Stuttgart

Von Maultaschen bis Mangos: Ein kulinarischer Streifzug durch die Stuttgarter Markthalle

Morgens um acht riecht es hier nach frisch geröstetem Kaffee und Bohnerwachs. Während draußen der Berufsverkehr über den Charlottenplatz rollt, herrscht drinnen eine ganz eigene, fast sakrale Ruhe.

Stuttgart  |  Essen, Trinken & Nachtleben
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Zwischenablage

Wer die Markthalle durch eines der schweren Portale betritt, merkt sofort, dass dieser Ort eine Geschichte erzählt. Erbaut wurde das Gebäude zwischen 1911 und 1914 nach Entwürfen des Architekten Martin Elsaesser. Man muss sich das mal vorstellen: Damals ersetzte dieser massive Stahlbetonbau eine ältere, deutlich simplere Glashalle. Heute gilt das Bauwerk als eines der bedeutendsten Zeugnisse des späten Jugendstils in Deutschland. Wenn man den Blick nach oben schweift, erkennt man die markante Glasdachkonstruktion, die das Tageslicht sanft auf das bunte Treiben unten filtert. Das Licht wirkt an manchen Tagen fast staubig, was den Charme nur noch verstärkt. Es ist kein klinisch reiner Konsumtempel, sondern ein Ort mit Patina. Überall an den Fassaden und im Inneren finden sich plastische Verzierungen, die oft erst auf den zweiten Blick auffallen. Da ist zum Beispiel der reiche Skulpturenschmuck, der von lokalen Künstlern geschaffen wurde und Themen wie Handel und Landwirtschaft aufgreift. Manchmal übersieht man diese Details, weil der Blick direkt an den Auslagen der Händler hängen bleibt. Aber es lohnt sich, kurz innezuhalten und die Architektur auf sich wirken zu lassen. Die Halle hat Kriege und Modernisierungswellen überstanden, was in einer Stadt wie Stuttgart, die im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört wurde, fast an ein Wunder grenzt. In den 1970er Jahren gab es tatsächlich Pläne, das Ding abzureißen und durch ein modernes Einkaufszentrum oder ein Parkhaus zu ersetzen. Zum Glück gab es genug starrköpfige Bürger, die das verhindert haben. Heute würde niemand mehr wagen, an diesen Mauern zu rütteln.

Das Herzstück ist natürlich die große Verkaufshalle im Erdgeschoss. Hier drängen sich auf rund 3.500 Quadratmetern über 30 Verkaufsstände aneinander. Es ist eng, es ist wuselig und es duftet nach einer Mischung aus Schwarzwälder Schinken, exotischen Gewürzen und frischen Blumen. Man hört das Klappern von Messern auf Holzbrettern, das Rascheln von Papiertüten und das Gemurmel der Kundschaft, das in der hohen Halle angenehm widerhallt. Viele Stuttgarter kommen hierher, um ihre Wocheneinkäufe zu erledigen, aber viele bleiben einfach für einen Espresso oder ein Glas Wein hängen. Es ist ein Sehen und Gesehenwerden, ohne dabei zu aufdringlich zu sein. Man trifft hier den Geschäftsmann im teuren Zwirn genauso wie die Oma aus dem Heusteigviertel, die schon seit fünfzig Jahren beim selben Metzger kauft. Diese Mischung macht den Reiz aus. Es ist eben kein reiner Touristenort, auch wenn natürlich viele Fremde herkommen. Die Markthalle gehört den Stuttgartern.

Kurz & Kompakt
  • Adresse & Anfahrt: Dorotheenstraße 4, 70173 Stuttgart. Am besten erreichbar über die U-Bahn-Station Charlottenplatz (Linien U5, U6, U7, U12, U15).
  • Architektur-Highlight: Die Halle wurde 1914 im späten Jugendstil von Martin Elsaesser erbaut und steht unter Denkmalschutz. Besonders sehenswert ist das Fresko im Inneren.
  • Gastronomie-Tipps: Im Erdgeschoss gibt es zahlreiche Imbisstheken für den schnellen Genuss; im ersten Stock bieten Restaurants wie die "Empore" einen Blick von oben auf das Markttreiben.
  • Einkaufen: Über 30 Stände bieten regionale Spezialitäten (Maultaschen, Spätzle) und internationale Delikatessen (Gewürze, Fisch, Exoten). Sonntags ist die Halle geschlossen.

