Besuch kommt. Man zeigt halt gern, was man hat.
Nichts geht mehr: Das Casino Stuttgart
Wenn nach den Vorstellungen die Lichter in den Theatern ausgehen, verlagert sich der Trubel ein paar Türen weiter. Die Spielbank Stuttgart, die im SI-Centrum untergebracht ist, gehört zu den modernsten Casinos in Deutschland. Hier ändert sich die Stimmung schlagartig. Das helle Licht der Passagen weicht einer gedämpften, fast schon andächtigen Beleuchtung. Das Klackern der Spielchips ist das dominierende Geräusch. Man hört es überall: an den Roulettetischen, beim Black Jack oder an den unzähligen Spielautomaten im Erdgeschoss. Es ist ein Ort der konzentrierten Stille, unterbrochen nur vom gelegentlichen Ausruf eines Gewinners oder dem frustrierten Seufzen eines Verlierers. Im klassischen Spiel herrscht immer noch eine gewisse Etikette. Wer hier am Tisch sitzen will, sollte das Sakko nicht vergessen, auch wenn die Regeln über die Jahre etwas lockerer geworden sind. Es hat etwas Nostalgisches, den Croupiers zuzusehen, wie sie mit traumwandlerischer Sicherheit die Jetons über das grüne Tuch schieben. Ihre Bewegungen sind so flüssig, dass es fast schon meditativ wirkt.
Spannend ist dabei, dass das Casino eine ganz eigene Klientel anzieht, die mit den Musical-Besuchern oft nur die Vorliebe für die Nachtstunden teilt. Hier sitzen die Profis neben den Gelegenheitsspielern, die einfach mal zehn Euro auf "Rot" setzen wollen, nur um das Gefühl mal gehabt zu haben. Es gibt eine Bar, die hervorragende Cocktails mixt, und wer einfach nur beobachten will, kann sich dort wunderbar in eine Ecke drücken. Die Luft ist hier subjektiv dicker, obwohl moderne Belüftungsanlagen ihr Bestes geben. Es riecht nach Geld, Risiko und vielleicht ein bisschen zu viel Ehrgeiz. Man sollte sich vorher ein festes Limit setzen, denn die blinkenden Lichter der Automaten haben eine fast schon hypnotische Wirkung. Wer das Glück nicht herausfordern will, nutzt das Casino einfach als atmosphärische Kulisse für einen Absacker. Es ist eben dieser Hauch von großer weiter Welt, der hier mitschwingt, auch wenn draußen nur die Stuttgarter Vorstadtruhe wartet.
Kulinarische Vielfalt und das Dorf-Feeling
Zwischen den Shows und dem Spiel muss man natürlich auch was beißen. Die Gastronomie im SI-Centrum ist darauf ausgerichtet, in kurzer Zeit hunderte Gäste gleichzeitig satt zu bekommen, ohne dass die Qualität leidet. Das ist ein logistischer Kraftakt. Es gibt die "Colonnaden", eine Art überdachte Marktplatz-Atmosphäre, die ein bisschen so tut, als wäre man in einem italienischen Dorf. Das wirkt zwar auf den ersten Blick etwas künstlich, erfüllt aber seinen Zweck. Man kann zwischen Pizza, Pasta, Steaks oder asiatischer Küche wählen. Es ist für jeden Geldbeutel was dabei, vom schnellen Snack auf die Hand bis zum gehobenen Drei-Gänge-Menü. Besonders beliebt ist die Brauhaus-Atmosphäre im "Brauhaus Calwer Eck", wo es deftiger zugeht. Hier fließt das Bier in Strömen, und die Portionen sind so bemessen, dass man danach eigentlich erst mal ein Nickerchen bräuchte, statt sich in einen Sessel im Theater zu zwängen. Die Bedienungen sind meistens flott unterwegs, schließlich wissen sie, dass die Gäste spätestens um 19:30 Uhr auf ihren Plätzen sitzen müssen.
Ein kleiner Geheimtipp für Leute, die es etwas ruhiger mögen, sind die Hotelbars der beiden angeschlossenen Hotels, dem Dormero und dem SI-Suites. Dort ist es oft weniger trubelig als in der zentralen Passage. Man kann im Sessel versinken und das bunte Treiben aus der Distanz beobachten. Es hat schon was, dort zu sitzen und zu raten, wer von den Vorbeilaufenden wohl gerade gewonnen hat und wer nicht. Die Architektur sorgt dafür, dass man sich im SI-Centrum verlaufen kann, wenn man nicht aufpasst. Es gibt Treppen, die ins Nichts zu führen scheinen, und Aufzüge, die einen in völlig andere Welten ausspucken. Aber genau das macht das Entdecken aus. Manchmal landet man in einem ruhigen Innenhof, hört nur das ferne Rauschen des Verkehrs und vergisst für einen Moment, dass man sich in einer gigantischen Entertainment-Maschine befindet. Die Mischung aus Kitsch und Klasse ist hier überall spürbar, und man muss sich einfach darauf einlassen, um den Ort zu verstehen.
Entspannung im SchwabenQuellen: Wellness als Kontrastprogramm
Falls dir der ganze Trubel zu viel wird, gibt es im SI-Centrum eine Oase, die man dort gar nicht vermuten würde: die SchwabenQuellen. Das ist eine Wellness-Landschaft, die so ziemlich alles bietet, was man sich zum Entspannen vorstellen kann. Auf über 7.000 Quadratmetern kann man sich durch verschiedene Klimazonen schwitzen. Es gibt Saunen im tibetischen Stil, afrikanische Ruheräume und eine karibische Badelagune. Die Gestaltung ist extrem detailverliebt, fast schon ein bisschen drüber, aber im positiven Sinne. Man wandelt durch exotische Gärten und vergisst völlig, dass man eigentlich im eher nüchternen Stuttgart-Möhringen ist. Der Geruch von Eukalyptus und Zirbenholz verdrängt den Duft von Popcorn und Abgasen. Es ist der perfekte Ort, um einen Tag im SI-Centrum abzurunden oder zu beginnen. Wichtig zu wissen: In den SchwabenQuellen herrscht meistens Textilfreiheit, was für manche Besucher erst mal gewöhnungsbedürftig sein kann. Aber wer einmal im warmen Außenbecken unter dem Stuttgarter Sternenhimmel getrieben ist, während ein paar Meter weiter das Musical-Orchester das Finale spielt, der weiß diese Skurrilität zu schätzen.
Der Kontrast könnte nicht größer sein: Auf der einen Seite die glitzernde Show-Welt, in der jedes Detail auf Außenwirkung getrimmt ist, und auf der anderen Seite die totale Intimität und Ruhe der Saunalandschaft. Das zeigt die Vielseitigkeit dieses Komplexes. Man kann hier theoretisch morgens im Bademantel starten, nachmittags shoppen gehen, abends ein Musical besuchen und die Nacht im Casino oder an der Bar ausklingen lassen. Das SI-Centrum ist wie ein großer Baukasten für die Freizeitgestaltung. Es ist kein Ort für Leute, die die "echte" Stuttgarter Kessel-Atmosphäre mit ihren steilen Staffeln und kleinen Weinstuben suchen. Das hier ist künstlich, ja, aber es ist verdammt gut gemachte Künstlichkeit. Es ist ein Ort der Superlative, der zeigt, dass die Stuttgarter nicht nur tüfteln und Autos bauen können, sondern auch wissen, wie man eine ordentliche Sause organisiert. Wer einmal da war, kommt oft wieder, und sei es nur, um dieses bizarre Gefühl zu genießen, für ein paar Stunden in einer ganz anderen Welt abgetaucht zu sein.