Von Spätzle bis Safran

Die Auswahl an den Ständen ist schlichtweg überwältigend. Man könnte meinen, hier sei die ganze Welt auf ein paar Quadratmetern versammelt. Auf der einen Seite findet man das klassische schwäbische Sortiment: Maultaschen in allen Variationen, handgeschabte Spätzle und Fleischsalat, der so cremig ist, dass er fast als Hauptspeise durchgeht. Besonders die Metzgereien in der Halle haben einen legendären Ruf. Hier wird noch Wert auf Handwerk gelegt. Man sieht das Fleisch in den Auslagen liegen und weiß, dass das kein Massenprodukt ist. Ein paar Schritte weiter wandelt sich das Bild komplett. Plötzlich steht man vor Bergen von Oliven, duftendem Fladenbrot und riesigen Bottichen mit Hummus. Die orientalischen Stände sind ein fester Bestandteil der Halle und bringen eine Farbigkeit hinein, die besonders an grauen Novembertagen gut tut. Spannend ist dabei, dass diese Stände oft schon seit Generationen in Familienhand sind. Da kennt man sich beim Namen. Wenn man nach einem speziellen Gewürz sucht, das man in keinem normalen Laden findet, stehen die Chancen gut, dass man hier fündig wird. Safran aus dem Iran, Piment d'Espelette aus Frankreich oder handgeschöpfte Salze aus den entlegensten Winkeln der Erde. Die Händler wissen meistens genau, was sie verkaufen und geben gerne Tipps zur Zubereitung. Das ist dieser typische Marktplatz-Vibe: Man schwätzt ein bisschen, probiert hier ein Stück Käse und dort eine Traube und geht am Ende mit einer Tüte voll Sachen nach Hause, die man eigentlich gar nicht kaufen wollte. Aber genau das ist der Punkt. Man lässt sich treiben.

Was man unbedingt probieren sollte, sind die Fischtheken. In einer Stadt, die so weit vom Meer entfernt liegt, ist die Frische hier beeindruckend. Austern schlürfen am Stehtisch gehört für viele zum Pflichtprogramm am Samstagvormittag. Dazu ein Glas Sekt von einem der lokalen Weingüter, und die Welt sieht direkt viel freundlicher aus. Es hat etwas Dekadentes, aber auf eine sehr bodenständige, schwäbische Art. Man gönnt sich halt was. Auch die Obst- und Gemüseabteilung lässt keine Wünsche offen. Wer im Winter Lust auf Flugmangos oder Drachenfrüchte hat, wird hier nicht enttäuscht. Aber auch die regionalen Produkte haben ihren Platz. Im Frühjahr türmen sich die Spargelstangen, im Herbst gibt es Pilze aus den heimischen Wäldern. Es ist diese Saisonalität, die der Markthalle ihre Bodenhaftung verleiht. Man merkt, welches Monat gerade ist, allein wenn man durch die Gänge schlendert.

Ein Stockwerk voller Überraschungen

Viele Besucher machen den Fehler und bleiben nur im Erdgeschoss. Das ist schade, denn die obere Etage der Markthalle hat einen ganz eigenen Charakter. Über eine Treppe oder den historischen Aufzug gelangt man in den Bereich "Merz & Benzing". Hier oben geht es ruhiger zu. Es ist eine Welt für sich, eine Mischung aus Einrichtungsgeschäft, Floristik und Lifestyle-Laden. Wer auf der Suche nach geschmackvoller Deko, hochwertigem Geschirr oder einfach nur einer besonderen Grußkarte ist, sollte hier Zeit einplanen. Die Präsentation der Waren ist fast schon museal. Man läuft über knarzendes Parkett und staunt über die kunstvollen Blumenarrangements, die oft so groß sind, dass sie den Raum dominieren. Es riecht nach Duftkerzen und frischem Grün. Besonders zur Weihnachtszeit verwandelt sich das Obergeschoss in ein Winterwunderland, das zwar kitschig sein könnte, aber durch die Architektur der Halle immer stilvoll bleibt. Es ist der perfekte Ort, um dem Trubel unten für einen Moment zu entkommen. Von der Empore aus hat man zudem einen fantastischen Blick hinunter in die Verkaufshalle. Man kann das Gewusel von oben beobachten, ohne selbst mittendrin zu sein. Man sieht, wie die Leute an den Ständen feilschen, wie Waren über die Tresen wandern und wie sich die Wege der Menschen kreuzen. Aus dieser Perspektive wirkt die Markthalle wie ein Ameisenhaufen, der nach ganz eigenen Regeln funktioniert.

In der oberen Etage befindet sich auch die Gastronomie. Wer nicht im Stehen essen möchte, kann sich hier in Ruhe hinsetzen. Es gibt verschiedene Angebote, von klassisch italienisch bis hin zu moderner Küche. Besonders beliebt ist das Restaurant "Empore", das eben genau diesen Blick auf das Marktgeschehen bietet. Hier sitzt man bequem und kann bei einem Mittagessen die Atmosphäre genießen. Die Preise sind vielleicht einen Tick höher als in der Imbissbude um die Ecke, aber das Ambiente zahlt man eben mit. Es ist ein Treffpunkt für Geschäftsessen, aber auch für Touristen, die sich nach einem langen Stadtrundgang ausruhen wollen. Man sollte allerdings reservieren, wenn man zur Mittagszeit einen Tisch direkt an der Brüstung ergattern möchte. Die Plätze sind begehrt, und das aus gutem Grund.

Die Markthalle als Lebensgefühl

Was die Markthalle so besonders macht, ist nicht nur das Angebot, sondern die Beständigkeit. In einer Zeit, in der Innenstädte immer austauschbarer werden und überall die gleichen Ketten ihre Filialen eröffnen, ist dieser Bau ein Fels in der Brandung. Die Händler sind oft Unikate. Da gibt es den Käseverkäufer, der zu jedem Laib eine kleine Anekdote parat hat, oder den Blumenhändler, der genau weiß, welche Sträuße in der Nachbarschaft gerade gefragt sind. Es ist ein Ort der Begegnung. In Stuttgart sagt man oft, dass die Leute hier eher verschlossen sind, aber in der Markthalle taut der Schwabe auf. Hier wird "geschwätzt", gelacht und manchmal auch gepfiffen. Man merkt, dass die Menschen stolz auf ihre Markthalle sind. Sie ist ein Statussymbol, aber eines zum Anfassen. Wenn man hier einkauft, gehört man dazu. Es ist ein bisschen so, als würde man ein Stück Stuttgarter Identität erwerben. Das mag übertrieben klingen, aber wer einmal an einem regnerischen Dienstagvormittag hier war und die wohlige Wärme und die vertrauten Geräusche erlebt hat, weiß, was gemeint ist.

Ein kleiner Tipp am Rande: Wer es wirklich authentisch mag, sollte unter der Woche kommen, am besten vormittags. Samstags ist es oft so voll, dass man kaum treten kann. Dann schieben sich die Massen durch die Gänge, und die Schlangen an den beliebten Ständen werden lang. Unter der Woche hingegen hat man Zeit. Man kann stehen bleiben, ohne jemanden im Weg zu sein, und die Details der Architektur in Ruhe betrachten. Man sieht dann auch die Lieferanten, die mit ihren Sackkarren frische Kisten anliefern, und bekommt ein Gefühl für die Logistik, die hinter diesem Betrieb steckt. Alles muss präzise getaktet sein, damit der Laden läuft. Und er läuft seit über hundert Jahren erstaunlich gut.

Praktisches für den Besuch

Die Lage der Markthalle ist ideal. Sie liegt direkt im Zentrum, nur ein paar Gehminuten vom Schlossplatz entfernt. Wer mit der Bahn kommt, steigt an der Haltestelle Charlottenplatz aus und steht praktisch schon davor. Parken ist in der direkten Umgebung schwierig und teuer, wie überall in der Stuttgarter Innenstadt. Wer also mit dem Auto kommt, sollte eines der umliegenden Parkhäuser nutzen und den kurzen Fußweg in Kauf nehmen. Die Öffnungszeiten sind moderat, aber man sollte bedenken, dass die Halle am Sonntag komplett geschlossen bleibt. Wer also ein kulinarisches Souvenir mit nach Hause nehmen will, muss das vorher planen. Die meisten Stände akzeptieren mittlerweile Kartenzahlung, aber es schadet nicht, ein bisschen Bargeld dabei zu haben, vor allem bei den kleineren Einkäufen oder am Imbissstand. Es ist auch kein Problem, einfach nur durchzulaufen, ohne etwas zu kaufen, aber ehrlich gesagt: Wer schafft das schon? Spätestens beim Anblick der frisch gebackenen Brezeln oder der handgemachten Pralinen werden die meisten schwach. Und das ist auch völlig in Ordnung so.

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